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„Wir sind bereit“

Montag, 04.05.2020

Wie sich die deutschen Kinos auf einen Restart vorbereiten.

Diskussion

Die Kinos in Deutschland leiden massiv unter dem Lockdown. Seit bald acht Wochen stehen die Lichtspielhäuser leer, mit gravierenden finanziellen Folgen. Alle warten deshalb sehnsüchtig darauf, die Türen wieder aufschließen zu dürfen. Um den „Restart“ zu beschleunigen, haben die Kinos ein umfangreiches Schutz- und Hygiene-Konzept erarbeitet.


Je länger der Corona-Lockdown dauert, desto nervöser werden die Kinobetreiber. Denn ihre Kosten laufen weiter, während bei geschlossenen Kinosälen praktisch keine Einnahmen erzielt werden. Der Branchenverband HDF Kino e.V schätzt, dass die deutschen Filmtheater aufgrund der Komplettsperrung jede Woche Ertragsverluste von 17 Millionen Euro erleiden. Zwar haben Bund, Länder und Fördereinrichtungen Hilfsprogramme aufgelegt, doch diese erreichen nicht alle Arten von Kinos. Umso dringlicher werden die Rufe der Kinobetreiber nach einem Signal für eine baldige Wiedereröffnung. Immerhin haben sich die Kinoverbände bereits intensiv Gedanken über neue Sicherheits- und Hygienemaßnahmen gemacht.

Während in Portugal die Kinos schon am 1. Juni wieder aufsperren dürfen, müssen die Filmtheater in Österreich wohl noch bis mindestens Ende August warten. Die deutschen Kinobetreiber wissen dagegen noch gar nicht, wann es wieder losgeht. Im Gegensatz zu Museen, Freizeitparks und Zoos, die gerade grünes Licht bekommen haben. Aktuell sieht es so aus, dass es wohl eher noch länger dauert, bis die Leinwände wieder bespielt werden können.

Denn Ende April haben Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen einen gemeinsamen Plan vorgelegt, wie Kultur, Tourismus und Gastronomie wieder ins Laufen gebracht werden können. Dieser Plan soll in die Konferenz der Wirtschaftsminister eingebracht werden. Die erste Stufe sieht vor, Zoos, Gartenschauen, Museen usw. zu öffnen. Stufe Zwei umfasst die Öffnung von Restaurants, Cafés und Biergärten, wenn auch mit deutlich reduziertem Volumen. Erst in der dritten Stufe können Kinos, Theater und Konzerthäuser mit einer Freigabe rechnen. Das dürfte also noch dauern.

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Schutz- und Hygieneplan

In der Zwischenzeit haben die Branchenverbände HDF Kino e.V und AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater einen Schutz- und Hygieneplan für die Wiederöffnung ihrer Mitgliedsbetriebe entwickelt. Darin geht es einmal um den Schutz der Mitarbeitenden. Neben den üblichen Hinweisen auf Abstandhalten, Handhygiene, Husten- und Niesetikette sowie Schutzmasken und Handschuhe ist der Einsatz von Schutzscheiben an Kassen und Tresen, kontaktlose Ticketkontrollen und kürzere Reinigungsintervalle in den Kinos vorgesehen.

Zum Schutz der Besucher empfehlen die Verbände, die Abstandsregelungen strikt einzuhalten. Stichworte sind hier: feste Sitzplätze zuweisen, Sitze freilassen und Saalauslastung beschränken, zeitversetzter Filmbeginn und Auslass durch die Notausgänge. Zudem sollen Kunden Tickets vorrangig online kaufen und Snacks und Getränke kontaktlos zahlen. Weiter wird empfohlen, Säle und Foyers regelmäßig zu lüften. Der Plan zitiert zudem den Fachverband Gebäude Klima e.V. mit der Aussage, dass eine Übertragung von Corona-Viren über Lüftungs- und Klimaanlagen nahezu ausgeschlossen sei.

Ein Teil des Kinokonzepts: Sitze freilassen © Sony
Ein Teil des Kinokonzepts: Sitze freilassen © Sony

Noch konkreter wird Kim Ludolf Koch, der Geschäftsführer der Cineplex Deutschland GmbH & Co. KG, unter deren Dach 26 mittelständische Kinobetreiber mit 91 Kinos in 67 Städten operieren. Koch beurteilt mögliche Auflagen zu Hygiene, Abständen und Saalauslastung als relativ unproblematisch und leistbar. „Es können einzelne Plätze ebenso wie komplette Reihen freigehalten werden. Auch in den Foyers lassen sich Abstandsregeln durch Markierungen organisieren oder durch Maßnahmen wie zeitversetzte Filmanfangszeiten etc.“ Nach seiner Ansicht falle der Risikofaktor für eine Corona-Infektionsverbreitung bei einem Kinobesuch geringer aus als in der Gastronomie oder im Einzelhandel, wo es weit dynamischer zugehe. „Die Besucher sitzen im Kinosaal mit entsprechendem Abstand und womöglich noch mit Maske. Während der Vorführung wird nicht gesprochen, und alle schauen in eine Richtung.“ Es sei allerdings zu befürchten, dass die Kinos erst nach der Gastronomie eröffnen dürften. Das wäre allerdings „fatal“, so Koch. Für ihn ist klar: „Innerhalb der Öffentlichkeit gibt es kaum einen sichereren Ort als das Kino.“

Die AG Kino glaubt, dass der Hygieneplan gute Aussichten auf Zustimmung hat. „Wir sind überzeugt, dass ein solcher mit Auflagen versehener Betrieb nicht nur einen Kahlschlag in der Kinolandschaft verhindert, sondern auch langfristig die Akzeptanz für hohe Infektionsschutzauflagen in der Bevölkerung erhält“, konstatiert der Vorsitzende der AG Kino, Christian Bräuer. Er warnt allerdings auch, dass viele Kinos durch die Corona-Krise in ihrer Existenz bedroht seien. „Wenn diese Kinos jetzt von der Landschaft verschwinden, werden sie unwiederbringlich verloren sein.“

Erste Kinos in Existenznöten

Der HDF-Kino-Verband erklärte dazu unlängst, dass sich die Lage der 1734 Lichtspielhäuser dramatisch zugespitzt habe. In einer Mitgliederbefragung vom 15. April gaben erste Betriebe an, dass sie ohne weitere Hilfen in den kommenden vier Wochen Insolvenz anmelden müssten. 58 Prozent der befragten Kinos erklärten, dass sie nur noch zwei bis drei Monate durchhalten könnten.

Zwar gaben 75 Prozent der an der Umfrage Beteiligten an, dass sie bereits erste Zahlungen in Form von Kurzarbeitergeld, Soforthilfen oder Krediten erhalten haben. Diese Gelder fangen aber bei Weitem nicht den Einnahmeverlust auf, der für den Fall einer dreimonatigen Betriebssperrung laut HDF Kino auf 186 Millionen Euro zu veranschlagen sei. Dazu komme, dass es für Kinos mit mehr als sieben Sälen weiterhin keine direkten Zuschüsse gebe. „Diese Häuser machen aber ungefähr die Hälfte des Marktes aus“, schreibt der Verband.

Die Gastronomie darf womöglich früher wieder öffnen als die Kinos © Walt Disney
Die Gastronomie darf womöglich früher wieder öffnen als die Kinos © Walt Disney

Um eine drohende „kulturelle Verödung“ zu verhindern, haben HDF Kino und AG Kino einen Drei-Punkte-Plan entwickelt: Die Branchenverbände fordern Soforthilfen zum Erhalt des Kulturorts Kino und zur Abwendung eines Kinosterbens, einen Fahrplan zur Wiedereröffnung mit dem Ziel, dass die Kinos spätestens im Juli wieder ihre Türen öffnen können, und eine Starthilfe für die Kinobranche in der Phase der Wiedereröffnung mit begrenzten Kapazitäten.

In diesem Zusammenhang erinnert Thomas Negele, der Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO), der 17 Berufsverbände der Film-, Fernseh- und Videowirtschaft mit mehr als 1100 Firmen angehören, daran, dass die Kinos bei der Wiedereröffnung bereits an erste Sicherheitsmaßnahmen vor dem Lockdown anknüpfen könnten: „Wir haben vor der Kontaktbeschränkung Erfahrungen gesammelt und nur jeden zweiten Sitzplatz verkauft, für entsprechenden Abstand an den Kassen und Verkaufsständen gesorgt und alle Events abgesagt.“ Ein solches Reglement müsste man für eine gewisse Zeit wahrscheinlich wieder einführen, so Negele.

Filmnachschub muss gesichert sein

Eine weitere wichtige Voraussetzung für den Restart ist die Verfügbarkeit attraktiver Kinofilme, wie Negele betont: „Wir benötigen dann unbedingt Filme wie ,Die Känguru-Chroniken‘. Der Film von Dani Levy war gerade dabei, eine Million Zuschauer zu erreichen, und ist noch nicht abgespielt.“ Hier seien vor allem die Filmverleiher gefragt, die schnell einen Überblick über spielbare Filme liefern müssten. „Kinos benötigen jeden Monat zwei Blockbuster, damit sie die anderen Filme mitziehen. Ich weiß im Moment leider nicht, welche Filme das sein werden. Weder den Kinos noch den Verleihern oder Produzenten ist damit geholfen, Filme ins nächste Jahr zu verschieben.“

"Die Känguru-Chroniken" haben ihr Kino-Potenzial noch nicht ausgeschöpft © X Verleih/Warner Bros.
"Die Känguru-Chroniken" haben ihr Kino-Potenzial noch nicht ausgeschöpft © X Verleih/Warner Bros.

Negele, der in Sinsheim das Kino „Citydome“ führt, treibt deshalb vor allem die Sorge um, dass den Kinobetreibern bei der Wiedereröffnung zugkräftige Filme fehlen. Daher sei es für die gesamte Branche „das Wichtigste, das der Neustart der Kinos abgestimmt erfolgt. Ein Regelungswirrwarr zwischen den Bundesländern wäre fatal.“

Um eine optimale Versorgung mit Filmen für eine Wiederinbetriebnahme zu erreichen, schlägt der Branchenverband HDF Kino vor, sich eng mit den Verleihern abzustimmen. Die Vorsitzende Christine Berg schlägt eine Strategie an, die auf drei Säulen basiert. „Die erste Säule betrifft die Kriterien für eine Wiedereröffnung der Kinos. Wir erarbeiten gerade einen Kriterienkatalog, den wir der Bundesregierung vorlegen möchten. Die zweite Säule betrifft das Filmangebot. Alle sind sehr unsicher, ob es zu viele oder zu wenig Filme geben wird.“ Deshalb sei der Dialog in der Branche wichtig, da man nur so den Beteiligten ihre Ängste nehmen könne. „Die dritte Säule ist das gemeinsame Marketing. Dazu führen wir Gespräche.“

Independent-Verleiher sind einsatzbereit

Die AG Verleih, ein Zusammenschluss kleinerer unabhängiger Filmverleiher, hat sich bereits auf verschiedene Szenarien für einen Restart vorbereitet, wie Björn Hoffmann betont: „Eine große Auswahl an attraktiven Filmen, die aufgrund der Schließung kaum ausgewertet werden konnten, steht zu besonderen Konditionen sofort zur Verfügung. Darüber hinaus sind wir in der Lage, auch sehr kurzfristig neue, starke Filme zu liefern und mit den notwendigen Marketingmaßnahmen zu begleiten.“ Die vorliegenden Sicherheitskonzepte seien überzeugend und würden sicher auch beim Publikum Vertrauen schaffen.

Was die Umstände eines Restarts angeht, so zeigt sich Holger Pfaff, der Geschäftsführer des Kölner Cinedom, vorsichtig: „Nach der Wiedereröffnung ist besondere Sensibilität gefordert, da der Markt und unsere Besucher Zeit brauchen werden, bis wir wieder von Normalität sprechen können. Diese wird eine andere sein als die, die wir kannten.“ Es werde sicher dauern, „bis Vorbehalte und Verunsicherungen gegenüber großen Menschenansammlungen verarbeitet sind und die Kunden einen Kinobesuch wieder unbeschwert genießen können“, glaubt Pfaff: „Ich rechne daher zu Beginn mit eher verhaltenen Besucherzahlen, wobei auch das Filmangebot ausschlaggebend sein wird.“

Um den Kontakt vor allem mit dem Stammpublikum bis zu einer Wiedereröffnung aufrechtzuerhalten beziehungsweise zumindest kleine Umsätze zu generieren, haben etliche Kinobesitzer viele Aktionen gestartet. Thomas Rüttgers, Geschäftsführer des „Weltspiegel“-Kinos in Mettmann, berichtete, dass das Kino regelmäßig in den Sozialen Medien präsent sei, in der ersten Woche nach der Schließung einen Lagerabverkauf durchgeführt, in der zweiten Woche einen Malwettbewerb und kurz vor Ostern eine Gutscheinaktion durchgeführt habe. „Direkt nach Ostern starteten wir mit dem ersten Mini-Autokino in unserer Gegend. Auf einer etwa 18 Quadratmeter großen LED-Wand zeigen wir pro Tag mindestens zwei Filme für jede Altersgruppe.“

Schlangen an der Kasse? Auf unabsehbare Zeit nicht möglich © Warner
Schlangen an der Kasse? Auf unabsehbare Zeit nicht möglich © Warner

Gutscheine als Vertrauensbeweis

Das Angebot, Gutscheine für einen Kinobesuch in der Zukunft zu erwerben, kam auch in Leipzig gut an. Die Treue der örtlichen Kinofreunde sei sehr erfreulich, sagte Petra Klemann von den „Passage“-Programmkinos. „Bei einer Gutschein-Aktion im Netz haben sich über Ostern binnen kürzester Zeit über 500 Fans für Online-Gutscheine entschieden.“

Manche Kinobetreiber haben schon konkrete Vorkehrungen für die Zeit getroffen, wenn es wieder losgeht. Wolfram Weber, der in Nürnberg das Cinecittà, eines der größten Multiplexe Europas, betreibt: „Wir haben unsere Ticketsoftware so vorbereitet, dass wir zwischen gekauften Tickets ein bis zwei Plätze freilassen und auch nur jede zweite Reihe verkaufen können. Theoretisch könnten wir im Mai mit Auflagen loslegen. Wir rechnen aber eher damit, dass dies wohl erst ab Juli möglich sein wird.“ Kinobetreiber müssten trotzdem von Haus aus einfach „Berufsoptimisten“ sein.

Wiedererwachte Lust auf Kinoerlebnis

Die Hoffnungen viele Kinomacher werden von einer Umfrage des Unternehmens S&L Research unter 865 Kinogängern genährt. Sie ergab: „Schon einen Monat nach der Schließung der deutschen Kinos vermissen bereits zwei Drittel der Umfrageteilnehmer den Kinobesuch.“ Demnach gaben 93 Prozent der Befragten an, „sehr wahrscheinlich“ oder „wahrscheinlich“ wieder ins Kino gehen zu wollen. Knapp hinter dem Kinobesuch folgt mit 91 Prozent der Besuch von Restaurants. Die Werte für Fitnesscenter (71 Prozent), Sportveranstaltungen (54 Prozent) und Clubs/Diskotheken (51 Prozent) lagen teils deutlich darunter.

Die Frage ist allerdings, wie lange es dauert, bis aus einer erklärten Bereitschaft zur Rückkehr ein tatsächlicher Besuch wird. 25 Prozent der Befragten glauben, dass sie „sofort nach Öffnung“ ins Kino gehen werden, weitere 38 Prozent „innerhalb weniger Wochen“. Bei diesen Fragen schnitten der Öffentliche Nahverkehr (48 und 24 Prozent), Fitnesscenter (42 und 19 Prozent) sowie Restaurants (33 und 38 Prozent) besser ab. Auf wenig Gegenliebe stieß allerdings die Aussicht, für neue Sicherheitsstandards mehr bezahlen zu müssen: 40 Prozent lehnten einen deswegen erhöhten Eintrittspreis ab, 29 Prozent würden dies akzeptieren.

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