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Filmklassiker: Ein ideales Paar

Dienstag, 31.12.2019

Lohnt einer Wiederentdeckung: James Stewart und Carole Lombard in einem Ehedrama von John Cromwell

Diskussion

Ein Vorläufer von „Ist das Leben nicht schön“: Just zum Jahreswechsel 1938/1939 droht in dem Drama von Regisseur John Cromwell die Romantik zwischen James Stewart und Carole Lombard angesichts beklemmender wirtschaftlicher Verhältnisse auf der Strecke zu bleiben. Trotz des dramaturgisch etwas holprigen Finales ist der Film als erfrischend lebensnahes Porträt einer Ehe eine Wiederentdeckung wert.


Silvesternacht in Manhattan. Während um sie herum der Champagner fließt und laute Fröhlichkeit herrscht, schauen John Horace Mason (James Stewart) und seine Frau Jane (Carole Lombard) unter ihren Party-Hüten reichlich bedrückt aus. Immerhin haben sich die beiden aufgerafft und das beengte Apartment verlassen, das sie gemeinsam mit ihrem Baby und Johns Mutter bewohnen.

Doch seinen Sorgen entkommt das junge Ehepaar auch mitten in der feierwütigen Menge nicht. John fühlt sich als Versager, der nicht anständig für seine Familie sorgen kann. Seine Hoffnung auf eine Teilhaberschaft in der Kanzlei, in der er als Anwalt arbeitet, hat sich zerschlagen; anstatt endlich mehr Gehalt zu bekommen, verpasste ihm sein Chef mit Hinweis auf die „wirtschaftlich schwierigen Zeiten“ sogar eine saftige Lohnkürzung. War die überstürzte Liebesheirat mit Jane und die frühe Familiengründung ein Fehler? John sieht das so, zumindest in dieser Silvesternacht, und sagt dies auch seiner Frau. Worauf Jane in Tränen aufgelöst davon stürmt.


Ausflug ins ernste Fach

Für die „Queen of Screwball Comedy“ Carole Lombard war diese Rolle ein ungewöhnlicher Auftritt. Als temperamentvoll-unkonventionelles Energiebündel war sie eigentlich darauf abonniert, Herzen zu erobern; im Lauf der 1930er-Jahre stieg sie durch Komödien wie „Napoleon vom Broadway“ (1934), „Eine Prinzessin für Amerika“ (1936) und „Mein Mann Godfrey“ (1936) zu einer der bestverdienenden Schauspielerinnen ihrer Ära auf und galt dank der Liaison mit Clark Gable seit 1936 als der weibliche Teil des glamourösesten „Power Couple“ Hollywoods.

Dennoch verlangte es Lombard Ende der 1930er-Jahre nach Veränderung. Ihren Wunsch, auch im ernsten Fach zu reüssieren, erfüllte Produzent David O. Selznick, mit dem sie bereits „Denen ist nichts heilig“ (1937) gedreht hatte; O’Selznick besetzte sie in „Ein ideales Paar“ (1939) an der Seite von James Stewart besetzte. Das Ergebnis war allerdings ein herber Misserfolg und gehört heute zu den eher unbekannten Werken der beiden Stars. Regisseur John Cromwell, der „Ein ideales Paar“ inszenierte, drehte mit Lombard noch das Melodram „Nur dem Namen nach“ (mit Cary Grant); danach kehrte die Schauspielerin prompt ins bewährte Komödienfach zurück, dem sie mit Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“ und Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ noch zwei Höhepunkte bescherte, bevor 1942 ein tragischer Flugzeugabsturz ihr Leben viel zu früh beendete.


An den sozialen Rahmenbedingungen interessiert

Doch auch wenn man „Ein ideales Paar“ als Scheitern in der ansonsten so strahlenden Karriere von Carole Lombard verbuchen muss, ist der Film auf durchaus interessante Weise gescheitert. Fans von James Stewart werden gewisse Parallelen zum „Ist das Leben nicht schön“ (1946) entdecken, da auch „Ein ideales Paar“ wie Frank Capras Klassiker James Stewart als gebeutelten Helden präsentiert, der angesichts wirtschaftlicher Sorgen den Mut zu verlieren droht. Beide Filme lockern ihren melodramatischen Plot mit komödiantischen Elementen auflockert, und beide interessieren sich für die sozialen Rahmenbedingungen, unter denen die Figuren leben.

Zu Beginn von „Ein ideales Paar“ liegt die süße „Boy Meets Girl“-Geschichte, die sonst der bevorzugte Gegenstand von Hollywoods Liebesfilmen ist, schon hinter den Figuren und wird nur noch in deren Dialogen rekapituliert; die Handlung fokussiert auf das, was nach dem üblichen „Happy End“, der Liebesheirat, kommt: das Aufbauen eines gemeinsamen Lebens, für das nicht zuletzt die materiellen Verhältnisse entscheidend sind.

In seinen den ersten beiden Dritteln verfolgt der Film auf erfrischend lebensnahe Weise, wie sich diese Verhältnisse auf das verliebte Paar auswirken: wie die Zeit für romantische Zweisamkeit fehlt, weil die Arbeit dazwischenfunkt, wie die finanzielle Notwendigkeit, zusammen mit Johns Mutter in ein vergleichsweise kleines Apartment zu ziehen, zu allerlei Reibereien führt; wie Jane, frustriert vom eingeschränkten häuslichen Dasein, ihren Ehrgeiz auf John projiziert und versucht, ihrem Mann beruflich den Rücken zu stärken, wie John sich davon jedoch vor allem unter Druck gesetzt fühlt und mehr und mehr unter dem Gefühl leidet, Janes Erwartungen nicht zu erfüllen, weil er ihr statt großbürgerlicher Eleganz nur ein vergleichsweise bescheidenes, kleinbürgerliches Dasein bieten kann.


Eine andere Aufgabenverteilung

Daraus entsteht ein einfühlsames Eheporträt, das man zumindest aus heutiger Sicht vor allem als unausgesprochene Abrechnung mit traditionellen Rollenbildern versteht: Würde sich das „ideale Paar“ gegenseitig nicht viel besser ergänzen, wenn der sanfte John einen Teil der Last als Familienernährer an die energischere Jane abtreten könnte? Macht sich Jane, die vor der Liebesheirat eine Ausbildung machte, nicht selbst etwas vor, wenn sie in einer frühen Szene zu Johns kritischer Mutter sagt, dass für sie „eine gute Ehe doch auch eine Karriere“ sei?

Doch ein Finale, bei dem die beiden Hauptfiguren nach ihrer Ehekrise in der Silvesternacht eine andere Form des Zusammenlebens ausprobieren, die ihren Charakteren angemessener wäre, ist für ein Hollywood-Liebesdrama Ende der 1930er-Jahre dann doch zu viel des Guten. Das hätte ja geheißen: ernst zu machen mit dem Aufmischen der Geschlechterrollen, wie es die Screwball-Komödien spielerisch-komödiantisch betrieben.

Stattdessen schlägt „Ein ideales Paar“ in seinem letzten Drittel eine zwar drollige, aber durch und durch unpassende und unglaubwürdige Handlungskapriole, die ihr Heil in einem veritablen Neujahrswunder sucht. Eine bedrohliche Erkrankung des Babys und ein rettendes Serum, das von einem todesmutigen Piloten in einer Schneesturm-gepeitschte Nacht aus Salt Lake City eingeflogen werden muss, geben Produzent David O. Selznick (auf dessen Konto diese Handlungsvolte gehen soll) Gelegenheit, noch ein paar schauträchtige Special Effects einzubringen; sie sorgen aber auch dafür, dass der Film Jane, John und deren Probleme völlig aus den Augen verliert.

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