Schnipsel #2: Zwischenzeitkino

Freitag, 11.10.2019

Die Digitalisierung treibt im aktuellen Kinobetrieb ganz unterschiedliche Blüten. Während Netflix die Muskel spielen lässt und seine Prestige-Produkte kurz vor dem Streamingstart auch ins Kino schiebt, konzentriert sich der kleine Croco-Film-Verleih auf Repertoire-Filme

Diskussion

Die Digitalisierung treibt im aktuellen Kinobetrieb an den Rändern ganz unterschiedliche Blüten hervor. Während Netflix die Muskeln spielen lässt und seine Prestige-Produkte wie Martin Scorseses „The Irishman“ kurz vor dem Streamingstart auch ins Kino schiebt, konzentriert sich der kleine Croco-Film-Verleih auf Repertoire-Filme wie „Momo“ und „Pumuckl“.


Seit dem 3. Oktober läuft der neue Film von Steven Soderbergh in den deutschen Kinos. Die Netflix-Produktion „The Laundromat“, die die Geschichte der Panama Papers erzählt, feierte ihre Premiere zwar schon auf dem Filmfestival in Venedig und bekam dort entsprechend Aufmerksamkeit. In den Startlisten und Besprechungen taucht „Die Geldwäscherei“ aber nicht mehr auf: „Zu behaupten, der deutsche Kinostart von ,Die Geldwäscherei‘ würde ein wenig unter dem Radar stattfinden, wäre alles andere als übertrieben“, heißt es beim Branchenmagazin „Blickpunkt: Film“. Dort hat man mittlerweile immerhin herausgefunden, wer für den Verleih zuständig ist, und auch, dass die „Filmwelt Verleihagentur“ in den kommenden Wochen vier weitere „Netflix“-Filme ins Kino bringt: „The King“ von David Michôd (am 17. Oktober), Martin Scorseses „The Irishman“ (am 14. November), „The Marriage Story“ von Noah Baumbach (am 21. November) und Fernando Meirelles’ „The Two Popes“ (am 5. Dezember). Alle Filme laufen damit zwei Wochen eher an, als sie im Angebot des Streamingdienstes zu sehen sein werden.


Die neue Unübersichtlichkeit

Dass der Kinostart von Filmen, die früher fürs Kino gemacht wurden, mit beliebten Stars (Meryl Streep, Gary Oldman, Antonio Banderas, Robert De Niro, Al Pacino und so weiter) und von namhaften Regisseuren, heute – von außen betrachtet – verschämt programmiert wird, hat mit der Distributionskonkurrenz zu tun. Die Kinos und Verleiher wollen nicht Werbung machen für Produkte, die der Streamingdienst produziert, um seine Abonnentinnen mit neuen exklusiven Filmen bei Laune zu halten beziehungsweise neue zu gewinnen. Für Netflix wiederum dürfte die Sache mit dem Kinostart allein der Prestigesteigerung dienen, eben der Werbung für ein Bewegtbildangebot, das auch und eigentlich ja noch viel exklusiver dem Kino im eigenen Stadion zeigen kann, was vor nicht allzu langer Zeit dessen gewöhnliches Geschäft war.

Die neue Unübersichtlichkeit bei der Auswertung von Filmen verdankt sich einem veränderten Kräfteverhältnis, das auf die Digitalisierung zurückgeht. Netflix ist sich seines globalen Geschäftsmodells so gewiss, dass es sich den vorgezogenen Kinostart für die mit viel Geld produzierten Filme („The Irishman“ kostete 160 Millionen Euro; eine Summe, die kein Studio zu zahlen bereit war) als Geste leisten kann – die Effekte fürs eigene Image werden dadurch offenbar nicht geschmälert. So entsteht eine merkwürdige Gleichzeitigkeit, was das Angebot auf den verschiedenen Plattformen betrifft (wenn man das Kino mit diesem Begriff aus der Welt des Internets belegen will), die vor Jahren in einer klar durchhierarchisierten Verwertungskette undenkbar gewesen wäre.

Ab 14. November im Kino, zwei Wochen später online: "The Irishman" von Martin Scorsese
Ab 14. November im Kino, zwei Wochen später online: "The Irishman" von Martin Scorsese

Zu dieser Entwicklung, in der die Veränderung des Kinos als privilegierter Abspielort von neuesten Filmen erkennbar wird, gehört auch eine Verleihstrategie von der anderen Seite her. Am 17. Oktober kommt die Michael-Ende-Adaption „Momo“ aus dem Jahr 1986 in die deutschen Kinos. Diese Wiederaufführung geht anders als etwa bei der zum „Kino Event“ für nur einen Tag stilisierten Programmierung von Francis Ford Coppolas dritter Überarbeitung von „Apocalypse Now“ als „Final Cut“ ohne Remastering oder Werbung über die Bühne, sondern ähnlich versteckt wie der neueste Netflix-Scheiß.


Ein findiger Kleinverleih

Der Film von Johannes Schaaf wird in der Startwoche zwar nur in zwei Handvoll Kinos zu sehen sein, doch die Anbieter hoffen, über einen längeren Zeitraum immer wieder gebucht zu werden, anders als es in der kurzatmigen, durch ein sich selbst kannibalisierendes Überangebot an Filmen heute sonst der Fall ist.

Momo“ profitiert dabei von der Geschichte, die dieser Film schon hatte: einer Erinnerung an Kindheitstage oder frühere Zeiten, die sich in einer Sonntagsmatinee auffrischen lässt oder wo immer Kinos ein Publikum für den 30 Jahre alten Film vermuten.

Dass „Momo“ überhaupt wieder für Kinos buchbar ist, liegt am kleinen Croco-Filmverleih. Der hat es sich seit 2006 zur Aufgabe gemacht, die Verleihrechte von Filmen zu erwerben, die durch auslaufende Verträge freigeworden sind. „Momo“ gehört zu einem Paket von Produktionen der durch den „Edgar Wallace“-Produzenten Horst Wendlandt einst legendären Rialto-Film-Firma – zusammen mit „Der Schatz im Silbersee“ und dem Bud-Spencer-Terence-Hill-Vehikel „Zwei Missionare“ von 1974.

Ebenfalls wieder im Kino: "Momo" von Johannes Schaaf
Ebenfalls wieder im Kino: "Momo" von Johannes Schaaf

Damit ist eine Entwicklung markiert, die im nicht so cinephilen Deutschland trotz der Randständigkeit eines Liebhaberverleihs durchaus als eine Art offene Wette gelesen werden kann, die in den Verleihbedingungen ersichtlich wird („Verleihkonditionen für alle unsere Filme: 38 Prozent Leihmiete, keine MG! [Mindestgarantie]“, steht in Rot auf der entsprechend funktionalen Website): dass in Zeiten des geschichtslosen Fernsehens und der auf Neuheiten fixierten Streamingdienste das Kino womöglich zu einem Ort werden könnte, an dem Leute, die mit ihm groß geworden sind, die Filme sehen können, die früher in den Dritten Programmen liefen oder in der Videothek entleihbar waren. Dabei geht es um das sogenannte Repertoire, das in Frankreich oder Italien auch dank staatlicher Subventionen im Kino viel stärker präsent ist als hierzulande und dort schon jetzt eine andere Form von Gleichzeitigkeit bewirkt – wenn man in einem gut gefüllten Pariser Innenstadtkino an irgendeinem Mittwochnachmittag François Truffauts „Le dernier Métro“ von 1980 schaut oder einen noch weniger kanonisierten Schwarz-weiß-Film.


Neue Wege werden erschlossen

Mit der Filmerbe-Diskussion hat dieser Umstand insofern eine Verbindung, als die Werke, die Croco-Film verleiht, aus dem Zwischenreich des Irgendwie-Digitalisierten stammen. Der analog gedrehte „Momo“-Film lag beispielsweise als neue Abtastung vor, die für die Blu-ray-Veröffentlichung gemacht worden war und nun in Eigenarbeit zum DCP umfunktioniert wurde. Angefangen hatte Croco-Film mit 50 Kopien von „Benjamin Blümchen - Seine schönsten Abenteuer“ (1997).

Weil ein nicht digital vorliegender Film heute aufgrund massenhaft und mit staatlicher Förderung abgeschaffter Projektionstechnik keine Chance mehr hätte, in deutschen Kinos gespielt zu werden, geht Croco-Film für seinen dritten „Pumuckl“-Film neue Wege – „Meister Eder und sein Pumuckl“ soll bis Januar digitalisiert sein, damit er wieder verliehen werden kann.

Wieder oben auf: "Meister Eder und sein Pumuckl"
Wieder obenauf: "Meister Eder und sein Pumuckl"


Alle "Schnipsel"-Blog-Beiträge und Essays, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums von Matthias Dell entstehen, finden sich hier.


Fotos: Netflix, Croco Filmverleih

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