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Cannes & Corona

Freitag, 20.03.2020

Das weltgrößte Filmfestival der Welt wird verschoben und findet nicht wie geplant im Mai statt

Diskussion

Die Schockwellen der Corona-Pandemie schütteln auch die Filmbranche durch. Blockbuster werden verschoben, Filmfestivals abgesagt. Die Verantwortlichen suchen händeringend nach Alternativen. Auch Cannes hat jetzt resigniert. Das 73. Festival findet nicht wie geplant am 12. Mai statt; stattdessen will man die Veranstaltung auf Ende Juni/Anfang Juli verschieben. Eine endgültige Absage würde einen Domino-Effekt nach sich ziehen.


Breaking News: Das Cannes-Festival wird verschoben; es findet nicht wie geplant vom 12. bis 23. Mai 2020 statt; als Alternative erwägen die Veranstalter jetzt eine Verschiebung auf Ende Juni/Anfang Juli. Eine endgültige Entscheidung macht das Festival von der weiteren Entwicklung der COVID-Krise abhängig.


Mit der wachsenden Bedrohung durch die Corona-Pandemie stehen Großveranstaltungen in Europa unter besonderer Beobachtung. Auch das Filmfestival in Cannes, das vom 12. bis zum 23. Mai seinen 73. Jahrgang präsentieren will, rückt nach dem Verbot der französischen Regierung, das Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern untersagt, immer mehr in den Fokus. Zwei Monate vor Beginn des Festivals an der Côte d’Azur liegen die Nerven nicht nur bei den Veranstaltern, sondern auch in der internationalen Filmbranche blank. „Wir sind optimistisch, dass der Höhepunkt der Epidemie Ende März vorüber ist und sich die Lage im April entspannt. Andernfalls müssen wir das Festival absagen“, kündigte Festivalpräsident Pierre Lescure in der Tageszeitung „Le Figaro“ an.

Bislang waren Befürchtungen, dass das hochkarätige Event gecancelt werden könnte, entschieden dementiert worden; man sei mit den Behörden vor Ort in Kontakt und werde alle Vorschriften einhalten, ließ das Festival wissen. Dabei bieten allein die beiden größten Kinosäle im Festivalpalast, das Théâtre Lumière und das Théâtre Debussy, mehr als 2300 bzw. 1000 Zuschauern Platz. In beiden Kinos finden täglich fünf oder sechs zeitlich knapp getaktete Vorführungen statt, womit die beiden Vorführstätten täglich von mehr als 15.000 Zuschauer frequentiert werden; daneben gibt es aber eine Unzahl weiterer Festival- und Marktkinos.


Ohne medizinische Checks wird es nicht gehen

Festival- und Marktbesucher müssen sich neben den zeitfressenden Sicherheitskontrollen diesmal wohl auch auf einen medizinischen Check einstellen. Ärztliche Kapazitäten, spezielle Hygiene- und Sauberkeitsstandards könnten im Zentrum des Festivalpalais vorgehalten werden. Ein Verbot des Publikums am roten Teppich, das den Einzug der glamourösen Filmschaffenden bei den festlichen Premieren dichtgedrängt begleitet, würde allerdings einen herben Verlust an Flair und Atmosphäre bedeuten.

Betroffen wäre wohl auch der Flughafen im 25 Kilometer entfernten Nizza. Dort müssten Tausende Festivalbesucher eine Sonderkontrolle über sich ergehen lassen, um die Ausbreitungsgefahr der Infektion im frühen Stadium zu unterbinden.

Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Festivals, will das Wettbewerbsprogramm der 73. Filmfestspiele am 16. April in Paris vorstellen. Die Jury-Präsidentschaft übernimmt, wie Mitte Januar gemeldet, der US-Amerikaner Spike Lee. Eine Absage oder eine Verschiebung dieses weltweit bedeutenden Events mit seinem nicht zu unterschätzenden Nachhall für die journalistische, wirtschaftliche und kreative Arbeit zöge extreme Verwerfungen nach sich. Allein die regionale Wertschöpfung summiert sich während der knapp zweiwöchigen Veranstaltung auf 200 Millionen Euro: Hotellerie, Restaurants, Transport- und Tourismus-Unternehmen, der Mode- und Schmuckindustrie würden kaum zu kompensierende Umsätze fehlen.


Eine Kaskade an negativen Folgen

Pläne einer Verschiebung des Festivals und des Marché du Film in den Sommer würden die Arbeits- und Reisepläne vieler Teilnehmer aufs Äußerste strapazieren und durch die zeitliche Nähe zu den wichtigsten Konkurrenten wie Venedig (Festival) und Toronto (Festival und Projektmarkt) einen Dominoeffekt auslösen. Auch der angeschlagene American Film Market in Santa Monica Anfang November würde durch eine Verschiebung von Cannes in ernsthafte Turbulenzen geraten. Deshalb zögert man in Frankreich bislang vor diesem irreversiblen Schritt zurück: Auf der Webseite des Festivals sucht man vergeblich nach Hinweisen auf den aktuellen Diskussionsstand.

Die Option einer Ausfallversicherung, die dem Festival Anfang März angeboten war, hat Cannes ausgeschlagen. Festivalpräsident Pierre Lescure begründete dies damit, dass das Angebot angesichts des hohen Preises sehr unattraktiv gewesen ist, auch vor dem Hintergrund, dass man über hohe Rücklagen verfüge.

Neben der unbestrittenen filmkulturellen Bedeutung des international wichtigsten Filmfestivals wird in der Berichterstattung der wirtschaftliche Aspekt der Großveranstaltung oft ignoriert. Das Interesse der Journalisten gilt neben dem Wettbewerb um die Goldene Palme dem medienwirksam inszenierten Auftritt der Stars. Cannes ist kein Publikumsfestival wie etwa die „Berlinale“ oder das Festival in Toronto. Der parallel stattfindende Filmmarkt, der Marché du Film, bietet Filmstudios, global agierenden Streamingdiensten, unabhängigen Produzenten und Finanziers, aber auch der kreativen Szene einen konzentrierten Blick auf aktuelle Inhalte und Produktionsqualitäten sowie die Evaluation künftiger Projekte. Hier trifft man Geschäftspartner, stößt Projekte an, diskutiert Pre-Sales, schmiedet Allianzen in den Bereichen Co-Produktion, Finanzierung oder Verleihgebiete, führt Vertragsgespräche mit potenziellen Kunden aus dem Fernsehmarkt und schließt zahlreiche Deals ab. Ein derartig volatiler Markt zieht blitzschnell konzeptionelle Veränderungen in Bezug auf Präsentation und Marketingstrategien nach sich.


Große Andrang in Cannes

Für das diesjährige Festival verzeichnen die Veranstalter bislang rund 45.000 professionell Akkreditierte, ein Plus von neun Prozent gegenüber 2019. Die unmittelbare Leinwandpräsenz und die Reaktion des Fachpublikums stehen - allen digitalen Konferenz- und Kommunikationsmöglichkeiten zum Trotz - nach wie vor hoch im Kurs.

Generell mehren sich derzeit die Hiobsbotschaften. So hat das 34. Filmfestival im schweizerischen Fribourg (20.-28.3.) seine Veranstaltung abgesagt; ähnliche Überlegungen gelten wohl auch für die 66. Kurzfilmtage in Oberhausen (13.-18.5.) und das goEast-Festival in Wiesbaden (5.-11.5). Die großen A-Festivals in Locarno, Venedig und Toronto beobachten die Lage derzeit aufmerksam.

Über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Verleih- und Produktionszyklen kursieren viele Befürchtungen. Der für den 2. April avisierte Start des Blockbusters „James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben“ in Deutschland und Großbritannien wurde vorsorglich auf den 12. November verschoben; der für den 28. Februar angekündigte China-Einsatz von „Sonic the Hedgedog“, der in Deutschland am 13. Februar anlief, auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Vor einem großen Problem steht auch Disneys 200 Millionen Dollar teure Produktion „Mulan“ (deutscher Start: 26. März), falls der Film nicht wie geplant am 27. März in China startet.

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