© Alamode (aus dem deutschen Wettbewebsbeitrag "Und morgen die ganze Welt")

Filmfestival in Venedig: Der Wettbewerb

Dienstag, 28.07.2020

Ein Überblick übers Programm der 77. "Mostra"

Diskussion

Als erstes großes Filmfestival seit dem Lockdown im März 2020 rollt die 77. „Mostra internazionale dell’arte cinematografica“ Anfang September ihren roten Teppich aus. Mit moderat eingeschrumpftem Programm, in dem zwar weniger Hollywood-Starpower als sonst präsent ist, das aber durchaus mit interessanten Namen aufwartet.

„Die Kunstform, die wir lieben, steckt in einer Krise“, verkündeten die Veranstalter des Filmfestivals Venedig Anfang Juli in einer gemeinsamen Erklärung mit den Filmfestivals von Toronto, New York und Telluride, und bekundeten zugleich den Willen zur Zusammenarbeit, um zu ermöglichen, dass zumindest die Festivals im Herbst trotz anhaltender Corona-Beschränkungen und deren gravierender Folgen für die ganze Filmindustrie über die Bühne gehen können. Die 77. „Mostra“ wird nun am 2. September als erstes großes Filmfestival seit dem Lockdown ihren roten Teppich ausrollen. „Ich bin extrem erfreut, dass die Mostra mit einem Minimum an Reduzierungen an Filmen und Sektionen stattfinden kann“, äußerte sich Festivalleiter Alberto Barbera. Ohne die Opfer der Pandemie zu vergessen, sei die Veranstaltung eine „Botschaft des Optimismus für die gesamte Welt des Kinos, die so schwer unter der Krise leidet“.

Die Krise hat ihre Spuren hinterlassen

Auch wenn die Zahl der Wettbewerbsfilme nicht allzu drastisch eingeschränkt wurde und abgesehen vom Virtual-Reality-Wettbewerb, der nur online stattfindet, alle übrigen Sektionen am Lido ebenfalls an den Start gehen können, hat sich die Krise deutlich ins Programm eingeschrieben: Star-Kino aus Hollywood, sonst immer ein Standbein des Festivals, macht sich diesmal im Wettbewerb rar. Nichtsdestotrotz verspricht das Programm viele interessante Titel. Etwa ein neues Projekt mit Frances McDormand: „Nomadland“ von Regisseurin Chloé Zhao ist eine Art Road-Movie-Porträt einer desolaten USA, zentriert um eine von McDormand gespielte Frau, die ihre wirtschaftlich heruntergekommene Heimatstadt in Nevada verlässt, um mit ihrem Van als eine moderne Nomadin durchs Land zu ziehen.

Der Film, den McDormand auch produziert hat, ist eines der Beispiele für die Kooperation Venedigs mit den anderen Herbst-Festivals: Anstatt um Weltpremieren zu konkurrieren, präsentieren die „Mostra“ und Toronto den Film gemeinsam zur gleichen Zeit, bevor er dann später auch in Telluride und New York zu sehen ist.

Starke weibliche Präsenz

Chloé Zhao ist nicht die einzige Frau im Wettbewerb: Die sonst regelmäßig beklagte Gender-Ungleichheit in der „Löwen“-Konkurrenz fällt in diesem Jahr weniger gravierend aus. Von den 18 Filmen im Wettbewerb stammen immerhin acht von Regisseurinnen. Gespannt darf man auf eine neue Arbeit der in den USA lebenden Norwegerin Mona Fastvold sein, die in Venedig in den vergangenen Jahren durch ihre exzellenten Drehbuch-Kollaborationen mit Brady Corbet („Childhood of a Leader“, „Vox Lux“) präsent war. Mit „The World to Come“, der Verfilmung einer gleichnamigen Erzählung von Jim Shephard (der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat), präsentiert sie eine Liebesgeschichte rund um zwei Farmers-Frauen im „Wilden Westen“ des ausgehenden 19. Jahrhunderts; der Film ist prominent besetzt mit Katherine Waterston, Vanessa Kirby, Casey Affleck und Christopher Abbott.

Zu den Regisseurinnen im Wettbewerb gehört auch Julia von Heinz. Sie präsentiert „Und morgen die ganze Welt“, ein deutsches Politdrama rund um die Radikalisierung der politischen Lager. Eine idealistische Jura-Studentin (Mala Emde) will sich dem Rechtsruck im Land entgegenstemmen, schließt sich linken Kreisen an und schließt irgendwann auch Waffen im Kampf für ihre politischen Überzeugungen nicht mehr aus. Der Film startet am 29. Oktober auch in den deutschen Kinos.

Neues gibt es im Wettbewerb außerdem von der Italienerin Emma Dante, die zuletzt mit der gelungenen FarceVia Castellana Bandiera“ im Wettbewerb vertreten war und nun mit der Adaption ihres Theaterstücks „Le sorelle Macaluso“ am Lido sein wird, rund um sieben Schwestern, die anlässlich einer Beerdigung zusammenkommen. Auch Małgorzata Szumowska ist mit einem neuen Film im Wettbewerb, den sie gemeinsam mit Michał Englert inszeniert hat: „Śniegu już nigdy nie będzie“ („Never Gonna Snow Again“) ist eine Gesellschaftssatire um einen Masseur, der die reichen, aber deprimierten Bewohner einer Gated Community in Warschau durcheinanderbringt. Der Film ist als deutsche Co-Produktion entstanden.

Namhafte „Auteurs“ & ein italienischer Eröffnungsfilm

Neben diesen und anderen Filmemacherinnen sind auch viele namhafte Regisseure mit im Rennen um den „Goldenen Löwen“: Amos Gitai, ein Stammgast der „Mostra“, zeigt „Laila in Haifa“ rund um eine Diskothek in der gleichnamigen Stadt, in der Israelis und Palästinenser gleichermaßen verkehren. Kornél Mundruczó präsentiert mit „Pieces of a Woman“ nach „Jupiter’s Moon“ eine weitere internationale Arbeit, in der Vanessa Kirby, Shia LaBeouf und Ellen Burstyn mitwirken, und porträtiert eine Frau, die um ein verlorenes Kind trauert. Der Dokumentarist Gianfranco Rosi, hochdekoriert mit dem „Goldenen Löwen“ 2013 für „Das andere Rom“ und mit dem „Goldenen Bären“ 2016 für „Seefeuer“, präsentiert „Notturno“ über die verheerenden Folgen des Bürgerkriegs in Syrien und die politischen Schieflagen in den benachbarten Ländern des Mittleren Ostens. Außerdem darf man auf neue Filme des Russen Andrej Kontschalowski, des Japaners Kiyoshi Kurosawa und des Iraners Majid Majidi gespannt sein.

Eröffnet wird die „Mostra“ am 2. September erstmals seit rund zehn Jahren wieder von einem italienischen Film: „Lacci“ von Daniele Luchetti, prominent besetzt mit Alba Rohrwacher, läuft außer Konkurrenz und ist die „Anatomie einer Ehe in der Krise“.

Ehrenplätze

Eine weitere deutsche Co-Produktion gibt es im Rahmen der „Giornate degli autori“ zu sehen: „Das neue Evangelium“ von Milo Rau, ein modernes Passionsspiel rund um die Überlegung, was Jesus wohl in der Gegenwart tun würde, wobei ihn der Film als Aktivisten neu entdeckt, der sich gegen soziale Ungerechtigkeit und die Ausbeutung von Geflüchteten auflehnt.

Für ihr Lebenswerk geehrt werden bei der 77. „Mostra“ zwei überragende Damen des Kinos geehrte, die Schauspielerin Tilda Swinton sowie die chinesische Regisseurin Ann Hui, deren aktueller Film „Di yi lu xiang“ („Love After Love“) außer Konkurrenz präsentiert wird.

Über die Vergabe der „Löwen“ entscheidet in diesem Jahr eine von Cate Blanchett angeführte Jury. In ihr sitzt neben der britischen Regisseurin Joanna Hogg, dem Rumänen Cristi Puiu und der französischen Schauspielerin Ludivine Sagnier unter anderen auch ein namhafter deutscher Filmemacher: Christian Petzold, dessen Film „Undine“ jüngst in den deutschen Kino gestartet ist.

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