© Don Hertzfeldt

Im Affekt #3: Kokon-Kino oder Bill, das Multikat

Freitag, 27.03.2020

In „It’s Such a Beautiful Day“ von Don Hertzfeldt, der jetzt frei im Internet verfügbar ist, verliert ein Strichmännchen den Verstand und erkennt dabei, dass Persönliches und Allgemeines keine Gegensätze sind

Diskussion

Ein Strichmännchen verliert den Verstand und lässt dabei erkennen: Persönliches und Allgemeines sind keine einander gegenüberliegenden Pole. Der Animationsfilm „It’s Such a Beautiful Day“ von Don Hertzfeldt ist jetzt frei im Internet verfügbar und lässt Till Kadritzke im dritten Beitrag seines Siegfried-Kracauer-Blogs „Im Affekt“ weiter über das Kino der sozialen Distanz nachdenken.


„You can feel the uncanny resemblance between the dazed state of trauma and the cocooning we now call home“, lese ich in Kathleen Stewarts „Ordinary Affects“, einem Buch, das bei diesem Blog Pate steht. Das steht bei Stewart zwar in einem ganz anderen Kontext, doch die „frappierende Ähnlichkeit zwischen dem benommenen Zustand des Traumas und einem Kokon, den wir Zuhause nennen“ passt ja ganz gut zu diesen sozial distanzierten Zeiten, wo Trauma und Kokon irgendwie zusammenfallen; man dreht ja langsam durch zuhause.

Andererseits: „Man dreht ja langsam durch zuhause“ denken wohl auch nur diejenigen von uns, denen es noch am besten geht, deren größte Sorge der Lagerkoller ist, während andere in tatsächlichen Lagern leben und einen Hashtag wie #staythefuckhome nur zynisch finden können. Während nochmal andere sich an der Corona-Front für den Ernstfall rüsten. Und für wieder andere das Durchdrehen keine Redewendung, sondern schon bald psychischer Ernstfall sein könnte.

"It's Such a Beautiful Day" von Don Hertzfeldt
Alle Bilder aus: "It's Such a Beautiful Day" © Don Hertzfeldt

In dem Animationsfilm „It’s Such a Beautiful Day“, den der Regisseur Don Hertzfeldt in diesen Tagen für alle Welt kostenlos zugänglich gemacht hat, dreht einer durch. Bill ist ein Strichmännchen mit ziemlich rundem Rumpf, aber ohne Nase, manchmal auch ohne Mund, dafür mit Hut. Ein Erzähler im Voice-over erzählt von diesem Bill, mal aus der Außen-, mal aus der Innenperspektive; dann steigt er geradezu in Bills Kopf, wo stets viel los ist und sich Wahrnehmung, Erinnerung und Wahnvorstellungen immer wieder überlagern.


Ein Gedankenflow als Erinnerungs-Best-of

Draußen geht dagegen ziemlich wenig. Bill ist längst sozial distanziert: Eine Begegnung mit der Ex-Freundin findet nur in deren Mittagspause statt, der Besuch von Verwandten nur, nachdem sich Bills Zustand verschlechtert hat. Was das genau für ein Zustand ist, wird nie geklärt. Von einer Diagnose ist die Rede, und mehrmals scheint es, als würde Bill gerade sterben. Dann wird der Gedankenflow zum Erinnerungs-Best-of, und Hertzfeldt legt nach und nach eine Biografie frei: Kindheitserinnerungen vom Meer, von der Rückbank des Autos, von Eiscreme. Die Mutter, die vom Stiefvater verlassen wird. Der Halbbruder mit Behinderung, der irgendwann ins Meer rennt, weil er einen Vogel gesehen hat, und nicht wiederkommt.

Lauter Tragödien, nicht nur in Bills Biografie, sondern auch im Alltag: Die Menschen, denen er begegnet, haben Hauterkrankungen, Angstzustände, sind verwirrt, haben’s am Herzen. Merkwürdig oft werden Leute von Zügen überfahren, aber da vertraut man Bills Wahrnehmung schon nicht mehr. Bei schwindendem Gedächtnis füllt das Gehirn die Leerstellen aus, heißt es spät im Film. Irgendwann poppt so viel auf – Strichmänn- und -weibchen, Fotografien, Texturen in schillerndsten Farben –, dass man weder Realität und Traum unterscheiden, noch Kausalitäten zu bestimmen vermag.



Es ist eine Ästhetik der selektiven Wahrnehmung, die „It’s Such a Beautiful Day“ ausmacht, eine Ästhetik, die trotz Abstraktion näher an unserer eigenen Wahrnehmung dran zu sein scheint. Vor schwarzem Hintergrund tauchen weiße Blasen auf, in der einen Bill, in den anderen das, was gerade seine Aufmerksamkeit auf sich zieht: das Fernsehbild, die eigenen Assoziationen dazu, das Bild an der Wand. Wir nehmen ja selten in der Totale wahr, sondern machen ständig Detailaufnahmen und montieren die Dinge, wir sind nicht die Regisseure unseres Lebens, sondern Schnittmeisterinnen.


Der Wahnsinn nimmt überhand

Und manchmal davon überfordert: Alltagsbilder, Traumbilder, Medienbilder, Naturbilder – in den verstörendsten Momenten des Films drängt alles zusammen, eskaliert auch die Tonspur, nimmt der Wahnsinn überhand. Buchstaben attackieren Bill, der Mund blutet und Zähne fallen aus, ein unheimliches Paar „König der Löwen“-Hausschuhe taucht auf. Die Sequenzen des Durchdrehens enden stets mit einem Zusammenbruch, mit einer Nahtoderfahrung. Doch dann: „Irgendwann erkannten sie im Krankenhaus, dass Bill wohl doch nicht sterben würde, und seine Mutter ließ alle Blumen entfernen.“

In den profansten Momenten kommen dagegen Smetana und Schumann zum Einsatz, man wähnt sich mitunter in Malicks „The Tree of Life“, nur dass das Erhabene im Erdgeschoss steckengeblieben ist, und Hertzfeldt insistiert mit seinem Film: Da gehört es auch hin. Nicht das Pathos der Transzendenz, sondern die vielen kleinen Affekte des Alltags machen das Leben hier aus: Wie Bills Arm einschläft, weil er auf ihm gelegen hat. Wie Bill einem flüchtig Bekannten begegnet, von dem er nicht genau weiß, ob man sich jetzt grüßt oder nicht, und wenn ja, wie. Ein bizarrer Dialog kommt zustande, eine ungelenke Berührung. Wie der Kollege im Großraumbüro eine Banalität über Genetik rausphilosophiert. Wie die Kassiererin im Supermarkt höflich fragt, wie es geht, aber auf die höfliche Gegenfrage schon nicht mehr antwortet. „It’s Such a Beautiful Day“ ist auch ein urkomischer Film, aber mit dem Humor ist es ihm ernst.




Und dann: Wie Bill vergisst, wie man Toast macht. Am Ende ist überall nur noch Verfall, aber der Verlust des Verstandes heißt für Bill auch die Möglichkeit eines neuen Sehens, eines neuen Erlebens. Trost findet „It’s Such a Beautiful Day“ nicht in der Errettung des einzelnen Schicksals, sondern im Bewusstsein dessen, dass man Teil eines Ganzen ist. „Er begann, die Menschen in neuem Licht zu sehen“, heißt es in einer frühen Szene, „alle sind sie nicht mehr als dieses ängstliche, fragile Stammhirn, umgeben von Fleisch und Physik, viel zu sehr in Panik, um die Summe ihrer Teile zu erkennen.“


Ein echtes Multikat

Auf solche Erkenntnisse zielt auch „It’s Such a Beautiful Day“, das ist Hertzfeldts Anspruch: eine radikal subjektive Geschichte zu erzählen, ein singuläres Bewusstsein ins Zentrum zu stellen, und dann ganz tief drinnen zu bohren, aber gerade dort die ganze Welt zu finden. Bill ist ein echtes Multikat. Persönliches und Allgemeines sind hier keine Pole, sondern es schließt sich ein Kreis. Wenn man sich ausnahmsweise mal einen positiven, fast pathetischen Begriff des Affekts erlauben will: Der Affekt ist das Unpersönliche, das diesen Kreis im Innersten zusammenhält.



Hier geht es zu allen Beiträgen des Blogs "Im Affekt" von Till Kadritzke sowie vielen anderen Texten, die im Rahmen früherer Siegfried-Kracauer-Stipendien entstanden sind.


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