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Der ewige Handwerker

Donnerstag, 13.02.2020

Zum Tode von Joseph Vilsmaier (24.1.1939-11.2.2020)

Diskussion

Der Münchner Filmemacher Joseph Vilsmaier war lange Jahre Kameramann, bevor er ab Ende der 1980er-Jahre auch Regie-Aufgaben übernahm. Mit Fleiß und handwerklicher Versiertheit drehte er große Publikumserfolge wie „Herbstmilch“ und „Comedian Harmonists“, schöpfte filmisch aus der Liebe zu seiner bayerischen Heimat und erhob sich immer wieder auch über die Grenzen des konventionellen Kinos.


Joseph Vilsmaier verstand sich beim Filmemachen als Handwerker. Schließlich hatte er auch als Techniker bei dem legendären Münchner Hersteller von Kameras und Zubehör „Arnold und Richter“ – auch zärtlich abgekürzt „Arri“ –, also im „Bauch“ der Filmkunst mit ihrem bodenständigen Maschinenpark angefangen zu lernen, wo das Kunstschöne überhaupt herkommt. Danach war er fast 30 Jahre lang Assistent und Kameramann beim Fernsehen, unter anderem für Filme der Reihen „Tatort“ und „Auf Achse“.

Dann erst, 1988, wurde er Filmregisseur, griff aber immer wieder – jetzt als „Bildgestalter“ – zur Kamera. 61 Filme hat er gedreht, aber nur 27 als Regisseur. So wundert es kaum, dass die Filmkritiker bei seinen Filmen, wenn sie ihnen nicht gefielen, immer wieder zum Etikett „kunstgewerblich“ griffen. Den Ruf, in der Hauptsache ein fleißiger „Kameratechniker“ zu sein, wurde er eben auch nicht los, als er unter die Filmkünstler gefallen war. Dabei hatte er mit Herbstmilch nach dem Lebensbericht der Bäuerin Anna Wimschneider das urdeutsche Genre des Heimatfilms um eine vielschichtige authentische Variante bereichert.

Immer wieder der ländliche Raum

Später ist er auf vergleichbare Themen immer wieder unter großem Zuspruch der Zuschauer zurückgekommen, wie zum Beispiel mit Schlafes Bruder (1995), der kongenialen Verfilmung des Erfolgsromans des österreichischen Schriftstellers Robert Schneider über ein musikalisches Genie mit Todessehnsucht, für den Vilsmaier sogar für den „Golden Globe“ nominiert wurde. Und auch Die Geschichte vom Brandner Kaspar beschäftigte sich 2008 in Form eines Volksstücks mit einer Legende aus dem ländlichen Raum um einen durch Tricksereien mit dem Tod herausgezögertes Lebensende. Die Verfilmung von Adalbert Stifters Bergkristall war da keine Überraschung mehr.

"Herbstmilch" mit Werner Stocker und Dana Vávrová © StudioCanal
"Herbstmilch" mit Werner Stocker und Dana Vávrová © StudioCanal

Den größten Misserfolg in seiner an Erfolgen so reichen Karriere ereilte Vilsmaier schon 1993 mit dem zwiespältigen Kriegsfilm Stalingrad, wobei er sich an einem komplexen historischen Thema sichtlich intellektuell überhoben hatte. 2006 zeigte er allerdings mit Der letzte Zug über einen Todeszug nach Auschwitz, dass es auch anders geht. Bis heute bleibt diese kleine historische Miniatur in ihrer ergreifenden Intensität der am meisten unterschätzte Film Vilsmaiers. Ein kleines Meisterwerk ist das, neben seinen Erfolgsfilmen über die vor der Nazizeit populären Comedian Harmonists und sein opulentes und glamouröses Porträt der größten deutschen Schauspielerin Marlene Dietrich.

Nach den Regeln des Systems und darüber hinaus

In Nanga Parbat bewegte er sich wieder, nach der wahren Geschichte um den Tod von Günther Messner, dem Bruder der Bergsteigerlegende Reinhold, in den Konventionen des Bergdramas. Damals wurde ihm vorgeworfen, sich zu sehr an seinen Berater Reinhold Messner angelehnt zu haben. Überblickt man das Werk des Filmemachers Vilsmaier, so gehören insgesamt große Erfolge ebenso wie heftig umstrittene Filme und konventionelle Durchschnittsdramen dazu.

In Hollywood hätte man ihn als guten Studioregisseur eingeordnet, als einen, der nach den Regeln des Systems spielt und nur gelegentlich, dann aber deutlich darüber hinauswächst. In einem Land, in dem sich die Filmkünstler am liebsten im Elfenbeinturm bewegen, blieb er immer ein Außenseiter, auch wenn er der bayerische Filmemacher war, den menschlich alle liebten. Michael Bully Herbig vermisst den Humor des Freundes und der Ministerpräsident Söder seine bayerische Kreativität.

In den letzten Tagen seines Lebens war Vilsmaier mit einer Fortsetzung vom „Brandner Kaspar“, betitelt „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“, beschäftigt, der nun posthum erst Ende des Jahres als eine Art filmisches Vermächtnis von Vilsmaier in die Kinos kommen wird. Der Tod (Bully Herbig) hat sich verliebt, und der Teufel (Hape Kerkeling) fordert ihn auf, der Liebe wegen seine Arbeit einzustellen. Wodurch alle weiterleben. Den Teufel interessiert daran das Chaos, das entsteht. Und Vilsmaier? Er lebt doch sowieso weiter, nicht nur durch diesen seinen letzten Film – zumindest in unserer Erinnerung.

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