Serie: The Alienist - Angel of Darkness

Montag, 02.11.2020

Die Fortsetzung der Serie „Die Einkreisung“ rollt einen neuen Kriminalfall im New York der 1890er Jahre auf: Ein Vorkämpfer des psychologischen Profiling, eine Detektivin und ein Journalist jagen einen Kindermörder

Diskussion

Am Anfang endet eine junge Frau auf dem elektrischen Stuhl – in den 1890er Jahren eine neue Erfindung, die die Exekutionen im Vergleich zum Galgen menschlicher machen soll, was sich indes bald als Trugschluss erweist. Man hat Martha Knapp vorgeworfen, ihr eigenes Kind ermordet zu haben; und obwohl die Beweislage dürftig ist – es wurde keine Leiche gefunden – und vor dem Saal eine Menge demonstrierender Frauen gegen eine Vollstreckung des Urteils sturmläuft, bleibt das Gericht hart. Man will ein Exempel statuieren. Martha Knapp stirbt qualvoll.

Mit dem Anfang von „Angel of Darkness“ – so der Titel der zweiten Staffel von „Die Einkreisung“ – sucht die Serie merklich den Anschluss an die Gegenwart: Die Bilder der empörten Frauen, die das Gericht umlagern und lautstark Gerechtigkeit fordern, lassen einen unwillkürlich an die Proteste gegen schärfere Abtreibungsgesetze in den USA im letzten Jahr denken, und die massive Gewalt, mit der die Polizei die Demonstrantinnen angeht, erinnert an das, was dieses Jahr im Zuge der #BlackLivesMatter-Bewegung immer wieder thematisiert wurde. „Die Einkreisung“ ist auch in dieser zweiten Staffel nicht nur ein „Whodunit“-Krimi, sondern zudem das Porträt einer in sich zerrissenen US-Gesellschaft, deren Konflikte auch über hundert Jahre später noch keine Geschichte sein werden. Da geht es um die Position von Frauen, um nationalistischen Chauvinismus gegenüber Menschen mit fremder Herkunft, um „fake news“ und vor allem um einen tiefen Graben zwischen denen, die über Macht und Geld verfügen, und denen am unteren Ende der Gesellschaft.

Düstere Umstände für das Ermittler-Trio (Daniel Brühl, Dakota Fanning  & Luke Evans)
Düstere Umstände für das Ermittler-Trio (Daniel Brühl, Dakota Fanning & Luke Evans)

Die erste weibliche Detektivin New Yorks und ihre Gefährten im Kampf fürs Projekt „Aufklärung“

Und es geht um ein Grüppchen von Ermittlern, die hartnäckig das Projekt „Aufklärung“ nicht aufgeben wollen, womit nicht nur die kriminologische Aufdeckung dessen gemeint ist, was wirklich mit Martha Knapps Baby geschah, sondern auch die Arbeit an einer humaneren Gesellschaft. Dr. Lazlo Kreizler (Daniel Brühl) ist mittlerweile nicht mehr nur damit beschäftigt, als „Alienist“ Gutachten zur psychischen Verfassung von Verbrechern abzugeben, sondern kümmert sich in seinem „Kreizler Institut“ um traumatisierte Kinder; Sara Howard (Dakota Fanning) hat sich zusammen mit anderen Frauen mit der ersten weiblich geführten Detektei New Yorks selbstständig gemacht, um unabhängig zu leben und vornehmlich den Interessen von Frauen zu dienen, und der Journalist John Moore (Luke Evans) versucht als Journalist, der dominierenden Hearst-Presse redlichen Journalismus entgegen zu halten (obwohl er mittlerweile mit einer Tochter des Pressemoguls liiert ist, was im Lauf der Serie zunehmend problematisch werden wird).

Der Countdown läuft: Kann ein weiteres entführtes Kind gerettet werden?

Strukturell folgt die Serie weitgehend dem in Staffel 1 erfolgreich erprobten Muster. Die drei Ermittler, unterstützt durch zwei Forensiker, werden durch die Ungereimtheiten im Fall Martha Knapp einmal mehr zusammengeführt und arbeiten sich von unterschiedlichen Enden aus an etwas ab, was sich bald als Serien-Kindsmord herausstellt, bei dem ein neues Opfer ins Spiel kommt: Ein weiteres Kind verschwindet, und damit läuft für die Ermittler der Countdown – werden sie es finden, solange es noch am Leben ist? Die Polizei ist einmal mehr wenig hilfreich. Zwar kommt das Kind aus wohlhabendem Elternhaus, doch da es sich bei der Familie um einen spanischen Diplomaten und seine Frau handelt und der Spanisch-Amerikanische Krieg (1898) schon in der Luft liegt, traut man sich nicht, den Fall den Behörden zu melden, da davon auszugehen ist, dass diese untätig bleiben oder im schlimmsten Fall das Unglück für Repressalien ausnutzen wird. Also ist es an Lazlo, Sara und John, den Täter (oder die Täterin) ausfindig zu machen. Und früh wird klar, dass er oder sie im Dunstkreis einer dubiosen Geburtsklinik zu suchen ist, wo „gefallene“ Frauen ihre unehelichen Kinder zur Welt bringen.

Den Kampf gegen die handfest-blutige Brutalität eines Killers wie auch gegen die strukturelle Brutalität einer bigotten, misogynen Klassengesellschaft setzt die Serie einmal mehr in atmosphärischen Bildern zwischen Gothic Horror und Film noir um. Die freundschaftlichen Bande zwischen der cleveren Detektivin und ihren Gefährten werden dabei durch diverse zwischenmenschliche Missverständnisse und die Gefahren des aktuellen Falls zwar immer wieder heraus gefordert, erweisen sich aber einmal mehr als verlässlicher Wärmequell in einem New York, das einen ansonsten permanent frösteln lässt.

Filmdetails
Kommentar verfassen

Kommentieren