© Kinowelt (aus „Kurzer Prozess – Righteous Kill“)

Zum Tod von Brian Dennehy

Dienstag, 21.04.2020

Ein Nachruf auf den US-Schauspieler (9.7.1938-15.4.2020)

Diskussion

Der hünenhafte US-amerikanische Darsteller und Theaterstar Brian Dennehy (9.7.1938-15.4.2020) war eine stets markante Erscheinung in Kinofilmen, dem mit der Rolle des gnadenlosen Sheriffs in „Rambo“ der Durchbruch gelang. Neben weiteren Auftritten als Gesetzesvertreter jedes Kalibers wurde er oft als gewalttätige Vaterfigur besetzt, spielte aber auch sympathische und vielschichtige Figuren wie in Peter Greenaways „Der Bauch des Architekten“


Wäre aus John Rambo jemals die sprichwörtliche Ein-Mann-Kampfmaschine „Rambo“ geworden, wenn ihm nicht ein Kleinstadt-Diktator Ruhe und Frieden geraubt hätte? Mit Sheriff Will Teasle erwächst dem von Sylvester Stallone gespielten Vietnamkriegsveteranen im ersten „Rambo“-Film (1982) aus heiterem Himmel ein gnadenloser Widersacher, der den vermeintlichen Vagabunden erst mit Drohungen aus seiner Provinzstadt befördert, ihn nach dessen Rückkehr seinen sadistischen Deputys überlässt und nach seiner Flucht so lange jagt, bis dieser den Spieß umdreht. Anders als in den späteren „Rambo“-Filmen, die aus politisch wie moralisch fragwürdigen Kämpfen gegen Menschengruppen bestehen, die scheinbar das Böse in der Welt verkörpern, ist dies letztlich ein archaischer Zweikampf. Zum ersten und einzigen Mal hat Rambo in Sheriff Teasle einen Gegner von Format, was weniger am Drehbuch als am schauspielerischen Nuancenreichtum von Brian Dennehy liegt. In seiner Interpretation ist Teasle zwar auch, aber keineswegs nur ein tumber Reaktionär. Da seine Autorität nur auf Gewalt fußt, ist in kurzem Zeitraum der Gesichtsverlust eines Mannes mitzuerleben, dessen hünenhafte Gestalt und Aggressivität nichts gegen einen wendigen Feind wie Rambo ausrichten können.

Die harte Tour gegen John Rambo, ohne zu wissen, was das auslösen wird: Brian Dennehy als Sheriff in „Rambo“ © StudioCanal
Die harte Tour, ohne zu wissen, was das auslösen wird: Brian Dennehy als Sheriff in „Rambo“ © StudioCanal

Polizisten-Rollen in allen Schattierungen

Als Mittvierziger konnte sich der 1938 geborene Brian Dennehy mit dieser Rolle im US-Kino etablieren, wo er zuvor nur die stereotypen Erwartungen an einen schwergewichtigen, 1,91 Meter großen Mann mit einem wie aus Stein gemeißelten Gesicht hatte erfüllen dürfen: Footballspieler, bullige Barmänner, unsympathische Schlägertypen und – in der Fortsetzung der langen Tradition für Schauspieler irischer Abstammung – immer wieder Polizisten. Letzteres war auch nach „Rambo“ einer der häufigsten Berufe, den er auf der Leinwand ausüben durfte, allerdings in zahllosen Schattierungen: Im Western „Silverado“ (1985) einmal mehr als Sheriff, diesmal als augenzwinkernd-korrupte Variante, in „Bestseller“ (1987) als Cop, der seine Fälle erfolgreich als Buchautor vermarktet, im Zuge einer Schreibblockade sich aber einem Profikiller andient, in „F/X – Tödliche Tricks“ (1986) als aufrechter Ermittler, der einem Unschuldigen beisteht, in „Kurzer Prozess – Righteous Kill“ (2008) als geprüfter Boss von aus der Reihe tanzenden Untergebenen.

Gesetzesvertreter, die gleichmütig und nach Vorschrift ihren Dienst versahen, waren eher nicht darunter, wie sich die Figuren von Brian Dennehy überhaupt meist an den Grenzen von Ordnungssystemen und Stimmungslagen bewegten. Immer schien es im Körper dieses gewaltigen Mannes zu brodeln, der oft so wirkte, als würde er erst lange mit seinem kräftigen Gebiss auf seiner Aggressivität herumkauen, bevor es unweigerlich doch zur verbalen Explosion kam. Diese Ausbrüche prägten nicht nur seine Polizisten-Figuren, sondern auch die Väter mit Hang zur Gewalttätigkeit, die er ebenfalls des Öfteren verkörperte, etwa Vater Montague in Baz Luhrmanns modernisierter „Romeo und Julia“-Version (1996) oder 2015 inmitten von Terrence Malicks filmischem Bewusstseinsstrom in „Knight of Cups“. Gesteigerte Angriffslust verdeckt nur notdürftig die Furcht, Schwäche zu zeigen; das einte diese Filmcharaktere von Brian Dennehy auch mit seinen großen Bühnenauftritten, bei denen er in Werken von Shakespeare, Beckett, Miller und O’Neill diese Gegensätze bis zu dem Moment zuspitzen konnte, in denen seine Figuren in ihrer ganzen Masse in sich zusammenfielen.

Brian Dennehy als leidender Künstler in „Der Bauch des Architekten“ © Concorde
Brian Dennehy als leidender Künstler in „Der Bauch des Architekten“ © Concorde

Ein menschliches Maß

Neben der gefeierten Theaterkarriere dienten Kino und Fernsehen oft mehr dem Broterwerb, bei dem Dennehy immer wieder lohnende Aufgaben zufielen. Dennehy konnte durchaus auch Sympathie oder Anteilnahme erwecken wie als wohlwollender Außerirdischer in der Komödie „Cocoon“ (1985) oder in seiner seltenen Kino-Hauptrollen in Peter Greenaways „Der Bauch des Architekten“ (1987): Ein international anerkannter Künstler, allseits um seinen Erfolg und seine hübsche, wesentlich jüngere Frau beneidet, aber voller Komplexe, die sich in Magenkrämpfen äußern, hinter denen er einen Giftangriff vermutet. Greenaways Ansatz ist zwar gewohnt kunstsinnig und interessiert sich vor allem für die Nachstellung bekannter Kunstwerke; die tendenziell überlebensgroße Figur des Architekten wird durch Dennehy jedoch stets auf seine menschlichen Maße zurückgestutzt. Auch dies war eine Qualität des Darstellers, der am 15. April 2020 im Alter von 81 Jahren verstorben ist.

Kommentar verfassen

Kommentieren