Kraft aus Verwundbarkeit

Donnerstag, 19.09.2019

Ein Gespräch mit Brad Pitt zum Start von „Ad Astra - Zu den Sternen“

Diskussion

Mit 55 Jahren ist Brad Pitt mittlerweile mehr als Produzent denn als Hollywood-Star unterwegs, seine Auftritte in Filmen sucht er sich sorgfältig aus. In James Grays meditativem Weltraumepos „Ad Astra – Zu den Sternen“ (seit 19.9. im Kino, zur Kritik) spielt er den Astronauten Roy McBride, der zum Neptun aufbricht, um seinen verschwundenen Vater zu suchen. Ein Gespräch über die Herausforderungen ambivalenter Charaktere und den Frust über fehlende Risikobereitschaft.


Sind Sie glücklich mit dem fertigen Film?

Brad Pitt: Glücklich ist ein weiter Begriff. Dieser Film eröffnet eine neue Dimension, war allerdings der bisher schwierigste meiner Karriere, eine riesige Herausforderung. Es fiel mir sehr schwer, als Roy McBride keine Emotionen zeigen zu dürfen, die Schmerzen und Wunden der Kindheit scheinbar unberührt hinter einer Fassade zu verschanzen, die falschen Halt verspricht. Es gibt viele Möglichkeiten, vor seinen wahren Gefühlen zu fliehen, dazu gehört auch die Flucht in die Einsamkeit.

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Haben Sie Angst vor der Einsamkeit?

Pitt: Ich fürchte mich nicht davor. Uns ging es darum, Einsamkeit zu porträtieren. Einsamkeit bedeutet aber etwas anderes, als alleine zu sein. Dies glaubhaft zu vermitteln, war nicht einfach. Einsamkeit ist universell, wir alle durchleben sie an bestimmten Punkten unserer Existenz. Nur Größenwahnsinnige verdrängen sie. Roy McBride ist nicht nur allein, er ist auch bewusst ein Einzelgänger. Eine simple Gewissheit dürfen wir nie vergessen: Wir kommen allein auf diese Welt und verlassen sie auch wieder allein. Und Leben heißt manchmal auch Schmerz.



„Ad Astra“ ist in seiner Mischung aus Meditation, Psychodrama und Action ganz anders als die üblichen Science-Fiction-Filme. Dazu geht es noch um Selbstfindung im Weltraum.

Pitt: Dass Regisseur James Gray diese Geschichte im Weltraum spielen lässt, fand ich faszinierend, er kennt sich in der Filmgeschichte aus und hat eine sehr elegante Art des Erzählens, wenn er Kontemplation mit Action mischt. Wir lieben beide die Filme der 1970er-Jahre mit ihren komplexen Charakteren. Die waren nicht schlecht und waren nicht gut, sie waren human. Besser als jetzt, wo die Schwarz-weiß-Zeichnung dominiert. Wir sind befreundet und haben zu Beginn sehr viel diskutiert, aber ich ordne mich immer dem Regisseur unter und tue, was er verlangt. Es gefällt mir, dass James Gray etwas anderes bietet als Treffen mit Aliens oder intelligenten Lebewesen, sondern die Frage stellt: Was ist, wenn da nichts ist? Roy McBride ist kein strahlender Held oder Eroberer fremder Galaxien, sondern ein in sich zerrissener Mensch und auf sich selbst zurückgeworfen. Er ist mit einer großen Leere konfrontiert, geht auf eine innere Reise, ohne zu wissen, wohin die führt. Dabei geht es auch um eine Neudefinierung von Maskulinität.


Wie äußert sich die?

Pitt: Bisher musste der Mann ein Macher sein, stark und respektiert. Emotionen galten als Zeichen von Schwäche. Dieses Image halte ich für ziemlich lächerlich und überholt. Statt uns zu unseren Sehnsüchten und Gefühlen zu bekennen, zu unseren Träumen, zu unseren Beziehungen und zu unserer Liebe, haben wir Barrieren aufgebaut, lassen niemanden an uns heran. Der Film geht der Frage nach, was überhaupt Stärke, was Verletzbarkeit ist. Schöpfen wir unsere Kraft nicht aus unserer Verwundbarkeit? Wir müssen uns selbst besser kennen lernen und lernen, uns mit unseren Fehlern anzunehmen. Wir vertuschen unsere Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten, schotten einen Teil unserer Persönlichkeit ab, aber mit zunehmendem Alter verweigern wir uns diesen läppischen Spielchen um unser Superego und offenbaren unsere seelische Verletzbarkeit.


Wie gehen Sie so eine ambivalente Figur an?

Pitt: McBride ist „ein Mann mit einer Mission“ und gleichzeitig in einer Umbruchsituation. Er ist leistungsfähig und findet immer eine Lösung im Beruf. Aber sobald es ihn persönlich betrifft, verschließt er sich wie eine Auster. Ich versuche, diese Figur in ihren unterschiedlichen Facetten mit Leben zu füllen, mich auf die dunkle Seite zu fokussieren und die Probleme wahrhaftig zu vermitteln. Wenn ich nicht an die Figur glaube und sie vortäusche, wird auch der Zuschauer nichts mit ihr anfangen können. Ich grabe in meinen eigenen Gefühlen und mache sie dadurch real.



Wir denken oft, dass Menschen im All die alltäglichen Querelen hinter sich lassen. Aber auf dem Mond geht es rechtlos zu wie im Wilden Westen. Der Homo sapiens scheint sich nicht zu ändern. Sind Sie dennoch optimistisch für die Zukunft?

Pitt: Ich gehöre nicht zu denen, die alles idealisieren, aber ich glaube an den Sieg der Humanität. Trotz allen Streits und aller Kriege, es wird immer Menschen geben, die für das Gute kämpfen und am Ende siegen.


Was bedeutet Ihnen Ruhm?

Pitt: Aufmerksamkeit und Ruhm können ziemlich lästig sein und an die Substanz gehen. Ständig steht man unter Beobachtung, jeder glaubt, das Verhalten eines Promis beurteilen zu können. Es hat gedauert, bis ich mich nicht mehr um die Meinung anderer geschert habe. In Zukunft werde ich mich stärker der Produktion von Filmen widmen. Als Produzent stehe ich nicht so im Mittelpunkt.


Wie wählen Sie Ihre Rollen aus, wie die Projekte als Produzent?

Pitt: Ich muss von Anfang an überzeugt sein, dass die Story stimmt. Dabei folge ich meinem Bauchgefühl. Mein Instinkt sagt mir, was richtig und was falsch ist. Ich bin ein Qualitäts-Junkie. Wenn man mit Regisseuren wie David Fincher, Marc Forster, Quentin Tarantino oder Steven Soderbergh gearbeitet hat, kann man sich nicht mehr mit einem niedrigeren Niveau zufrieden geben, weiß man die Magie eines Films zu schätzen und die Arbeit der Verantwortlichen. Leider scheuen die Studios Risiken immer mehr, schrecken oft vor einer soliden und hohen Finanzierung zurück. Diese Lücke füllen die Streaming-Plattformen. Wichtig ist, trotz allem sich und seinen Ansprüchen treu zu bleiben.


Was heißt für Sie Qualität?

Pitt: Vielleicht hilft ein Vergleich weiter: Es gibt billiges Polyester und teure Seide, das eine wird achtlos verscherbelt, das andere achtsam vermarktet und gewürdigt.


Fotos: Twentieth Century Fox

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