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Ein Filmbuch über Reinhard Hauff

Freitag, 07.05.2021

In der Reihe „edition text+kritik“ ist ein lesenswerter Band über den Regisseur Reinhard Hauff erschienen.

Diskussion

In der Reihe „edition text+kritik“ ist ein Band über den Regisseur Reinhard Hauff erschienen. Neben Essays über den Filmemacher, der als kritischer Realist in den 1970er-Jahren zu den wichtigen Vertretern des Neuen Deutschen Films gehörte, bildet ein ausführliches Gespräch mit Reinhard Hauff das Herzstück des lesenswerten Bandes.


Von „authentisch sein“ ist viel die Rede, vor allem in Selbstoptimierungskontexten und anderen Szenarien der Selbstbezüglichkeit. Aber wenn wir bedenken, wie das heute so abgenutzt erscheinende und schwer auszusprechende Wort „Authentizität“ einst ganz neu, frisch und verlockend auf der Bildfläche des Zeitgeists erschien, und dass es damals eine Hinwendung zur Welt und zum Andern beinhaltete, dann gelangen wir ins Zentrum dessen, was Reinhard Hauff antreibt. Für den 1939 in Marburg geborenen Filmemacher ist nichts wichtiger, als die hartnäckige, hingebungsvolle Suche nach einer Authentizität, die als Quell des Eigensinns und der Lebendigkeit in den Figuren und in der filmischen Darstellung sichtbar wird.

Beispielhaft für diese Suche steht die Identitätssuche des Helden in Messer im Kopf (1978), Hauffs vielfach prämiertem und erfolgreichstem Film. Da geht es „um einen Mann, der durch einen Gewaltakt seine Erinnerung verloren hat und der in einer Kaspar-Hauser-Situation beharrlich darum kämpft, sie zurückzugewinnen. Nicht auf eine Art, die rekonstruiert, sondern auf eine Art, die befreit, weil sie aus Eigenem und unabhängig neu konstruiert.“ So formuliert es Egon Netenjakob in seinem Essay „Zu Erkenntnissen kommen – Reinhard Hauff und seine Filme“.

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In dem von Rolf Aurich und Hans Helmut Prinzler herausgegebenen Buch „Reinhard Hauff – Vermessungen der Wirklichkeit“, das Hauffs Leben und Werk kenntnisreich, vielperspektivisch und mit reichhaltigen Fotodokumenten erkundet, spannt Netenjakobs Essay den großen biographischen Bogen. Er schildert Hauffs Kindheit und Jugend in Göttingen, seine Lehrjahre bei der Bavaria-Produktion in München und konzentriert sich dann auf das filmische Oeuvre.

In Hauffs „Messer im Kopf“ kämpft ein Mann darum, seine Erinnerung zurückzugewinnen (© Filmverlag der Autoren)
In Hauffs „Messer im Kopf“ kämpft ein Mann darum, seine Erinnerung zurückzugewinnen (© Filmverlag der Autoren)


Eine extreme Generationserfahrung als Jahrgang 1939

Spannend aufgefächerte Lebenskapitel. Zuerst also die Zeit in Göttingen, die Erfahrungen des Krieges, die Auseinandersetzungen mit der Elterngeneration: „1939 geboren zu sein, wie Reinhard Hauff, wie Burkhard Driest, sein Darsteller und wichtigster Autor, wie Volker Schlöndorff, mit dem Hauff die Bioskop-Film betrieb, wie der Kollege Hark Bohm, der gelegentlich mitwirkt, das ist für einen Deutschen eine extreme Generationserfahrung!“

Dann beschreibt Netenjakob ausführlich die Jahre von 1962 bis 1969, in denen Hauff bei der Bavaria arbeitet und dort von Regisseuren wie Michael Pfleghar und Rolf von Sydow lernt, wie populäre Fernsehshows gemacht werden. Die Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs der späten 1960er-Jahre wird auch für Hauff zur Umbruchszeit. Er gerät in eine, wie er selbst sagt, „schizophrene“ Situation: „Tagsüber habe ich die Unterhaltung bedient, in der Bavaria… und abends bin ich auf die Straße gegangen und habe bei Apo-Demonstrationen Revolte gespielt. So hieß dann 1969 auch mein erster Film.“ Einerseits das belanglose Fernsehshow-Tralala, andererseits der geschichtsträchtige Straßenkampf.

Er muss sich in turbulenten Zeiten neu finden und erfinden. Show-Regisseur Hauff wird zum Filmemacher, dessen Werke „gesellschaftlich Relevantes“ im Stil eines „kritischen Realismus“ zur Darstellung bringen. In seinen 16 Spielfilmen, die zwischen 1971 und 1990 entstehen, stellt er zumeist Außenseiter, Rebellen, Randexistenzen ins Zentrum, Figuren, die an der gesellschaftlichen Realität scheitern: zum Beispiel die historische Figur eines rebellischen Tagelöhners in Mathias Kneissl (1971), das Drama eines Strafgefangenen in Die Verrohung des Franz Blum (1974), oder die vor Gericht stehenden RAF-Terroristen in „Stammheim. Die Baader-Meinhof-Gruppe vor Gericht (1986). Netenjakobs Überblick endet Anfang der 1990er-Jahre, wenn Hauff nach Berlin geht, um sich dort zwölf Jahre lang (1993 bis 2005) als Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) vor allem um die Professionalisierung der Studiengänge zu kümmern.

Für seinen umstrittenen Film „Stammheim“ gewann Reinhard Hauff den „Goldenen Bären“ (© Futura)
Für seinen umstrittenen Film „Stammheim“ gewann Reinhard Hauff den „Goldenen Bären“ (© Futura)


Als Herzstück: Ein Gespräch mit Reinhard Hauff

Herzstück des Buches ist das Gespräch von Rolf Aurich und Hans Helmut Prinzler mit Reinhard Hauff. Mit einer Fülle an Geschichten, Anekdoten und Reflexionen lässt es die Konturen von Hauffs Leben und Wirken plastisch hervortreten. Es trägt den Titel „Von der Fernsehshow zur filmischen Authentizität“. Tatsächlich erscheint auch hier, wie bei Netenjakob, Hauffs Suche nach Authentizität als Leitmotiv. Zugleich aber bedenkt Hauff – wenn er über seine Filme Paule Pauländer (1976) und Der Hauptdarsteller(1977) spricht – die Gefahren seiner Authentizitäts-Strategie: „Moralisch denkend, haben wir gedacht, dass die Leute, mit deren authentischem Leben man jetzt fiktional etwas gestaltet, ausgebeutet worden seien.“ Ein Thema, das Rolf Aurich in seinem Buchbeitrag „Die Grenzen von Authentizität und Fantasie – Reinhard Hauff und Mrinal Sen“ anschaulich erkundet.

Ein Gespräch mit dem Kameramann Wolfgang-Peter Hassenstein beleuchtet die Bavaria-Zeit noch einmal näher. Bei aller Ausführlichkeit, mit der das Buch Hauffs Leben und Oeuvre zur Ansicht bringt, wundert man sich am Ende doch, dass ein Aspekt gar nicht zur Sprache kommt: Hauffs Rolle beim Aufbruch des Neuen Deutschen Films. Wo war sein Platz im Gruppenbild der westdeutschen „Jungfilmer“? Wie sah und sieht er sich in Relation zu Mitstreitern/Konkurrenten wie Schlöndorff, Kluge, Fassbinder, Herzog, Wenders? Welche Positionen vertrat Hauff in den ästhetischen Debatten jener Jahre? Solche Fragen werden nicht gestellt. Immerhin erzählt Hauff drei Anekdoten von Begegnungen mit Werner Herzog, in denen er Herzogs aufbauschende und großsprecherische Art aufs Korn nimmt. Aber er tut das keineswegs spöttisch oder anklagend, sondern sanft ironisch.


Zurückhaltend und mit Lob für andere

Hauff ist die Zurückhaltung in Person. Auch im Gespräch mit Aurich/Prinzler zeigt sich das immer wieder. Nie stellt er seine Bedeutsamkeit heraus, es ist eher so, als wolle er sein Licht unter den Scheffel stellen. Er spricht nicht von den vielen Ehrungen und Auszeichnungen, die er erhalten hat, er streift nur knapp den Riesenskandal, den sein Stammheim-Film hervorrief, und wenn er von seiner DFFB-Zeit erzählt, dann spricht er nicht von sich, sondern hebt andere hervor: er erwähnt die imposante Galerie großer Filmemacher, die er als Gäste und Dozenten an die DFFB holen konnte, und er beginnt das Gespräch damit, dass er Regisseurinnen und Regisseure lobpreist, die in seiner Direktoren-Zeit an der DFFB studierten: Lars Kraume, Jan Ole Gerster, Felix Randau, Christoph Röhl, Emily Atef. Er lobt deren Filme, deren Hartnäckigkeit bei der Suche nach dem eigenen, authentischen Stil.


Hinweis:

Rolf Aurich, Hans Helmut Prinzler (Hg.): „Reinhard Hauff – Vermessungen der Wirklichkeit“. edition text+kritik, München 2021. Kartoniert, zahlreiche Fotos, 204 Seiten. 29 Euro. Band 5 der Reihe „Fernsehen.Geschichte.Ästhetik“. Zu beziehen über jede Buchhandlung oder hier.

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