Schnipsel #4: Festivalrollen

Freitag, 25.10.2019

Mit der Digitalisierung geht das Verschwinden nicht nur von analogem Filmmaterial, sondern auch von Abspieltechniken einher. Wenn Festivals Filme weiterhin in analogen Kopien zeigen, pflegen sie damit auch eine mittlerweile historische Aufführungspraxis.

Diskussion

Realistisch betrachtet, könnte man sagen, die Diskussion ums Filmerbe ist gar keine. Die Marktmacht des Digitalen ist so überwältigend, dass die Frage, was beim Blick auf die Filmgeschichte durch den Sprung der Technik verloren gehen könnte, sich für den Großteil der Leute nicht stellt. Und zwar nicht nur nicht für screenaffine Teenager, denen es völlig schnurz ist, was Formate sind, solange nur die gerade gewünschte Serie auf das eigene Smartphone streamt.

Sondern auch für Leute, die politisch damit befasst sind: Ich habe einmal mit einem CDU-Mann gesprochen, der im Kulturausschuss saß und die Frage nach dem Analogen überhaupt nicht verstand – weil doch jetzt alles digital und gut sei. Und wo würde man analoge Filme überhaupt zeigen wollen, da fehlte es doch an der technischen Infrastruktur.

Analoges bei DOK Leipzig

So sind Filmfestivals neben Filmmuseen und Kinos, die Retrospektiven pflegen, heutzutage die Zwischenreiche, in denen digitale und analoge Technik nebeneinander existieren. Beim Leipziger Dokumentar- und Animationsfilmfestival, das am Montag beginnt, wird dieser Umstand auf der Website mit einem eigenen Text bedacht. 24 der insgesamt 295 dort vorgeführten Filme werden noch analog projiziert.

Analoge Filmprojektion ist heute Teil der Pflege von Filmgeschichte.
Hommage aufs analoge Filmmaterial: "Inglorious Basterds". Eine solche Filmprojektion ist heute Teil der Pflege von Filmgeschichte.

Es handelt sich um 16- oder 35-mm-Filme, die in Spezialprogrammen laufen – in Retrospektiven, der Hommage und anderen kuratierten Reihen, deren Auswahl sich nicht an Neuheiten orientiert, sondern aus der Filmgeschichte stammt. Dementsprechend schwankt der Anteil von analogen Filmen in jedem Jahr, abhängig von dem Fokus und dem damit verbundenen Filmstock der filmhistorischen Programme.

Genauso wie die Qualität der Filmrollen, die vor und nach der Projektion beim Festival geprüft werden. Dafür beschäftigt DOK Leipzig bis heute eine Schnittmeisterin, die dafür in den 1990er-Jahren angeschaffte Ausstattung mit zwei Steenbeck-Schneidetischen stand auch nicht zur Disposition, als der Siegeszug des digitalen Abspielens ab Ende der 2000er-Jahre in Deutschland massenhaft analoge Technik aus den Kinos verdrängte. Nicht zuletzt die Interessen des Festivals haben dazu beigetragen, dass in den drei Festspielstätten (Cinestar 5 sowie die Passage-Kinos Astoria und Wintergarten) weiterhin Filmprojektoren stehen.

Zwar zieht das Festival, wo kein digitalisiertes Bildmaterial für Katalog oder Programmheft vorliegt, mitunter ein Filmstill aus der analogen Kopie. Eine eigene Digitalisierung etwa einer arg in Mitleidenschaft gezogenen Kopie ist durch das DOK Leipzig allerdings nicht leistbar.

Der Niedergang der Video-Aufführungstechnik

Anders verhält es sich bei veralteten Videoformaten. Die werden mit Hilfe des Medienpartners MDR in eine digitale Form gebracht, die von den Rechnern in den Kinos abgespielt werden kann. Wolfgang Samlowski, der heute technischer Koordinator des Festivals ist, hat in den frühen 1990er-Jahren in Leipzig angefangen.

Damals wurden Filme auf VHS eingereicht und gesichtet und stellenweise auch noch vorgeführt. Video war das Mittel zur Wahl von unabhängigen Werkstätten und Medienkooperativen, die für jene Gegenöffentlichkeit sorgen wollten, die sich via Youtube heute in vielen verschiedenen und unterschiedlich informierten Blasen bildet. So ließe sich der lange Weg von der Filmrolle zum DCP erzählen über die sich ständig verändernden Formate: U-matic, Betacam SP, Digi Beta und so weiter.

Die Videocassette verschwindet vor allem deswegen, weil entsprechende Vorführtechniken fehlen.
Die Videocassette, im US-Remake "The Ring" noch aktuelles Medium auch zum Gruseln, verschwindet vor allem deswegen, weil entsprechende Vorführtechniken fehlen.

Im Nebeneinander von analoger und digitaler Projektion verschwindet dieses Kapitel vollständig, insofern bei den frühen Videoformaten auf die ursprünglich adäquate Abspieltechnik kein Wert gelegt werden kann. Oder: gelegt wird. Das hat mit der Logistik in Vorführraum und Kino zu tun, wo eben nicht mehr der entsprechende Videoplayer eingestöpselt und das jeweilige Programm von Röhrenfernsehgeräten geguckt werden kann. Aber auch mit dem Geld, das solche Geräte heutzutage kosten, der Versorgungslage.

Die Frage wäre, ob und wenn ja, was, die konservatorisch prekäre Situation der Videofilmgeschichte aus Sicht des Filmerbes bedeutet. Einerseits sind die veralteten Kassetten relativ einfach ins Heute zu digitalisieren, andererseits ihrer historischen Aufführungspraxis aber völlig beraubt.



Alle „Schnipsel-Blog-Beiträge und Essays, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums von Matthias Dell entstehen, finden sich hier.



Fotos: Indigo, Universal

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