© imago images / Cinema Publishers Collection (Olivia de Havilland, circa 1944)

Die willensstarke Lady

Dienstag, 28.07.2020

Zum Tod von Olivia de Havilland (1.7.1916-26.7.2020)

Diskussion

Allein dieser Name! Olivia de Havilland… – was für ein einzigartiger aristokratischer Klang aus einer Zeit, als die Hollywood-Studios es entweder bevorzugten, ihren Stars so kurze und einfache (weil einprägsame) Namen wie möglich zu geben, oder ihnen exotische Pseudonyme andichteten. Olivia de Havilland brachte ihren Namen mit, als ihre Filmkarriere im Jahre 1935 begann, und sie durfte ihn behalten, schon dies ein erster Triumph der jungen Frau, die den überlebensgroßen Studiobossen später noch zeigen sollte, welchen festen Willen sie besaß.

Was sie ebenfalls mitbrachte, waren natürliche Eleganz, eine unaufdringliche Ausstrahlung und die unübersehbaren Spuren ihrer britischen Herkunft in Diktion, Haltung und Erscheinung, Spuren, die Olivia de Havilland hatte entwickeln können, ohne zu diesem Zeitpunkt je in Großbritannien gewesen zu sein. 1916 in Tokio geboren als ältere Tochter zweier britischer Expatriaten, eines Patentanwalts und einer früheren Schauspielerin, lebte sie ab ihrem dritten Lebensjahr in Kalifornien; für ihre ersten Schauspielversuche im Amateurtheater von Saratoga brachte ihre Mutter ihr den englischen Bühnensprechstil bei.

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Theater-Legende Max Reinhardt ebnet den Weg nach Hollywood

Auf diese Weise stach sie sogar in einer lokalen Laienproduktion von Shakespeares „Sommernachtstraum“ so hervor, dass sie von einem Talentsucher entdeckt und im Sommer nach ihrem Schulabschluss 1934 zuerst als Ersatzbesetzung die Rolle der Hermia in einer Inszenierung des exilierten österreichischen Theaterregisseurs Max Reinhardt übernehmen durfte. Als Reinhardt anschließend für das Studio Warner Bros. das Stück verfilmte, nahm er Olivia de Havilland mit nach Hollywood – als einzige Debütantin in einem Ensemble voller Kino-Stars wie dem raubeinigen James Cagney als Zettel oder dem quirligen Kinderdarsteller Mickey Rooney als Puck. Eine im Grunde abwegige Idee, die den von Reinhardt gemeinsam mit dem Regie-Routinier William Dieterle umgesetzten Film aber zu einer ungewöhnlich innovativen Shakespeare-Adaption machte. Und der 19-jährigen Olivia de Havilland, die sich neben den erfahrenen Kollegen hervorragend behauptete, zu einem glänzenden Filmdebüt verhalf, nachdem sie ihre eigentlich angestrebte Berufslaufbahn als Lehrerin getrost ad acta legen konnte.

In dem Quartett junger Liebender im „Sommernachtstraum“ ist Hermia vom Text als diejenige angelegt, die nach den von den Elfen herbeigeführten Liebesverwirrungen am meisten zu ertragen hat, wenn ihr Geliebter Lysander und ihr Zugedachter Demetrius mit einem Mal beide ihre Freundin Helena hofieren und alle drei mit verbaler Drastik auf Hermia herumhacken. Ein wenig von diesem Muster, nach dem die von Olivia de Havilland gespielten Figuren von anderen unterschätzt werden und Verachtung erfahren, wurde auch in den Filmen der nächsten Jahre immer wieder aufgegriffen, wobei dem unweigerlich der Moment folgte, in dem ihre Verächter beschämt erkennen mussten, wie falsch sie mit ihrer Einschätzung gelegen hatten.

„Vom Winde verweht“: Die stille Kraft neben der dickköpfigen Scarlett O‘Hara

Am klarsten wird dies in „Vom Winde verweht“, wo Olivia de Havillands Figur Melanie Hamilton als Gegenfigur zu Vivien Leighs Südstaatenschönheit Scarlett O’Hara von Anfang an die schlechteren Karten hat: Dass deren Schwarm Ashley Wilkes (Leslie Howard) die schüchterne, vermeintlich beschränkte Melanie heiratet, bringt ihr bittere, hämische Kommentare der düpierten Scarlett ein. Tatsächlich aber gelingt es Olivia de Havilland, Melanie als mindestens ebenso starken Charakter zu gestalten wie die an ihren Demütigungen und Entbehrungen wachsende Scarlett: Ist es bei dieser der trotzige Schwur, in ihrem Leben nie wieder zu hungern, der ihre Stärke definiert, brennt sich bei Melanie ihre Gutherzigkeit unauslöschlich ein. Diese beruht eben nicht auf Naivität oder Unwissen, sondern auf Vorurteilsfreiheit und wird von Melanie selbstbewusst auch gegen gesellschaftliche Zwänge durchgesetzt, wenn sie die von allen schief beäugte Scarlett bei einem Ball ohne zu zögern in ihre Arme schließt und später sogar der Prostituierten Belle (Ona Munson) gegenüber keine Spur von Dünkel zeigt. Dass Olivia de Havilland Melanie als ihre liebste Rolle bezeichnete, ist nicht verwunderlich – so viele Nuancen bei einer rundweg positiven Figur zeigen zu dürfen, war nicht nur in der damaligen „goldenen Ära“ von Hollywood ziemlich einmalig.

Olivia de Havilland (Mitte) an der Seite von Hattie McDaniel und Vivian Leigh in "Vom Winde verweht" (© Imago images/Everett Collection)
Olivia de Havilland (Mitte) an der Seite von Hattie McDaniel und Vivian Leigh in "Vom Winde verweht" (© Imago images/Everett Collection)

Zwischen „Ein Sommernachtstraum“ und „Vom Winde verweht“ lagen vier Jahre, in denen Olivia de Havilland als Vertragsschauspielerin der Warner Bros. eine vorgeschriebene Rolle nach der anderen übernehmen musste, wobei sie vor allem als Partnerin von Errol Flynn zu Starruhm kam: Achtmal spielten der gewandte australische Draufgänger und sie zwischen 1935 und 1941 ein Leinwandpaar, angefangen mit dem Piratenfilm „Unter Piratenflagge“ über den Mantel- und Degen-Klassiker „Robin Hood, König der Vagabunden“ bis zu den Western „Herr des Wilden Westens“ und „Sein letztes Kommando“. Olivia de Havillands Part war dabei vom Wesen her stets der einer „Maid in Not“, die Flynns Helden vor Gefahren retten und nach vollbrachter Mission an sich drücken durften, wobei die Schauspielerin diesen Figuren zumindest Intelligenz und Tatendurst mitgeben konnte. So sehr sie mit Errol Flynn aber auch harmonierte, konnten sie diese kaum abwechselnden Kostümrollen immer weniger befriedigen.

Aufstand gegen die Studio-Allmacht: Das „De Havilland Law“

Für „Vom Winde verweht“ hatte sie sich bereits gegen Studioboss Jack L. Warner durchgesetzt, um für diesen Film ans Konkurrenzstudio MGM ausgeliehen zu werden – danach war die Schauspielerin endgültig zum Aufstand bereit. Das damals ebenso legale wie übliche Mittel der Studios, widerspenstige Schauspieler zu suspendieren, traf Olivia de Havilland mehrfach, bis sie sich zur Klage gegen ihren Vertrag entschloss. Was selbstbewusste und scharfzüngige Persönlichkeiten wie Bette Davis und Joan Crawford noch vergeblich versucht hatten, glückte 1943 der gerade einmal 27-Jährigen, die bei aller Zartheit und Wohlerzogenheit nicht weniger resolut sein konnte als ihre amerikanischen Kolleginnen – Jack Warner musste Olivia de Havilland freigeben und begreifen, dass auch er sie völlig unterschätzt hatte.

Das Studiosystem, in dem selbst Starschauspieler bis dahin wie Leibeigene behandelt werden konnten, wurde durch das „De Havilland Law“ aus den Angeln gehoben, Olivia de Havilland bezahlte für diesen historisch immens wichtigen Akt zunächst allerdings nicht nur mit einem Großteil ihres Vermögens, sondern auch mit einer Ächtung in Hollywood: Jack Warner setzte bei anderen Studios durch, dass seine abspenstige Darstellerin zwei Jahre lang keine Kinorolle bekam, zudem hielt er ihren Film „Devotion“ über die Brontë-Schwestern bis 1946 vor einem Kinoeinsatz zurück und degradierte Olivia de Havillands Charlotte Brontë auf den dritten Platz der Besetzungsliste.

„Oscar“-Ehren und große Charakterrollen

Diese jedoch wurde noch im selben Jahr für ihren Kampf belohnt: Mit dem sentimentalen, ihr aber eine großartige Rolle verschaffenden Melodram „Mutterherz“ um das jahrelange Sehnen einer Mutter nach ihrer zur Adoption freigegebenen Tochter gewann sie für ihr Comeback auf Anhieb den „Oscar“; mit der Doppelaufgabe eines mörderischen und eines unschuldigen Zwillings im Film noir „Der schwarze Spiegel“ lotete sie ihre Charakterisierungskunst aus, in Anatole Litvaks „Die Schlangengrube“ (1948) bot sie die erschütternde Studie einer psychisch kranken Frau und ihrer schockierenden Erfahrungen in einer psychiatrischen Anstalt. Diese darstellerische Pionierleistung hätte bereits den zweiten „Oscar“ bedeuten können, den sie dann ein Jahr darauf für das Melodram „Die Erbin“ nach Henry James erhielt: Unter der Regie von William Wyler zog Olivia de Havilland noch einmal alle Register als reiche, aber unscheinbare und ungeschickte New Yorkerin Mitte des 19. Jahrhunderts, der ein tyrannischer Vater und ein Mitgiftjäger den Glauben an die Menschheit austreiben – ihr Wandel vom gegängelten Mündel zur selbstsicheren Frau, die aber keine Spur mehr von Olivia de Havillands sonstiger Warmherzigkeit verrät, gehört zu den darstellerischen Meisterstücken der Filmgeschichte.

In "Die Erbin" (© NBC Universal)
In "Die Erbin" (© NBC Universal)

In ihrer neuen selbstbestimmten Lage konnte Olivia de Havilland sich auch leisten, es bei dieser Reihe von vier herausragenden Filmen Ende der 1940er-Jahre erst einmal beruhen zu lassen, Theater zu spielen und sich nach der Geburt ihres Sohnes eine Auszeit zu nehmen. Angesichts der zunehmenden Konkurrenz durch das Fernsehen verspürte sie auch wenig Lust, sich auf das Kino ab den 1950er-Jahren einzulassen, auch wenn sie noch in einigen bemerkenswerten Filmen mitspielte, wie der düsteren Romanze „Meine Cousine Rachel“ (1952) oder dem ungewöhnlich gefühlvollen Western „Der stolze Rebell“ (1958). 1964 ließ sie sich darauf ein, ebenso überraschend wie effektiv mit Bette Davis in dem Psychohorrorfilm „Wiegenlied für eine Leiche“ aufzutreten – gänzlich ungewohnt als scheinbar hilfsbereite, in Wahrheit aber hinterhältige Kusine der traumatisierten Charlotte (Davis), die diese in den Tod treiben will. Danach folgten schauspielerisch nur noch einige Gastauftritte in starbesetzten 1970er-Jahre-Filmen wie „Verschollen im Bermuda-Dreieck“ und einige letzte Rollen in Fernsehfilmen, bevor Olivia de Havilland Ende der 1980er-Jahre ihre Karriere beendete.

Repräsentation und Zeitzeugin des klassischen Hollywood

Was nicht bedeutete, dass sie von der Bildfläche verschwand: Olivia de Havilland blieb eine rege Zeitzeugin für das Zeitalter des klassischen Hollywoods, umso mehr als sie schließlich dessen letzte lebende Repräsentantin wurde. Als solche brachte sich die zurückgezogen in Paris lebende ehemalige Schauspielerin gelegentlich in Erinnerung, sei es mit berührenden Worten nach dem Tod ihrer 15 Monate jüngeren Schwester Joan Fontaine, zu der sie lebenslang ein schwieriges Verhältnis unterhalten hatte, im Jahr 2013, dankbarem Stolz nach der Erhebung in den britischen Adelsstand als 101-Jährige 2017 oder ihrem Kommentar zu den dezenten Gender-Fortschritten beim Festival von Cannes, wo sie 1965 als erste Frau die Jury geleitet hatte: „Es wurde auch Zeit!“ Als sie 2017 die Macher der Miniserie „Feud“ über den Zwist zwischen Bette Davis und Joan Crawford wegen einer unzutreffenden Interpretation ihrer Person verklagte, scheiterte sie juristisch, gab darum aber einen nicht weniger eindrucksvollen Beweis ihrer ungebrochenen Charakterstärke. Als angemessenste Worte nach ihrem Tod im Alter von 104 Jahren am 26. Juli 2020 drängen sich die auf, die ihr Errol Flynn als seiner Filmehefrau bei ihrem letzten gemeinsamen Auftritt in „Sein letztes Kommando“ mitgibt: „Mit Ihnen durchs Leben gegangen zu sein, Ma’am, war eine sehr gute Sache.“

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