© Sony (aus „Die letzte Vorstellung“)

Zum Tod von Cloris Leachman

Montag, 15.02.2021

Erinnerungen an die Schauspielerin Cloris Leachman (30.4.1926-27.1.2021)

Diskussion

Die US-Schauspielerin Cloris Leachman schätzte Herausforderungen und die Abwechslung bei ihrer Arbeit, sodass ihr die Studie einer einsamen Frau in „Die letzte Vorstellung“ genauso denkwürdig gelang wie zahlreiche Auftritte in Sitcoms, als groteske Schurkinnen-Karikatur bei Mel Brooks oder in eigenwilligen Großmütter-Rollen.


Die Nacht ist pechschwarz, die Straße kaum befahren, die Trompeten und Pauken der Filmmusik künden kaum fassbares Unheil an – Robert Aldrichs Film noir Rattennest (1955) beginnt geradezu archetypisch für das Genre. Cloris Leachman läuft mit diesem Filmbeginn mitten in ihren ersten Leinwandauftritt hinein: Mit nackten Füßen, nur mit einem Trenchcoat und sonst nichts bekleidet, versucht sie völlig außer Atem ein Auto zu stoppen und stellt sich nach zwei misslungenen Versuchen mitten auf die Straße. Damit bringt sie den Wagen des Privatdetektivs Mike Hammer (Ralph Meeker) aus der Spur, der zwar über den Beinahe-Unfall ziemlich ungehalten ist, die erschöpfte junge Frau aber dann doch bei sich einsteigen lässt. Was folgt, sind knappe zehn Minuten, in denen die beiden sich Los Angeles nähern, Hammer durch Radiodurchsagen und eine Polizeikontrolle erfährt, dass seine Mitfahrerin aus einem Irrenhaus ausgebrochen ist, und herauszufinden versucht, was mit dieser wirklich los ist.

Für Cloris Leachman ist das eine dankbare Gelegenheit, vielfältige Gefühlslagen auszubreiten, wozu neben der Angst und Müdigkeit ihrer Figur auch die erkennbare Absicht zählt, ihren Retter von ihrer geistigen Gesundheit und der Gefahr, in der sie schwebt, zu überzeugen. Selbst für eine treffsichere Analyse von Hammer als einem gefühlskaltem Grobian findet sie Zeit, bevor beide ihren Verfolgern in die Hände fallen, die ihre Figur Christina zu Tode foltern werden. Ihre letzten Worte an Hammer sind: „Erinnern Sie sich an mich.“

Das eindringliche Filmdebüt von Cloris Leachman: „Rattennest“ (© Koch)
Das eindringliche Filmdebüt von Cloris Leachman: „Rattennest“ (© Koch)

Neue Herausforderungen mit „New Hollywood“

In „Rattennest“ ist dieses Vermächtnis die Motivation für den an sich als negativen Charakter inszenierten Detektiv, die Umstände von Christinas Ermordung weiterzuverfolgen, bis hin zur Vernichtung eines Verbrecherrings. Als Einstand einer Schauspielerin im Kino schienen die Worte dagegen fast ungehört widerzuhallen, denn bis zu weiteren fordernden Leinwandrollen sollten für Cloris Leachman 16 Jahre ins Land gehen. Die 1926 in Iowa geborene Darstellerin hatte sich zu diesem Zeitpunkt im Theater und dann im jungen Medium des Fernsehens etabliert, für das sie in den 1960er-Jahren fast ausschließlich arbeitete, während sie nur gelegentlich kleine Filmrollen übernahm. Erst mit „New Hollywood“ kam die Wende, als Peter Bogdanovich ihr in seinem Kleinstadt-Drama Die letzte Vorstellung (1971) den Part von Ruth Popper gab, der verhärmten und vereinsamten Frau eines Schul-Footballtrainers.

Ihr erster Auftritt in „Die letzte Vorstellung“ zeigt sie in ihrer Küche sitzend; die ganze Körperhaltung signalisiert die Enttäuschung eines freudlosen Lebens, von dem sie nichts mehr erwartet. Dann aber lernt sie den Schüler Sonny (Timothy Bottoms) kennen. Sie beginnen eine Affäre, und Ruth scheint von Szene zu Szene mehr aufzublühen, findet zu einem mädchenhaften Strahlen zurück, das die häufigen Tränen zu Beginn ihrer Affäre ausgleicht.

In Leachmans Spiel steckt eine Wahrhaftigkeit, die dem Film zu seinen emotionalsten Augenblicken verhilft, etwa am Ende; Sonny hat die ältere Geliebte zwischenzeitlich fallengelassen, steht nun aber wieder vor ihrer Tür, weil er eine Schulter zum Ausweinen braucht, und Ruth lässt ihn ein. Zuerst entschuldigt sie sich, dass sie sich gehen lasse und ihn im Bademantel empfange, bevor es plötzlich aus ihr herausbricht, was ihm denn einfalle und wieso sie sich eigentlich entschuldige. Ein Ausbruch, der letztlich zum versöhnlichen Ausklang führt, die breite Gefühlspalette von Ruth innerhalb des Films aber trefflich abrundet und wohl der endgültige Grund dafür war, dass Cloris Leachman den „Oscar“ für diese Rolle entgegennehmen konnte.

Zu kultigen Auftritten verhalten ihr die Parodien von Mel Brooks wie „Frankenstein Junior“ (Fox)
Zu kultigen Auftritten verhalten ihr die Parodien von Mel Brooks wie „Frankenstein Junior“ (Fox)

Das dritte Rad in der Frauenfreundschaft

Zur selben Zeit begann, nach ihren zahllosen Serien-Gastauftritten in den 1960er-Jahren, Cloris Leachmans Aufstieg zum Fernseh-Star, der ihr in den kommenden vier Jahrzehnten die Rekordzahl von 22 „Primetime Emmy“-Nominierungen und acht Auszeichnungen einbrachte. Zwei davon gingen an ihr bekanntestes Serien-Engagement als Phyllis Lindstrom in den ersten fünf Staffeln der Sitcom „The Mary Tyler Moore Show“ (1970-77), die aufdringliche und snobistische Nachbarin der Hauptfigur Mary Richards (Mary Tyler Moore). Ständig bemüht, sich als Marys beste Freundin aufzuspielen, stellt sich doch nie dieselbe Vertrautheit zwischen ihnen ein wie zwischen Mary und Rhoda Morgenstern (Valerie Harper), dem Vorbild für jede spätere Frauenfreundschaft im Sitcom-Genre.

Valerie Harper brachte die Ausrichtung der drei Frauen einmal so auf den Punkt: „Mary ist diejenige, die man gern wäre. Rhoda ist diejenige, die man wahrscheinlich ist. Und Phyllis ist diejenige, die man zu werden fürchtet.“ Für Cloris Leachman bedeutete dies, sich zwischen Hyperaktivität und Selbstbewusstsein behaglich einrichten zu können, während die Folgen immer wieder Dämpfer für Phyllis’ Selbstbild bereithielten, durch die sie nicht nur Lacher beisteuerte, sondern auch ihre Verletzlichkeit offenbarte: Der Gatte stellt sich als untreu heraus, ihr attraktiver Bruder, den sie unbedingt mit Mary verkuppeln will, erweist sich als schwul – beides zur damaligen Zeit im US-Fernsehen unerhörte Themen, wie sie zum bahnbrechenden Konzept der „Mary Tyler Moore Show“ gehörten.

Zwei Jahre spielte Cloris Leachman die Rolle der Phyllis Lindstrom in der Spin-off-Serie „Phyllis“ (1975-77) weiter und gab im Fernsehen auch dramatische Intermezzi wie als spät erstmals Mutter werdende Frau in „A Brand New Life“ (1973). Zu ihrem Markenzeichen wurden freilich exzentrische Auftritte, die bis ins Groteske kippen konnten – angesichts ihrer darüber vergleichsweise nur noch selten geforderten Begabung für dramatische Studien wie in „Die letzte Vorstellung“ lässt sich das vielleicht bedauern, doch vollzog Cloris Leachman diesen Schritt durchaus mit Bedacht. In ihrer Autobiografie Cloris (2009) schrieb sie, Regeln nie gemocht und wo es ging vermieden zu haben; eine Nonkonformität, die sie schon als junge Schauspielerin bewogen haben mag, aus den Premieren der späteren Bühnenerfolge „Come Back, Little Sheba“ und „The Crucible“ auszuscheiden.

Als unangepasste Mutter und Großmutter überzeugte Cloris Leachman 2004 in „Spanglish“ (© Sony)
Als unangepasste Mutter und Großmutter überzeugte Cloris Leachman 2004 in „Spanglish“ (© Sony)

Eine spielfreudige Regelbrecherin

Die deklamatorische Arbeit in dramatischen Werken, die Aufführung für Aufführung hehren Ernst erforderten, hätte sich wohl nicht gut mit dem Ethos der spielfreudigen Regelbrecherin vertragen. Diese fand sich weit eher in den süffigen Filmparodien von Mel Brooks wieder – etwa als Haushälterinnen-Schreck Frau Blücher in Frankenstein Junior (1974), deren bloßer Name Pferde zum furchtsamen Wiehern bringt –, und zusehends in einer Vielzahl von dominanten, monströsen, eigensinnigen oder senilen Großmüttern auf der Leinwand (etwa in Spanglish oder Gambit – Der Masterplan) wie im Fernsehen. Ihr „Erinnern Sie sich an mich!“ aus ihrem ersten Film erwies sich für Cloris Leachman letztlich doch als gutes Omen. Am 27. Januar 2021 ist die Darstellerin im Alter von 94 Jahren in Kalifornien gestorben.


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