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The Plot Against America

Mittwoch, 27.05.2020

Eine sechsteilige Miniserie erzählt von einer jüdischen Familie in einer faschistoiden USA

Diskussion

Was wäre, wenn sich die USA in den 1940er-Jahren zu einem faschistoiden Staat entwickelt hätten? Die sechsteilige Miniserie beruht auf dem gleichnamigen Roman von Philip Roth und erzählt von einer jüdischen Familie, die miterlebt, wie sich ihr Land unheilvoll verändert. Die Serie ist derzeit bei Sky zu sehen.


Als Philip Roth 2004 seinen Roman „The Plot Against America“ veröffentlichte, lasen viele das „Alternative History“-Szenario vom bedrohlichen Aufstieg des Faschismus in den USA der 1940er-Jahre als Kritik an der Bush-Regierung. Roth wies eine solche Interpretation damals zurück. Wenn jetzt auf Sky die von den „Wire“-Machern David Simon und Ed Burns kreierte sechsteilige Miniserie „The Plot Against America“ gezeigt wird, fällt es schwer, sie nicht als düsteren Seitenhieb auf Trumps chauvinistische „America First“-Politik zu deuten.

Beabsichtigt hat Roth aber auch das natürlich nicht. In dem Jahr, in dem Roths Roman erschien, startete Donald Trump gerade erst seine Fernsehkarriere als Showmaster der Reality-Serie „The Apprentice“. Dass er zwölf Jahre später zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden würde, war allenfalls als satirische Farce vorstellbar. Dass „The Plot Against America“ gerade jetzt verfilmt wird, dürfte dagegen kein Zufall sein. Die Parallelen zwischen Roths düsterer alternativhistorischer Vision, bei der nicht Franklin D. Roosevelt die Präsidentschaftswahlen von 1940 gewinnt, sondern der politisch irrlichternde, mit den Nazis zumindest teilweise sympathisierende, antisemitische Fliegerheld Charles Lindbergh, und Trumps bewusst diffamierender, polarisierender, rassistische Stereotype bedienender Regierungsweise sind es wohl ebenso wenig.

Hier und dort, in der fiktiven Vergangenheit ebenso wie in der politischen Gegenwart, droht die US-Gesellschaft auseinanderzubrechen, breiten sich Ressentiments gegenüber Minderheiten und Fremden aus. Trump knüpft mit seinem nationalistischen „America First“-Slogan ausdrücklich an die isolationistische Politik des 1940 gegründeten „America First Committee“ an, dessen Mitglieder sich gegen einen Kriegseintritt der USA aussprachen und als dessen Sprecher Lindbergh auftrat.

Realer Fliegerheld und Antisemit, fiktionaler Präsident der Miniserie: Charles Lindbergh
Realer Fliegerheld und Antisemit, fiktionaler Präsident der Miniserie: Charles Lindbergh

Ein Sensus für unheilvolle Strömungen in der US-Gesellschaft

Offenbar hat Roth in seinem als Mahnung konzipierten Werk Strömungen in der US-amerikanischen Gesellschaft erfasst, die dort schon lange unheilvoll gärten. Möglicherweise sprechen die politischen Parallelen, die sich zwischen seiner Fiktion und der politischen Realität 2004 und 2020 jeweils ziehen lassen, auch für den universellen Charakter seines Lehrstücks und dessen zeitlose Aktualität. Einfacher aber wird es dadurch nicht, die vielen biografischen, historischen und fiktionalen Fäden zu entwirren, die Roths Roman und seine Serienadaption frenetisch ineinander zwirbeln. Möglicherweise kommt es darauf jedoch auch gar nicht an.

Der reale Charles Lindbergh, der 1927 mit der einmotorigen Propellermaschine „Spirit of St. Louis“ als erster Mensch allein den Atlantik überflog, ist eine historisch höchst umstrittene Figur: für die einen ein Held, für die anderen ein Faschist und Nazisympathisant. Diese soziale Doppelcodierung greift die Verfilmung auf, ohne jedoch tiefer zu dringen. Lindbergh verharrt in den Inszenierungen der beiden Serien-Regisseure Minkie Spiro und Thomas Schlamme und in Ben Coles schmallippiger Darstellung an der Oberfläche. Die Rolle der dümmlichen Nazimarionette, deren Wahlkampf sich auf den Slogan „Wählt Lindbergh oder wählt den Krieg“ beschränkt, dürfte dem realen Lindbergh, der nie für das Präsidentenamt kandidierte, kaum gerecht werden. Zumindest bringt sie ihn dem Serienpublikum nicht näher. Freilich geht es darum auch gar nicht.


Historische Parabel

Lindbergh agiert wie quasi alle Nebenfiguren in dieser aus Fiktion und Fakten melangierten Allegorie als bloßer Funktionsträger. Ein Typ für das Typische. So ähnlich ist das auch mit Lionel Bengelsdorf (John Turturro), einem im jüdischen Stadtviertel von Newark, in dem die Serie hauptsächlich spielt, hoch angesehenen Rabbiner, der den Typus eines Juden repräsentiert, der so unbedingt als „normaler“ US-Bürger anerkannt werden will, dass er sich als jüdisches Feigenblatt für Lindbergh hergibt und das von der neuen Regierung initiierte Landverschickungsprogramm für die jüdische Bevölkerung auch dann noch vorantreibt, als dessen antisemitische Ausrichtung immer offensichtlicher wird. Oder mit Evelyn Finkel (Winona Ryder), der selbstsüchtig naiven Verlobten Bengelsdorfs, die ihr Leben lang nur Pech mit Männern hatte und nun von ihrem neuen Glück mit dem respektierten Rabbi ganz und gar beseelt ist. Voller Euphorie darüber, dass sogar die First Lady sich mit ihr unterhält und sie zu einem Empfang ins Weiße Haus eingeladen wird, tanzt sie dort ausgelassen fröhlich mit Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop.

John Turturro und Winona Ryder als jüdische Mitläufer des faschistoiden Staates.
John Turturro und Winona Ryder als jüdische Mitläufer des faschistoiden Staates.

Die Botschaften, die von diesen Szenen ausgehen, verfehlen ihr Ziel nicht. Es ist in solchen Momenten deutlich zu spüren, dass das, was damals in den USA hätte geschehen können, auch heute noch geschehen kann. Das ist so ernst zu nehmen, wie es auch gemeint ist. Dramaturgisch freilich erweist es sich als recht grob gestrickt, filmisch wenig anspruchsvoll, kaum mehr als ein Klischee, gutgemeint zwar, aber eben doch ein Klischee. John Turturro und Winona Ryder erfüllen ihre Parts als jüdische Mitläufer mit Charisma und chargieren dennoch mitunter an der Grenze zur Karikatur.


Ein fiktives Alter Ego der Familie des Autors

Lebendiger, spannender und moralisch unübersichtlicher wird es, sobald die Verfilmung diesen lehrreichen Makrokosmos verlässt und sich dorthin bewegt, wo nicht nur Evelyns Schwester Bess Roth und deren Familie zuhause ist, sondern auch die Serie selbst. Der siebenjährige Philip, das Alter Ego des 2018 verstorbenen Romanautors, tritt dabei ebenso wie sein fünf Jahre älterer Bruder Sandy vor allem als Beobachter in Erscheinung. Beide leiden unter den Spannungen, den aufgeregten, oft nächtelangen Diskussionen zwischen Bess, ihrem Mann Herman, einem erfolgreichen Versicherungsvertreter, und dem gerade volljährig gewordenen verwaisten Neffen und Ziehsohn Alvin. Herman hört irgendwie ständig die BBC-Nachrichten im Radio, besucht die Wochenschau oder lästert mit den jüdischen Nachbarn vor den Hauseingängen über Lindbergh und dessen Nazifreunde. Bess möchte am liebsten nach Kanada auswandern und von alldem nichts mehr hören.

Und auch Alvin hat genug von dem Gerede. Auch er will nach Kanada, aber nur, um sich dort der Armee anzuschließen und gegen Nazideutschland zu kämpfen. Unterschiedliche Perspektiven und Überzeugungen, die sich nicht mehr so einfach in Gut und Böse, Richtig und Falsch aufteilen lassen, prallen am Küchentisch ebenso aufeinander wie Trotz, eine wilde, aufgestaute Wut, Angst, Enttäuschung, Stolz, aber auch viel Zärtlichkeit, Mitgefühl, Scham, Hoffnung, Lebensfreude und drei ausgezeichnete Schauspieler.

Die Serie zeichnet auch das liebevolle Porträt einer Familie.
Die Serie zeichnet auch das liebevolle Porträt einer Familie.

„The Plot Against America“ ist eine hochpolitische Serie mit schmerzhaft verstörenden Szenen, etwa wenn den Roths bei einem Familienausflug nach Washington D.C. die Unterkunft in einem Hotel verweigert wird, wenn sie beim Abendessen im Restaurant von einem grimmigen Fremden angegangen werden, wenn hinter ihrem Rücken abfällig gezischt wird, nur weil sie Juden sind. Es ist zugleich auch eine ambivalente Reise. Einerseits in Amerikas finstere Ku-Klux-Klan-Vergangenheit (und -Gegenwart), andererseits aber auch in ein nostalgisches Weichzeichneridyll aus Schallplatten, Jazz, Hochparterrehäusern, Veranden, Nachbarschaftspläuschen und großrädrigen Automobilen.


Überragend: Die Leistungen von Zoe Kazan & Morgan Spector

Letztlich aber kumuliert die gesamte Serie in den beiden Gesichtern von Zoe Kazan und Morgan Spector alias Bess und Herman Roth. Denn das, was „The Plot Against America“ filmisch und erzählerisch im Kern ausmacht, sind weniger die verheerenden, beängstigenden Umstände als die Art und Weise, wie die beiden damit umgehen. Kazan und Spector spielen das großartig, wunderbar uneitel und fein nuanciert mit unzähligen, widersprüchlichen Facetten. Bess und Herman hadern mit sich und einander, doch selbst bei ihren ständigen Streitereien bleibt zu spüren, wie sehr sie sich lieben und darum ringen, einerseits das Richtige zu tun und andererseits ihre Familie zu beschützen und zusammenzuhalten.

Man könnte es daher auch so sagen: „The Plot Against America“ ist nicht nur eine Schreckensvision, sondern auch Philip Roths Liebeserklärung an seine Eltern und an das Amerika, das sie verkörpern.

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