© Alamode (Still aus "Exil")

Exkursionen in den Alltagsrassismus - Visar Morina über "Exil"

Mittwoch, 19.08.2020

Ein Gespräch mit dem Regisseur Visar Morina über die Entstehung seines Films „Exil“ und die Erfahrungen, die in diese Geschichte miteingeflossen sind

Diskussion

In seinem Film „Exil“ porträtiert Regisseur Visar Morina einen Mann mit Migrationshintergrund, der sich trotz seiner Integration ins deutsche Familien- und Arbeitsleben inmitten wachsender fremdenfeindlicher Ressentiments wiederfindet. Im Interview spricht Morina darüber, wie viel persönliche Erfahrung in der Story steckt, und erläutert seine am Theater geschulten Arbeitsprozesse.


„Du weiß doch gar nicht, was es heißt, ein Fremder zu sein, in diesem ach so kultivierten und zutiefst verlogenem Land!“, lautet eine zentrale Zeile in Ihrem zweiten Langfilm „Exil“, zu dem Sie auch das Drehbuch geschrieben haben. Wie viele autobiografische Elemente sind in diesen Filmstoff eingeflossen? Sie wurden 1980 ebenfalls im Kosovo geboren und kamen erst mit 15 Jahren nach Deutschland, ohne die deutsche Sprache zu sprechen. Inwieweit sind Sie selbst auf Ressentiments zwischen Deutschland und dem Kosovo gestoßen?

Visar Morina: Natürlich sind diese autobiografischen Bezüge keinesfalls von der Hand zu weisen. Das steckt nun mal in mir drinnen. Gleichzeitig kann ich als Filmemacher genau daraus schöpfen, was mir schon bei meinem Erstling „Babai“ geholfen hatte. Darin spielten kulturelle wie sprachliche und reale Grenzen eine wichtige Rolle. Aus diesem Pool habe ich mich auch bei der Drehbucharbeit zu „Exil“ bedient, obwohl sich meine persönlichen Lebensumstände in den vergangenen 20 Jahren stark verändert haben. Ich vermeide aber tunlichst den Ausdruck „Integration“. Der Begriff „soziale Teilhabe an einer Gesellschaft“ ist mir deutlich lieber. Ich stamme aus einer sehr großen Familie, was in Deutschland recht unterschiedlich wahrgenommen wird. Obwohl ich selbst nicht verheiratet bin und keine Kinder habe, haben mich beim Drehbuchschreiben gerade diese familieninternen Konflikte mindestens genauso interessiert wie die gesellschaftspolitischen Spannungen.

Sie arbeiten sehr lange an einem Drehbuch. Wie viel Zeitkolorit steckt in „Exil“? Welche literarischen und gesellschaftspolitischen Einflüsse haben Sie während des Schreibens besonders begleitet?

Morina: Das waren sehr viele, weil sich der weltpolitische Kurs seit 2015 noch einmal deutlich verschärft hat. Das reicht von der internationalen Migrationsdebatte über den Aufstieg von „Pegida“ oder der AfD bis hin zu außenpolitischen Abenteuern einzelner autoritärer Staaten. Das ist auf jeden Fall in die Grundkonstellation von „Exil“ eingeflossen. Einen anderen Knackpunkt markierten die Geschehnisse in der Kölner Silvesternacht, die sofort bundesweit Schlagzeilen machten und mich bis heute sehr beschäftigen. Weil ich anfangs längere Zeit keine festen Strukturen für den Plot zu „Exil“ gefunden hatte, begann ich ausgehend von einzelnen Bildern kurze Sequenzen zu schreiben, die am Ende einen einzigen langen Ton ergeben sollten. Für mich ist die Drehbucharbeit am ehesten mit einer musikalischen Komposition zu vergleichen: Zuerst muss ein ebenso starker wie persönlicher Grundton getroffen werden, der sozusagen bis zum Ende in jeder Drehbuchzeile mitschwingt. Ich habe dafür auch nur Sätze kreiert, die persönlich etwas in mir auslösen und mit denen ich mich auch noch beim hundertsten Mal auseinandersetzten kann. Zeitgleich hat mich auf künstlerischer Ebene die Lektüre von Jonathan Franzens Roman „Korrekturen“ stark beeinflusst. Darin sagt der Ehemann im zweiten Erzählstrang einmal zu seiner Frau: „Ich kapituliere“. Das ist einer der besten und ehrlichsten Sätze, die ich überhaupt kenne.

Abgründe in der deutschen Normalität: "Exil" (© Alamaode)
Abgründe in der deutschen Normalität: "Exil" (© Alamode)

Existierte überhaupt kein Treatment? Mit welcher Technik lassen sich die inneren Bilder und Emotionen, aus denen Sie als Künstler schöpfen, später in konkrete Dialoge ummünzen?

Morina: Ich habe auch bei „Exil“ direkt mit der Drehbucharbeit begonnen, also sofort losgeschrieben und auf ein klassisches Treatment verzichtet. Beim konkreten Schreiben ergibt sich in meiner Arbeitsweise immer sehr viel aus dem Moment heraus. Das war zum Beispiel in der Szene mit Manfred so, dem Arbeitskollegen des Protagonisten Xhafer. Der will ihn einmal abends unbedingt dazu bringen, dass beide zusammen ausgehen, obwohl Xhafer partout nicht will, ihm aber erst am Ende erklärt, dass das heute nicht ginge, weil er zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen muss, da seine Frau ausgeht. So entstanden dann beispielsweise auch die Szenen in der Badewanne, die mir sehr nahe sind und für die schon vor dem Dreh der Look feststand.

Diese visuell brillanten Badewannenszenen mit Mišel Matičević oder die große Klatschszene prägen sich sofort ein. Überhaupt agiert der Film, der vom Thriller bis zum Liebesdrama gleich mehrere Genres bedient, immer wieder mit ebenso kurzen wie rätselhaften Symbolbildern, die ans Oeuvre von Ingmar Bergman, Robert Bresson und Michael Haneke erinnern. Sind diese Autorenfilmer so etwas wie künstlerische Ziehväter für Sie? Sehen Sie sich in derselben Tradition als klassischer „Schauspieler-Regisseur“?

Morina: Das kann ich auf jeden Fall unterschreiben. Gerade die erneute Auseinandersetzung mit Bergmans Film „Persona“, den ich überhaupt als eines der größten Filmkunstwerke aller Zeiten betrachte, hat mich bei der Arbeit zu „Exil“ beflügelt. Bergmans Konzentration auf die Gesichter der Schauspieler ist einzigartig in der Filmgeschichte. Und Hanekes Filme schätze ich gerade in ihrer extremen Verdichtung, Schärfe und Schnörkellosigkeit. Viele seiner Werke habe ich genauestens studiert. Im gegenwärtigen europäischen Kino halte ich Haneke für eine der wichtigsten Stimmen. An seinen Filmen führt kein Weg vorbei. Aus seinen filmischen Welten habe ich sicherlich schon so viel aufgesogen, dass ich es gar nicht mehr merke. Was beide Regisseure eint, ist ihre Besessenheit in der Schauspielerführung. Beide arbeiten bzw. arbeiteten stets nur mit den besten ihres Faches. Dabei steht die intensive Proben- und Dreharbeit mit den Schauspielern an oberster Stelle, was ich auch in meiner Arbeitspraxis jedes Mal als besonders beglückend empfinde. Genau das liebe ich, und darum bin ich auch Regisseur geworden.

Hanekes Drama „Caché“ stand sicherlich ebenso Pate für „Exil“. Denn Gesellschaftsparanoia, Sollbruchstellen im Familienkosmos und ein ausgesprochen schwarzer, teils nihilistisch konnotierter Humor gehen in beiden Filmen vielfach Hand in Hand.

Morina: Das stimmt in der Tat. Aber auch Roman Polanskis „Der Mieter“ war eine feste Referenz für meinen Film. Ich hantiere in „Exil“ ebenfalls mit vielen Leerstellen, setze Fragezeichen und möchte den Zuschauer durch die Konzentration auf die Darsteller emotional aufrütteln. Das ist generell die Art von Kino, das ich persönlich am meisten schätze und aus dem ich viel für mein eigenes Leben mitnehme.

Wichtig: Mut zu Leerstellen! (© Alamode Film)
Wichtig: Mut zu Leerstellen! (© Alamode)

Dafür sind Ihnen in „Exil“ reihenweise exzellente Miniaturen gelungen. Ich denke da zum Beispiel an die Szene mit dem brennenden Kinderwagen, die einen ins Mark trifft.

Morina: Dieses kurze, böse und heftige Bild packt mich auch heute beim wiederholten Sehen immer noch genauso wie beim allerersten Mal. Das hatte im Privaten damals damit zu tun, dass mein Bruder gerade Nachwuchs bekommen hatte und es in Berlin im Dezember 2016 diesen fürchterlichen Anschlag auf dem Breitscheidplatz gegeben hatte, weshalb ich damals für Kinder und das Familienleben im Allgemeinen besonders sensibilisiert war. Denn mal ganz ehrlich: Wenn mir jemand die Wohnung zerstört oder das Auto kaputtmacht, würde mich das natürlich ärgern. Aber wie kann man Eltern Trost spenden, die ein Kind verloren haben? Aus diesen Gedanken heraus entstand die Idee für diese Miniszene mit dem brennenden Kinderwagen, die für mich das Schlimmste symbolisiert, was man einem Menschen antun kann.

Wie arbeiten Sie mit den Darstellern am Filmset? Genießt auch beim Film die klassische „Leseprobe“, wie Sie sie aus Ihrer Theaterpraxis kennen, oberste Priorität? Oder schauen Sie zusammen viele Filme und diskutieren im Anschluss unterschiedliche Schauspielstile, Genrekonventionen und Farbkonzepte?

Morina: Ich gehe tatsächlich ähnlich wie in meiner Theaterarbeit vor. Das Drehbuch, sprich das textliche Spielmaterial, steht für alle Schauspieler wie auch für mich an vorderster Stelle. Wir reden detailliert über jeden einzelnen Satz und jeden Anschluss in jeder Szene. Ich bin auch ein großer Anhänger von intensiver Probenarbeit. Das ist manchmal mühsam und anstrengend, aber in der Summe sehr produktiv. Erst recht, wenn man das Glück hat, mit Sandra Hüller arbeiten zu können, die sowohl im Film wie auf der Theaterbühne seit Jahren Herausragendes leistet. Mit ihrem schauspielerischen Kaliber steht sie im europäischen Raum ganz weit oben. Ich habe mich riesig gefreut, als klar war, dass sie in meinem Film die Rolle der Nora übernehmen wird. Auf ein gemeinsames Filmeschauen verzichte ich dagegen. Auch in Bezug auf zusätzliches Textmaterial halte ich mich weitgehend zurück. Es hilft mir immer wieder, dass ich vom Theater komme. Ich liebe „Leseproben“ und bin es gewohnt, mich intensiv mit dem jedem einzelnen Wort auseinanderzusetzen. Wenn ich dann mit Schauspielern arbeite, die beide Metiers beherrschen, wie das mit Rainer Bock in der Rolle des Urs der Fall ist, dann ist das absolut beglückend.

Hatten Sie während des Drehbuchschreibens schon konkrete Schauspieler vor Augen, die sie unbedingt besetzen wollten?

Morina: Im Falle von Sandra Hüller und Rainer Bock war das in der Tat so. Die Suche nach dem Hauptdarsteller bereitete mir dagegen schon während des Schreibens größere Probleme, weil es in Deutschland nicht sehr viele männliche Schauspieler in dieser Altersgruppe gibt, die dazu noch einen passenden Akzent für die Rolle des Xhafer mitbringen. Dass nun Mišel Matičević diesen Part so physisch und gleichzeitig dermaßen zerbrechlich ausfüllt, ist für mich ein großes Geschenk.

Sandra Hüller und Misel Maticevic (© Alamode)
Sandra Hüller und Misel Maticevic (© Alamode)

Gleichzeitig ist Ihnen mit „Exil“ ein bildmächtiger Film wie aus einem Guss gelungen. Dafür haben Sie bereits erneut mit dem Kameramann Matteo Cocco zusammengearbeitet. Wie würden Sie Ihre gemeinsame visuelle Strategie charakterisieren? Arbeiten Sie von vornherein mit festen Storyboards oder lassen Sie auch am Set noch genügend Platz für spontane oder alternative Auflösungen?

Morina: Dadurch, dass wir schon zum dritten Mal so eng zusammenarbeiten, hat sich ein großes Vertrauen eingestellt. Wir gehen folgendermaßen vor: In unserem visuellen Konzept sieht die Kamera wirklich nur das, was sie sieht. Alles andere klammern wir bewusst aus. Das klingt im ersten Moment vielleicht banal, macht für einen Film mit vielen Kammerspielszenen, subjektiven Einstellungen und ausgefeilten Raum- und Farbkonzepten aber eine Menge aus. Der „Off-Raum“ ist dadurch mindestens so wichtig wie das jeweilige Motiv im Sucher der Kamera. Dieser besondere emotionale Zugang zu Xhafers Geschichte stellte sich bei Cocco schon beim Lesen der allerersten Drehbuchfassung ein, was uns für dieses Projekt noch enger zusammengeschweißt hat. Gemeinsam mit dem Szenenbild von Christian Goldbeck entstand daraus eine Einheit, die uns künstlerisch noch mehr anspornte. Das Zusammenspiel aus stetiger Verunsicherung und starken Einzelbildern andererseits erzeugt schon früh eine besondere Sogkraft. Mir geht es im Grunde darum, dass jeder „Exil“ anders sehen, deuten und wahrnehmen kann. Was sehe ich hier wirklich? Wie eng und unangenehm muss es in der Bildgestaltung und im Szenenbild werden, dass mich dieser Film körperlich angreift? Dafür haben wir mit diversen „Moodboards“ gearbeitet, bis wir diese extrem unangenehmen Raumfarben gefunden hatten.

Eine andere Verunsicherungsstrategie offenbart sich in kurzen Dialogfetzen, die merkwürdig solitär im Raum stehen und einen breiten Interpretationsraum eröffnen. Das gilt etwa für den Satz: „Wichtig ist, dass man nicht den Überblick verliert“, aber auch für den Fetzen „Überall Arschlöcher“. Kritisieren Sie damit auch die so genannte „Mehrheitsgesellschaft“, die sich offiziell gerne einen pluralistisch-libertären Anstrich verpasst, im Arbeits- wie Familienleben mehrheitlich aber immer noch von starrem Hierarchiedenken und eingefahrenen Geschlechterrollen geprägt ist?

Morina: Natürlich kritisiere ich das deutsche Spießermodell mit Kleingartenhäuschen und Zäunen. Den Alltagsrassismus kenne ich aus meiner eigenen Vita zur Genüge. Das war schon während meiner Studienzeit in Köln nicht anders, als es zum Beispiel hieß: „Ach, du interessiert dich als Kanake also auch für deutsche Literatur.“ Dieses Gefühl, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt, habe ich wie viele in meiner Generation schon seit Mitte der 2010er-Jahre.

Gleichzeitig wird der politische Diskurs in Deutschland aber zunehmend komplexer, so dass viele eine große Unsicherheit beklagen, während der rechte Rand zunehmend Stimmen hinzugewinnt. Wie explizit politisch konnotiert ist ein Film wie „Exil“? Und mit welchen Mitteln können Filmemacher heute überhaupt noch politische Filme machen?

Morina: Mit diesem politischen und künstlerischen Dilemma haben wir alle zu kämpfen. Das Gefühl, dass alles nur noch schlimmer wird, kenne ich. Eine dämonische Figur wie Björn Höcke stellt für mich die größte Gefahr dar. Wenn ich sehe, wie viele rechtsextreme Positionen seit dem Aufstieg der AfD in unterschiedlichsten Gesellschaftsmilieus angekommen sind, bringt mich das aus der Fassung! Deshalb muss politisches Kino für mich in erster Linie im Privaten funktionieren. Wenn ich als Filmemacher anfange, politische Phrasen zu dreschen, laufe ich schnell Gefahr, mich selbst in eine gefährliche Propagandamaschine zu verwandeln. Gleichzeitig stelle ich fest, dass viele Deutsche im Alltag gar nicht mehr wissen, welche grandiose Verfassung wir hier haben und welches Privileg es ist, als Deutscher viele Grenzen ganz einfach passieren zu können. Am Ende ist es genau dieser Gefühlscocktail aus „Verunsichert-sein“ und „Verunsichert-Werden“, der mich da als Künstler, aber auch als Mensch permanent antreibt.

Wie soll es nach „Babai“ und „Exil“ weitergehen? Woran arbeiten Sie gerade? Und an welchem Theater würden Sie gerne einmal inszenieren?

Morina: Ich bin unabhängig vom Totalcrash durch die Corona-Pandemie, der die deutsche Filmwirtschaft gerade arg beutelt, unglaublich froh, dass ich im August mit Proben für meine erste Theaterarbeit an den Münchner Kammerspielen beginne. Ich werde dort „Flüstern in stehenden Zügen“ von Clemens Setz inszenieren. Das bedeutet mich für eine große Ehre, und ich werde mich dementsprechend mit vollem Elan hineinstürzen.



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