© Lav Diaz/Sine Olivia Pilipinas (aus "Genus Pan")

Im Affekt #22: Lob des Kinoschlafs

Freitag, 06.11.2020

Diskussion

Über das Kino und sein Verhältnis zum Unbewussten ist viel geschrieben worden. Aber das Kinoschlafen ist kein Gedankenexperiment, sondern eine soziale Praxis: Till Kadritzke erinnert sich an Träume, die sich mit Filmen vermischen, und an eigentlich glasklare Bilder, die auf einmal nach Experimentalfilm aussehen.


Ich habe Menschen im schwarz-weißen Wien des frühen 20. Jahrhunderts Döner essen sehen. Es war wunderbar. Sie standen auf der Straße, im Regen, es war alles trist, aber aus dem Nichts tauchte die Dönerbude auf. Sie verschwand erst wieder, als ich zu mir kam, raus aus der Zwischenwelt, zurück in den Film, in die andere Zwischenwelt. Das Wien war noch da, das Schwarz-weiß auch. Die Dönerbude war weg. Die Frau und der Mann auf der Leinwand sahen nicht so aus, als hätten sie gerade etwas gegessen.

Ich erinnere mich gut an dieses Wegdämmern während Max Ophüls’ Brief einer Unbekannten (1948) auf der Berlinale-Retrospektive (eine kurze Recherche klärt, es war im Jahr 2013). Auf Festivals fallen mir regelmäßig im Kino die Augen zu, nur selten hat das etwas mit dem konkreten Film zu tun, nur selten kann ich etwas dagegen tun. Manchmal ärgere ich mich, manchmal gebe ich schnell auf. Meist ist die Erfahrung eher unbefriedigend. Manchmal ist sie wunderbar.

Vor allem, wenn ich zu träumen beginne, und wenn sich dann Traumbilder und Filmbilder ineinander verkanten, wenn die Figuren zu Figuren meines Traums werden, wenn ich im Film etwas weiter- oder zurückträume. Häufig passiert das nicht, häufig sind da nur schwere Lider und höchstens ein kurzer Schlaf, meist passiert da kein Wunder. Umso schöner diese Momente, in denen sich das eigene Unbewusste in einen Film einschreibt, wenn ein Film das eigene Unbewusste bevölkert. Projektionen zwischen Projektionen. Ich bin dann ganz Dividuum.

Das Filmbild verkennen

Baut das Träumen im Kino eine Brücke zwischen dem Eigenen und dem Filmbild, ist ein anderer Effekt des Kinoschlafs nochmals unpersönlicher: nämlich wenn man das Filmbild nach dem Aufwachen zunächst verkennt. Es geht dabei zu wie in jenem optischen Experiment, in dem man eine scheinbar völlig abstrakte Zeichnung ansieht, die sich nach der Lektüre einer Bildbeschreibung auf einmal als gar nicht abstrakt erweist: erst wenn man weiß, ein Hase ist auf diesem Bild, sieht man den Hasen, den man vorher nicht sah.

Das hat bekanntlich damit zu tun, dass wir nicht einfach so sehen, sondern unser Gehirn die visuelle Wahrnehmung mit unseren Erwartungen und Erinnerungen abgleicht. Diese Erwartungen aber erhalten durch den Kinoschlaf einen Reset. Die erzählerische Logik ist weg, das erste Bild, das uns nach dem Schlaf begrüßt, ist tatsächlich ein erstes Bild. Und so wache ich etwa im letzten Lav-Diaz-Film „Genus Pan“ ständig in kontrastarmen Schwarz-Weiß-Tableaus aus dem philippinischen Dschungel auf, in denen ich erst einmal nichts auseinanderhalten kann. Ich halte Blätter für Wasser, menschliche Gestalten für Bäume, einen Hinterkopf für einen Stein.

Im Kino sehen wir immer auch unseren eigenen Film. Denn sehen können wir einen Film nur, weil unser Gehirn Erwartungen abgleicht. Uns ganz verlieren, das geht nur, wenn wir unser Gehirn ausschalten. Und das wiederum geht nur im Kinoschlaf.


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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