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Bienenstich und Hakenkreuz

Donnerstag, 25.06.2020

Rolf Giesen zeichnet die Geschichte der 1941 gegründeten Deutschen Zeichentrick GmbH nach, die als Gegenentwurf The Walt Disney Company gedacht war.

Diskussion

Nach den Wahnvorstellungen der Nazis und insbesondere des Film- und Propagandaministers Joseph Goebbels sollte am deutschen Zeichentrickfilm die Welt genesen. Als Gegenentwurf zum Disney-Imperium wurde die Deutsche Zeichentrick GmbH gegründet, deren Geschichte Rolf Giesen in einem erhellenden Buch nachzeichnet.


Rolf Giesen beginnt seine Publikation über das geplante Zeichentrickimperium des NS-Kinos nicht mit dem Tod von Karl Neumann, dem Geschäftsführer jener Deutschen Zeichenfilm GmbH und „obersten Chef des reichsdeutschen Trickfilms“. Neumann hatte sich im Juni 1945 auf der Toilette eines Internierungslagers der NKWD in Weesow bei Werneuchen erhängt. Die Ehre, ein Buch über „seine“ Firma mit ihm zu eröffnen, wollte Giesen den eingeschworenen Nazi nicht erweisen, der seit 1931 Mitglieder NSDAP und ein persönlicher Protegé des Propagandaminister Joseph Goebbels war.

Vielmehr beginnt er seinen Text mit einer anderen handelnden Person, nämlich mit Robert Bernard Sherman, dem ersten US-Soldaten, der am 29. Mai 1945 das Konzentrationslager Dachau als Befreier betrat. Sherman, der später mit Songs für die Walt-Disney-Filme „Mary Poppins“ (1964) und „Das Dschungelbuch“ (1967) berühmt wurde, hatte kurz vor Kriegsende mit eigenen Augen sehen müssen, unter welchen Bedingungen die Häftlinge hier hausten. Was er nicht wusste: Unmittelbar neben dem KZ unterhielt die Deutsche Zeichenfilm GmbH eine Außenstelle im ehemaligen Künstlererholungsheim Moosschwaige. Wie auf drei im Buch wiedergegebenen Fotos zu sehen ist, ging es der Belegschaft hier gut. Von den Geschehnissen im KZ nebenan wollte sie nichts oder nur sehr wenig mitbekommen haben. Bei Befragungen nach dem Zweiten Weltkrieg wanden sich die meisten heraus. Eine Mitarbeiterin erinnerte sich zwar an „eine ganze Kompanie von Sträflingen (...) und alle mit Holzschuhen, das war schrecklich. Und Schäferhunde noch dabei. Schrecklich.“ Giesen lässt das Zitat nicht unkommentiert stehen, sondern fragt rhetorisch: Schrecklich für wen? Für die Häftlinge oder für diejenigen, die es sehen mussten? Den Mitläufern und Opportunisten von damals will er auch über 70 Jahre nach Kriegsende kein weiteres Entschuldigungsschreiben ausstellen. Das ist auch gut so.

Das Ziel des Nazi-Zeichner wären Filme auf dem Niveau von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ gewesen © Walt Disney
Das Ziel der Nazi-Zeichner wären Filme auf dem Niveau von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ gewesen © Walt Disney


Die Nazis und der deutsche Zeichentrickfilm

Der Autor lässt keinerlei Zweifel, dass es ihm nicht nur um ästhetische Belange, sondern stets auch um politische – und moralisch-ethische – Einordnungen der Geschehnisse geht. Nichts, was im „Dritten Reich“ in puncto Film geschah, war unpolitisch; noch das netteste Rühmann-Lustspiel oder die bunteste Rökk-Revue besaß ihre Funktion im Propaganda-System des Regimes. Auch der Zeichentrickfilm war dazu auserkoren, die vermeintliche Überlegenheit zu beweisen; auch am deutschen Trickfilmwesen sollte die Welt genesen. So sollte die Deutsche Zeichenfilm GmbH, deren kurze Geschichte prägnant und mit vielen Auszügen aus Dokumenten, Briefen und Interviews nacherzählt wird, ein Gegenpol zum Disney-Imperium werden. Nach „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937), einem von Hitlers Lieblingsfilmen, der in Deutschland allerdings nie offiziell zu sehen war, wollten die NS-Filmverantwortlichen möglichst kein weiteres deutsches Märchen den US-Animatoren überlassen. Nach „Gullivers Reisen“ (1939) notierte Goebbels in sein Tagebuch: „Sehr gut, sehr witzig, sehr gekonnt. Ich muss das auch bei uns erreichen und werde mich trotz des Krieges auch um diese Frage kümmern. Die Leute, die das können, sind auch bei uns vorhanden. Man muss sie nur finden.“

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Mit Datum vom 7. August 1941 wurde deshalb die Deutsche Zeichenfilm GmbH gegründet, großzügig alimentiert, mit Karl Neumann, dem ehemaligen Fleischwarenfabrikanten und glühenden Nazi als Chef. Der schlug vor, in den kommenden vier bis fünf Jahren rund 500 Zeichnerinnen und Zeichner einzustellen und von Anfang an Räume für alle einzuplanen. Man bezog ein „Judengrundstück“ in Berlin, das Gebäude einer ehemaligen jüdischen Schule einschließlich der Synagoge in der Kaiserstraße. Giesen konstatiert eine „teutonische Gigantomanie“, die aber bis 1945 nie die erwarteten Ergebnisse zu liefern imstande war. Zitiert wird ein ehemaliger Phasenzeichner-Lehrling, der vom Grundfehler spricht, „dass es ein Staatsunternehmen war. Es waren kleine Privatfirmen, die wunderbare Filme gemacht haben. Und nicht für diese sagenhaften Gagen, sondern da war Idealismus, da war Ehrgeiz dabei.“

Militaristische Propaganda: „Der Störenfried“ (1940) © absolutMEDIEN
Militaristische Propaganda: „Der Störenfried“ (1940) © absolutMEDIEN

Waldemar Bonsels und die „Biene Maja“

Rolf Giesen rekonstruiert, welche Stoffe vorgeschlagen und entwickelt – und welche Filme dann tatsächlich gedreht wurden. Unter anderem wird Thea von Harbou gebeten, ein Drehbuch nach Waldemar Bonsels’ Kunstmärchen „Biene Maja“ zu schreiben. Bonsels selbst liefert dafür „grundsätzliche Vorschläge“, in denen er dem Bienenstaat „Arbeitsamkeit, Wohlstand und staatliche und soziale Pflichterfüllung“ zubilligt, der feindlichen Hornissenburg dagegen eine vollkommene Düsternis bescheinigt: „festungsartig, wild, mit finsteren Verliesen, unheimlichen Höhlen, Kerkern und Käfigen (...), der ganze Eindruck ist der eines wilden, vom Raub lebenden Banditenstammes“. Giesen kommentiert, dies hätte durchaus propagandistische Parallelen zum Krieg gegen die Sowjetunion und dem von den Nazis so genannten „Untermenschentum“ ermöglicht. Allerdings hätte „die Grausamkeit die von der Zeichentrick GmbH angestrebte Wald-und-Wiesen-Romantik zunichte gemacht“. „Biene Maja“ kam nicht zustande, sondern wurde erst in den frühen 1970er-Jahren unter Beteiligung von Leo Kirch wieder aufgegriffen.

Als erster Film entstand „Armer Hansi“ (1943), verfasst unter anderem von Libertas Schulze-Boysen, die im Dezember 1942 als Mitglied der Widerstandsgruppe Rote Kapelle hingerichtet wurde. Zur selben Zeit ließen es sich viele andere bei der Deutschen Zeichenfilm gut gehen, nicht zuletzt weil sie durch ihre Beschäftigung bei der Prestigefirma nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Giesen, der im Anhang des Buches auch zehn Biografien zusammengefasst hat, skizziert ihr Woher und Wohin, ihre Einlassungen aufs Nazi-Reich und natürlich auch ihre künstlerischen Leistungen. Besonders kritisch geht er mit Gerhard Fieber um, dem Chefzeichner der Projekte „Armer Hansi“ und „Purzelbaum ins Leben“. Giesen bescheinigt Fieber, gestützt auf die Aussagen mehrerer Zeitzeugen, dass er ein Intrigant mit gelegentlichen antisemitischen Entgleisungen gewesen sei – und einer, der stets wusste, wie er sich neuen Herren andienen konnte.

Sein letztes, bei der Deutschen Zeichenfilm entwickeltes und am Kriegsende noch unfertiges Projekt „Purzelbaum ins Leben“ nahm er 1946 zur neu gegründeten DEFA mit, nunmehr unter dem Titel „Schnuff, der Nieser“ – der einzige sogenannte „Überläufer“ auf dem Gebiet des Animationsfilms. Auch in der neuen DEFA-Wochenschau „Der Augenzeuge“ war er mit dem Sujet „Der U-Bahnschreck“ (1946) vertreten. Wenig später und aus Sorge vor einer möglichen Bestrafung für seine NS-Beziehungen durch die Sowjets setzte er sich in die Westzonen ab, realisierte den ersten abendfüllenden deutschen Animationsfilm „Tobias Knopp – Abenteuer eines Junggesellen“ (1948–50) und dann die „Mainzelmännchen“ fürs ZDF.

In „Armer Hansi“ bricht ein Vogel aus seinem Käfig aus, kehrt jedoch am Ende freiwillig wieder zurück © absolutMEDIEN
In „Armer Hansi“ bricht ein Vogel aus seinem Käfig aus, kehrt jedoch am Ende freiwillig wieder zurück © absolutMEDIEN

Ein Kleinod der Filmgeschichtsschreibung

Zu den anderen Pionieren des deutschen Animationsfilms im „Dritten Reich“, die Giesen kurz porträtiert, zählen Hans Fischerkoesen, der eine eigene Trickfilmfirma hatte (Giesen: „Goebbels schätzte den offenen Wettbewerb der beiden Betriebe“), der Zeichner und Schreiber Horst Heinrich Wichard von Möllendorf, der unter anderem als künstlerischer Leiter des Zeichenfilm-Ateliers der Prag-Film tätig war („Hochzeit im Korallenmeer“), sowie den Exilrussen Sergej Ssenin, der schon kurz nach Ende des Krieges einen antifaschistischen Kurztrickfilm realisierte: „Dob, der Stallhase“. Wenn Giesen schreibt, dass sich Ssenin im Nachkriegs-Berlin nicht gut aufgehoben fühlte und „nach Australien ausgewandert“ sein soll, ohne dass weitere Lebensspuren bekannt sind, weist das auf Leerstellen der deutschen Filmgeschichtsschreibung hin.

„Bienenstich und Hakenkreuz“ ist spannend zu lesen, engagiert und erhellend. Ein Kleinod der Filmforschung.


Hinweis:

Bienenstich und Hakenkreuz. Zeichentrick aus Dachau – die Deutsche Zeichenfilm GmbH. Von Rolf Giesen. Mühlbeyer Filmbuchverlag, Frankenthal 2020, 168 S., teils farbige Abb., 16,90 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung oder hier.


Bereits 2011 erschien bei absolutMEDIEN die DVD-Zusammenstellung Animation in der Nazizeit, die die Geschichte des deutschen Animationsfilms in den 1940er-Jahren mit vielen Beispielen dokumentierte.

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