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Nachruf auf den Schweizer Filmemacher Francis Reusser

Mittwoch, 15.04.2020

Zeitlebens auf der Suche nach Identität und Erinnerung: Francis Reusser (1.12.1942-10.4.2020)

Diskussion

Der Schweizer Filmemacher Francis Reusser zählte zum erweiterten Umfeld der legendären „Groupe 5“, die in den 1960er-Jahren das neue Gesicht des Schweizers Kinos prägte und den revolutionären Geist aus Paris nach Genf trug. Als Verfechter eines politisch engagierten Kinos drehten sich seine Filme zeitlebens um Fragen von Identität und Erinnerung.


Der Schweizer Filmmacher Francis Reusser zählte zum erweiterten Umfeld der legendären „Groupe 5“ um Alain Tanner, Claude Goretta und Michel Soutter, die Anfang der 1960er-Jahre dank des aufgeschlossenen Westschweizer Fernsehens das neue Gesicht des Schweizer Kinos verkörperte und den Geist der kulturell-revolutionären Agitation von Paris nach Genf transferierte.

Geboren wurde Reusser am 1. Dezember 1942 in Vevey, im Kanton Waadt, am Nordostufer des Genfer Sees, der einen atemberaubenden Blick auf die nahegelegenen Alpen bietet. Aufgewachsen ist er in bescheidenen Verhältnissen, in der „neutralen“ Schweiz, die mit kriegsbedingten Versorgungs- und Flüchtlingsproblemen ihr Auskommen während der Nazi-Zeit suchte. Den Vater verlor er mit 13 Jahren, die Mutter bereits im Alter von zwei Jahren. Reusser wurde als Waise im Jugenderziehungsheim groß und entdeckte durch einen Mentor seine Liebe zum Theater. Er absolvierte ein Fotografie-Studium und eine Ausbildung bei der Télévision Suisse Romande. Die politische Aufbruchsstimmung führte ihn im Mai 1968 zur aktiven Beteiligung in einer maoistischen Bewegung in Genf.


Flucht in die vermeintliche heile (Berg-)Welt

Seine Überzeugungen setzte Francis Reusser sogleich medienwirksam um. „Vive la Mort“, sein Spielfilmdebüt im Jahr 1968, wurde von Kameramann Renato Berta fotografiert, mit dem er viele seiner Werke realisierte. Paul und Virginie, zwei junge Leute von bürgerlicher Herkunft, entsagen dem Wohlstandsversprechen und flüchten in die vermeintlich heile Bergwelt. Am Ende müssen die Eltern sterben, und die Kinder sagen, das sei alles nur der Anfang. Der Film atmet die Zeit der Rebellion, singt ein Loblied auf das linksliberale Engagement voller Freiheit und Abenteuer.

Ein Debütfilm im Zeichen unruhigen 1960er-Jahren: "Vive la Mort"
Ein Debütfilm im Zeichen unruhigen 1960er-Jahren: "Vive la Mort"

Diesen Traum von der Veränderung privater wie gesellschaftlicher Geschichte kennzeichnet auch den politischen Dokumentarfilm „Biladi, une révolution!“ (1970), in dem Reusser den Lebensalltag palästinensischer Widerstandskämpfer im Trainingslager mit Volksliedern musikalisch untermalt.

Vom Untergang der verhassten kapitalistischen Weltordnung erzählt „Le Grand Soir, Fragments" (1976), der in Locarno den „Goldenen Leoparden“ gewann. Die Hauptfigur Léon schlägt sich als Wachmann in Lausanne durch. Eher zufällig findet er Anschluss an eine militante marxistische Gruppe. Gutgläubig vertraut der Angestellte den politischen Losungen und verliebt sich in die hübsche Léa. Nachdem er den Revolutionären Waffen besorgt, wird er von der Polizei gefasst und landet im Gefängnis.

Reusser versucht, den naiven Aktivismus der jungen, großstädtischen Linken ironisch zu brechen. Die politische Ernüchterung über den bedingungslosen Klassenkampf bringt das desillusionierte (Selbst-)Bewusstsein auf den Gedanken vom Marsch durch die Institutionen. Dazu erklärte der Filmemacher: „Bevor ich etwas drehen konnte, musste ich endlich meine eigene Geschichte befragen: die Geschichte unseres Landes und der sozialen Kräfte, die uns selbst wiederum bestimmen, mich selbst, einen Arbeitersohn, mit all seinen persönlichen Erfahrungen und Beziehungen.“


Die Suche nach dem abwesenden Vater

Dass hinter der Ablehnung aller Tradition vielfach die Suche nach dem (abwesenden oder verlorenen) Vater steht, beweist der durchgängige Topos in Reussers Oeuvre. Der 1981 in Cannes prämierte Spielfilm „Seuls“ handelt nach Aussage des Regisseurs „von jungen Erwachsenen, die ihre Mütter und Väter suchen, die verschwunden sind aus unseren Realitäten und erst recht aus unseren Fiktionen“. Während einer Autofahrt durch Lausanne stößt Jean, der in einer Villa am Genfer See wohnt, im Fotoautomaten auf die Passbilder einer Frau, die seiner eigenen Mutter gleicht. Die Fotos erinnern ihn an eine unterbewusste Sehnsucht, die eine erfüllte Liebe zu seiner Freundin verhindert.

Auf der Suche nach der verlorenen Elterngeneration: "Seuls"
Auf der Suche nach der verlorenen Elterngeneration: "Seuls"

Der von Kameramann Renato Berta in melancholisches Nachtblau getauchte Film, in dem die Berge bedrohlich in den Himmel wachsen, repräsentiert eine entwurzelte Generation junger Erwachsener, die nach der Entromantisierung ihrer privaten wie politischen Träume bindungsunfähig ist, gesellschaftliche Außenseiter, auf der Suche nach der verlorenen Kindheit und sich selbst. „Seuls“ funktioniert aber auch als ein autobiografisch aufgeladener Heimatfilm, als eine Art Seelenlandschaft. Der Film ist das Porträt einer „schlafenden Schweiz“, eines verschlafenen, verspäteten Landes, das der bleiernen Zeit, der tödlichen Langeweile, zu wenig oder keinen Widerstand entgegensetzt.

In „Derborence“ (1985) nach dem gleichnamigen Roman des aus Lausanne stammenden Dichters Charles-Ferdinand Ramuz wird ein jungverheiratetes Paar im Jahr 1714 durch einen Felssturz getrennt, der den Ehemann unter sich begräbt. Als die schwangere Frau sich allmählich mit ihrem Schicksal abfindet, erscheint ein rätselhafter Fremder im Dorf und behauptet, ihr Mann zu sein. Nach kurzer Zeit zieht es den Geretteten wieder in die Berge, und seine Gattin folgt ihm. Es ist eine zeitlose, fast mythische Liebesgeschichte, mit ausgesuchten CinemaScope-Bildern vor imaginären Berglandschaften, in der sich die Sehnsucht nach einer Heimat spiegelt, mit Menschen, die im Ringen mit der Natur nach ihren Wurzeln und ihrer Bestimmung suchen. Im Zentrum steht kein vordergründiger Naturalismus, sondern eine stilisierte, fast künstliche Figurenzeichnung. Töne, Geräusche, Musiken, Gespräche werden zu einer stimmigen Polyphonie verwoben.

Mit „La guerre dans le Haut Pays“ verfilmte Reusser 1998 erneut einen Roman von Ramuz. Die schweizerisch-französisch-belgische Co-Produktion thematisiert die Besetzung des Waadtlands durch die Truppen Napoleons und den Fall der Stadt Bern im Winter 1797/98. Der Kampf zwischen Anhängern der Französischen Revolution und dem Widerstand der konservativen „Bergler“ verursachte schwere Unruhen in der Bevölkerung. Allerdings wirkt eine tragische Romeo-und-Julia-Geschichte und ein damit einhergehender Generationenkonflikt inmitten des historischen Freskos etwas aufgesetzt.


Erinnerung & Identität

Reussers Filme liefen meist nur auf Festivals; in Deutschland gelangten sie nicht in die Kinos. Auf arte war immerhin der Fernsehfilm „Voltaire und die Affäre Calas“ (2007) zu sehen. Darin begeht ein hugenottischer Tuchhändler Selbstmord, um ein christliches Begräbnis zu erlangen. In seinem eindringlichen Essayfilm „La séparation des traces“ (2018) resümierte Reusser, dass die Erinnerung für ihn heute ein großes Thema sei, da sie überall verlorengehe. Seine letzte Arbeit ist das Dokument einer Spurensuche, eine Landvermessung, die sich an den Stationen seines eigenen Lebens orientiert. Sie erzählt von der Vergänglichkeit der (Kino-)Kultur, des menschlichen Daseins, aber auch vom allgegenwärtigen Konformismus und dessen Regelwerk, durch das jeglicher Humor auf der Strecke bleibt.

Eine Vermessung der eigenen Spuren: "LA
Eine Vermessung der eigenen Spuren: "La séparation des traces"

Hart klingt auch heute noch Reussers Urteil aus den 1980er-Jahren über das Kino und seine Schweizer Kollegen, die er als Lügner und Betrüger bezeichnete: „Viele Regisseure sind ermattet, verschlafen, mutlos. Mut hat man nicht nur, wenn man Straßenschlachten filmt. Mut zeigt sich darin, wenn man sein eigenes Stück Wahrheit vermittelt, damit Grenzen überschreitet. Das fehlt dem heutigen Schweizer Film – so reich und verschiedenartig er im Vergleich zu andern Kinematografien auch noch sein mag.“


Ein Fuß im Wasser, einer in den Bergen

Über den Verfechter eines engagierten, sich gesellschaftspolitisch einmischenden Kinos, über den ambivalenten Poeten und Lyriker des Schweizer Films sagte Jean-Luc Godard in einem Interview: „Er hat die Schweiz nie verlassen, stand mit einem Fuß im Wasser, mit einem Fuß in den Bergen. Darin ähnelt er Ferdinand Hodler. Es gab sogar mal ein Filmprojekt von ihm über den (Schweizer) Maler Ferdinand Hodler.“ In der Nacht zum 10. April 2020 ist Francis Reusser nach längerer Krankheit im Alter von 77 Jahren in Genf verstorben.

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