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Trauer & Humor - Vadim Perelman über "Persischstunden"

Freitag, 25.09.2020

Ein Interview mit Vadim Perelman über seinen Film „Persischstunden“

Diskussion

Für den aus einer jüdischen Familie stammenden Regisseur Vadim Perelman, der in Kiew geboren wurde, aber im Westen aufwuchs, war sein Film „Persischstunden“ ein Herzensanliegen. Die außergewöhnliche Geschichte erzählt von einem gefährlichen Täuschungsmanöver, mit dem ein jüdischer Belgier in einem Lager die Protektion eines SS-Offiziers erlangt.


Inwieweit entspricht diese unglaubliche Geschichte den Tatsachen?

Vadim Perelman: Mein Drehbuchautor Ilya Zofin hat davon als Jugendlicher in der Sowjetunion in einer deutschsprachigen Zeitung gelesen. Erst später stellte sich heraus, dass die Kurzgeschichte „Erfindung einer Sprache“ von Wolfgang Kohlhaase aus dem Jahre 1952 dafür die Grundlage war, aber auf wahren Begebenheiten beruhen soll. In seiner Tragik und großen emotionalen Wucht hat dieser Text mich umgehauen. Ich habe dann weitere Fragmente anderer Überlebensgeschichten hinzugefügt, von denen ich gehört habe. Ich hoffe, dass ein breites Mosaik entstanden ist. In so einem Übergangslager musste man nicht nur mutig, sondern auch verrückt sein und alle Fantasie einsetzen, um den Nazi-Schergen zu entkommen. Alle diese Eigenschaften zeichnen den Protagonisten aus. Ein Kriegsfilm hätte mich nicht interessiert; davon gibt es inzwischen genügend.


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Wäre das auch Stoff für eine Komödie oder Groteske gewesen?

Perelman: In Anbetracht des alltäglichen Grauens und Mordens bot sich eine Komödie nicht an, aber einige humoristische Momente habe ich mir dennoch erlaubt.

Lars Eidinger spielt Klaus Koch, den SS-Hauptsturmführer, der Persisch lernen will. Wie würden Sie diesen Mann charakterisieren?

Perelman: Eidinger hat Kochs Psyche genau verstanden. Er spielt die Emotionsskala rauf und runter, ist menschlich und zugewandt, dann wieder furchterregend, einfach blöde und gleichzeitig smart. In einer Minute ist er nett und zugänglich, dann aber kann er in der nächsten explodieren. Wie so viele Mitläufer und Profiteure des Hitler-Systems wäscht er seine Hände in Unschuld, wenn er sagt, er sei nur der Koch und kein Mörder.

Dass er trotzdem zwischendurch sympathisch wirkt, irritiert.

Perelman: Die Klischees von herumbrüllenden Nazis, die wie Roboter oder Automaten ihr tödliches Geschäft betreiben, halte ich für total überholt. So etwas verpufft schnell. Eindimensionale Figuren langweilen; die Ambivalenz dieses Mannes macht ihn hingegen zu einer spannenden Figur. Ich wollte keinen Aufguss des typischen Holocaust-Nazi-Films liefern. Es gibt nicht das absolut Böse und das absolut Gute; wichtiger sind die Grauzonen in der Mitte. Mein Ziel war es, den handelnden Personen eine gewisse Menschlichkeit zuzugestehen, nicht nur den Opfern, sondern auch den Tätern. Sie sind vielleicht Monster, aber auch ganz „normale“ Wesen, die lachen, lieben und eifersüchtig sind. Sie pflegen Beziehungen und Freundschaften innerhalb einer menschenfeindlichen ideologischen Struktur. Was sie anderen in ihrem Hass antun, wird dadurch noch schockierender, noch ungeheuerlicher. Der Mensch ist nicht von Natur aus gut. Solche barbarischen Verbrechen sind keine Ausnahmeerscheinungen oder nur das Produkt einer bestimmten historischen Situation. Sie können sich wiederholen, sie können überall passieren, in jedem Land, zu jeder Zeit. Das ist das Schlimme.

Ist Ihr Film deshalb auch eine Mahnung an die junge Generation, die kaum weiß, was passiert ist?

Perelman: Ja, auf jeden Fall, aber nicht nur. Ich wollte mitten ins Herz treffen und berühren. Niemand will eine moralisierende oder belehrende Geschichtslektion sehen. Das wäre kontraproduktiv und einfallslos und würde Zuschauer vergraulen. Mit der Vermenschlichung klopfe ich den Nazis nicht auf die Schulter oder entschuldige ihr Verhalten. Nicht im Geringsten. Aber wenn ich sie in ihrer Gegensätzlichkeit zeige, kann man eine Verbindung zu ihnen aufbauen und sich fragen, ob man selbst auch so feige gewesen wäre und ob man vielleicht auch so gehandelt hätte? Gerade junge Leute verlangen nach Gefühlen; da dürfen Trauer und Humor schon mal eine Allianz eingehen. Die meisten Überlebenden des Holocausts sind inzwischen gestorben. Der Film ist für mich ein Mittel, Erinnerungen weiterzugeben, die bedrohte Erinnerungskultur wachzuhalten.

Sie sind in der Ukraine geboren und stammen aus einer jüdischen Familie. War der Holocaust ein Thema in Ihrem Elternhaus?

Perelman: Die Angst steckte meinen Eltern in den Knochen. Obgleich Geschichte bei uns einen großen Stellenwert hatte und wir über vieles gesprochen haben, war der Holocaust privat ein Tabuthema. Der Begriff Jude wurde nie in diesem Zusammenhang genannt. Wir lebten in Kiew nicht weit von der berüchtigten Babi-Jar-Schlucht, wo Zigtausende Juden ermordet worden sind. Das wurde verschwiegen und vertuscht; offiziell nannte man die Zahl von 5000 erschossenen Partisanen.

Fünf Jahre nach dem Tod ihres Vaters durften Sie als 14-Jähriger mit Ihrer Mutter die Sowjetunion verlassen. Was geschah dann?

Perelman: Damals wurde die Auswanderung nach Israel erlaubt, aber mit harten Folgen. Wer für ein Visa anfragte, verlor den Job, ich durfte anderthalb Jahre nicht mehr zur Schule gehen. Wir kamen erst als Flüchtlinge nach Wien und lebten in Armut, anschließend landeten wir in Rom. Erst später erhielten wir ein Visum für Kanada, ein Land mit ungeahnten Chancen.

Es geht in Ihrem Film auch um die Macht der Sprache. Was bedeutet diese für Sie?

Perelman: Als wir Kanada erreichten, kannte ich vielleicht zehn Worte. Die Sprache zu lernen, war für mich die Rettung, man entdeckt sich neu mit einer neuen Sprache. Sprache heißt für mich auch Freiheit.

Wie haben Sie mit der Sprache im Film gearbeitet?

Perelman: Das war eine ziemliche Herausforderung. Nahuel Pérez Biscayart, der den Gilles beziehungsweise Reza spielt, ist Argentinier und arbeitete mit einem Sprachcoach für die deutsche Sprache. Das Erfinden einer Sprache, die es gar nicht gibt, stellte eine kniffelige Aufgabe dar. Es musste glaubwürdig sein, dass sich die Figur an die einzelnen erfundenen Worte erinnert. Interessant fand ich, dass Koch in dieser fremden Sprache ein Gedicht schreibt, darin kann er Gefühle ausdrücken, die er sich in seiner eigenen Sprache nicht traut. Durch die ihm unbekannte Sprache wird er menschlicher.

In vielen Ländern gewinnen rechte Bewegungen an Bedeutung. Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?

Perelman: Natürlich bin ich schockiert. Deshalb müssen wir die Jungen zur Demokratie erziehen, sie aufklären. An ihnen hängt meine Hoffnung. In Deutschland wurde die Nazi-Vergangenheit aufgearbeitet, das hilft vielleicht, die Gefahr des Rechtsradikalismus und neuen Nationalismus zu bannen. Viel mehr Sorge bereitet mir die Entwicklung in USA. Wehe, die ökonomische Krise spitzt sich noch mehr zu, dann rufen die Menschen nach einem, der ihnen die Richtung weist, ihnen den Stolz zurückgibt. Wir dürfen uns keine Illusionen machen, Propaganda wirkt auch bei intelligenten Menschen. Eine „Führerfigur“, die einfache Lösungen verspricht, könnte da leichtes Spiel haben.

Was heißt Filmemachen für Sie?

Perelman: Ich habe Naturwissenschaften studiert und erst dann meine Liebe zum Film entdeckt, anfänglich durch Werbe- und Musikvideos. Nichts gegen Unterhaltung, aber Film kann auch mehr sein. Mir geht es nicht ums Geld, ich konzentriere mich auf ein Projekt, das mich anspringt, Saiten in meinem Inneren zum Klingen bringt. Über eines müssen wir uns klar sein: Kein Film, selbst der größte Blockbuster aus Hollywood, kann die Welt verändern. Wir Filmemacher dürfen das Medium nicht überschätzen. Film kann sogar zum Propagandainstrument werden, denken Sie an Leni Riefenstahl, die ihr Ausnahmetalent in den Dienst des Dritten Reichs stellte. Wenn unsere Filme ein bisschen zum Nachdenken anregen und Anstöße geben, kritisches Bewusstsein wecken, sollten wir zufrieden sein.

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