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Zum Tode von Wolf-Eckart Bühler

Montag, 22.06.2020

Der begnadete Filmessayist und Redakteur der Zeitschrift „Filmkritik“ ist im Alter von 74 Jahren gestorben (17.9.1945-16.6.2020)

Diskussion

Der begnadete Filmessayist gehörte zu den Redakteuren der Zeitschrift „Filmkritik“, die in den 1970er-Jahren von Einzelbesprechungen abrückten und strukturelle Zusammenhänge ins Zentrum der Analyse rückten. In diesem Geist drehte er auch einige Porträtfilme und wandte sich dann dem Schreiben von Reiseführern zu. Jetzt ist Wolf-Eckart Bühler (17.9.1945-16.6.2020) im Alter von 74 Jahren gestorben.


Wolf-Eckart Bühler war ein begnadeter Filmessayist. Für die Zeitschrift „Filmkritik“, zu der er in den frühen 1970er-Jahren stieß, konzipierte und schrieb er einige legendäre Aufsätze, vor allem aber Themenhefte, mit denen er zu vermitteln suchte, „weshalb und unter welchen Umständen und zu welchem Zweck es überhaupt Filme und Autoren und Genres und Filmsprache und Filmgeschichte und Filmpolitik gibt“. Im Fokus standen zunächst die Regisseure John Ford und Howard Hawks, Piraten- und Polizeifilme, aber auch Alfred Hitchcock, Delmer Daves und Don Siegel. Geradezu obsessiv näherte er sich der dunklen Seite von Hollywood, den Hexenjagden der McCarthy-Ära, den wegen linker Ambitionen ausgegrenzten Autoren wie Abraham Polonsky, Irving Lerner und Leo Hurwitz, Regisseuren und Schauspielern, aber auch den Denunzianten und denen, die ein Leben lang unter ihrem eigenen Verrat litten, so wie Sterling Hayden.


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Jene philosophisch und politisch grundierten Themenhefte, die Wolf-Eckart Bühler – an der Seite von Hartmut Bitomsky, Harun Farocki, Rainer Gansera, Gerhard Theuring und anderen – seit 1972 als Redakteur der „Filmkritik“ verantwortete, führten innerhalb der Redaktion zwar zu einem „Abgang der alten Garde“, wie er sich ausdrückte, also dem früheren Stamm der Autoren, die eher die Einzelkritik im herkömmlichen Sinn favorisierten. Doch die Zeitschrift begann wie keine andere im deutschsprachigen Raum, die finanziellen, politischen und ästhetischen Verflechtungen der Filmindustrie zu analysieren, ins Mark dieser Industrie vorzudringen und deren Triebkräfte transparent zu machen.


Mit dialektisch geschultem Blick

Die kritische Analyse ging dabei Hand in Hand mit einer unbedingten Liebe zum Kino: einer Schule des Sehens, inspiriert von Brecht und Adorno, in der viele Fächer gleichzeitig unterrichtet wurden. Bühler schrieb „mit Herz und Verstand, ziemlich scharfem Verstand und dialektisch geschultem Blick“ (Alf Mayer). Vor allem in den Zeiten, als sich die früheren Autoren vom Blatt verabschiedeten, ließ Bühler keinerlei Zweifel an der Notwendigkeit der neuen „Filmkritik“. So jedenfalls erinnerte sich sein Kollege Peter Nau: Er „lag Tag und Nacht im Bett und hat Hefte vollgeschrieben – nur um die Zeitschrift zu retten.“

Wolf-Eckart Bühler (3.v.l.) beim Dreh zu „Der Havarist“ mit Laurens Straub, Hans Noever, Burkhard Driest, Michael Krüger und Enno Patalas © Münchner Filmmuseum
Wolf-Eckart Bühler (3.v.l.) beim Dreh zu „Der Havarist“ mit Laurens Straub, Hans Noever, Burkhard Driest, Michael Krüger und Enno Patalas (© Münchner Filmmuseum)

Wolf-Eckart Bühler studierte Philosophie, Literatur- und Theaterwissenschaften in München und war doch ganz und gar dem Kino verfallen. Ein Cinéast von früher Jugend an. So schwänzte er laut eigener Aussage die Tanzstunde, nur um Godards „Außer Atem“ (1959) sehen zu können: „Wegen des Kinos habe ich mein Leben lang nie tanzen gelernt.“ Weil seine Texte zum Besten gehörten, was in der westdeutschen Filmessayistik zu lesen war, fragte ihn Werner Dütsch vom Westdeutschen Rundfunk, ob er etwas für den Sender machen wolle. Bühler zögerte nicht und schlug einen Film über Leo Hurwitz (1909-1991) vor, einen US-amerikanischen marxistischen Dokumentarfilmer und Guerillakämpfer im kapitalistischen Filmbusiness, der im Grunde längst vergessen war. Mit dem Fernsehessay „Filme für ein anderes Amerika“ (1980) begann Bühlers kurze Regielaufbahn, gefolgt von „Innere Sicherheit: Abraham Polonsky“ (1981) über den Regisseur, der zehn Jahre lang auf der Schwarzen Liste Hollywoods stand, sowie „Leuchtturm des Chaos“ (1982) über Sterling Hayden, der in der McCarthy-Zeit Kollegen denunziert und dadurch seine Karriere befördert hatte, sich dafür aber selbst verabscheute: das Porträt eines Zerrissenen. Zwar urteilte der WDR-Programmdirektor, dass „ein Zwei-Stunden-Film mit einem Säufer, der ständig vor der Kamera trinkt und raucht und Haschisch raucht und obszöne Worte spricht“, so nicht über den Sender gehe; immerhin aber wurde eine 45-Minuten-Fassung zugelassen, und auch die 118-minütige Langfassung blieb erhalten.

Noch einmal, in „Der Havarist“ (1983), näherte sich Bühler der Figur Haydens, nunmehr in Form eines spielerischen Essays: Bühler spaltete die Titelrolle auf drei Schauspieler auf, Burkhard Driest, Rüdiger Vogler und Hannes Wader, und näherte sich, begleitet von der Musik von Konstantin Wecker, der schillernden Gestalt auf sinfonische Weise. Kritiker sahen Bühlers Stil von Straub und Huillet, Brecht und Peter Weiss beeinflusst; dass auch Freunde und Kollegen die Herangehensweise Bühlers außerordentlich anregend und spannend fanden, beweist unter anderem die Mitwirkung von Hans Noever, Enno Patalas, Laurens Straub oder Hans Günther Pflaum.

„Leuchtturm des Chaos“ © Edition Filmmuseum
„Leuchtturm des Chaos“ (© Edition Filmmuseum)

Archäologische Filme über die Gegenwart

Amerasia“ (1985) schließlich, Bühlers letzter Film, porträtiert US-amerikanische Ex-Soldaten, die in Thailand gestrandet sind, und Waisenkinder, die von US-Soldaten gezeugt und von ihren vietnamesischen Müttern in Heime abgeschoben wurden. „In diesem Film“, so Alf Mayer in einem Begleitprogramm zu einer Bühler-Retrospektive im November 2015 im Filmmuseum München, „spielen alle Darsteller sich selbst. Der Vater der thailändischen Hauptdarstellerin war amerikanischer Soldat, alle anderen sind das, was sie wirklich sind: Barbesitzer, Farmer, Nichtstuer, Journalisten, Tänzerinnen und Huren, Thai-Boxer, Söldner ... jeder von ihnen, und jeder auf seine Weise, ein Opfer des Vietnamkrieges. Heimlich-unheimliche Zeugen einer dort wie hier unerwünschten und unterdrückten Vergangenheit.“

Solcherart dialektisch-archäologische Filme über die jüngste Geschichte wären im bundesdeutschen und erst recht im gesamtdeutschen Kino der späten 1980er- und 1990er-Jahre dringend vonnöten gewesen. Indes: Die Zeiten änderten sich; die einstmals so avantgardistischen Dritten Fernsehprogramme der ARD wurden zunehmend konservativer und provinziell, und auch Bühlers Drehbücher fanden keine Abnehmer mehr. Zwei oder drei, so erzählte er anlässlich einer Retrospektive 2018 in Locarno, seien zwar „fast“ durchgegangen, zweimal habe er schon ein Team zusammengehabt, doch dann hätte der Produzent kurz vor Drehbeginn noch alles abgesagt. „Ich hatte einfach die Nase voll und sagte mir, ich bin nicht davon abhängig, unbedingt Filme machen zu müssen. Ich habe auch andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen, und auf spaßigere Weise vielleicht.“


Eine Bar in der Ho-Chi-Minh-Stadt

Bühler begann, gemeinsam mit seiner Partnerin Hella Kothmann Reiseführer zu schreiben, einen über Vietnam, der inzwischen in über einem Dutzend Auflagen erschien, einen über die Toskana. Im Klappentext seines Vietnam-Reiseführers ließ er vermerken, dass er seit Jahren ausgedehnte Reisen unternehme, „je unkalkulierbarer, desto besser, zwischen San Francisco und San Salvador, Ouagadougou und Djibouti und bevorzugt zwischen Bombay und Bali“. Alf Mayer berichtet von dem hartnäckigen Gerücht, dass Bühler außerdem in Ho-Chi-Minh-Stadt Miteigentümer einer Bar namens „Apocalypse Now“ gewesen sein soll. Zwei Buchprojekte aus den frühen 1980er-Jahren, eines über das „Komitee gegen unamerikanische Umtriebe“ und eines über „Marx & Amerika“, blieben unvollendet. Am 16. Juni 2020 ist Wolf-Eckart Bühler gestorben.

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