© Eduardo Castaldo/WILDSIDE Srl/MOWE Srl/UMEDIA

Meine geniale Freundin - Staffel 2

Donnerstag, 07.05.2020

Die Fortsetzung der italienischen Serienadaption von Elena Ferrantes Romanzyklus über die tiefe Freundschaft zweier aus Neapel stammender Frauen.

Diskussion

Die Fortsetzung der italienischen Serienadaption von Elena Ferrantes Romanzyklus über die tiefe Freundschaft zweier aus Neapel stammender Frauen. Mittlerweile sind die Protagonistinnen Lila und Elena 16 Jahre alt und starten in ein konfliktreiches Erwachsenenleben. Es droht die Entfremdung voneinander – und von den eigenen Lebensträumen.


Als Lila ihrer besten Freundin von der brutalen Vergewaltigung durch den eigenen Ehemann in der Hochzeitsnacht erzählt, tut sie dies vollkommen emotionslos. Und es ist ihre Zuhörerin Elena, die weint. Diese Szene, wie sie in der ersten Folge der zweiten Staffel von „Meine geniale Freundin“ zu sehen ist, ist bezeichnend für das sehr spezielle, symbiotische Verhältnis zwischen Lila und Elena. Die Grundlage der Serie, die Romantetralogie „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante, lebt von der vielschichtigen Beziehung zwischen den beiden seit Kindertagen befreundeten Frauen, in der sich die Grenzen zwischen den Identitäten ständig verschieben beziehungsweise aufzulösen scheinen. Wer hier wer ist, wer hier wessen Leben, wessen Wünsche, wessen Talente und wessen Gefühle lebt, ist häufig unklar. Und immer wieder scheint es gar, als wären Lila und Elena im Grunde eins, gewissermaßen zwei Seiten derselben Medaille.

Die zweite Staffel hält das hohe Qualitätslevel

So erzählen es die vier Bände von Elena Ferrante, und so erzählt es auch deren TV-Adaption, die die italienische RAI zusammen mit dem US-amerikanischen Kabelsender HBO auf die Beine gestellt hat: Die zweite Staffel der „Genialen Freundin“ bemüht sich, wie schon ihre Vorgängerstaffel, bei aller notwendigen Kürzung um weitgehende Werktreue. Um es gleich vorwegzunehmen: Auch ansonsten bewegen sich die neuen acht Episoden, die ab 7. Mai 2020 bei Magenta TV zu sehen sind, qualitativ und ästhetisch auf einem ähnlichen und auch ähnlich hohen Level wie die erste Staffel, die im Mai 2019 in Deutschland ausgestrahlt wurde. Lieferte damals der erste Band der Tetralogie die Vorlage, ist nun der zweite Roman dran, „Die Geschichte eines neuen Namens“.

Gaia Girace als Lila
Gaia Girace als Lila

Roman wie zweite Staffel beginnen unmittelbar nach der Hochzeit zwischen Lila (Gaia Girace) und dem Lebensmittelhändler Stefano Carracci (Giovanni Amura), Lila und Elena sind nun 16 Jahre alt. Es sind die 1960er-Jahre, Schauplatz ist nach wie vor Neapel beziehungsweise der „Rione“, das ärmliche Viertel, aus dem alle Protagonisten stammen. Während Stefano sein Glück kaum fassen kann, dass sich die ebenso umschwärmte wie rebellische Lila für ihn entschieden hat, hat sich seine frisch Angetraute schon während der Hochzeitsfeier innerlich von dieser Ehe verabschiedet. Wurde doch beim Fest mit dem Auftauchen der lokalen Camorristi, den Solara-Brüdern, offenbar, dass Stefano weder Moral noch Rückgrat kennt, wenn es ums Geschäft geht. Schlimmer noch: Indem er dem verhassten Marcello Solara seine einst von Lila selbst entworfenen Schuhe überließ, beging er den größtmöglichen Verrat an seiner jungen Ehefrau. Auf der Fahrt in die „Flitterwochen“ an der Amalfiküste kommt es deshalb zum Streit, im Hotel dann zu Schlägen und der ersten von vielen noch folgenden Vergewaltigungen.

Dem „Rione“ und seinen Strukturen zu entkommen, ist kaum möglich

Die ansonsten so fleißige Elena (Margherita Mazzucco) lässt derweil ihre hart erkämpfte Schullaufbahn schleifen: Der Abschied der besten Freundin und zugleich größten Rivalin ins vermeintliche „Erwachsenenleben“ hat sie aus der Bahn geworfen. Sie lässt sich treiben – was sich auch in ihrer Wankelmütigkeit bezüglich ihres mehr oder weniger festen Freundes Antonio (Christian Giroso), eines Automechanikers, und ihrer Schwärmerei für den sich intellektuell gebenden Nino Sarratore (Francesco Serpico), dessen Familie den Absprung aus dem Rione geschafft hat, manifestiert. Dazu gehört ihr sexuelles Erwachen, das sie heimlich mit Antonio auslebt. Der Rest der Clique hat sich ebenfalls zu Pärchen zusammengefunden: Der Maurer und Kommunist Pasquale mit Antonios Schwester Ada, Lilas Bruder Rino mit Stefanos Schwester Pinuccia, der Gemüsehändler Enzo mit Pasquales Schwester Carmela – viel Auswahl gibt es nicht in den engen Grenzen des Viertels. Und sowohl Ada, Pinuccia als auch Carmela arbeiten in der neuen beziehungsweise der alten Salumeria von Stefano.

Denn dem Rione und seinen festgelegten Strukturen zu entkommen, ist kaum oder nur unter größten Anstrengungen möglich: Ein weiteres zentrales Thema in den Bänden der „Genialen Freundin“ und der darauf basierenden, erneut von Elena Ferrante selbst zusammen mit Regisseur Saverio Costanzo sowie Laura Paolucci und Francesco Piccolo geschriebenen TV-Adaption. Lila und Elena versuchen es dennoch: Die eine mit einer reichen (aber unglücklichen) Heirat, die ihr eine schicke Wohnung in einem Neubauviertel beschert, die andere mit dem steinigen Weg von Schule und Bildung.

Margherita Mazzucco als Elena
Margherita Mazzucco als Elena

Das Gefühl, eine Fremde im eigenen Leben zu sein

Lila bezahlt mit Unfreiheit für ihren Traum von der Freiheit. Ausgerechnet sie, die immer schon von der Angst vor der eigenen „Auflösung“ besessen war (und die in der Rahmenhandlung der Tetralogie spurlos verschwindet, womit die Spurensuche der Ich-Erzählerin Elena beginnt), geht mit ihrer Heirat einen ersten Schritt in diese Richtung – indem sie ihren Namen abgibt und den ihres Mannes annimmt. Kein Wunder, dass sich noch vor der ersten körperlichen Gewalttat alles in ihr gegen diese Ehe sträubt.

Lilas Fremdheitsgefühl ihrem neuen Leben gegenüber wird filmisch stimmig umgesetzt, etwa in der Szene, in der Stefano und Lila von der Amalfiküste zurückkehren und die ganze Familie das blaue Auge der frisch Vermählten ignoriert: Mithilfe von Lilas vereinzelter Position im Raum, einer prägnanten, sich von den Verwandten entfernenden Kamera (Francesca Calvelli) und der melancholischen Musik von Max Richter vermittelt sich sehr anschaulich das Empfinden der jungen Ehefrau, ein Leben „wie unter Glas“ zu führen. Auch ansonsten überzeugt die Bildgestaltung: Etwa wenn Stefano mit Zigarette im Mund zur geradezu teuflischen Fratze hinter der Milchglastür des Badezimmers wird. Oder die beim gemeinsamen Abendessen über Ehegattenmord sinnierende Lila aus extrem tiefer Perspektive gefilmt ist, was große Spannung erzeugt.

Das größte Pfund der Serie sind die SchauspielerInnen

Die anderen Gewerke leisten ebenfalls ganze Arbeit; stellvertretend seien hier besonders die gelungenen Kostüme hervorzuheben. Wie schon in den ersten acht Folgen wirkt das im realen Caserta bei Neapel aufgebaute Außenset des Rione, mit rund um einen gesichtslosen Platz gewürfelten Mietskasernen an den Bahngleisen, allerdings etwas zu kulissenhaft. Andererseits hat man sich daran ja bereits gewöhnt, und dieser Eindruck ändert sich auch, sobald man die liebevoll ausgestatteten Räume betritt: Sei es die dunkle, höhlenartige Wohnung von Elenas Familie, sei es die Bar der Solaras, sei es die im kühlen Chic der 1960er-Jahre eingerichtete neue Wohnung von Lila.

Die Freundinnen in einem Lebensabschnitt, der sie zu trennen droht.
Die Freundinnen in einem Lebensabschnitt, der sie zu trennen droht.

Das größte Pfund dieser Produktion aber sind die durchweg gut besetzten SchauspielerInnen, die ihre Figuren erneut fulminant zum Leben erwecken. Allen voran die perfekt ausgewählten Hauptdarstellerinnen Margherita Mazzucco und Gaia Girace, von denen man kaum glauben mag, dass die Serie ihre erste Schauspielarbeit ist. Den Part der Ich-Erzählerin aus dem Off, der gealterten Elena, übernahm übrigens erneut Alba Rohrwacher – ihre Schwester Alice Rohrwacher, zuletzt als Regisseurin von „Glücklich wie Lazzaro“ erfolgreich, inszenierte in Staffel 2 die Folgen 4 und 5. Eine weitere Neuerung betrifft den Vorspann, der mit seiner kleinen Zeitreise eleganter, nostalgischer, berührender daherkommt als jener der ersten Staffel.

Die lokale Sprachfärbung fällt in der Synchronfassung weg

Ein Jammer bloß, dass in der deutschen Synchronisation, in der alle durchweg Hochdeutsch sprechen, die dialektale Ebene fehlt: In der literarischen Vorlage wie der Originalfassung der Serie stellt diese in ihrem Gegensatz zum Hochitalienischen schließlich einen wichtigen Baustein zur Modellierung von Positionen, Rollenzuschreibungen und Sprechsituationen dar. Klar ist jedoch auch, dass man diesem Problem keinesfalls mit irgendeinem deutschen Dialekt hätte beikommen können – zum Glück aber gibt es bei Magenta TV die Möglichkeit, die Serie im Original mit deutschen Untertiteln zu sichten.  Alles in allem ist diese Adaption also höchst gelungen, auch und gerade für Fans der Romane. Das Okay für eine dritte Staffel liegt erfreulicherweise bereits vor.

Filmdetails
Kommentar verfassen

Kommentieren