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Zum Tod von Joel Schumacher

Donnerstag, 25.06.2020

Ein Nachruf auf den verstorbenen Hollywood-Regisseur (1939-2020)

Diskussion

Der Hollywood-Regisseur Joel Schumacher (29.8.1939-22.6.2020) bewegte sich innerhalb des Studiosystems in etlichen Genres, inszenierte „Batman“-Blockbuster und starbesetzte Thriller, zeigte bei kleineren Projekten aber auch immer wieder höhere Ambitionen.


Auch im Bereich der Schaufensterdekoration gab es goldene Phasen der Innovation. Als der junge Joel Schumacher nach einer Ausbildung am Fashion Institute of Technology in den 1960er-Jahren bei einem New Yorker Modegeschäft arbeitete, genoss er große Freiheiten. So drapierte er einmal alle Schaufensterpuppen zusammengekauert in einer Ecke, dachte sich für sie schockierende Selbstmordposen aus oder erweckte mittels einer zweiten, zerbrochenen Scheibe hinter dem unversehrten Glas den Eindruck eines Einbruchs. Für den 1939 geborenen Schumacher war dieses kreative Austoben die erste Bewährungsprobe auf dem Weg nach Hollywood, wohin er sich in den 1970er-Jahren aufmachte, um seinen Kindertraum einer Regiekarriere zu verwirklichen. Zuerst fasste er als Kostümdesigner bei Filmen wie Woody Allens Der Schläfer (1973) und Sheila (1973) von Herbert Ross Fuß, bevor er erste Drehbücher unterbrachte, unter denen sich das für die Ensemble-Komödie Car Wash (1976) als erster Achtungserfolg erwies.

Von ersten Erfolgen zum Blockbuster-Regisseur

Sein Regiedebüt gab Joel Schumacher schon 1974 mit dem Fernsehfilm „Virginia Hill“ über die Geliebte des Gangsters Benjamin „Bugsy“ Siegel; der Einstand als Kino-Regisseur folgte 1981 mit der Science-Fiction-Komödie Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K. über eine durch falsche Ernährung schrumpfende Hausfrau (Lily Tomlin), ein unterhaltsamer Film mit bissigen Anspielungen auf die Konsumkultur.

Aufmerksamkeit als patenter Filmemacher verschafften ihm St. Elmo’s Fire (1985), mit dem er die „Brat Pack“-Clique um Emilio Estevez, Ally Sheedy und Judd Nelson nach ihren High-School-Revolten in Breakfast Club ins desillusionierende Erwachsenenleben begleitete, und The Lost Boys(1987), in dem Schumacher die Jugendkultur der 1980er-Jahre mit dem Vampirfilm-Genre zusammenbrachte. Das auch bei der Kritik wohlwollend aufgenommene Hybrid aus Fantasy- und Horror-Elementen, Klamauk, geschmeidiger Unterhaltsamkeit und dezenter Unterwanderung allzu platter Hollywood-Muster wurde zur Blaupause für die besseren unter Schumachers weiteren Werken. Denn der Filmemacher erwies sich dann als inspiriert, wenn er keine vorgefertigten und formelhaften Sujets zu bearbeiten hatte.

„The Lost Boys“ © Warner Home
„The Lost Boys“ (© Warner Home)

Weniger innovativ, wenngleich an den Kinokassen allesamt erfolgreich, blieben dagegen bezeichnenderweise seine John-Grisham-Adaptionen Der Klient (1994) und Die Jury (1996), aber auch die von Kostümexzessen und Fehlbesetzungen geprägte Musical-Adaption Das Phantom der Oper (2004) oder Schumachers Ausflüge ins Comic-Genre mit dem Duo Batman Forever(1995) und Batman & Robin(1997). Den mit wenig Spielraum versehenen und den vorgekauten Erwartungen von Finanziers verhafteten Werken konnte Schumacher keine persönliche Note abgewinnen und beließ es beim Dienst nach Vorschrift.

Mit einem Auteur, der seine Vision auch gegen Studiovorgaben durchsetzt, konnte man den Regisseur auch sonst nicht verwechseln, wohl aber ließ er doch immer wieder mit ambitionierten Werken aufhorchen. So gelang ihm mit Flatliners (1990) eine bemerkenswerte Gratwanderung zwischen Horrorfilm und existenzialistischer Beschäftigung beim Grenzgang zwischen Leben und Tod; in 8mm (1998) ließ er einen Privatdetektiv auf die dunkelsten Seiten von Porno- und Gewaltfilm-Industrie stoßen und in Number 23 (2007) einen unbescholtenen Mann erschreckenden Ahnungen hinter einem mysteriösen Buch folgen.

Homosexuelle Emanzipation & Filme über wütende weiße Männer

Bereits in Car Wash hatte der offen homosexuelle Joel Schumacher auch die Figur eines sympathischen schwulen Schwarzen (gespielt von Antonio Fargas) untergebracht – seinerzeit eines der ersten Beispiele homosexuellen Selbstbewusstseins im Mainstream-Kino und durchaus ein mutiger Affront gegen konservative Befindlichkeiten. Das schlagfertige Bonmot „Ich bin mehr Mann, als du je sein wirst, und mehr Frau, als du je kriegen wirst!“ verwendete Schumacher in seiner selbst verfassten, eher mäßigen Komödie Makellos (1999) dann gleich noch einmal.

Kontroverse Debatten löste er in den 1990er-Jahren jedoch eher mit seinem Drama Falling Down(1993) aus, da ihm vorgeworfen wurde, den Amoklauf eines weißen Durchschnittsbürgers (Michael Douglas) gegen die Frustrationen des Alltags und „störende“ Mitmenschen mit allzu großer Sympathie gezeichnet zu haben – was der Regisseur damit konterte, die Hauptfigur sei in keinem Fall als Held zu verstehen.

„Tigerland“ © Fox
„Tigerland“ (© Fox)

Als eine weitere Antwort auf „Falling Down“ kann man auch Nicht auflegen! (2002) verstehen, in dem einmal mehr ein frustrierter weißer Mann (Colin Farrell) im Mittelpunkt steht, der hier jedoch erleben muss, wie er selbst das Opfer eines offenbar durchgedrehten Killers wird, der ihn mit einem Gewehr in einer Telefonzelle festhält. Ein zu wenig beachteter Film bleibt Schumachers Einlassung auf den Vietnam-Krieg mit Tigerland (2000) über die entmenschlichende Ausbildung junger Soldaten im Jahr 1971 und ihre zusehends verschwommene Wahrnehmung der Realität.

Nachdem seine letzten Werke wie der „Home Invasion“-Thriller Trespass(2011) kaum noch Beachtung fanden, inszenierte Joel Schumacher noch zwei Folgen von House of Cards und zog sich dann in den Ruhestand zurück. Am 22. Juni 2020 starb er im Alter von 80 Jahren in New York an einer Krebserkrankung.

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