© IMAGO / Everett Collection (Asta Nielsen in „Das Liebes-ABC“)

Der Stoff aus dem die Träume sind - Die Kinothek Asta Nielsen

Freitag, 14.05.2021

Die Frankfurter „Kinothek Asta Nielsen“ will die Filmarbeit von Frauen in Geschichte und Gegenwart auffinden, dokumentieren und zugänglich machen.

Diskussion

Die Frankfurter „Kinothek Asta Nielsen“ will die Filmarbeit von Frauen in Geschichte und Gegenwart auffinden, dokumentieren und zugänglich machen. Die Anfänge reichen bis in die 1980er-Jahre zurück, seit 1999 firmiert die Kinothek als Verein und organisiert mit dem „Remake“-Festival seit 2018 auch ein Filmfest.


In unmittelbarer Nachbarschaft der Einkaufs- und Flaniermeile Zeil in Frankfurt am Main liegt im Dachgeschoss der Stiftstraße 2 – fast wie im Dornröschenschlaf – das Domizil der Kinothek Asta Nielsen. Die dänische Namensgeberin der einzigartigen deutschen Institution verweist auf eine vergessene Filmgeschichte: eine Archäologie der Kinematografie, die der häufig unterschätzten Leistung von Frauen in allen Phasen der Filmhistorie gerecht wird.


Ein langer Weg

Die Asta-Nielsen-Kinothek in Frankfurt hat eine längere Vorgeschichte. Eine Frauengruppe – Studentinnen, Lehrerinnen, Dozentinnen – traf sich in den 1980er-Jahren zu Filmvorführungen und Diskussionen in kleineren (Studenten-)Kinos, Vereinen und Kneipen. Dem „Kollektiv“ gehörten auch Autorinnen um die feministische Filmzeitschrift „Frauen und Film“ an, deren Redaktionssitz 1983 von Berlin nach Frankfurt verlegt wurde. Die zunächst vorwiegend (film-)politische Ausrichtung der Publikation wechselte im Laufe der Zeit zu einem stärker akademisch, filmtheoretisch und -historisch orientierten Forum.


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Nach jahrzehntelanger Kinobegeisterung und feministischem Engagement von Karola Gramann und der Frankfurter Filmprofessorin Heide Schlüpmann ging die 1999 gegründete Asta-Nielsen-Kinothek den Weg in die Institutionalität. Im Vordergrund stand die Aufarbeitung von Frauen-Geschichte(n) im Kino, im sozialen wie gesellschaftlichen (Alltags-)Leben. Neben der Rolle der sich verändernden Frauenbewegung setzten Themen wie internationale Vernetzung in der Filmbranche und der Umgang mit der Natur neue Akzente.

Eingangsbereich der Kinothek Asta Nielsen (© Josef Nagel)
Eingangsbereich der Kinothek Asta Nielsen (© Josef Nagel)

Unter „Kinothek“, ein Begriff, der in Deutschland durch den italienischen Komponisten Giuseppe Becce bekannt wurde, verstand man ursprünglich eine Sammlung von Repertoire-Musiken zur Begleitung von Stummfilmen. Da sich die Frankfurter Institution dem frühen Kino und dem Filmerbe verbunden fühlt, ist die Wahl der Namenspatronin klug gewählt. Asta Nielsen, 1881 als Tochter einer dominanten Waschfrau und eines kranken Arbeiters in Kopenhagen geboren, verbrachte ihre Kindheit im schwedischen Malmö in bescheidensten Verhältnissen. Weil ihr Traum von der Opernsängerin scheiterte, nahm sie privaten Schauspielunterricht. Mit unehelicher Tochter wechselte die Theaterdarstellerin zum Film und fand in ihrem Landsmann, dem Bühnenbildner und Regisseur Urban Gad (1879-1947), einen (Ehe-)Mann mit Verständnis und Kultur.

Schon der erste, nur 37 Minuten lange gemeinsame Spielfilm, das Sittendrama „Abgründe“ (1910), repräsentierte das intuitive Verständnis Asta Nielsens für die künstlerische Währung des neuen Massenmediums. Den Übergang vom Theater zum Film beurteilten seinerzeit viele Aktricen als Abstieg von der „bürgerlichen Hochkultur“ ins anrüchige Milieu der Arbeiterklasse. Wer aber den vielzitierten „Gaucho-Tanz“ der Dänin in „Abgründe“ einmal gesehen hat, wird ihre körperbetonte Sinnlichkeit und Erotik nicht mehr vergessen. Diese Szene versprüht bereits viel von dem emanzipatorischen Selbstbewusstsein und der (Selbst-)Vermarktung eines neuen (filmischen) Frauenbildes.


Asta Nielsen – eine Marke für sich

Das intellektuelle Feuilleton und die literarische Welt lagen Asta Nielsen nach dem sensationellen Erfolg zu Füßen. Ihre in sich ruhende Authentizität des filmischen Ausdrucks und die Unheimlichkeit des suggestiven Blicks kokettierten mit dem Dämonischen der Leinwand. Eine perfekte Marketingstrategie führte rasch zum Nimbus eines der ersten internationalen Filmstars, während sich fast zeitgleich der italienische Diven-Kult um Francesca Bertini, Lyda Borelli und andere etablierte. Auch der spätere Universal-Gründer Carl Laemmle setzte auf effiziente Werbemaßnahmen, indem er die Kanadierin Florence Lawrence von der Biograph Company engagierte und 1910 zum Filmstar aufbaute.

Die konsequente Ausrichtung der eigenen Marke setzte Asta Nielsen durch die Wahl des künstlerisch wie finanziell attraktiveren Produktionsstandorts Deutschland fort. Sie und Urban Gad unterzeichneten 1911 mit der Deutschen Bioscop GmbH einen Dreijahresvertrag, nach dem pro Jahr acht Filme realisiert werden sollten. Die gefragte Werbeikone gründete schließlich ihre eigene Produktionsfirma, ArtFilm, die 1920 eine weibliche Filmadaption von Hamlet herstellte.

2007 konnte die Frankfurter Kinothek nach intensiven Recherchen eine vielbeachtete Asta-Nielsen-Retrospektive inklusive Symposium und Ausstellung im Deutschen Filmmuseum präsentieren. Von mehr als 70 Produktionen – die meisten entstanden bis zum Ende der Weimarer Republik in Deutschland – gelten heute lediglich etwa die Hälfte als gerettet beziehungsweise verfügbar. Nielsens verführerisches Multitalent, ein neues Frauenbild, das selbst in anspruchslosen Melodramen immer auch etwas Widersprüchliches ausdrückte, in sozialen Beziehungsgeschichten aber auch hohe Dramenkunst emotional zugänglich machte, erklären ihre magnetische Sogwirkung beim Kinopublikum. Dem Filmhistoriker Siegfried Kracauer zufolge „…schmückten sowohl französische als auch deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg ihre Unterstände mit Fotos der Nielsen“.

Zu den Filmpionierinnen, die in der Kinothek Asta Nielsen gewürdigt wurden, gehört auch die Italienierin Elvira Notari (© ZDF)
Zu den Filmpionierinnen, die in der Kinothek Asta Nielsen gewürdigt wurden, gehört auch Elvira Notari (© ZDF)

Kinofrauen zum Entdecken

Dank ihrer detektivischen Spurensuche blicken die Frankfurter Filmwissenschaftlerinnen bereits auf eine lange, verdienstvolle Reihe wiederentdeckter Kinofrauen zurück. Zu den sichtbargemachten Regisseurinnen zählen Germaine Dulac, Alice Guy und die Vertreterin des neapolitanischen Kinos, Elvira Notari.

Der im März 2021 gestartete italienische Schwerpunkt „Comizi tra donne“ wird mit Arbeiten von Cecilia Mangini, Lina Mangiacapres und Roberta Torre fortgesetzt. Eine geplante Retrospektive der 2020 verstorbenen französischen Filmemacherin Sarah Maldoror wurde zwischenzeitlich auf das kommende Jahr 2022 verschoben.

Wichtig ist der Einrichtung auch das Anstoßen und die Begleitung von Restaurierungs- und Digitalisierungsprojekten. Etwa der Arbeiten der aus Bad Kreuznach stammenden Filmemacherin Recha Jungmann (Etwas tut weh“, 1980) oder der österreichische Undergroundfilm „Rote Ohren fetzen durch Asche“ (1991).

Die Asta-Nielsen-Kinothek ist kein Archiv-Kino, sondern ein Archiv für Filmliteratur, Dokumentationen und Filme auf DVD/VHS. Für Sichtungszwecke steht – integriert im großen Arbeitssaal – ein 16mm-Projektor zur Verfügung. Neben Organisations- und Kuratorenarbeit im internationalen Netzwerk setzt man auf die Kooperation mit Frankfurter Kinos und Spielstätten: das Kino Orfeos Erben, Mal Seh’n Kino, die Harmonie, das Cinema, der Filmklubb Offenbach, die Pupille in der Uni und das Kino im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum (DFF). Dass die Pupille und das DFF-Kino alle relevanten Filmformate zeigen können, nämlich: Super 8, 16mm, 35mm und viele digitale Formate, ist „ein elementarer Faktor in der schwierigen Materialbeschaffung von kleinen, finanzschwachen Rechteinhabern und Filmeigentümern“, betont Gaby Babić, seit 2020 Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin der Kinothek. Davor hatte Babić für das Deutsche Filminstitut sieben Jahre das „goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films“ in Wiesbaden organisiert.


Die Frankfurter Frauen Film Tage „Remake“

Das aktuelle Jahresbudget der Kinothek beträgt knapp 158.000 Euro, wobei die institutionelle Förderung durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kultur sowie das Frauenreferat der Stadt Frankfurt die größten Positionen beisteuern. Der 2017 verliehene, mit 50.000 Euro dotierte Binding-Kulturpreis zeichnete nicht nur die engagierte Arbeit aus, sondern erhöhte auch die finanzielle Ausstattung beträchtlich. Der Mitgliedsbeitrag beträgt jährlich 65 Euro (ermäßigt: 35 Euro). Die Projektförderung der HessenFilm und Medien GmbH unterstützt das diesjährige Festival „Frankfurter Frauen Film Tage – Remake“ mit 195.000 Euro und garantiert eine perspektivische Planung und Finanzierung. Dies ermöglicht die Überführung ehrenamtlicher Tätigkeiten in respektable Arbeitsverhältnisse: 1,8 Stellen verzeichnet der gegenwärtige Personalplan, wobei Gaby Babić eine Vollzeitstelle innehat und aktuell eine halbe Stelle für Projekt- und Finanzmanagement ausgeschrieben ist. Gramann und Schlüpmann arbeiten als Kuratorinnen weiter.

Derzeit in Planung: Eine Retrospektive zur französischen Regisseurin Sarah Maldoror (© Österreichisches Filmmuseum)
Derzeit in Planung: Eine Retrospektive zur französischen Regisseurin Sarah Maldoror (© Österreichisches Filmmuseum)

Die Kinothek favorisiert einen analogen Ansatz, um die Filmpräsentation im Kino und bei Open-Air-Aufführungen so lange wie möglich zu erhalten. Zwar werden auch Online- Formate nicht ausgeschlossen, Gaby Babić beharrt auf „einem gesunden Skeptizismus gegenüber einem falsch verstandenen (digitalen) Fortschritt, der mit einem Verlust von Menschlichkeit durch eine immer stärker technikorientierte Kommunikation“ einhergeht. Zum Retro-Charme passen auch filmhistorische Parameter wie die Schaulust im Kino, das Zusammenkommen und das Gemeinschaftserlebnis des Publikums im dunklen Raum, die Verbindung von Zelluloid und Projektion auf der Leinwand, eine spezifische Erfahrung der Farb- und Rezeptionsästhetik.

Die Frankfurter Filmfrauen plädieren deshalb für eine flexible Kooperation mit interessierten Initiativen und suchen die Auseinandersetzung mit neuen Zuschauergruppen. „Filmvorführungen sollen dort stattfinden, wo Menschen und Gemeinschaften sind, wo Kontakte mit jungen Menschen oder lokalen Partnern möglich sind.“ Das geplante „Offene Haus der Kulturen“ auf dem Uni-Campus Frankfurt-Bockenheim mit einem Dutzend Arbeitsgruppen wird als idealer Standort betrachtet. Dort wären die Chancen für einen sozialromantisch-akademisch angehauchten, medienpädagogischen Ansatz sicher hoch – was angesichts der eindimensionalen Medienkonsumgewohnheiten selbst im universitären Umfeld trotzdem kein leichtes Unterfangen ist.

Open-Air-Veranstaltungen an verschiedenen Spielorten sollen in diesem Sommer von Juni bis August auf das „Remake“-Festival im November/Dezember 2021 hinführen. Das Motto: „Working Girls“, Kinematografien weiblicher Arbeit. Für größere Beachtung wird auch der Schwerpunkt „Hotel-Filme“ sorgen, eine Würdigung der 2002 verstorbenen Filmpublizistin Frieda Grafe. Einen besonderen Leckerbissen bietet das Cine concert mit dem 57-minütigen Film Shoes (1916) der amerikanischen Regisseurin Lois Weber. In der Universal-Produktion muss ein 17-jähriges Arbeitermädchen mit seinem Wochenlohn von fünf Dollar die sechsköpfige Familie durchbringen – und prostituiert sich für ein neues Paar Schuhe. Ein moralischer, sozialreformerischer Film aus weiblicher Perspektive. Das vom Amsterdamer EYE Filmmuseum hervorragend restaurierte Werk begleitet eine von der Niederländerin Maud Nelissen komponierte Trio-Musik.


Hinweis

Auf der Webseite der Asta-Nielsen-Kinothek findet man eine große Menge an Informationen über den Verein, aktuelle Projekte, Publikationen, die „Remake“-Frauen-Film-Tage und aktuelle Programm-Angebote (soweit dies unter Corona-Bedingungen wieder möglich ist).

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