© Pascual Sisto (Wilhelm Heyne Verlag)

Das geschwärzte Notizbuch

Mittwoch, 12.02.2020

Der Argentinier Nicolás Giacobone, Drehbuchautor von „Biutiful“ und „Birdman“, hat seinen ersten Roman geschrieben

Diskussion

Der Argentinier Nicolás Giacobone, Drehbuchautor von „Biutiful“ und „Birdman“, hat seinen ersten Roman geschrieben. „Das geschwärzte Notizbuch“ ist eine ironische Abrechnung mit der Vorstellung vom Regie-Genie, das für die Verwirklichung seiner Vision buchstäblich alles tut: Eines dieser Exemplare sperrt in dem Roman einen Drehbuchautor in einen Keller und zwingt den Armen unter Drohungen dazu, Meisterwerke zu Papier zu bringen.


Von Regie-Despoten und ihrer Neigung, MitarbeiterInnen auszunutzen, war im Zuge der #metoo-Debatte öfters die Rede. Dabei ging es nicht nur um dezidierten sexuellen Missbrauch (wie etwa im Fall von Dieter Wedel), sondern auch allgemeiner um die Abrechnung mit dem Mythos vom (männlichen) Regie-Genie, das für seine künstlerische Vision sich selbst, aber auch sein Team rücksichtslos ausnützt. So polemisierte Doris Dörrie in einem Artikel in der FAZ mit dem Titel „Kino muss nicht Krieg sein“ sehr amüsant gegen das Ideal eines „auteur“-Regisseurs, der selbstherrlich seine Vision durchboxt und für den seine Crew nicht mehr als ein Werkzeug darstellt.

Das Romandebüt des Drehbuchautors Nicólas Giacobone liefert ebenfalls eine ironische Abrechnung mit dem Ideal des besessenen Meisterregisseurs, eingepackt in eine Story, die von fern an Stephen Kings „Misery“ erinnert. Ein angehender Drehbuchautor aus Buenos Aires wird von einem berühmten Regisseur, dem er einen Drehbuchentwurf geschickt hatte, auf dessen Luxus-Anwesen in den Anden in den Keller gesperrt und gezwungen, fortan Vorlagen für dessen Werke zu liefern – als versklavtes Faktotum, das den Ideen seines Meisters Form geben soll und keine eigenen Ansprüche auf den Drehbuch-Credit erheben kann.

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Zu Beginn des Romans schmachtet der Autor Pablo bereits fünf Jahre in seinem mit nicht viel mehr als einer Matratze, einem Computer und den gesammelten Werken von Borges ausgestatteten Kerker. Er hat schon zwei Drehbücher zu Filmen geliefert, die „das lateinamerikanische Kino aus seinem Tiefschlaf gerissen“ haben. Nun steht das dritte Werk an, die Vorlage zu einem Film, der „die Geschichte des Films weltweit verändern“ – und gefälligst auch sämtliche Filmpreise von der „Goldenen Palme“ bis zum „Oscar“ gewinnen soll.

Dekonstruktion der Visionen vom Kunstschaffen

Wie genau dieses im Entstehen begriffene Werk aussieht, lässt Giacobone weitgehend offen; ihm geht es nicht um die künstlerische Vision, sondern um die Dekonstruktion der Visionen, die die Figuren von sich selbst und ihrem Kunstschaffen haben: ums Abarbeiten an der für den Regisseur Salvatierra Santiago im höchsten Maß verführerischen, von seinem Opfer Pablo ebenfalls bewunderten, aber auch als einschüchternd-lähmend empfundenen Ideal des schöpferischen Genies.

Wobei sich Pablo in einer paradoxen Situation wiederfindet: Er muss, um nicht den Zorn seines Herrn zu riskieren, so tun, als sei er sozusagen nur der Stift in der Hand des „auteurs“, hat sich allerdings inzwischen auch Salvatierras Ehrgeiz zu eigen gemacht. Angesichts des Erwartungsdrucks – für die Hauptrollen haben bald Jack Nicholson, Sean Penn und Meryl Streep zugesagt – versucht er zunehmend panisch, die eigene störrische Kreativität zu entfesseln.

Ein Großteil des Romans spielt zwar in der Enge des Kellers; doch dieser Raum wird ständig mental zum geistigen Pantheon (oder besser: zum Colosseum) der Künste erweitert, in dem es sich an anderen – ausschließlich männlichen – Künstlern zu orientieren und sich an ihnen zu messen gilt: Santiago lässt Pablo Filme wie „La dolce vita“, „Stalker“, „Die sieben Samurai“, „El topo“ und „2001 - Odyssee im Weltraum“ anschauen; er spricht davon, dass er seine Dreharbeiten „wie Hitchcock“ angehen will, bekommt laut Pablo immer „fast einen Ohnmachtsanfall“ vor Eifersucht, wenn Michael Haneke erwähnt wird, und erklärt Filmemacher wie Milos Forman, Roman Polanski und Quentin Tarantino gönnerisch-herablassend zu den „besten der durchschnittlichen Regisseure“.

Der Kampf des Künstlers gegen die Mittelmäßigkeit

Pablo wiederum hat einst Bücher von Kollegen wie William Goldman und Paul Schrader oder Tarkowskis „Die versiegelte Zeit“ studiert und hält Peter Shaffers Vorlage zu Formans „Amadeus“ für das beste Drehbuch aller Zeiten – wohl auch, weil es in der Story über Salieris Leiden ab Mozarts Genie um einen „Kampf des Künstlersgegen seine notwendige Mittelmäßigkeit“ geht, mit dem er sich nur allzu gut identifizieren kann.

Um den Arbeitsdruck, der zum regelrechten Deadline-Countdown wird, aushalten zu können, schwört Pablo vor allem auf die Beatles – als Inbegriff eines Künstler-Kollektivs, das beweist, dass nicht nur genialische „auteurs“ Großes schaffen können.

Als Leser ahnt man früh, dass das Ringen zwischen ihm und Santiago um den Film, der die Filmgeschichte verändern soll, nie in eine ähnliche Kollaboration münden kann – am Ende fließt Blut, und nur einer verlässt den Keller lebend.

Männliche Künstler, für die Kunst eine Art Krieg um die Durchsetzung der eigenen Vision (und des eigenen Egos) bedeutet, hat Giacobone schon in seinem Drehbuch zu „Birdman“ von Alejandro González Iñárritu ironisch aufgegriffen; der Film um den ehemaligen Superhelden-Darsteller Riggan Thomson (Michael Keaton), der kurz vor seinem Debüt als Theaterregisseur am Broadway steht und dabei von einem eigenwilligen Ensemble, seiner widerborstigen Tochter und der despektierlichen Präsenz seines Kino-Alter Egos Birdman getriezt wird, geriet zum wahren Kultur-Kriegsfilm, bei dem diverse Fronten aufgetan wurden: elitäre Theaterkunst versus massentaugliche Franchise-Filme, Printmedien versus Internet, hart erarbeiteter Ruhm versus Celebrity-Hype, Egotrip versus Teamarbeit.

Tragikomische Seiten des Künstler-Bilds

Von „Das geschwärzte Notizbuch“ kann man ähnliches sagen. Wobei Giacobone das Künstler-Bild keineswegs völlig dekonstruiert, sondern vielmehr von einer tragikomischen Seite beleuchtet – schließlich zeitigt der Kampf, den Santiago Salvatierra und Pablo austragen, beachtliche Resultate, wenn auch vielleicht nicht unbedingt von dem anvisierten titanischen Ausmaß.

Das schmälert nicht die Sogwirkung des Romans. In „Birdman“ schuf die bewegliche Kamera, die sich an Riggans Fersen heftete und wie in einer einzigen Plansequenz ruhelos durch die klaustrophobischen Räume und Flure des Theaters und der umliegenden Straßen wanderte, einen mitreißenden Flow, der an die literarische „stream of consciousness“-Technik erinnert; in „Das geschwärzte Notizbuch“ wird das nun sozusagen wieder zurückübersetzt: Der Text ist eine Art Tagebuch-Roman. Er liefert den Gedankenausstoß des gefangenen Pablo, der, während er über dem zu schreibenden Drehbuch brütet, den Druck und die Isolation nur aushält, indem er nebenbei in einer Art Schreib-Durchfall seine Überlegungen über sich und seine Lage, seine Gedanken zu Kunst und Kino und seine Gespräche mit Santiago ständig zu Papier (beziehungsweise in eine versteckte Computerdatei) bringt. Ein schillernder, erratischer Gedankenfluss, der nicht nur ein satirisches Aufbegehren gegen die Marginalisierung der Drehbuchautoren in Gestalt einer Entführungsgeschichte ist, sondern eine höchst unterhaltsame Reflexion über die Autorenschaft im Kino.


Hinweis:

Nicolás Giacobone: Das geschwärzte Notizbuch. Wilhelm Heyne Verlag, München 2019, 304 Seiten, 20 Euro.

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