© eksystent

Im Affekt #25: Blinden Auges ins Leben

Freitag, 13.11.2020

"Ava" von Léa Mysius tritt mit seiner Verweigerung von Emotionen den Kern des Coming-of-Age-Genres

Diskussion

Eine Heranwachsende erblindet langsam, will aber nicht unser Mitleid. Und auch Léa Mysius’ Film „Ava“ verweigert sich der Emotion, trifft aber gerade mit solcher Gefühllosigkeit den Kern des Coming-of-Age-Films, findet Till Kadritzke in seinem „Affekt“-Blog.


Sie hat keine Gefühle, sagt Ava einmal. Emotionslos nimmt sie hin, was ihr der Arzt erklärt und ihre Mutter nicht fassen kann: Ava wird blind, zunehmend. Im Dunkeln sieht sie schon fast nichts mehr, im Hellen geht es noch. Aber die Richtung ist vorgegeben: Mit ihren 13 Jahren treibt sie zwar gerade erst ins Leben hinein, aber zugleich gen Dunkelheit.

Also muss der Film für sie sehen. Was er als erstes sieht: ein Wunder von einem Establishing Shot, ein Wimmelbild an einem Strand der französischen Atlantikküste, durch das sich bald ein schwarzer Hund seinen Weg bahnt und Ava zur Protagonistin auserwählt. Die pennt gerade, öffnet die Augen, und über ihr der Hund. Der Hund ist kein Omen, sondern ein Hund, aber er führt Ava doch zur Dunkelheit und zugleich ins Leben: zu Juan. Der ist etwas älter, aus dem Trailer Park geflogen, auf dem seine spanische Familie wohnt. Elternstreit überall, Coming of Age.

Ein Ausweg aus dem Gefängnis des Selbst: "Ava" von Léa Mysius (eksytent)
Ein Ausweg aus dem Gefängnis des Selbst: "Ava" von Léa Mysius (© eksystent)

Auch Léa Mysius’ erster (!) Film zeigt einen möglichen Ausweg aus dem Gefängnis des Selbst, auch aus dem Gefängnis eines bürgerlichen Kinos, das auf die gleiche Weise, wie es Sachverhalte erklären, auch Gefühle übertragen will. Es gibt in „Ava“ also keinen Schock der Diagnose, keine zentralen Wegmarken des Erblindens, die Einfallstore sein könnten für filmmusikalische Emphasen, bedeutungsschwere Sätze oder unschuldige Blicke.

Die affektive Intensität dieses Films ist eine andere; sie findet nicht auf der Ebene der Figuren statt. „Ava“ gelangt vielmehr zum unpersönlichen Kern des Coming-of-Age-Genres, zu dem, was dieses Heranwachsen so toll und zugleich so traurig macht. Das Reich der Kindheit hinter sich lassen, das heißt einerseits, eine neue Welt kennenlernen, eine, die auch dieser Film sehr sinnlich in Szene setzt: die Welt der Körper, des Aufbegehrens gegen die Autoritäten, des Erkundens. Es heißt andererseits aber auch, etwas zu verlieren, eine Person werden zu müssen, eine Identität auszubilden und mit der Gewalt der Welt konfrontiert zu werden: Die Polizei sucht Ava bald auf Geheiß der Mutter, und sie mag keine andalusischen Gypsies.

Heranwachsen, das ist Erweiterung und Verengung zugleich, Kennenlernen des Lebens, während zugleich der blinde Fleck wächst, das weiß „Ava“ wie kaum ein anderer Coming-of-Age-Film. Also flieht Ava lieber mit ihrem Juan, und bevor sie ganz erblindet, bevor sie ein Selbst wird, hört der Film lieber auf.


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

Kommentar verfassen

Kommentieren