© imago images / United Archives (aus „Gegen die Wand“)

Erinnerungen an Birol Ünel

Montag, 07.09.2020

Erinnerungen an den deutsch-türkischen Schauspieler Birol Ünel (18.8.1961–3.9.2020)

Diskussion

Der deutsch-türkische Schauspieler Birol Ünel war eine Naturgewalt, die sich nicht um die Gepflogenheiten der Filmbranche scherte. Für ihn waren die Unterschiede zwischen Fiktion und Leben eher fließend, doch sobald die Kamera lief, verblassten die anderen neben ihm. Er zeigte sich, nackt und ungeschützt, so intensiv wie wenige andere. Am 3. September 2020 ist der zornige Rebell, der rau und sanft zugleich sein konnte, nach einer schweren Krankheit gestorben.


Irgendwann im Sommer 1997 fuhr ich nach Bonn, um zusammen mit Rembert Hüser im Auftrag der Zeitschrift „Spex" an der Pressevorführung von Heinrich Breloers „Todesspiel“ im „Haus der Geschichte“ teilzunehmen. Es gab belegte Brötchen, WDR-Kugelschreiber und einen ziemlich miesen Film, der später mit einem „Bambi“ als „bestes Fernsehspiel“ ausgezeichnet wurde, obwohl er wenig mehr ist als ein mediokrer Kniefall vor Helmut Schmidt. Zur RAF fällt Breloer nur der Einsatz des deutschen Kollektivsymbols „Duschkopf“ ein, der es ihm erlaubt, in einer Kontrastmontage den heißen Wüstensand Mogadischus mit einer nackten Gudrun Ensslin im 7. Stock von Stammheim zu kombinieren. Im Anschluss an die Filmvorführung fand ein „Diskussion“ genanntes wechselseitiges Schulterklopfen statt. Wir eilten ins Freie und trafen dort auf „Captain Mahmud“, Birol Ünel, der sich dem Rummel ebenfalls entzogen hatte und sich als ziemlich netter, sehr freundlicher Typ entpuppte. Das führt zu der durchaus symbolischen Situation, dass drinnen noch die wehrhafte Demokratie und die Professionalität der GSG 9 gefeiert wurde, während wir draußen mit dem Chefentführer der „Landshut“ unseren Frust begossen. Obwohl Birol Ünel die bei weitem beste Performance des Films abgeliefert hatte, schien er von „Todesspiel“ auch nicht wirklich überzeugt. Wir verstanden uns prächtig an diesem Nachmittag im Sommer 1997 in Bonn.

Birol Ünel in „Soul Kitchen“ (© Pandora)
Birol Ünel in „Soul Kitchen“ (© Pandora)

Ein paar Jahre später traf ich Birol Ünel wieder. Diesmal im Kino, in „Gegen die Wand“ von Fatih Akin. Die Stuttgarter Kritikerkollegen waren aus dem Häuschen: So kaputt hatten sie sich das Hamburger Kiez-Milieu bislang stets fantasiert. Mir war das alles zu dick aufgetragen, zu viel Gepose, zu viel Rock’n’Roll. Lauter Authentizitätsklischees: Sex, Musik und Prügelei. Ich war im Unrecht, wie sich später beim Wiedersehen des Films herausstellte. Fatih Akin hat immer mal wieder anklingen lassen, dass die radikalen, nicht selten selbstzerstörerischen Züge der Rollen, die Birol Ünel in seinen Filmen spielte, durchaus mit der Persönlichkeit des Schauspielers zu tun hätten.


„Denen ihr Spiel“ nicht mitmachen

Grandios dann Ünels Auftritt in der Komödie „Soul Kitchen“, in der Ünel als Koch mit einer unmissverständlichen Geste seinen Job im Edel-Restaurant „kündigt“, weil er sich das gelackte Gehabe der Gäste nicht bieten lassen will. Der Respekt für seine Haltung ist ihm sicher, aber jetzt braucht er erstmal einen Job. Vielleicht bringt diese Szene auch Birol Ünels eigene Karriere auf den Punkt. Im Gespräch über Ünels Star-Qualitäten erklärte Fatih Akin einmal, dass Ünel sich schlicht den Regeln des Spiels und der Branche verweigere. Dazu passen zahllose Anekdoten, die von seiner Unzuverlässigkeit, seiner Widerborstigkeit und schließlich auch von seinem, von ihm selbst öffentlich gemachten Alkoholismus und schließlich seiner Obdachlosigkeit erzählten. Doch selbst in den wenigen Interviews, die Birol Ünel gab, wurde schon nach wenigen Sätzen eine Persönlichkeit sichtbar, die eine klare Vorstellung davon hatte, wie sie leben wollte, die „denen ihr Spiel“ nicht mitspielte.

Birol Ünel in „Gegen die Wand“ (© Imago Images / United Artists)
Birol Ünel in „Gegen die Wand“ (© Imago Images / United Archives)

Eine konventionelle Karriere mit gepflegten Home-Stories und Talkshow-Präsenz war mit ihm schlicht nicht zu haben. Doch wenn man auch die kurzen Auftritte hinzuzählt, dann hat Birol Ünel ein erstaunliches Händchen fürs Besondere bewiesen. Filmemacher wie Thomas Brasch (in „Der Passagier“), Romuald Karmakar (in „Das Frankfurter Kreuz“), Thomas Arslan (in „Dealer“), Birgit Möller (in „Valerie“), Vadim Glowna (in „Das Haus der schlafenden Schönheiten“), Tony Gatlif (in „Transylvania“) oder Pia Marais (in „Die Unerzogenen“) boten Birol Ünel den Raum für eindrückliche Beweise seiner Kunst.


Gelassen nahm er nichts

Geboren am 18. August 1961 in der türkischen Hafenstadt Silifke, zog Birol Ünel als Kind mit seinen Eltern in die Nähe von Bremen, wo sein Vater auf einer Werft arbeitete. Ünel machte einen Hauptschulabschluss, arbeitete als Parkettleger, absolvierte eine Tischlerlehre, bevor er eine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover absolvierte. Dass er sich aufs Handwerk verstand, dass er blendend zu formulieren wusste, geriet hinter der Persona, die er öffentlich performte, mitunter aus dem Blick. Gelassen nahm er nichts.

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