© Schüren Verlag (Ausschnitt aus dem Buchcover zu "Fassbinder Transmedial")

Fassbinder Transmedial

Freitag, 22.05.2020

Zum 75. Geburtstag: Eine Publikation zur transmedialen Arbeitsweise von Rainer Werner Fassbinder

Diskussion

Am 31. Mai wäre der 1982 verstorbene Ausnahme-Künstler Rainer Werner Fassbinder 75 Jahre alt geworden. Aus diesem Grund wird sein Schaffen vielerorts gefeiert. Bei der Annäherung an Fassbinders vielgestaltiges Werk hilft ein neuer Sammelband, in dem verschiedene Autoren seine transmediale Arbeitsweise beleuchten. Eine Würdigung & ein Ausblick auf Ausstrahlungen und Veranstaltungen zu Fassbinders 75. Geburtstag.


Geburtstage oder Todestage bieten immer wieder Anlass, die Bedeutung von Künstlern und anderen berühmten Menschen zu reflektieren. Bei dem im Juni 1982 verstorbenen Rainer Werner Fassbinder trifft das in jeder Hinsicht zu. Passend zu Fassbinders 75. Geburtstag am 31. Mai 2020 will ein im universitären Umfeld entstandener Sammelband jetzt die Engführung feuilletonistischer Betrachtung aufheben, um neue Einblicke in das multiperspektivische Werk des Universalkünstlers zu erschließen. Wie ein Chamäleon nutzte der Filmemacher Theater, Fernsehen, Kino, intellektuelle Öffentlichkeit sowie das zeitgenössische Feuilleton strategisch und medienwirksam als Bühne.

Auf „Fassbinders virtuosen transmedialen Umgang mit szenischen Erzählformen“ richten die Herausgeber Werner C. Barg und Michael Töteberg in zwölf inhaltlich wie stilistisch recht unterschiedlichen Beiträgen den Fokus. Fast alle Aufsätze beruhen auf Vorträgen und Gesprächen zweier Veranstaltungen im Sommer 2017 und einer Workshop-Reihe 2018 am Institut für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften der Uni Halle-Wittenberg.

Ein interdisziplinäres Allround-Talent

Wenn in der Einführung vom „unerschlossenen Terrain“ die Rede ist, fragt man sich, ob der angeblich neue Ansatz bisher wirklich ausgeblendet wurde. Denn zahllose Monografien und noch mehr Kritiken zu den einzelnen Werken verweisen sehr wohl auf die Interdisziplinarität des Allroundtalents. Schon das erste fundierte Fassbinder-Buch, das 1974 in der blauen Hanser-Reihe erschienen ist, thematisierte viele Aspekte zumindest ansatzweise. Und im Jahr 2013 konnte man sich in der vom Deutschen Filmmuseum in Frankfurt erarbeiteten Ausstellung „Fassbinder JETZT“ über die transmediale Ästhetik und deren Nachwirkung auf jüngere Künstler ausführlich vergewissern.

Töteberg belegt die These zur Transmedialität mit einer peniblen Differenzierung zwischen Theater, Fernsehen und Kino: „Nora Helmer“ ist nicht nur Bühneninszenierung, sondern Fernsehfilm; Marieluise Fleißers Theaterstück „Pioniere in Ingolstadt“ liefert Fassbinder die Rohversion für das antiteater, eine konventionelle Theateraufführung und einen ZDF-Fernsehfilm. Fassbinders Volksstück-Nähe sieht Töteberg auf frühe Filme (Katzelmacher) übertragen, mit reduzierter Sprache oder Sprachlosigkeit. „Wildwechsel“ funktioniert als Paukenschlag und gipfelte im Streit mit dem Autor Franz Xaver Kroetz wegen divergierender Interpretation. Am Stadt-Theater (Bremen, Bochum) wird der Revoluzzer gesellschaftsfähig, in Frankfurt bleibt dem Politikum „Der Müll, die Stadt und der Tod“ die Reifeprüfung versagt.

"Katzelmacher" (©StudioCanal)
"Katzelmacher" (©StudioCanal)

Fassbinders Marsch durch die Institutionen

Der Neue Deutsche Film ist ohne finanzielle wie redaktionelle Subvention des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nicht denkbar. Während „kritische“ Filmemacher ins Kino wollten, marschierte Fassbinder durch die Institutionen! Sichtbar etwa am produktiven Einfluss der Redaktion (Peter Märthesheimer, WDR) auf „Acht Stunden sind kein Tag“ (1972). Das umstrittene zeithistorische Show-Experiment der Adenauer-Ära, „Wie ein Vogel auf dem Draht“ (1975), wanderte in den Giftschrank. Nicht realisierte Projekte – „Frühlings Erwachen“, „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“, „Hurra, wir leben noch“ oder die Adaption des 1920er-Jahre-Romans „Kokain“– plante Fassbinder als „hermetische Welt der Imagination“.

Ein interessantes Gespräch zwischen Rolf Giesen und Werner C. Barg geht auch auf Fassbinders Beziehung zum Nationalsozialismus, die NSDAP-Mitgliedschaft der Mutter und des Stiefvaters, sein Faible für „Filme der Nazis“ und die UFA-Ästhetik („Lili Marleen“) ein. Giesen beruft sich in der Beweisführung auf „enge Kollegen“. Wollte Fassbinder deshalb sein korrektes Geburtsjahr (selbst in den Nachrufen wurde noch 1946 genannt) verschweigen? Über die weggesperrte Satire „Adolf und Marlene“ sagt Giesen: „Ein Film, den man vergessen darf“, kein „Fassbinder“. Und fragt: Fungiert der frühe Tod – wie etwa bei Kleist – als Teil der Selbstinszenierung, des Mythos Fassbinder?

Die Fernseharbeit „Bremer Freiheit“, 1972 für den Saarländischen Rundfunk als bürgerliches Trauerspiel inszeniert, hält Hans J. Wulff heute für verstaubt. Das betrifft die didaktisch-aufklärerische Stilisierung, die Konzentration auf überholte Machtverhältnisse, die Mann-Frau-Beziehung und das sexuelle Begehren. Neuland betritt Christine Ehardts Analyse von vier bislang kaum beachteten Fassbinder-Hörspielen, 1970 bis 1972 mit Peer Raben arrangiert. Die eigenständigen, polyphonen Collagen aus seinen üblichen Themen beeindrucken durch ihre mediengerechte Nutzung des Stereotons.

„Kino der offenen Augen“

Gerhard Lampe plädiert in seinem „Angebot: Fassbinders Filme zu lesen“ dafür, die Literaturverfilmung „Fontane Effi Briest“ im Vergleich der Adaptionen durch Gustaf Gründgens und Wolfgang Luderer zu bewerten. Detailreich herausgearbeitet das Ergebnis: Das Sichtbarmachen der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gestaltung der Bildräume, die Künstlichkeit, die Kreation eines eigenen Verfremdungseffekts. In der brillanten Schwarz-weiß-Ästhetik und kameraspezifischen Dramaturgie führt dieser Autorenfilm zum „Kino der offenen Augen“.

Hannah Schygulla in "Fontane Effi Briest"
Hanna Schygulla in "Fontane Effi Briest" (©StudioCanal)

Werner C. Barg destilliert in neuem Blick auf „Die dritte Generation“ (1979) Fassbinders Antwort auf die brisante Debatte um den Tod von Andreas Baader heraus. Er wertet die Gesellschaftskomödie über den RAF-Terrorismus („Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme“, heißt es im Anfangstext) als Faschismus-Aufarbeitung, sieht die Selbstmordthese durch das Zitat von Robert Bressons Film „Der Teufel möglicherweise“ belegt. In einem anderen Beitrag fragt Barg: Ist „Querelle“ (1982) aus filmphilosophischer Perspektive Fassbinders Vermächtnis? Korrespondieren Jean Genets Vorlage und Mythos von Sexualität und Verbrechen, die Suche nach Identität sowie die Ausbeutung von Gefühlen mit Fassbinders ästhetischer Überhöhung, als (katholische) Leidensgeschichte? Der 43. Film sei „kein Vermächtnis, sondern kontinuierliche Weiterentwicklung“, meint der Autor.

Suche nach Menschlichkeit und dem verlorenen Paradies

Bianca Dommes untersucht „Schatten der Engel“, Daniel Schmids Inszenierung des ungespielten Theaterstücks „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Durch die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von Stück und Film wird der zeitgenössische Antisemitismus-Vorwurf transparenter. Die unübersehbaren Schuld-Verhältnisse in Fassbinders frühen Filmen diagnostiziert Alexandra Vasa dicht an den Geschichten orientiert. Da geht es um individuelle und gesellschaftlich-systemische Schuld. Die Rolle von Geld, das Funktionieren in der Gesellschaft zeigt „Katzelmacher“. Fortgesetzt wird das Thema mit „Warum läuft Herr R. Amok?“ und „Händler der vier Jahreszeiten“. Kapitalismus als Religion, ökonomische und Liebesbeziehungen in der Wirtschaftswunderzeit, Konsumansprüche und „Schulden“, Hoffnung auf weibliche Veränderung des Systems – so lauten die nicht neuen, aber konzentriert vorgetragenen Thesen.

Einer von Fassbinders letzten Auftritten: in "Kamikaze" von Wolf Gremm ( © Filmverlag der Autoren) )
Einer von Fassbinders letzten Auftritten: in "Kamikaze 1989" von Wolf Gremm ( © Filmverlag der Autoren)

Man hätte im transmedialen Kontext der Publikation auch den religiösen Aspekt mehr herausarbeiten können. Er steht für Fassbinders Suche nach Menschlichkeit und dem verlorenen Paradies, nach Vergebung und Sühne. Da ist seine „Heim“-Erfahrung, das vermisste Idyll einer intakten Familie, die ewige Suche nach einem Vater und einer Mutter, was auch die Unfähigkeit zu Beziehungen in seinen Filmen erklären kann. Dazu zählt das frühe Bekenntnis zur Homosexualität, wiewohl im Künstlermilieu kein großer Makel. Wie verhält es sich mit der Charakterisierung von Frauen – als Opfer, als Leidende, als Typ Maria Magdalena, als starke Triebfedern?

Der Chronist des Nachkriegs-Deutschlands

Ein Generalthema des Künstlers, Titel des langen Spielfilmdebüts „Liebe ist kälter als der Tod“, wird in allen medialen Ausdrucksformen kadenzartig durchgespielt. Diese Polyphonie passt auch zum Selbstverständnis des „Meisters“, der seit den antiteater-Tagen von 1968 als primus inter pares, als Gruppenführer, Teamleiter, Chef seines Künstler-Clans die vermeintlich bewusstseinserweiternde, gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen sprengende Mentalität der Kommune im Privaten wie „beruflichen“ Arbeitsprozess, im Takt der unterschiedlichen Geschwindigkeiten und individueller Disposition als Mythos entlarvte.

Als autoritärer Narziss und hemmungsloser Hedonist, der formal dem Anti-Kapitalismus huldigte, aber doch im System blieb – auf der Bühne, im Fernsehen, in der Filmproduktion –, das dem genialen Außenseiter und (Selbst-)Ausbeuter als Agitationsforum gegen die „Bürgerlichkeit“ diente. Die Anerkennung als vom Ausland angebeteter Filmemacher, der in den ersten Kommunalen Kinos und später in den Programmkinos für Furore sorgte. Der als Bewunderer der Melodramen von Douglas Sirk und von Leni Riefenstahls wirkungsmächtiger Bildsprache bekannt war.

Warum gibt man Juliane Lorenz, der langjährigen Wegbegleiterin Fassbinders und Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation, in dem Buch keine Stimme? Zu entdecken bleiben die Filme: „Rio das Mortes“, „Whity“, insbesondere aber „Martha“ (1973). Als eine Chronik des Nachkriegs-Deutschlands, das nach der Kapitulation des Dritten Reichs schon wieder vom bürgerlichen Paradies träumte – im Mai 1945, da Fassbinder keine drei Wochen später in Bad Wörishofen geboren wurde! Zu Beginn der sogenannten Stunde Null, in einem Land, das seine Erinnerung, seine jüngste Geschichte vergessen wollte. Ein (Über-)Leben zwischen Konfrontation mit der Vergangenheit und Verantwortung für die Gegenwart. Dahinein platzt dann die Intensivität des frühen Todes, eine Hass-Liebe zu Deutschland, die – wie in „Martha“ – den Sadismus eines Tyrannen und den Masochismus seines Opfers als gleichrangig betrachtete. Das sind die beiden Gesichter Deutschlands, von Fassbinder im Genre des Melodrams als Paralyse und Leiden, als Trauerarbeit inszeniert. Von Michael Ballhaus’ furioser Kamera wie ein Exerzitium, eine Passion der Bilder, ein durch die Hölle führender „Kreuzweg“ angelegt. Und doch immer in Gefahr, sich im Artifiziellen, im Manierismus zu ergehen.

Eine gut kommentierte (Auswahl-)Bibliografie der Fassbinder-Literatur von 2000 bis 2020 mit schönen Entdeckungen schließt den Band ab.


Literaturhinweis

Rainer Werner Fassbinder - Transmedial. Von Werner C. Barg, Michael Töteberg (Hrsg.). Schüren Verlag, Marburg 2020. 225 S., 24,90 EUR. Bezug: Schüren Verlag



Rainer Werner Fassbinder zum 75. Geburtstag

  • Das Deutsche Filminstitut/Filmmuseum in Frankfurt am Main widmet Fassbinder am 31.5. auf www.dfffilm.de und seinen Social-Media-Kanälen ein ausführliches Programm: Sammlungsleiter Hans-Peter Reichmann spricht mit Juliane Maria Lorenz-Wehling, Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation, über Fassbinders Werk und seinen Bezug zur Stadt Frankfurt am Main. Das Gespräch ist interaktiv angelegt. Interessierte haben die Möglichkeit, im Vorfeld Fragen zu formulieren, auf die im Gespräch eingegangen wird. Die Fassbinder-Schauspieler/innen Günter Lamprecht, Hanna Schygulla und Irm Hermann (angefragt) sowie der ehemalige FR-Filmkritiker Wolfram Schütte senden Audio-Grußworte. In kurzen Video-Führungen stellt Hans-Peter Reichmann ausgewählte Exponate aus dem Fassbinder-Nachlass im Archiv- und Studienzentrum des DFF vor. Eine Reihe anderer interaktiver Angebote auf den Social-Media-Kanälen sind geplant. Außerdem gibt es eine vom DFF-Team kuratierte RWF-Playlist auf Spotify mit Fassbinders Lieblingsliedern und Songs aus seinen Filmen. Sie liefert die passende musikalische Begleitung, um am Sonntagabend bei Musik, Tanz und Cuba Libre gemeinsam anzustoßen: auf 75 Jahre Rainer Werner Fassbinder.
  • Im Verlag Schirmer & Mosel ist anlässlich des 75. Geburtstags der Bildband „Filmstills 1966-1982“ erschienen: der in der Reihe „Bibliothek der Klassiker“ erschienene Band versammelt 180 Bilder aus fast allen Fassbinder-Filmen. Filmhistoriker Hans-Helmut Prinzler würdigt in einem begleitenden Text sein Schaffen, und Filmemacher John Waters steuert ein Grußwort bei.
  • Der Sender TELE 5 feiert Fassbinders Geburtstag am 31.5. ab 20.15 mit einem aus drei Werken bestehenden Filmabend: „Angst essen Seele auf“, „Katzelmacher“ und „Despair – Eine Reise ins Licht“.
  • Der Sender arte stellt in seiner Mediathek derzeit noch bis August Fassbinders legendäre Serienadaption von Alfred Döblins Roman „Berlin, Alexanderplatz“ zur Verfügung. Außerdem ist in der arte Mediathek in der „Blow up“-Reihe die kleine Hommage „Fassbinder in Bildern“ zu sehen.
  • Am 28.5. um 23.15 Uhr strahlt SWR Fernsehen Annekatrin Hendels Dokumentarfilm „Fassbinder aus.
  • Beim Radiosender Bayern 2 wird am 29.5. um 21.05 Uhr zu Ehren von Fassbinders Geburtstag dessen Hörspiel „Ganz in Weiß“ ausgestrahlt, das er 1970 zusammen mit Peer Raben inszenierte. Zu hören sind u.a. Hanna Schygulla, Kurt Raab und Harry Baer.
  • Die „Fassbindertage“ wurden aufgrund der Corona-Pandemie bis auf Weiteres verschoben. Stattdessen gibt es zum 75. Geburtstag des Künstlers am 31.5. ein Online-Benefiz-Event des Fassbindertage e.V. für die Münchner Kulturkinos: „Klein und quick und dirty, mit den Künstlern, die sich schon für die dritten Fassbindertage warmgelaufen hatten“, wie die Veranstalter ankündigen.
Kommentar verfassen

Kommentieren