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Die Lunte liegt am Pulverfass: Ein Interview mit Ladj Ly zu „Die Wütenden – Les Misérables“

Mittwoch, 22.01.2020

Diskussion

Ladj Ly, Franzose mit malischen Wurzeln, schwimmt mit „Die Wütenden – Les Misérables“ auf der Erfolgswelle: Das wuchtige Werk über die Konfrontation zwischen Polizei und Einwohnern in den von der Politik aufgegebenen Pariser Banlieues fand in Frankreich fast zwei Millionen Kino-Zuschauer; beim Festival de Cannes wurde das bewegende Debüt mit dem „Preis der Jury“ ausgezeichnet und ist jetzt für den „Oscar“ in der Kategorie „Bester Internationaler Film“ nominiert. Weit weg vom französischen „Savoir Vivre“ ist sein Film Fanal, Aufschrei, Warnung. Im Gespräch berichtet er über den sozialen Sprengstoff, den sein Film spiegelt.


Ihr Insiderblick auf den sozialen Brennpunkt Montfermeil schockiert durch Härte und Kompromisslosigkeit. Ist die Lage wirklich so schlimm?

Ladj Ly: Die Wirklichkeit ist manchmal noch schlimmer. Die soziale Katastrophe spielt im Hier und Jetzt. Ich komme vom Dokumentarischen und beschäftige mich schon seit 15 Jahren mit diesem Thema. Alles begann, als ich 2005 während der Unruhen in meinem Viertel begann, den Dokumentarfilm „365 Tage in Clichy-Montfermeil“ zu drehen. Ich habe das fast 100-stündige Material trotz aller Angebote nicht verkauft, sondern den Film kostenlos ins Netz gestellt. Die Idee zu „Die Wütenden – Les Misérables“ basiert auf meinem Kurzfilm gleichen Titels von 2017. 2008 habe ich die berüchtigten Ausschreitungen der Polizei gefilmt und ins Netz gestellt. Daraufhin wurde das Polizei-Verhalten untersucht. Es ist das erste Mal, dass die Polizei zur Rechenschaft gezogen und Täter in ihren Reihen verurteilt wurden aufgrund eines Videos im Netz.

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War dieser dokumentarische Stil, der Stil des „cinéma direct“ von Anfang an geplant?

Ladj Ly: Der dokumentarische Ansatz war mir wichtig. Ich will Fiktion und Realismus zusammenbringen. Das ganze Szenario ist realistisch: die Verbrüderungsszenen beim Sieg bei der WM, die neuen Flics im Viertel, das geklaute Löwenbaby, die Drohne – alles ist von meinem Leben inspiriert, dem Leben der Menschen, die ich kenne und liebe. Es ist an der Zeit, die ganze Wahrheit zu sagen.

Sie sind in Montfermeil aufgewachsen…

Ladj Ly: Und ich wohne da noch immer und lebe da gerne. Auch mein nächster Film spielt in der Umgebung. Warum sollte ich Freunde, Familie und Nachbarn verlassen? Der Kampf dort geht weiter, bis zum Ende.

Binnenansichten aus den Banlieue: "Die Wütenden - Les Misérables"
Binnenansichten aus den Banlieue: "Die Wütenden - Les Misérables" (©Alamode)

Die ersten Bilder wecken Optimismus, es herrschen Euphorie und eine ausgelassene, aber friedliche Stimmung.

Ladj Ly: Es gibt ein Problem der Identität in Frankreich. Man schließt die Augen vor der Geschichte, will nichts von früherer Sklaverei und heutiger Diskriminierung wissen. Franzose ist nicht gleich Franzose. Zwischen einem „echten“ Franzosen von Geburt oder einem Franzosen in der zweiten Generation gibt es einen großen Unterschied, auch wenn der in Frankreich geboren ist. Bei der Szene, in der sich alle in den Armen liegen und den WM-Sieg Frankreichs feiern, waren wir alle Franzosen, über alle Regionen, Klassen und Hautfarben hinweg – ob weiß, schwarz oder „beurs“. Gemeinsam schmetterten wir die Marseillaise, das werde ich nie vergessen. Fußball als verbindendes Glied, einfach toll. Zwei Tage später war das Schnee von gestern, alles vergessen. Jeder zog sich wieder in seine Ecke zurück.

Bleibt nur Gewalt als Antwort auf das Elend?

Ladj Ly: „Die Wütenden“ ist trotz allem ein Film über Hoffnung, über die Chance zum Dialog. Deshalb lasse ich auch die letzte Szene offen. Aber er ist gleichzeitig ein Alarmsignal an die politisch Verantwortlichen, die gar nicht wissen oder auch nicht wissen wollen, was in diesen Vierteln abgeht. Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehören zum Alltag der Menschen in den Banlieues. Wie der junge Gavroche in Victor Hugos „Les Misérables“ revoltieren besonders die jungen Leute gegen jede Form von Autorität. Nicht nur gegen die Polizei, sondern auch gegen Strippenzieher wie den selbst ernannten „Bürgermeister“ oder die Drogendealer. Die Lunte liegt am Pulverfass und trotzdem versuchen die Bewohner aus vielen Nationalitäten, zusammenzuhalten, sich zu arrangieren und irgendwie zu überleben.

Druck erzeugt Gegendruck: Figuren aus "Die Wütenden - Les Misérables"
Druck erzeugt Gegendruck: Figuren aus "Die Wütenden - Les Misérables" (©Alamode)

Gab es in den letzten Jahren keine Wende zum Besseren?

Ladj Ly: Nichts hat sich seit den 1980er-Jahren geändert. Die Vorstädte sind vergessen und aufgegeben, nur vor den Wahlen erinnert man sich an sie als Stimmvieh. Die Pariser bleiben lieber in ihrer Komfortzone, diese Viertel sind für sie „Terra incognita“, eine Art „Dritte Welt“. Sie trauen sich da gar nicht hinein, auch weil die Medien nur Klischees servieren. Die Lage ist fatal: Die Arbeitslosenrate beträgt 40 Prozent, Kriminalität und Armut nehmen zu. Aber auch die Wut. Druck erzeugt Gegendruck…

Und da sind wir bei den „Gilets jaunes“, den Gelbwesten…

Ladj Ly: Wir waren in diesen Vierteln schon seit zwei Jahrzehnten Gelbwesten, kämpften gegen Polizei, Rassismus, gegen das System. Und gelten deshalb als Aufrührer, Islamisten oder Ganoven. Es ist gut, dass jetzt Junge und Alte überall auf die Straße gehen, die arbeitende Bevölkerung in den Groß- und Kleinstädten, sogar die feinen Champs-Elysées werden nicht verschont. Nicht mehr kleine Gruppen demonstrieren für ihre Partikularinteressen, sondern ganz Frankreich steht auf. Wir müssen gemeinsam kämpfen. Die Leute haben die Schnauze voll von arroganten Eliten, von Opportunisten und Geschäftemachern, Lügnern und Banditen, die das Land als Beute sehen, die sich einen Dreck um die Bedürfnisse der jungen Generation scheren. Heutigen Politikern, ob Hollande, Sarkozy oder Macron, egal ob „rechts“ oder „links“, fehlen Führungsqualität und Visionen. Nicht nur in Frankreich, in ganz Europa.

Armut, Arbeitslosigkeit, Gewalt – gibt es in diesem Teufelskreis überhaupt eine Lösung?

Ladj Ly: Recht und Gerechtigkeit sind eine Chimäre, es herrscht das Recht des Stärkeren, das Gesetz der Straße, soziale Konflikte nehmen zu. Die „Fünfte Republik“ funktioniert nicht mehr, hat in dieser Form ausgedient. Wir dürfen nicht mehr von einer besseren Welt träumen und an das Gute glauben, sondern müssen die gesellschaftlichen Bedingungen ändern, radikal Privilegien abbauen. Und zwar bald.

Hinter der Feierstimmung lauert in "Les Misérables" schwelende soziale Spannung
Hinter der Feierstimmung lauert in "Les Misérables" schwelende soziale Spannung (©Alamode)

Mir gefällt, dass Sie auf Schwarz-weiß-Malerei verzichten. Die Polizei nicht nur als böse darstellen, sondern auch als Menschen, die am Sinn ihrer Arbeit verzweifeln.

Ladj Ly: Ich will niemanden verdammen, sondern versuche, fair zu sein. Alle sind Täter und Opfer. Natürlich gibt es da schwarze Schafe und Rassisten. Aber die jungen Polizisten werden in die brisante Situation hineingeworfen. Niemand ist nur gut oder nur böse. Oft sind sie überfordert, nicht auf ihre Arbeit vor Ort vorbereitet, geraten vor lauter Angst in Panik. Bei diesem Katz- und Mausspiel mit wechselnden Rollen kann der Finger am Abzug gefährlich werden. Und wenn die Kerle, die außerdem nicht viel verdienen, dann nach einem stressigen Tag nach Hause kommen, ist vielleicht die Frau sauer, quengeln die Kinder, gibt es kein Durchatmen. Ich kann mich in die Haut eines Polizisten versetzen und aus seiner Perspektive berichten. Mit einem, der seit zehn Jahren Streife im Viertel fährt und mich immer kontrolliert hat, hatte ich am Ende ein gutes Verhältnis. Wer allerdings aus dem Viertel stammt und dann in den Polizeidienst geht, gilt als Verräter und hat es besonders schwer.

Viele Jugendliche flüchten in Drogen und Alkohol, um den Alltag zu vergessen.

Ladj Ly: Ein Tabuthema. Dabei sind Drogen und Alkohol nicht nur ein Problem in den Banlieues. In Paris ist Drogenkonsum inzwischen fast selbstverständlich, auch im Rest Frankreichs geht die Tendenz dahin. Übrigens ganz demokratisch durch alle Schichten. Einen Joint zu rauchen ist zwar nicht legalisiert, aber üblich. Von anderen Dingen ganz zu schweigen. Das Schicksal von Kindern und Jugendlichen liegt mir besonders am Herzen. Bildung ist neben Kultur die Basis, die Zukunft. Das Potenzial ist da, man muss es nur wecken, die Pflänzchen hegen und pflegen. Ich habe diese Schulen besucht, ein Desaster. Niemand kümmert sich um die Bedürfnisse der Schüler mit Migrationshintergrund, sie werden nicht ermuntert, nach den Sternen zu greifen oder einen anderen Weg einzuschlagen als die Eltern. Wer es trotzdem schafft, der verdient Hochachtung.

Welche Chancen bietet die kostenlose Filmschule, die Sie für junge Leute gegründet haben?

Ladj Ly: Ich habe mir mein Wissen in der Praxis angeeignet und mir mit 17 eine erste Kamera gekauft. Die Schule heißt Kourtrajmé nach unserem Filmemacher-Kollektiv, da lernen die Jugendlichen das Metier von der Pike auf, durchlaufen eine fundierte Ausbildung. Das Programm wird gerne angenommen, es sind schon einige gute Kurzfilme entstanden. Ich hoffe, dass einige der Interessierten später mal das französische Kino als Regisseure oder Drehbuchautoren aufmischen, andere Geschichten aus einem anderen Blickwinkel erzählen. Denn bisher ist die Filmbranche ein geschlossener Club für bestimmte Leute, Farbige findet man da selten. Ich will nicht alle über einen Kamm scheren, aber es sind oft dieselben, die für die immer gleichen Geschichten Förderung erhalten.

Wer hat Sie zum Filmemachen inspiriert?

Ladj Ly: Ich bewundere Jacques Audiard und den Dokumentaristen Raymond Depardon und natürlich Spike Lee. Aber ausschlaggebend war Mathieu Kassovitz’ Meisterwerk „Hass“. Da legt er schon 1995 den Finger auf die Wunde und bringt die traurige Realität in einem Problembezirk auf die Leinwand. Ein immer noch aktueller Film.


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