© 16. Bundeskongress der kommunalen Kinos

Kinos & die Krise der Öffentlichkeit

Mittwoch, 16.12.2020

Beim virtuellen Bundeskongress der kommunalen Kinos (2.-9.12.2020) ging es einmal mehr um die Krise der Kinos, die Teil eines grundlegenden Umbaus der bürgerlichen Öffentlichkeit ist.

Diskussion

Das Kino bleibt ein uneingelöstes Versprechen. Nicht erst in der Coronakrise treten seine Widersprüche offen zutage. Die Streamingdienste setzen ihm zu, in den Innenstädten sind die Mieten kaum noch zu bezahlen, die Kulturpolitik glänzt durch Desinteresse. Der virtuelle Bundeskongress der kommunalen Kinos suchte darauf nach Antworten.


In Zeiten von Corona mehren sich die Krisen des Kinos. Die neue Krise betrifft allerdings nicht das Kino allein, denn es handelt sich um die Krise der Öffentlichkeit. So jedenfalls spitzte es der virtuelle Bundeskongress der kommunalen Kinos zu, der unter dem Titel „Das Kino und die Krise der Öffentlichkeit“ (2.- 9.12.2020) die strukturellen Folgen der Pandemie ins Visier nahm. Denn „Öffentlichkeit“ ist schließlich mehr als Versammlungsfreiheit oder Räume, um sich auszutauschen. So lebt ein Bundeskongress einer Vereinigung wie der kommunalen Kinos zu einem erheblichen Maß von persönlichen Begegnungen und der Dynamik, die daraus erwächst, weshalb sich ein solches Treffen nicht ohne weiteres ins Internet verlagern lässt. Die Veranstalter wählten deshalb eine Mischform: Vorproduzierte Gespräche ergänzten zwei Tage lang die Debatten und Vorträge per Videokonferenz. Dazu gab es ein kleines Filmprogramm. Gastgeber war das Filmhaus Nürnberg, wenn auch notgedrungen „nur“ im virtuellen Kino 3.


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Wie die Krisen des Kinos generell sind auch die Krisen der kommunalen Kinos vielfältig. Das ergibt sich schon aus ihrer Bandbreite. Von Kleinstkinos in Kleinstädten, die ehrenamtlich betreiben werden, bis zu großen Häusern in Großstädten ist alles dabei. Das Grundproblem hatte bereits eine Arbeitsgruppe um Gabu Heindl, Lars Henrik Gass und Alexander Horwath im April 2020 in ihrem Zwischenbericht über das „Zukunftskino“ formuliert. Die Wiener Architektin, der Leiter der Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen und der ehemalige Leiter des Österreichischen Filmmuseums arbeiten gemeinsam daran, „die Zukunft des Kinos zu diskutieren und zu planen“. „Kino bleibt historisch gesehen ein weitgehend uneingelöstes Versprechen. Kino ist letztlich nicht nur ein Abspielort für Filme, sondern auch ein architektonischer und damit sozialer Ort, eine kulturelle Praxis.“

Doch in der Praxis der Kinos ist davon nichts selbstverständlich: weder das Abspiel noch der eigene Spielort, ganz zu schweigen vor sozialen Dimensionen. In immer mehr Städten gibt es keine Spielstätten mehr, die analogen Film zeigen können, womit ein wesentlicher Teil der Filmgeschichte unsichtbar bleibt. Finanziell selten gut ausgestattete kommunale Kinos finden sich oft nur außerhalb der Stadtzentren. „Ich denke, dass wir an einem historischen Punkt stehen: Gewerbliche Auswertungsform von Film hat im Kino keine Perspektive mehr“, brachte es Lars Henrik Gass auf den Punkt. Mit diesem Satz ist die Krise sehr genau skizziert: Kinos und insbesondere die kommunalen Kinos stehen vor dem Problem, dass sie ihre eigenen Ziele nur noch selten realisieren können. Überdies verschlechtert sich die finanzielle Situation der Kinos weiter durch sinkende Zuschauerzahlen und den Erfolg der Streamingdienste.

Neu entstanden während der Coronakrise: Der virtuelle Kinosaal Kino 3 im Nürnberger Filmhaus (© Kunstkulturquartier)
Neu entstanden während der Coronakrise: Der virtuelle Kinosaal Kino 3 im Nürnberger Filmhaus (© Kunstkulturquartier)

Der Kern des Urbanen

Gabu Heindl näherte sich dem Problem der Kinos aus der Perspektive der Stadtplanung. Als relevante Kulturorte sind Kinos auf eine zentrale Lage angewiesen, weil Urbanität letztlich nur durch die Kombination von Öffentlichkeit und öffentliche Hand gewährleistet werde. Viel frequentierte und durch Steuergelder gut an den öffentlichen Nahverkehr angebundene Lagen müsste auch für kulturelle Aktivitäten zugänglich bleiben. Nicht-kommerzielle Kinos sind aus dieser Perspektive eine wichtige Form der Nutzung, die bei der Gestaltung von Stadtzentren zu berücksichtigen bleiben – und zwar nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Offenheit. Aus der Sicht von Heindl sind nicht-kommerzielle Kinos im Stadtzentrum ein zentraler öffentlicher Raum, den es zu erhalten gilt.

Mit Blick auf die finanzielle Misere tendierte Lars Henrik Gass allerdings dazu, die Anzahl kommunaler Kinos geregelt zurückzufahren, zugunsten einer generellen Kulturförderung für Kinos. Die damit verbundene „Musealisierung“ des Kinobetriebs will Gass so verstanden wissen, dass die Öffentlichkeit einen Teil des Kinobetriebs für sich selbst rettet: „,Museal‘ heißt gesellschaftliche Verantwortung für etwas übernehmen, das nicht mehr profitabel auf dem Markt zu halten ist.“ Das wäre im Kino nicht anders als in der Landwirtschaft oder bei jedem anderen politischen Subventionsfeld. In der Konsequenz würde dies eine zahlenmäßige Reduktion kommunaler Kinos nach sich ziehen, was allerdings nicht so recht zu Heindls Beharren auf Kinos als öffentlichen Orten passen wollte. Als Ausgleich für den Rückzug der kommunalen Kinos aus dem ländlichen Raum brachte Gass eine Vielzahl von Optionen ins Spiel. Ambulante Kinos gehören ebenso dazu wie eigene Streamingangebote von Kinos, die während der Corona-Pandemie eine überraschende Blüte trieben.


Die Politik glänzt durch Desinteresse

Das Dilemma bleibt allerdings bestehen: Wie lässt sich die Sehnsucht nach Kino als einem sozialen Ort mit dem Schwund der technischen Voraussetzungen verbinden und den schwindenden Mitteln für Kinoarbeit? Diese Fragen sind nicht neu. Sie beschäftigen die kommunalen Kinos seit Jahren. Einfache Antworten sind nicht zu haben, zumal der Status quo mit ehrenamtlichen oder schlecht bezahlten, oft prekären Arbeitsverhältnissen in den kommunalen Kinos den Strukturwandel nicht gerade begünstigt. Die Politik glänzt – jenseits kommunaler Ausnahmen – durch Desinteresse.

Es hatte fast etwas Beruhigendes, dass sich der Bundeskongress der kommunalen Kinos auch in der Coronakrise mit nahezu den gleichen Fragestellungen wie in den Jahren davor herumschlug. Die Krise der kommunalen Kinos ist kein Ausnahmefall. Mittelfristig kann das nicht beruhigen.


Hinweis:

Die Videobeiträge des Bundeskongresses stehen auf der Website des Filmhauses Nürnberg bis zum 23. Dezember 2020 zur Sichtung bereit.

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