© STUDIOCANAL (Schauspielerin Rosamund Pike als Hauptfigur in Marjane Satrapis Filmbiografie "Marie Curie")

„Man wird nicht Marie Curie, wenn man nett ist“

Donnerstag, 16.07.2020

Die iranisch-französische Filmemacherin Marjane Satrapi im Interview über ihre Filmbiografie der Nobelpreisträgerin.

Diskussion

Sie kennen den Iran noch unter dem Schah; Sie haben die Revolution 1979 erlebt, auch die Enttäuschung darüber. Sie leben aber schon lange in Frankreich. Wie denken Sie jetzt über den Iran und Ihre Erfahrungen?

Marjane Satrapi: Ich war seit zwanzig Jahren nicht im Iran, zwei Dekaden immerhin. Ich fühle eine große Nostalgie, es gibt auch viele Erinnerungen, aber ich versuche, mich nicht so sehr über die aktuelle Situation im Iran zu definieren. Meine Meinung darüber wird durch meine Nostalgie regelrecht torpediert, auch durch die Tatsache, dass ich so lange nicht mehr dort war. Ich erinnere mich noch gut, wie Exiliraner damals über das Land gesprochen haben, wie es war, wie es ist. Doch sie hatten keine Ahnung, weil sie selbst lange nicht im Iran gewesen waren. Ich fand das damals schon lächerlich. Und das Gleiche gilt für mich heute. Der wirtschaftliche Boykott durch die USA, soviel weiß ich dann doch, schadet den Menschen sehr. Dieser Boykott ist keine gute Idee. In jedem Land, egal ob im Iran oder anderswo, garantieren die Angehörigen der Mittelschicht die Veränderungen. Die Armen haben zu viele Sorgen, um darüber nachzudenken, die Reichen hingegen genießen ihre Privilegien. Sie wollen nicht, dass sich etwas ändert. Die Mittelschicht ist also wichtig für Veränderungen, doch mit einem Boykott vernichtet man sie. Und mit dieser Vernichtung gibt es auch keine Veränderungen mehr. Das ist das Einzige, was ich Ihnen über den Iran sagen kann.

Marjane Satrapi beim Dreh (© STUDIOCANAL)
Marjane Satrapi beim Dreh (© STUDIOCANAL)

Sie haben Ihre Heimat verlassen, um in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten, Marie Curie auch. Gibt es eine Parallele zwischen Ihnen und Marie Curie?

Satrapi: Ja, das stimmt. Wir sind beide Frauen, die ihr Land verlassen mussten, weil sie einer falschen Beurteilung durch andere ausgesetzt waren. Frauen, die kämpfen mussten, die selbst einen Platz im Leben finden mussten. Ja, es gibt diese Parallele, aber diese Parallele ist sehr kurz: Sie ist ein Genie und ich nicht! (lacht herzlich). Es ist auch eine andere Zeit. Marie Curie hatte es damals als Frau gewiss sehr viel schwerer. Sie musste auch Rassismus ertragen, was sich in unserer Zeit genau wiederspiegelt. Sie hatte kurz vor dem Ersten Weltkrieg eine Affäre mit Paul Langevin, genau in der Zeit, in der der Nationalismus hochkam. „Nation“ – das ist ein sehr neuer, moderner Begriff. Kein Land kann behaupten, schon seit über 1000 Jahren eine Nation zu sein. Wir wollen eine Art Energie oder Rechtfertigung finden in dieser „Nationen“-Sache, um den anderen zu hassen. Die Welt verändert sich, und zwar viel zu schnell – das ängstigt die Menschen. Sie können diese Angst aber gar nicht benennen. Sie wissen nicht, woher sie kommt, darum beschuldigen sie einfach jemand anderen. Marie Curie musste das auch durchmachen wegen dieser Affäre. Es ist schon besorgniserregend. Dieselbe Atmosphäre, die damals herrschte, findet sich nun wieder. Als wir das Drehbuch schrieben, kam der Sounddesigner mit dem Zug nach London. Er hatte unterwegs die Poster von Nigel Farage gesehen. Wir haben die Slogans der extremen Rechten einfach für unseren Film übernommen. „Frankreich den Franzosen“ – so wie aktuell „Großbritannien den Briten“. So haben wir eine Brücke zu heute geschlagen.

In einer Szene wird Marie Curie vorgeworfen, Jüdin zu sein.

Satrapi: Sie ist Polin, ihre zweiter Vorname ist Salomé, das reichte schon, um sie als Jüdin zu bezeichnen. Zur selben Zeit gab es auch die Dreyfus-Affäre; es war eine Zeit des Antisemitismus.

Was ist für Sie das Faszinierende an Marie Curie?

Satrapi: Das ist nicht nur sie – das ist sie und Pierre Curie zusammen. Es sind die einzigen Menschen, die ich kenne, bei denen ihr Liebesleben, ihre Entdeckungen und ihr Tod in der Tat dieselbe Geschichte erzählen. Marie und Pierre Curie lernen sich über die Wissenschaft kennen, sie verlieben sich wegen der Wissenschaft, sie sterben an derselben Wissenschaft, an ihrer Entdeckung. Alles an ihnen ist ein und dasselbe. Was für ein modernes Paar! Sogar für heutige Zeiten finde ich sie extrem modern. Als ich aufwuchs, wollte mich meine Mutter zu einer unabhängigen Frau erziehen. Meine großen Vorbilder waren Simone de Beauvoir und – Marie Curie. Ich schaute zu diesen beiden Frauen auf und versuchte, so zu werden wie sie. Ich bin weder eine große Philosophin noch eine große Wissenschaftlerin geworden. Aber wenigstens waren sie Vorbilder für mich, an denen ich mich orientieren konnte.

Im Film kommt Marie Curie sehr stark und sehr ehrlich rüber, sie kann aber auch sehr gemein und aufbrausend werden. Sie hat also zwei Seiten…

Satrapi: Taff und selbstbewusst – das sind Eigenschaften, die wir bei Männern akzeptieren. Picasso war ein Mistkerl im Umgang mit Frauen. Aber er war ein Genie – also ist das okay. Wir können ihm verzeihen. Doch als Frau hat man gar nicht das Recht, eine fiese Seite zu zeigen. Von einer Frau wird erwartet, dass sie eine gute Mutter ist, eine gute Ehefrau. Und dann dieser Unsinn mit dem „Mysterium der Frauen“. Frauen sind einfach Menschen mit Brüsten. So einfach ist das. In erster Linie sind sie aber Menschen. Und ich glaube nicht, dass Marie Curie das geschafft hätte, was sie geschafft hat, wenn sie sich wie meine Mutter benommen hätte. Wenn man zu nett und freundlich ist… Nein, man muss kämpfen. Ich finde Marie Curie auch gar nicht so fies. Sie schert sich wenig um Moral. Wenn sie etwas für richtig hält, sagt sie das. Mir gefällt, dass sie nichts tut, um zu gefallen. Sie verführt niemanden. Sie hat viel Arbeit, sie hat ihre Wissenschaft. Aus ihrer Sicht benimmt sie sich gut, aus meiner Sicht auch. Sie amüsiert mich sogar. Ich finde sie lustig. Sie entspricht nicht dem Stereotyp einer Frau.

Grenzüberschreiterin weg von alten Stereotypen: Die Wissenschaftlerin bei der Arbeit in "Marie Curie" (© STUDIOCANAL)
Weg von alten Rollenstereotypen: Die Wissenschaftlerin bei der Arbeit in "Marie Curie" (© STUDIOCANAL)

Verstehen Sie sich als Feministin?

Satrapi: Das klingt jetzt so. Ich war aber nie Teil einer Bewegung. Ich habe mir immer gesagt: Ich führe mein Leben. Mich kümmert das nicht so sehr. Wenn andere Menschen mich für unfähig halten, weil ich eine Frau bin, beweise ich ihnen, dass sie falschliegen. Deswegen muss ich kein Manifest aufsetzen. Ich mache mein Ding, und das funktioniert gut für mich. Wenn man sich einen Film ansieht, steht eine Frau immer in Beziehung zu jemand anderem – die Frau von jemandem, die Mutter von jemandem, die Liebhaberin von jemandem. In meinem Film ist die Frau einfach sie selbst. Pierre ist ihr Ehemann, und Irene ist ihre Tochter, und Eve ist ihre Tochter. Alles bezieht sich auf sie. Es wurde endlich Zeit, dass es so einen Charakter gibt. Es ist ja bloß eine Frage der Mathematik. Die Hälfte der Weltbevölkerung sind Frauen. Es ist darum normal, dass die Hälfte aller Hauptfiguren in Filmen Frauen sind. Das ist reine Statistik.

Das Drehbuch basiert auf einer Graphic Novel. Kannten Sie diese Vorlage? Wie kamen Sie zum Projekt?

Satrapi: Ich wusste gar nichts von der Graphic Novel. Ich las das Drehbuch, und ich habe mich gefreut, dass es sich nicht wie ein BBC-ähnliches Biopic las. Es geht hier um eine wirklich neue Sichtweise. Wir reden hier über den Effekt, den eine Entdeckung auf die Welt hat. Erst zwei oder drei Monate später bemerkte ich, dass es auch eine Vorlage gab, eine Graphic Novel. Mein Agent hatte mir das Drehbuch zugesandt, die Produzenten hatten wohl mehrere Leute im Hinterkopf, und was ich gesagt habe, muss wohl interessanter gewesen sein als das, was andere gesagt haben. (lacht) Ich wollte das Projekt aber auch sehr. Ich wollte keine Kompromisse eingehen. Ich wollte eine „reine“ Marie Curie. Ich habe viel über sie gelesen, und man realisiert dabei, wie eine Person wirklich ist. Man liest ihre Briefe und sieht, welche Worte sie benutzt hat, welche Worte andere benutzt haben. Wenn Menschen schreiben, kann man genau sehen, was in ihrem Kopf vorgeht. Sie ist ein sehr kompromissloser Charakter – das hat mich interessiert. Jeder andere hätte sie sanfter und netter und süßer gezeigt. Ich glaube nicht, dass man zu „Marie Curie“ wird, wenn man süß ist. Das ist unmöglich.

Was waren dann die Herausforderungen, diesen Film zu inszenieren? Es geht hier ja auch um verschiedene Zeitebenen, von 1870 bis 1980.

Satrapi: Genau – das war die größte Herausforderung. Ich bewegte mich auf einem sehr schmalen Grat. Man muss sagen, dass es eine direkte Linie von der Entdeckung der Radioaktivität zur Atombombe gibt. Man muss auch sagen, dass das nicht die Schuld von Marie Curie ist. Sie starb 1934, die Bombe wurde 1945 gebaut. Es hat nichts mit ihr zu tun, so wie das Dynamit mit Alfred Nobel zu tun hat. Das sagte auch Pierre Curie, als er den Nobelpreis erhielt: In der Hand eines Kriminellen könnte die Entdeckung sehr gefährlich sein. Die Menschen entdecken immer etwas. Die Frage ist aber, wie wir mit dieser neuen Entdeckung umgehen. Nobel hatte mit dem Dynamit zum Beispiel Tunnel bauen wollen. Was passierte? Wir benutzten Dynamit, um Tausende von Menschen in den Kriegen zu töten. Hatte er das so gewollt? Natürlich nicht. Alles kann gut oder schlecht sein. Die Herausforderung war, nicht pro oder contra Nuklearkraft zu sein oder jemanden anzuklagen. Es geht darum, darüber nachzudenken, was wir mit ihr machen. Die andere Herausforderung war, die Ebenen zusammenzuhalten, stilistisch, von einer Episode zur nächsten – nicht wie Brotkrumen, die in einer Suppe schwimmen. Es muss ein Ganzes sein.

Wie schwierig war es, Wissenschaft für die große Leinwand aufzubereiten, so dass jeder Zuschauer sie verstehen kann?

Satrapi: (muss herzlich lachen) Endlich stellt mir mal jemand eine vernünftige Frage. Wissenschaft auf der Leinwand ist wirklich nicht sexy, das muss ich Ihnen sagen. Was macht Marie Curie? Sie hantiert mit einem Messgerät, sie schaut sich das Radium an, um zu messen, wie viel Strahlung es hat, zwölf Stunden am Tag. Sie schaut auf einen Punkt, sie macht das Messgerät an und aus. Wie oft kann man das zeigen? Wo ist der Eureka-Moment? Es gibt aber nie einen Eureka-Moment! Niemand geht ins Labor und sagt: „Lass uns heute ein neues Element entdecken!“ Es passiert – irgendwann. All diese Dinge muss man verständlich machen. Ich wollte der Wissenschaft gerecht werden. Was ich zeige, ist auch so passiert. Auf dem Set hatte ich auch einen Doktor der Chemie, den ich immer um Rat fragen konnte: Wie läuft so ein Experiment tatsächlich ab? Die Wissenschaft muss akkurat sein. Ich müsste sonst fürchten, dass mir die Zuschauer mangelnde Sorgfalt vorwerfen. Zur selben Zeit darf es aber auch nicht zu viel sein. Die Menschen müssen das Gefühl haben, alles zu verstehen. Der Zuschauer muss bemerken, dass man seiner Intelligenz traut. Man muss zumindest versuchen, die Dinge zu erklären. Man kann nicht nur die Wissenschaft zeigen – das wird langweilig. Und darum gibt es auch eine Montage, wie sich die Curies kennen lernen, einander lieben, Kinder machen, Kinder bekommen. Andernfalls tötet man den Zuschauer. Oder man hat einen Dokumentarfilm gemacht.

Eine herausforderung für jeden Film über Wissenschaftler: Inhalte verstädnlich machen, ohne zu didaktisch zu werden (© STUDIOCANAL)
Eine Herausforderung für jeden Film über Wissenschaftler: Inhalte verständlich machen, ohne zu didaktisch zu werden (© STUDIOCANAL)

Sie haben also viel recherchieren müssen?

Satrapi: Oh ja. Ich ließ noch einmal Revue passieren, was ich in der Schule gelernt hatte – das Periodensystem, Chemie- und Physikunterricht. Ich wollte wissen, wie das funktioniert. Ich liebe aber auch die Naturwissenschaften. Das hat sehr geholfen.

Haben Sie auch andere Filme gesehen über Marie Curie, Marie Noelles Film von 2016 zum Beispiel?

Satrapi: Mein Film ist sehr anders. Noelles Film ist ein normales Biopic. Ich wollte etwas machen, was einem neuen Horizonte eröffnet. Mir ging es darum, Fragen zu stellen. Es gibt viele Filme, sogar Serien. Warum sollte man dann noch einen Film über Madame Curie machen? Weil er eine neue Sichtweise hat. Das ist alles. Alles andere ist schon gemacht worden.

Ich bin ein großer Fan von Rosamund Pike. Hatten Sie sie von Beginn an im Hinterkopf?

Satrapi: Wissen Sie: Intelligenz ist etwas, das man nicht spielen kann. Eine intelligente Person kann immer vorgeben, dumm zu sein. Aber umgekehrt funktioniert das nicht. Intelligenz ist ein Glitzern, das man in den Augen sehen kann. Es gibt große Schauspieler, die die Wissenschaft aber nicht verstehen. Sie geben vor, es zu tun. In dem Moment, als ich Rosamund traf – sie ist wunderschön, überaus talentiert. Aber im Grunde ist Rosamund Pike ein großes Gehirn auf zwei Beinen. Sie ist extrem klug, und sie hat etwas in sich, das ich sehr schätze, diese Ruhe, diese Kühle. Wenn sie lacht, geht ein Licht in ihrem Gesicht an. Als ich sie zum ersten Mal traf, hatte ich keine Zweifel, dass nur sie Marie Curie sein könnte. Wenn sie sich in eine Rolle vertieft, macht sie das nicht nur ein bisschen – sie gibt 120 Prozent. Mehr als nötig ist. Diese Frau hat Fähigkeiten, die ich selten bei jemand anderem gesehen habe. Sie hat auch eine große komische Seite, die von Regisseuren noch nicht so entdeckt wurde. Sie ist sehr lustig. Ich hoffe, noch einmal mit ihr zusammenzuarbeiten.

Sie haben für den Film sogar Storyboards gezeichnet…

Satrapi: Nicht ich selbst, ich habe einen Storyboard-Zeichner, ich mache nur kleine Entwürfe. Storyboarding ist etwas sehr Technisches. Wenn man bei manchen Szenen kein Storyboard hat: Wie sagt man den Mitarbeitern dann, was sie machen sollen? Wenn man zu zweit in einem Raum ist und vielleicht ein Problem miteinander hat, dann ist es egal. Bei den ganzen wissenschaftlichen Details aber muss man wissen, wie es aussehen soll. Und da sind Storyboards am Set sehr hilfreich. Ich habe keine 60 Drehtage. Diesmal waren es 43, und mehr ist für einen Film wie diesen auch gar nicht erlaubt von Produktionsseite. Die ganze Kriegsszene haben wir in einem Tag gedreht – ein einziger Tag! Ich wäre fast gestorben, aber wir haben diese Szene im Kasten. (lacht). Wenn man gut vorbereitet ist, verliert man weniger Zeit, besonders bei einem Projekt wie diesem.



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