© Alamode (aus „Ihr werdet euch noch wundern“)

Monsieur Cinéma

Dienstag, 19.05.2020

Der französische Schauspieler Michel Piccoli ist mit 94 Jahren gestorben

Diskussion

Rund 70 Jahre Filmgeschichte schrieb der französische Schauspieler Michel Piccoli mit, in denen er vom Marquis de Sade bis zum Papst und vom Giftmischer bis zum Charmeur unzählige denkwürdige Kinoauftritte versammelte. Als Favorit von Regisseuren wie Luis Buñuel, Marco Ferreri und Manoel de Oliveira war er im europäischen Autorenkino hochpräsent, glänzte aber auch immer wieder in kleinen Rollen, die seiner Vorliebe fürs Unberechenbare entsprachen. Am 12. Mai ist er im Alter von 94 Jahren gestorben.


Es gibt sie wirklich, die Schlüsselszenen eines Films, in denen die ganze Persönlichkeit eines Schauspielers aufscheint. Oft handelt es dabei um ganz kleine Szenen, wenn wir zum Beispiel in Louis Malles Eine Komödie im Mai Michel Piccoli gleich zu Beginn des Films das erste Mal in die Augen schauen und er sich mit seinem so einnehmend markanten Lächeln einführt, nachdem gerade noch sein ganzes Gesicht unter einer Maske verborgen war, die ihn vor den Stichen der Bienen schützen sollte. Mit einer heftigen Bewegung reißt er diese herunter und es ist alles schon da: sein Lächeln, seine Präsenz und diese ganz besondere Leidenschaft, mit der er uns, sein Publikum, zu verzaubern vermag. Ob als Giftmischer oder als Charmeur und Verführer. Das ist in diesem Augenblick noch nicht klar. Erst als er sehr viel später in einen Bach steigt und sich selbst als Köder für die Flusskrebse darbietet, was er mit geschlossenen Augen zu genießen scheint und dann seine Hände triumphierend in den Himmel hebt, mit einem dieser Tierchen an jedem seiner Finger, dann ahnen wir, wohin die Reise geht in diesem Film. Michel Piccolis Schauspielkunst war stets geistreich und klug.

Weswegen er es auch schaffte, noch in den kleinsten Rollen zu glänzen und auch als kleiner Nebendarsteller mit nur wenigen Szenen lange im Gedächtnis zu bleiben. Oft spielte er Kleinkriminelle und faszinierend doppelbödige Figuren. Und er drehte mit den wichtigsten Regisseuren des europäischen Kinos: Mit Luis Buñuel, mit Jean-Luc Godard, mit Louis Malle, Alain Resnais und mit Jacques Rivette und Manoel de Oliveira. Ein gigantisches Werk von mehr als 220 Filmen ist so zu Stande gekommen, immer wieder mit dem bedeutendsten der französischen Charakterdarsteller im Mittelpunkt.

Michel Piccoli als vitaler Gutsbesitzer in "Eine Komödie im Mai"
Michel Piccoli als vitaler Gutsbesitzer in "Eine Komödie im Mai"

Ein Faible für unberechenbare Figuren

Immer wieder glänzte er auch als gewalttätige unberechenbare Figur, zum Beispiel in Claude Faraldos Parabel vom wilden anarchistischen Urmenschen, der in uns allen steckt – in Themroc (1972). Als entfesselter Fensterputzer mauert Piccoli da seine Wohnungstür zu, bricht aber die Außenwand heraus und schafft sich so eine Urhöhle, in der er hemmungslosen Sex haben, toben und wüten und sogar störende Polizisten am offenen Feuer braten kann. Er wird zum provozierenden Gegenentwurf der Gesellschaft, die ihn zu bekämpfen beginnt, ihm aber nur eine unglaubliche Vielfalt an Grunzlauten entlocken kann. Einer der radikalsten Schauspielerfilme, die Piccoli je gedreht hat und der in den Anfängen der Programmkinos Kultstatus erreichte.

An den Sympathien des Publikums für ihn änderte dieses deutlich anarchistische Statement jedoch überhaupt nichts, ebenso wenig wie seine fast zeitgleichen Auftritte als eiskalter Serienkiller in Trio Infernal von Francis Girod und als skrupelloser Giftmischer in Claude Chabrols Blutige Hochzeit bekannt geworden. Auch seine Rolle in Belle de Jour von Luis Buñuel ist ebenfalls nicht groß. Dafür hat er aber eine ganz besondere Präsenz. Als Freizeitzuhälter aus dem bürgerlichen Milieu und Freund der Familie führt er einer zur Hure gewordenen Hausfrau (Catherine Deneuve) wohlhabende Kunden zu. In seinen Augen blitzt dabei stets etwas Teuflisches.

Mit Catherine Deneuve in "Belle de Jour"
Mit Catherine Deneuve in "Belle de Jour"

Der Durchbruch mit Hut in der Badewanne

Seinen ersten Film drehte Michel Piccoli schon 1944, es folgte unter anderem die Zusammenarbeit mit Jean Renoir in dessen Hommage an die Pariser Halbwelt French Can Can. Seinen Durchbruch feierte er aber erst 1963 bei Jean-Luc Godard als Schriftsteller an der Seite von Brigitte Bardot in Die Verachtung. Die Figur verpasst den Moment, ihrer Freundin ihre Liebe zu beweisen und erleidet dafür die Strafe der Verachtung. Als hochaufgeschossener Gockel ist Piccoli Supermacho und kraftloser Dandy zugleich. Die berühmte Sequenz mit der Bardot in der Badewanne ist eine der vielschichtigsten Liebesszenen der Filmgeschichte und machte Piccoli, der selbst in dieser Szene – wie auch sonst selten – seinen Hut niemals abnimmt, schon 1963 zum Kultstar mindestens der französischen „Nouvelle Vague“.

Piccoli, auch als Theaterschauspieler und zeitweise sogar Theaterdirektor in Paris aktiv, war auch stets politisch engagiert und meldete sich mehr als einmal zu den Fragen der Zeit zu Wort. Besonders bedeutsam in Piccolis Schauspielerleben war Luis Buñuel, mit dem er lebenslang befreundet blieb.

Schon die Titel der sieben Filme, die er mit dem Meisterregisseur drehte, beschreiben ganz gut das gesamte thematische Bedeutungsfeld, in dem sich Michel Piccoli stets bewegte.1972 drehte er mit ihm Der diskrete Charme der Bourgeoisie, 1974 Das Gespenst der Freiheit, 1977 war er auch an Buñuels letztem Film Dieses obskure Objekt der Begierde beteiligt, in dem er Hauptdarsteller Fernando Rey die Stimme lieh. Zu den weiteren stilbildenden Filmen, an denen Piccoli mitwirkte, gehörte auch noch in der Tradition seiner Buñuel-Filme 1973 Das große Fressen des italienischen Regieprovokateurs Marco Ferreri (mit dem er ebenfalls sieben Filme drehte). Auch zu der jüngeren Generation der französischen Filmemacher nahm Piccoli den Kontakt auf. Er drehte mit Léos Carax dessen umstrittenen Film Die Nacht ist jung und zuletzt wirkte er 2012 in dessen Meisterwerk Holy Motors mit.

Als Maler in "Die schöne Querulantin"
Als Maler in "Die schöne Querulantin"

Piccoli mochte keine einfachen Rollen

Bekannt wurde Michel Piccoli auch durch seine außergewöhnlichen Partnerinnen, mit denen er jeweils ein Idealpaar formte: Romy Schneider, Jeanne Moreau, Anouk Aimée, Juliette Binoche. Und in Habemus Papam spielte Piccoli bei Nanni Moretti den Papst, einen heftig zweifelnden allerdings, so als hätte er die kommenden Ereignisse um Papst Franziskus schon vorausgeahnt. Michel Piccoli mochte keine einfachen Rollen. Und machte Jacques Rivettes Meisterwerk Die schöne Querulantin (derzeit zu sehen in der arte-Mediathek) nach einer kleinen Erzählung von Honoré de Balzac 1991 zur definitiven Studie eines Künstlers, der an seinem Werk (ver)zweifelt, so sehr Piccoli als Bildhauer Frenhofer auch aus Emmanuelle Béart buchstäblich deren wahres Geheimnis „herauszukneten“ versucht, das dennoch verborgen bleibt.

1995 dann machte Agnès Varda Piccoli liebevoll zu ihrem Monsieur Cinéma in einem Film-Essay zur 100-jährigen Geschichte des Films. Und 2001 nahm Piccoli bei Manoel de Oliveira in dessen Film Ich geh’ nach Hause als gefeierter Theaterdarsteller von seinem Leben als Schauspieler leise Abschied – mit genau diesen Worten, die er in einem melancholisch getönten Finale fast flüstert. Am 12. Mai 2020 ist dieser einmalige große Schauspieler, wie jetzt erst mitgeteilt wurde, an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Nur auf der großen Leinwand können wir diesen König des Kinos also noch erleben.


Hinweis: In der arte-Mediathek ist derzeit neben dem Spielfilm Die schöne Querulantin auch das Porträt Der erstaunliche Monsieur Piccoli zu sehen.

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