© Stephan Rabold/Bavaria Fiction GmbH/Sky

Serie: Das Boot - Staffel 2

Montag, 27.04.2020

Diskussion

Noch einmal dieses ikonische Bild: das stählerne U-Boot, wie es nadeldünn-zerbrechlich das atlantische Tosen durchsticht. Noch einmal die legendären Doldinger-Klänge. Noch einmal das Sonar, die angstgeweiteten Augen. Noch einmal die Wasserbomben, die Einschläge, die aufplatzenden Rohre, das spritzende Wasser, die panisch gebrüllten Kommandos. Noch einmal die Schleichfahrt.

Immer wieder werden diese Reminiszenzen an Wolfgang Petersens „Das Boot“ in die zweite Staffel der gleichnamigen Sky-Produktion eingestreut. Ein treffsicheres Arsenal aus Kultbildern und Schlüsselbegriffen, die dann aber doch nur oberflächlich nachhallen und die Illusion, es handele sich bei der vielbeworbenen „High-End-Serie“ um eine Neuverfilmung von Petersens Meisterwerk, nicht aufrechterhalten können. Andreas Prochaska, Regisseur der ersten Staffel, hatte den „Alten“ schon nach wenigen Minuten zu Grabe getragen und Petersens klaustrophobisches Unterseeboot-Kammerspiel um eine deutsche Bootsbesatzung im Zweiten Weltkrieg in ein historisch ausladendes Erzählstück umgewandelt. Matthias Glasner („Der freie Wille“) und Rick Ostermann („Wolfskinder“) setzen mit ihrer Inszenierung diese Abkehr vom Original in der neuen Staffel nun konsequent fort.

U-Boot-Verfolgungsjagd mit zwei gegensätzlichen Kapitänen

Statt zwei verknüpfen sie gleich drei Handlungsstränge miteinander, von denen nur einer auf See spielt, und dort nicht in einem, sondern in zwei U-Booten. Eines dieser beiden Boote, die U-822, wird von Johannes von Reinhartz (Clemens Schick) befehligt, einem geradlinigen Kommandanten, der schon lange am Sinn des Krieges zweifelt. Im zweiten, der U-612, führt der größenwahnsinnige Korvettenkapitän Wrangel (Stefan Konarske) ein tyrannisches Regiment über die zusammengewürfelte, unerfahrene Besatzung.


Wrangel, der in Staffel 1 noch gegen den grundanständigen Kaleu Hoffmann (Rick Okon) meuterte, entwickelt sich diesmal zum Gegenspieler von Reinhartz. Während der endgültig genug vom Töten hat und plant, zu desertieren, soll Wrangel ihn mit allen Mitteln aufhalten. Es entwickelt sich ein packendes Duell zweier ausstrahlungsstarker Kontrahenten; hervorragend gespielt von Konarske („Tatort“, „Der junge Karl Marx“) und Schick („Casino Royale“, „Das finstere Tal“), wie überhaupt das gesamte Serienensemble darstellerisch überzeugt. Als U-Boot-Verfolgungsjagd ist das mitreißend anzuschauen: Großartige Genre-Unterhaltung, die sich allerdings in einem derart übersichtlich arrangierten Gut-Böse-Spannungsfeld entfaltet, dass sie dadurch weitgehend belanglos bleibt.

Klar abgesteckte Grenzen zwischen Gut und Böse

Leider gilt dies mit nur wenigen Abstrichen für die gesamte zweite Staffel. Wurden in Staffel 1 die moralischen Grenzen auf beunruhigende Weise verwischt, werden sie diesmal klar abgesteckt. In dem in La Rochelle angesiedelten Handlungsstrang flieht die der Résistance angehörende Krankenschwester Margot (Fleur Geffrier) mit einem jüdischen Vater und dessen beiden Kindern vor dem eiskalten Kriminalrat Forster (Tom Wlaschiha).

Forster hat sich hierfür eigens einen sadistischen Häscher herangezogen. Für diese aus den Gossen der südfranzösischen Hafenstadt gekrochene Teufelskreatur hat Drehbuchautor Colin Teevan erschreckend tief in die Klischeekiste gegriffen. Der französische Schauspieler Paul Bartel rettet die Figur, indem er sie wie Jack Dawsons bösen Zwilling anlegt: als blutrünstigen menschlichen Straßenköter mit rauem Charme, aber ohne Gewissen.


Serienhandwerk auf gehobenem internationalem Niveau

Zwiespältige Charaktere finden sich in der neuen Staffel am ehesten noch im dritten Erzählstrang, der in den USA spielt. Dort hat es den von den Meuterern auf offener See ausgesetzten Kaleu am Ende der ersten Staffel angespült. Hoffmann bewegt sich in einem dubiosen Kreis aus Nazisympathisanten, Kriegsgewinnlern, heuchlerischen US-Politikern und rassistischen Karrieristen, die ihm helfen sollen, nach Deutschland zurückzukehren. Doch dann verliebt er sich ausgerechnet in die afroamerikanische Jazz-Sängerin Cassandra Lloyd (Rochelle Neil). Auf diese Weise findet schließlich auch die obligatorische Romanze ihren Platz im epischen Bilderbogen.

Dass der Zweite Weltkrieg und der Naziterror einer actiongeladenen Unterhaltungsserie den dramaturgischen Baustoff liefern, wirft moralisch und historisch ähnliche Fragen auf wie einst der Tunnelblick, die radikale U-Boot-Innensicht, in Wolfgang Petersens Original. Filmisch freilich war „Das Boot“, das seinem Titel noch gerecht wurde, ein Geniestreich. Die TV-Neuauflage hat damit nicht mehr viel zu tun, bietet in der zweiten Staffel aber immerhin Serienhandwerk auf gehobenem internationalem Niveau: darstellerisch oft grandios, fotografisch sauber, pointiert geschnitten und keine Sekunde langweilig.

Filmdetails
Kommentar verfassen

Kommentieren