© imago images/Mary Evans (aus „Nelly & Monsieur Arnaud“)

Zum Tod von Michael Lonsdale

Donnerstag, 24.09.2020

Ein Nachruf auf den französisch-britischen Schauspieler (24.5.1931-21.9.2020), der im komischen wie im tragischen Fach glänzte

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Der französisch-britische Schauspieler Michael Lonsdale war ein wahrer Komödiant, der im komischen Fach ebenso glänzte wie im tragischen, auf der Leinwand wie auch auf der Bühne. Bis ins hohe Alter stand er vor der Kamera, oft als Bourgeois mit Abgründen oder als Priester. 2011 gewann er den „César“ für seine Rolle des Bruder Luc in „Von Menschen und Göttern“. Am 21. September ist Michael Lonsdale im Alter von 89 Jahren gestorben.


Als Sohn einer französischen Mutter und eines britischen Offiziers am 24. Mai 1931 in Paris geboren, wuchs Michael Lonsdale zweisprachig in London und Marokko auf. Eine Herkunft, die es ihm später ermöglichte, auch in englischsprachigen Filmen mitzuwirken. Nach seinem Schauspielstudium bei Tania Balachova, die viele bekannte französische Schauspielerinnen und Schauspieler ausbildete, reüssierte er 1955 am Theater in Paris. Seinen Vornamen änderte er vorerst in Michel. Schnell folgten seine ersten Filmauftritte.


Der abgründige Spießer

Anfang der 1960er-Jahre änderte er ihn wieder in Michael, während seine Filmkarriere allmählich Fahrt aufnahm. 1961 begann seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Jean-Pierre Mocky, mit dem er insgesamt neun Filme drehte. Der endgültige Durchbruch im Kino gelang ihm, als er 1967 zum ersten Mal mit François Truffaut zusammenarbeitete. In Die Braut trug schwarz spielte er eines der Opfer der titelgebenden Braut, die sich an den Mördern ihres Bräutigams rächt. Hier und in Geraubte Küsse (1968), dem dritten Teil von Truffauts Antoine-Doinel-Zyklus, kristallisiert sich ein wesentliches Merkmal seiner Figuren heraus. Lonsdales Gesicht mit ausgeprägten, mit fortschreitendem Alter immer buschigeren dunklen Brauen, den wachen, aber etwas traurigen Augen, fleischigen Wangen und einem großen Abstand zwischen der Nase und der eher schmalen Oberlippe strahlt Ruhe und Vertrauenswürdigkeit aus, doch können sich dahinter auch ungeahnte Abgründe verbergen. Oft wirkt er zurückhaltend, ja schüchtern, doch plötzlich tritt eine ganz andere Facette zutage.

Als Georges Tabard in „Geraubte Küsse“ beauftragt er die Detektei, in der Antoine Doinel untergekommen ist, die Gründe herauszufinden, warum er so unbeliebt ist. Wenn man sieht, wie er mit den Angestellten in seinem Schuhgeschäft kommuniziert, wundert man sich in keiner Weise über sein schlechtes Image. Sein Verhalten schafft eine Absurdität, die auch in nachfolgenden Rollen zum Tragen kam. Besonders verstörend ist dies 1974 in Luis Buñuels Das Gespenst der Freiheit, wo Michael Lonsdale einen seriösen Hutmacher verkörpert, der die Gäste einer kleinen Herberge zu sich ins Zimmer einlädt, wo sie nicht nur ein Umtrunk erwartet, sondern eine masochistische Darbietung: der Hutmacher lässt sich von seiner Assistentin auspeitschen. Empört verlassen die Gäste sein Zimmer, darunter eine Gruppe von Geistlichen.

„Geraubte Küsse“ (© StudioCanal)
„Geraubte Küsse“ (© StudioCanal)

Der Geistliche

„Der Geistliche“ war ein weiterer Rollentyp, den Michael Lonsdale – selbst praktizierender Katholik – in seiner Karriere zu prägen verstand. Schon in Orson Welles’ Der Prozess (1962) war er als Priester zu sehen, weitere Soutanenrollen wie in Louis Malles Herzflimmern (1971), Joseph Loseys Galileo (1974) und Dino Risis Der dicke König Dagobert (1984) folgten. Als Abt Abbo von Fossanova in Jean-Jacques Annauds Der Name der Rose(1986) steht er den mysteriösen Todesfällen in seiner Abtei zunehmend machtlos gegenüber und fällt unter dem Einfluss des Inquisitors Bernardo Gui ein falsches Todesurteil.

2010 spielte er in Von Menschen und Göttern erneut einen Geistlichen, den Trappistenmönch und Arzt Luc Dochier, der während des algerischen Bürgerkriegs 1996 zusammen mit seinen Ordensbrüdern entführt und getötet wurde. Hinter der Ruhe und Gutmütigkeit des alten Mannes öffnet sich hier kein Abgrund. Lonsdale gelingt das Porträt eines sanften Menschen, der seinem Grundsatz der Nächstenliebe bis zuletzt treu bleibt. Für die Rolle wurde er nach mehreren Nominierungen in seiner Karriere endlich mit dem „César“ belohnt.


Der Meister der Nebenrolle

Es waren vor allem Nebenrollen, denen Michael Lonsdale seinen Stempel aufdrückte, und das in einer beeindruckenden Fülle und Bandbreite. 1973 spielte er in Fred Zinnemanns Der Schakal nach dem Roman von Frederick Forsyth den Inspektor Lebel, wofür er eine BAFTA-Award-Nominierung erhielt. Zudem wirkte er in ausgeprägten Avantgarde-Filmen mit, wie in der Zusammenarbeit mit Alain Robbe-Grillet („Das beständige Gleiten der Begierde“, 1974) und vor allem Marguerite Duras (India Song, 1975), deren Stücke er auch auf der Bühne inszenierte.

„Von Menschen und Göttern“ (mit Sabrina Ouazani) (© NFP)
„Von Menschen und Göttern“ (mit Sabrina Ouazani) (© NFP)

Obwohl er jenseits des Mainstreams unterwegs war, wurde er in den 1970er-Jahren vor allem durch die Rolle des Bösewichts in Moonraker (1978) bekannt. Diesem wohl merkwürdigsten Bond-Film folgten auch in internationalen Filmen einige dankbarere Rollen wie in Was vom Tage übrig blieb (1993) oder München (2005), für die Michael Lonsdale ebenso in Erinnerung bleiben wird wie für seine französischen Filme. Am 21. September 2020 starb er ihm Alter von 89 Jahren in seiner Wohnung in Paris.

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