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Filmliteratur: Berlins vergessene Traumfabrik. Johannisthaler Filmgeschichte(n)

Freitag, 04.09.2020

Ein opulentes, reich bebildertes Buch erweckt die 70-jährige Geschichte von Berlins vergessener Traumfabrik in Johannisthal zu neuem Leben

Diskussion

Im Südosten von Berlin entstand im Frühjahr 1920 aus einer Flugzeugwerft die Johannisthaler Filmstadt Gmbh (Jofa), das weltgrößte Filmatelier, in dem von „Hamlet“ bis in die Wende-Zeit hinein unzählige Filme entstanden. Wolfgang May erweckt die 70-jährige Geschichte von Berlins vergessener Traumfabrik mit einem opulenten, reich bebilderten Buch zu neuem Leben.


Der Umschlag leuchtet in einem warmen Blau, der Titel in schmalen roten Lettern. Im Hintergrund, fast unsichtbar, ist ein Filmstreifen mit Performationslöchern mehr zu ahnen als zu sehen. Auf ein Szenenfoto haben die Gestalter verzichtet, vielleicht spielte die Qual der Wahl eine Rolle; schließlich entstanden in den Ateliers, um die es geht, Hunderte mehr oder weniger berühmter Produktionen. Es mag aber auch sein, dass das Fehlen eines Titelfotos symbolisch gemeint ist: Denn im Gegensatz zu Babelsberg am südwestlichen Rand von Berlin ist die Filmstadt Johannisthal im Berliner Südosten heute kaum noch jemandem ein Begriff.

Wolfgang May, der 1940 geborene Autor des Buches „Berlins vergessene Traumfabrik“, ärgert sich darüber. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt sich der gelernte Fotografiker und langjährige Leiter des Bereichs Filmproduktion der Studiotechnik beim Fernsehen der DDR mit der Film- und Kinogeschichte des Berliner Stadtbezirks Treptow. Die Motivation, aus seinen Erkundungen ein Buch werden zu lassen, resultierte auch daraus, dass woanders nichts darüber zu finden war.


Eine gänzlich vergessene Traumfabrik

Im Heimatmuseum, so schreibt May im Geleitwort, würde man zwar viel über die Anfänge Johannisthals als Kolonistendorf, eine Seidenraupenzucht, den Versuch, sich als Luftkurort zu etablieren, und natürlich vom ersten Motorflugplatz in Deutschland und von Melli Beese, der ersten deutschen Pilotin, erfahren, allerdings nichts vom Medienstandort Johannisthal. Auch wer im Ort spazieren gehe, fände keine Hinweise zu den Schauplätzen der Johannisthaler Filmgeschichte. Ganz am Ende des Buches schließt May den Kreis: „Keine Straße in Johannisthal trägt den Namen von einem der vielen vertriebenen, ermordeten oder herausragenden Filmkünstler, die in den Johannisthaler Ateliers produziert bzw. gespielt haben. (...) Diese gänzlich vergessene Berliner Traumfabrik existierte bisher nur noch in der Erinnerung.“ Mit rund 260 eng bedruckten Seiten und gefühlt Tausenden Abbildungen – Fotos, Plakate, Dokumente – will der Autor dem Verschwinden im Orkus der Geschichte ein für alle Mal abhelfen.

Was hat es mit der Filmstadt Johannisthal auf sich? Ihre Geschichte begann vor hundert Jahren, im Frühling und Sommer 1920. Das hatte mit dem Ende des Ersten Weltkrieges zu tun. Im Versailler Vertrag wurde für Deutschland eine umfangreiche Abrüstung festgelegt; das wirkte sich gravierend auf den Bau eigener Flugzeuge aus. So wandelte, weil es in den Johannisthaler Albatros-Flugzeugwerken nichts mehr zu tun gab, deren Besitzer Walther Huth eine Doppelhalle schnurstracks zur Johannisthaler Filmstadt GmbH (Jofa) um. Bereits im Mai 1920 meldete die Zeitschrift „Filmkurier“, dass hier das größte Filmatelier der Welt im Entstehen begriffen sei. Tatsächlich hatten die ehemaligen Flugzeugmontagehallen mit rund 21 mal 137 Metern Fläche und bis zu elf Metern Höhe enorme Ausmaße. Durch die Halle führten Gleise mit Eisenbahnwaggons und Filmtechnik tragende Plattenwagen. Dank der Schiebetüren des Hangars konnte das Außengelände einbezogen werden. In Deutschland gab es kaum bessere Bedingungen für Großproduktionen.


Eine Ateliergesellschaft für Filmproduktionen

Die Jofa verstand sich als Ateliergesellschaft, die keine eigenen Filme produzierte, sondern ihre Hallen und das Gelände für Fremdfirmen zur Verfügung stellte. Einer der ersten Mieter war die Art Film GmbH, die 1921 die Shakespeare-Adaption „Hamlet“ (R: Svend Gade und Heinz Schall) mit Asta Nielsen in der Titelrolle in Johannisthal produzierte. Für diesen Film wurden zwei der großen Ateliers mit insgesamt neunzig Metern Raumtiefe gekoppelt: eine immense Herausforderung für die Beleuchtungstechnik! Im selben Jahr entstand auch Dmitri Buchowetzkis aufwändiges Revolutionsdrama „Danton“ mit Emil Jannings und Werner Krauss; ein Jahr später inszenierte Friedrich Wilhelm Murnau in Johannisthal die Innenaufnahmen zu „Nosferatu“. Und wenig später nutzte Willi Münzenberg, der legendäre Medienmogul der Kommunistischen Partei, die Ateliers, um hier „Der Schinderhannes“ (R: Kurt Bernhardt), „Jenseits der Straße“ (R: Leo Mittler), „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ (R: Piel Jutzi) und Teile von „Kuhle Wampe“ (R: Slatan Dudow) zu produzieren. In Mays Buch „Berlins vergessene Traumfabrik“ erhalten viele dieser Filme jeweils ein eigenes Kapitel, angereichert mit Rezensionen, Anekdoten und Fotos. Zugleich war es May wichtig, biografische Details zu Autoren, Regisseuren sowie Schauspielerinnen und Schauspielern zu benennen: die Johannisthaler Filmgeschichte als Who’s Who des deutschen Kinos.

Ende der 1920er-Jahre mussten die Ateliers für die Tonfilmproduktionen ertüchtigt werden. Als erster Tonfilm, der hier gedreht wurde, gilt Carl Froelichs „Die Nacht gehört uns“ (1929), gefolgt von Produktionen wie Richard Oswalds „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Max Adalbert und Richard Eichbergs „Der Draufgänger“ mit Hans Albers. Max Ophüls inszenierte „Liebelei“ (1933) sowohl in einer deutschen als auch in einer französischen Version – so wie Johannisthal überhaupt diverse Sprachversionen fertigte.

1933 übernahm die Produktionsfirma Tobis, die sich bereits drei Jahre zuvor in das gemeinsame Unternehmen Jofa Tonfilm-Atelier GmbH eingeklinkt hatte, das Gelände. Zum NS-Kino steuerte Johannisthal dann sowohl Propagandafilme wie „Hans Westmar“ (1933), „Ich klage an“ (1940) oder die antisemitische Komödie Robert und Bertram (1939) als auch zahlreiche Unterhaltungsfilme bei. May taucht ausführlich in Dreharbeiten ein, die unter anderem Harry Piel, Luis Trenker oder Leni Riefenstahl absolvierten. Zu den Johannisthaler Kuriositäten gehören vier Karl-May-Filme; Heinz Rühmann („Der Mustergatte“), Gustaf Gründgens („Tanz auf dem Vulkan“) und Johannes Heesters („Immer nur - Du!“) gingen ein und aus. Nicht zuletzt erinnert das Buch an die Genese des Katastrophenfilms „Titanic“ (1942), der zunächst unter der Regie von Herbert Selpin stand und nach dessen mysteriösem Tod in der Verhörzelle von Werner Klingler vollendet wurde.


Nach dem Krieg ging es bald weiter

Im Zweiten Weltkrieg wurde die große Halle A durch Bomben vollständig zerstört; 1945 ließ sich nur Halle B mit vier kleineren Ateliers nutzen. Im Mai 1945 verfügten Kulturoffiziere der sowjetischen Besatzungsmacht, dass wieder Synchronarbeiten aufgenommen werden sollten – woraufhin Wolfgang Staudte, der in Johannisthal bereits sein Spielfilmdebüt „Akrobat schö-ö-ön“ (1943) inszeniert hatte, mit der Teilsynchronisation von Sergej Eisensteins „Iwan der Schreckliche“ beauftragt wurde. Mit Gerhard Lamprechts „Irgendwo in Berlin“ (1946) entstand in Johannisthal einer der ersten DEFA-Filme, gefolgt von rund 50 weiteren Filmen, bis hin zum Lustspiel „Das verhexte Fischerdorf“ (1962), der letzten Kinofilmproduktion aus Johannisthal. Völlig zu Recht hebt May Kurt Maetzigs „Ehe im Schatten“ (1947), „Schlösser und Katen“ (1957) oder „Der schweigende Stern“ (1959) heraus, den ersten Science-Fiction-Film der DEFA. Ein eigenes Kapitel erhalten die satirischen Kurzfilme der Reihe „Das Stacheltier“.

Ausführlich würdigt May die Arbeit des DEFA-Studios für Synchronisation. Denn zahlreiche der rund 7.000 deutschen Sprachfassungen ausländischer Filme kamen aus Johannisthal. Umfangreich auch das Kapitel über die Produktion von Fernsehfilmen, die nach der 1962 erfolgten Übernahme der Ateliers durch den Deutschen Fernsehfunk (DFF) in Auftrag gegeben wurden. Nicht zuletzt geht das Buch auf das DEFA-Kopierwerk in Johannisthal ein. Den Schlusspunkt setzen Kapitel zur Abwicklung des Geländes im Gefolge der von der Treuhand angestrengten Privatisierung. Die Halle mit den vier kleinen Ateliers wurde 1995 vom Neubesitzer Leo Kirch abgerissen – in einer „Nacht- und Nebelaktion“, wie May befindet. Stehen blieb das Verwaltungsgebäude des Kopierwerkes, das heute ein Hotel ist.


Eine Pionierarbeit

Einer der letzten „Kunden“ des Johannisthaler Filmbetriebs war Winfried Junge, der hier gemeinsam mit seiner Frau Barbara ein Büro mit Schneidetischen gemietet hatte, um die umfangreichen Überlieferungen seiner Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“ zu sichten und zu dokumentieren. Interessant zu erfahren, dass die Film- und Fernsehbetriebe einmal der zweitgrößte Arbeitgeber in Johannisthal waren. May: „Allein die Mitarbeiter, die hier gewohnt haben! Es bestimmte das geistige Klima, in den Kneipen, in den Clubs, in Biografien, mit einer intensiveren Sicht auf die Geschichte und natürlich auch auf das Ende dieser Berliner Film-Ära.“

Mit dem Band „Berlins vergessene Traumfabrik“ wird also wieder einmal Pionierarbeit geleistet: 70 Jahre deutscher Ateliergeschichte – von 1920 bis 1990 –, die in den vergangenen drei Jahrzehnten kaum Beachtung fanden, kehren wie ein Phönix aus der Asche in einem opulenten, reich bebilderten, farbigen Buch zurück. Einziges Manko: Die Klebebindung des Bandes funktioniert nicht; schon nach kurzem Blättern fallen dem Leser erste lose Seiten entgegen. Es wäre schön, wenn die zweite Auflage eine bessere, der Seitenanzahl und dem Gewicht gemäße Bindung erfahren würde.


Literaturhinweis

Wolfgang May: Berlins vergessene Traumfabrik. Johannisthaler Filmgeschichte(n). Kulturring in Berlin e.V. 2020, 260 S., zahlreiche Abb. Schutzgebühr: 20 EUR. Bezug: Kulturring Berlin; telefonisch unter 030-536 965 34 oder per E-Mail über suedost@kulturring.berlin

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