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Im Affekt #9: Frischluftfilmchen

Freitag, 22.05.2020

Freiluftkinos? - Nur ein geringer Trost in kinoarmen Zeiten

Diskussion

Freiluftkinos dürften wohl das geringste Problem mit der neuen Conditio Corona haben und bald wieder öffnen. In seinem Affekt-Blog denkt Till Kadritzke darüber nach, warum auch das nur ein schwacher Trost in kinoarmen Zeiten wäre.


Kino ist nicht Filmegucken. Ich mag es, im Freiluftkino Filme zu gucken, aber es hat für mich wenig bis gar nichts mit Kino zu tun, weshalb die Angelegenheit vielleicht einfach nur schlecht benannt ist. Kino heißt eingesperrt sein. Kino bedeutet eine nicht unterwürfige, aber doch vollständige Hingabe, die in dem Moment einsetzt, in dem die Lichter ausgehen.

Im Kino gucke ich nicht auf die Uhr, im Kino will ich nicht wissen, wie lange der Film noch dauert, ich will nicht darüber nachdenken, was ich vorher gemacht habe, was ich danach mache, mit wem ich da gerade so sitze und wie ich zu dieser Person stehe. Kino heißt, für eine gewisse Zeit andere Dinge zu sehen, andere Dinge zu denken, andere Dinge zu wissen, andere Dinge zu begehren, anders zu sein – lebendig, aber unbiografisch.

Kino schafft eine andere Welt

Kino heißt, einen anderen Blick aufs Leben (auf die Dinge, aufs Dasein, auf das Politische etc.) zu gewinnen, nicht weil man sich bloß emphatisch in andere hineinversetzt, sondern weil das Gesicht eines Menschen oder ein nervöser Blick oder eine Zigarette in der Hand oder ein Auto im Rückspiegel oder ein aufgeschnappter Satz auf einmal etwas an sich bedeuten, nicht mehr nur Teil jenes Gewusels sind, das sich in unserem Blickfeld abspielt. Die Rahmung schafft eine eigene Welt, eine andere Welt, in der sich leben lässt, für eine gewisse Zeit.


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Wenn ich dagegen Filme gucke, dann macht das Spaß, aber ich lebe in keiner anderen Welt. Selbst mit Beamer und Leinwand im eigenen Zimmer ist das Heimkino kein Kino, franst der Rahmen an den Rändern aus, sehe ich meine Bücherregale drumherum, sehe ich meinen Schreibtisch in der Ecke, werde ich zurückgeworfen aufs eigene Leben, auf Pläne, auf Gedanken, auf all das, was noch zu tun ist. Immer wieder muss ich, weil ich abschweife, aktiv wieder zum Film schweifen. Das Bewegtbild an der Wand ist hier nur ein Teil des visuellen Spektrums.

Das ist es freilich auch im Kino, aber das Kino ist darauf ausgelegt, dieses Bild zu einer Welt zu erklären, so wenig wie möglich in diese Welt hineinzulassen, alles daran zu setzen, dass diese Welt eine Weile existieren kann, ganz für sich. Die Leinwand im Kino ist kein Screen im Sichtfeld, sie ist das Sichtfeld.

***

Im Freiluftkino ist es am Anfang noch ein bisschen hell, es wird dann allmählich dunkler. Wieviel Zeit auch immer im jeweiligen Film gerade vergeht, das Vergehen der Zeit da draußen ist sichtbar, als hinge neben der Leinwand jene große Uhr, die der Kölner Filmclub 813 zum Glück irgendwann abmontiert hat. Mit Kino hat das Freiluftkino deshalb wenig zu tun, im Kino ist die Zeit ja außer Kraft gesetzt, vergeht zwar, aber irgendwo da draußen, und interessiert deshalb nicht.

Im Freiluftkino vergeht nicht nur sichtbar Zeit, es sind dort auch Bäume oder Häuser, Natur oder Städte, eine ganze Realität um die Leinwand herum zu sehen. Es gibt dort meist sichtbare Lautsprecher, die den Sound in meine Richtung ballern, aber so sehr sie sich mühen, der Sound verflüchtigt sich in den Weiten der Stadt, flieht davon, anstatt uns zu umhüllen. Es gibt dort sogar manchmal eine Pause mitten im Film.


Allein, aber mit anderen

Außerdem sind dort viele Menschen, die ganz entspannt ein Filmchen gucken. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte. Auch im Kino ist ja der Witz, dass man zwar allein, aber mit anderen ist, allein mit dem Film, aber mit anderen im Kino. Im Kino aber sind die Köpfe der anderen Silhouetten, die manchmal ins Bild ragen, im besten Fall nicht als Herausforderung bei der Untertitel-Lektüre, sondern als Schatten der Realität, als wundersame Verbindung zweier Welten.

Diese Köpfe gehören im Freiluftkino aber zu ganzen Leuten. Zu Leuten, die meiner Welt angehören und die von der anderen notgedrungen ablenken. Das Freiluftkino ist eine Aktivität, eine schöne Aktivität, eine höchst sympathische Aktivität an häufig tollen Orten mit herrlichen Hintergrundkulissen, an denen Menschen riesige Leinwände aufgebaut und eine Unmenge an Stühlen hingestellt haben, auch weil sie das Kino lieben. Aber nur weil ich das Kino liebe und weil ich mich an Sommerabenden gerne draußen aufhalte, erst recht das Freiluftkino verehren? Nein.

Alles das ist natürlich nur ein alberner Traum. Auch im Kino bin ich zu häufig auf mich selbst zurückgeworfen, denke an gestern, denke an morgen. Auch von manchen Frischluftfilmen lasse ich mich plötzlich fesseln, vergesse die Leute, die Bäume, den flüchtigen Sound, zumindest bis zur Pause. Aber gerade in diesen streamenden Zeiten kann die Idee des Kinos ja gar nicht oft genug beschworen werden. Und diese Idee hat mit einem verdunkelten Raum zu tun, mit Projektionen, mit einer Leinwand, auf der sich Bilder bewegen. Sie hat wenig zu tun mit einem netten Abend im Freien mit einem Film. Auch wenn gegen Letzteres rein gar nichts einzuwenden ist und ich mich schon drauf freue.



Alle Beiträge des Blogs Im Affekt" von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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