© Netflix (aus: "Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story by Martin Scorsese")

Bob Dylan - In Zerrspiegeln von 80 Jahren

Sonntag, 23.05.2021

Eine Hommage an den Sänger, Songwriter, Filmkomponisten, Darsteller und Regisseur, der auch nach sechs Jahrzehnten enormer Leinwandpräsenz ungreifbar geblieben ist

Diskussion

Am 24. Mai 2021 wird Bob Dylan 80 Jahre alt. Zu seiner singulären Erscheinung als Poet und Performer des US-amerikanischen Unterbewusstseins gehört auch seine facettenreiche Ausstrahlung aufs Kino, das er zugleich bedient wie auch als Medium seines eigenen Verschwindens nutzt. So unzählig die Spuren sind, die Bob Dylan auf der Leinwand hinterlassen hat, so schwer bleibt es, ihm selbst auf die Spur zu kommen.


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Es gibt unzählige Spuren von Bob Dylan auf Film gebannt. Eine der allerersten ist eine Aufnahme, die von John Cohen gemacht wurde. Mit einer 16mm-Testrolle drehte er eine verspielte, fiktionale Szene auf dem Dach seines Wohnungsblocks in New York, in der Dylan als Huckleberry Finn über eine Mauer springt und dann verschiedene Hüte anprobiert.

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In diesen Sekunden offenbart sich bereits vieles, was die Bilder von Dylan prägt: Verwandlung, Verspieltheit, Rätselhaftigkeit, Attraktivität, Direktheit. Dass diese Bilder dem erfundenen Image des Tramps Dylan nur allzu gut entsprechen, zeigt, dass der Sohn wohlhabender Mittelklasseeltern aus Minnesota von Anfang an eine Rolle spielte.

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Dylans Karriere umfasst 60 Jahre popkultureller und US-amerikanischer Geschichte. Das, was der Film von ihm bewahrt, ist daher auch Abbild dieser Geschichte, die Dylan maßgeblich mitgestaltete.

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„Ich bin nur Bob Dylan, wenn ich es sein muss.“ - „Wer sind sie sonst?“ - „Ich selbst.“

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Dylan gehört zu jenen Performern, die nicht für die Kamera (oder ein Publikum) zu spielen scheinen. Etwas in ihm wendet sich ab vom Licht und bleibt als Begehren jener zurück, die ihm näherkommen wollen.

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Betrachtet man Dylan auf Bewegtbildern, glaubt man mit jedem Mal etwas Neues zu entdecken. Die vier wichtigsten dokumentarischen Arbeiten, auf denen er zu sehen ist: „Don’t Look Back“ von D.A. Pennebaker, „No Direction Home“ von Martin Scorsese, Eat the Document“ von Bob Dylan und Andy Warhols „Screen Test“ mit Dylan.

Plakat zur Neuauflage von "No Direction Home" (Universal Music)
Plakat zur Neuauflage von "No Direction Home" (© Universal Music)

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Aus den etwa 500 existierenden Screen Tests, die Warhol in der Mitte der 1960er-Jahre drehte, ragt Dylan heraus. Das liegt nicht nur an seiner Berühmtheit, sondern auch an seinen unablässig rollenden Augen, dieser beiläufigen, aber nervösen Art, die sich immer entziehen möchte und doch ganz klar und nah vor uns sitzt.

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Die Nahaufnahme Dylans offenbart die Attraktivität von Widerwillen. Das Gefühl, dass ein Film nicht nur ein Stück aus der Wirklichkeit herausschneiden kann, sondern auch aus einem Menschen, wird mit Dylan ganz deutlich.

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Die eigentliche filmhistorische Assoziation mit Dylan wäre das New-Hollywood-Kino. Als Poet und Performer des in den späten 1960er-Jahren hervortretenden düsteren US-amerikanischen Unterbewusstseins findet seine Tonalität Anklang bei Filmemachern wie Dennis Hopper, Martin Scorsese oder Sam Peckinpah. Seine Musik und Filme wie „Easy Rider“ oder „Pat Garrett jagt Billy the Kid treffen sich in einer surrealistisch angehauchten Wut, dem Streben nach Individualismus und Freiheit.

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In „Easy Rider ist Dylans Song „It’s Alright Ma I’m Only Bleeding“ zu hören: „Disillusioned words like bullets bark/As human gods aim for their mark/Made everything from toy guns that spark/To flesh-colored Christs that glow in the dark/It’s easy to see without looking too far/That not much is really sacred.“

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Zu „Pat Garrett jagt Billy the Kid steuerte er nicht nur einen ganzen Soundtrack samt des berühmten „Knockin’ On Heavens Door“ bei, er spielte auch eine kleine Rolle, deren Highlight bleibt, dass er auf die Frage des von James Coburn gespielten Protagonisten antwortet, wer er denn sei: „Gute Frage“.

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„Who are you, Mister Bob Dylan?“, fragt Jean-Pierre Léaud hinter einer Zeitung versteckt in Jean-Luc Godards „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“.

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Dylans eigener Filmgeschmack ist eher im klassischen Hollywood („Weites Land“ von William Wyler zählt zu seinen Lieblingsfilmen) oder in der Nouvelle Vague angesiedelt. Für sein eigenes Werk Renaldo und Clara nannte er gegenüber Schauspieler Sam Shepard Truffauts „Schießen Sie auf den Pianisten als Inspiration.

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Dazu passt auch seine Gedichtzeile: there’s a movie called / Shoot the Piano Player / the last line proclaimin’ / ‘‘music, man, that’s where it’s at’’ / it is a religious line . . .’ aus „11 Outlined Epitaphs“.

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Allgemein finden sich viele Filmanspielungen und Zitate in Dylans Texten. Seine Tour 2010 eröffnete er etwa mit 20 Minuten aus D.W. Griffiths „Intolerance“.

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Henry Kings „Der Scharfschütze“, die Marx Brothers, Don Siegel oder Humphrey Bogart: Dylan bedient sich fleißig und zeigt, dass sein Schreiben auch immer auf bereits Geschriebenem aufbaut und sein Mythos auf bereits entstandenen Mythen beruht.

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Einzig Clint Eastwood zahlte es dem zitatwütigen Dylan einmal zurück. In seinem „Pale Rider – Der namenlose Reiter" sagt eine Figur: ‘Well, I wish there was something I could do or say, to try and make you change your mind and stay“, ein direktes Zitat aus Dylans Song „Don’t Think Twice, It’s All Right".


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In „Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story" bringt Martin Scorsese gleich zu Beginn Georges Méliès ins Spiel, um sich dem Phänomen Dylan zu nähern. Was auf den ersten Blick womöglich wie ein unnötiger Auteur-Move des Regisseurs von „Hugo Cabret" anmutet, entpuppt sich schnell als schöner Gedankengang: Dylan als Zauberkünstler, ein Mann, der die Dinge entstehen und wieder verschwinden lässt, sich selbst eingeschlossen.

Dylan als Zauberkünstler: "Rolling Thunder Revue" (Netflix)
Dylan als Zauberkünstler: "Rolling Thunder Revue" (© Netflix)

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Nahe kommt man der Imagination hinter den Tricks selten, aber am ehestens wohl im wilden „Renaldo und Clara“, jenem vierstündigen Rausch aus Konzertaufnahmen, dokumentarischen und fiktionalen Szenen, die größtenteils zwischen 1974 und 1976 während der Rolling Thunder Revue Tour entstanden sind.

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Mehr als einer Narration folgt der Film Situationen, mehr als Situationen sind es Zustände, die im Gedächtnis bleiben.

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Inspiriert von Fellinis „Das süße Leben trachtete Dylan nach Zerrspiegelbildern, die das Leben in seiner Welt greifbar machen. Die Monologe und Dialoge des Films ergeben einen beständigen Stream of Consciousness, eigentlich nicht unähnlich dem gefeiertem Experimentalfilm „88:88" von Isiah Medina. In „Eat the Document“, einem weiteren Film, bei dem Dylan als Regisseur geführt wird (Bilder wurden unter anderem wieder von D.A. Pennebaker beigesteuert), ist diese Ähnlichkeit aufgrund der höheren Schnittgeschwindigkeit noch frappierender; Parallelen zum Dauerrauschen der Gegenwart lassen sich nicht verneinen.

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Gleichermaßen sind diese Arbeiten wenig überzeugende Trip-Filme, die sich hilflos am Image abarbeiten und darüber die Welt vergessen.

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„Der Film ist kein Puzzle, es ist A-B-C-D, aber alles ist wie ein Spiel zusammengesetzt. Es geht nicht um den tatsächlichen Plot, sondern um die Texturen, die damit verbunden sind: Farben, Themen, Töne.“

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Das ständige Nuscheln und Murmeln, das In-sich-Versinken dieser Tonspuren, der US-amerikanischen Rebellen, die zu viel von Marlon Brando und James Dean adaptiert haben, um noch ihren Kopf oder ihre Stimme zu heben, verwandelt sich vor den Augen in eine innere Landschaft gescheiterter Träume und des um sich greifenden Wahnsinns. Die Narben einer Zeit liegen offen und sie reichen bis ins Heute hinein. Bob Dylan hat dieses Gefühl eben nicht nur in seinen Texten eingefangen, sondern auch in seinem Ton, seinen Bildern, seinem Kino.

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Allein „Don’t Look Back“ ist ein Sandsturm an verschluckten Stimmen und Filmkorn, das die unterbelichteten Körper auffrisst, wie die vergehende Zeit.

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Das was Kerouac und Ginsberg mit ihren rauschhaften Sprachmelodien erzeugten, diente Dylan als Rezept, um den Schmerz in eine Musik fließen zu lassen, die sich als Gesamtkunstwerk versteht. In diesem Zusammenhang muss man verstehen, was Dylan meinte, als er auf einer Pressekonferenz gefragt wurde, um was es in seinem Film „Renaldo und Clara“ gehen würde und er antwortete: „Das wird nur ein weiteres Lied sein.“

Nur ein weiteres LIed: Joan Baez und Bob Dylan in "Renaldo und Clara" (imago/Ronald Grant)
Nur ein weiteres LIed: Joan Baez und Bob Dylan in "Renaldo und Clara" (© imago/Ronald Grant)

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Cinderella, she seems so easy, "It takes one to know one“, she smiles

And puts her hands in her back pockets Bette Davis style

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Manchmal haben auch die Lieder von Dylan filmische Eigenschaften. Das liegt natürlich auch daran, dass er in vielen seiner Songs Geschichten erzählt, aber eben auch an seinem Spiel mit Tropen des Westerns und des Film Noirs.

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So haben viele Autoren festgestellt, dass Dylans Song „Dignity“ einem vernebelten Noir in Los Angeles gleicht, in dem Dylan als verbitterter Detektiv in einer korrupten Welt auf der Suche nach der verlorenen Figur ist; diese Figur ist die Würde, Dignity.

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Ein anderes Beispiel wäre das Protestlied „Hurricane“. Darin behandeln Bob Dylan und Jacques Levy den mehr als fragwürdigen Prozess rund um den schwarzen Boxer Rubin Carter. Dessen Schicksal wurde 1999 mit Denzel Washington als „Hurricane“ verfilmt.

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Sein Lied „Tight Connection to My Heart“ wollte Dylan einmal sogar als Film adaptieren, weil er den Song für seinen visuellsten hält.

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Über 60 Jahre lang hat Dylan unzählige Fragmente auf Film hinterlassen. Er trat in Filmen und Serien auf, lies sich ablichten und drehte selbst. Aus dem Mosaik lässt sich selbstverständlich kein wirkliches Bild zusammensetzen, man kann nur die Bruchstücke selbst als Inhalt eines künstlerischen Lebens begreifen.

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Hinzu kommt, dass die unterschiedlichen Filme immer wieder auf Elemente des gleichen Materials zurückgreifen. Man kann sagen, dass neben den Fotografien von John Cohen heute vor allem die Aufnahmen von D.A. Pennebaker das Bild prägen, wie sich Menschen Bob Dylan vorstellen.

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Damit hat auch Todd Haynes in seinem Film „I'm Not There gespielt, dem vielleicht aufregendsten Anti-Biopic des 21. Jahrhunderts. Darin lässt er nicht nur verschiedene Schauspieler (unter anderem Cate Blanchett, Christian Bale oder Ben Whishaw) in die Rolle des Enigmas Dylan schlüpfen, sondern auch dessen Musik in Coverversionen erklingen.

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Was daraus entsteht, ist eine Art Double des Doubles, ein Kunstwerk, das den Künstler im Wirbel seiner technischen Reproduzierbarkeit erfasst und ihn gerade dadurch als Individuum greifbar macht. Dazu kommt, dass Todd Haynes für seinen Film größtenteils Szenen nachbaut, die bereits auf Film existieren, also den zahlreichen Dokumentationen rund um Bob Dylan entnommen sind. Derart wird auch der Film zur Chimäre und verbindet sich auf formaler Ebene mit seinem abwesenden Protagonisten.

Double vom Double: "I'm noth there" (Tobis)
Double vom Double: "I'm Not There" (© Tobis)

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In Dennis Hoppers „Catchfire liefert Dylan gleich das perfekte Bild für diese Fragmentierung seines künstlerischen Ichs. In einem kurzen Auftritt spielt er einen Künstler, der riesige bemalte Holzflächen mit einer Motorsäge zerschneidet und diese dann neu zusammengesetzt an Wänden aufhängt.

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Der Mantel, den Dylan auf dem Cover seiner LP „Desire" trägt, wurde ihm von Hopper am Set von „The Last Movie“ geschenkt. Allgemein lassen sich Dylans Filmauftritte oft auf Freundschaften zurückführen.

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Dylans schauspielerische Auftritte gehören wahrlich nicht zum Besten, was Musiker auf der Leinwand geboten haben. Das liegt auch daran, dass er ein ziemlich unglückliches Händchen mit den Stoffen bewies und selbst vielversprechende Filme, in denen er auftaucht, den Erwartungen nicht gerecht wurden.

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Das gilt allerdings nicht für „Pat Garrett jagt Billy the Kid“, dem einzigen Film, in dem Dylan bislang auftauchte, ohne einen Musiker zu spielen.

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Bereits 1963 war Dylan samt seines kommenden Hits „Blowin' in the Wind im britischen Fernsehspiel „The Madhouse on Castle Street“ zu sehen. Leider überlebte von dieser Sendung nur ein schlechtes Audiofile. BBC Arena hat allerdings eine außergewöhnlich gute Dokumentation über die Hintergründe dieses mysteriösen Ausflugs des Musikers veröffentlicht.

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Ein anderer, nur schwer ertragbarer Film im schauspielerischen Oeuvre von Dylan ist „Hearts of Fire“ von Richard Marquand aus dem Jahr 1987. Dylan, der sich später vom Film distanzierte, spielt darin einen gelangweilten alternden Rockstar mit Keith-Richards-Ohrringen; Ron Wood spielt den Drummer der Band im Film.

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Der Film bleibt für Dylan-Afficionados womöglich vor allem wegen einer Dialogzeile hängen, die seine Figur Billy Parker sagt: „Ich habe immer gewusst, dass ich keiner dieser Rock’n Roll Sänger sein würde, die einmal den Nobelpreis gewinnen.“

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„Ich wollte immer wie Anthony Quinn in „La Strada“ sein. Ich wollte auch wie Brigitte Bardot sein, aber darüber denke ich lieber nicht zu lange nach.“

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Seinem Dauerschmunzeln in der Szene nach zu urteilen, hatte Dylan mehr Freude bei seinem Kurzauftritt in der US-amerikanischen Sitcom „Dharma & Greg (1999). Darin spielt er Gitarre und muss die kauzigen Extravaganzen der schlagzeugenden Protagonistin über sich ergehen lassen. In dieser Szene zeigt sich tatsächlich eine große Qualität der eigenartigen Präsenz Dylans: Er kann wie nur wenige andere wie im falschen Film wirken.

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So fährt sein aus dem Gefängnis flanierender Rockstar in „Masked and Anonymous von Larry Charles gleich zu Beginn des Films bewusst in die falsche Richtung. Ja, er ist eben ein Rolling Stone without a home, und im Kino hat er das auch nicht gefunden.

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Dennoch ist dieser merkwürdige, irgendwo zwischen Drama und Satire hängende Film einer der interessantesten mit Bob Dylan. In schickem Anzug und Cowboyhut fährt er dabei durch ein seltsames Land, und man denkt fast an die Bilder von Harry Dean Stanton bei Wim Wenders. Man hat hier mit Ausnahme von Warhols „Screen Test“ zum ersten Mal das Gefühl, dass er sich nicht ganz so unwohl vor der Kamera fühlt. Zwischen den Zeilen glaubt man zu erkennen, dass er einige Dinge in diesem Film loswird, die ihm wichtig sind.

A rolling stone without a home; "Masked and Anonymus" (imago/Everett Collection)
A rolling stone without a home: "Masked and Anonymus" (© imago/Everett Collection)

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Er spielt in „Masked and Annymous“ einen Sänger, der von einem autoritären Regime zu einem Benefizkonzert verpflichtet wird. Man spürt in der Rolle die Spannungen, die Dylan selbst mit den Erwartungen an seine Person, insbesondere in den USA der 1980er-Jahre verband.

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Dennoch bewahrt er sich auch in diesem Film sein unnahbares Mysterium und die schauspielerische Nicht-Eigenschaft, dass sein Gesicht nie das zu machen scheint, was gerade erfordert wäre.

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In einer Szene mit John Goodman liegt Dylan so in einem Stuhl wie nie irgendwer in einem Stuhl gelegen ist. Seine Füße stemmt er gegen die Wand, während er seine Hüfte so tief in die Lehne drückt, dass von seinem Körper nichts mehr übrig scheint außer Kopf und Füße. Henry Fonda, sonst der unangefochtene König des Sitzens in Hollywood, wäre neidisch gewesen.

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Inspiriert war der Film ohnedies von Jerry Lewis und Dylans eigenen Ideen zu einem Slapstick-Film. Allerdings ist das Endresultat doch deutlich ernster ausgefallen. Man glaubt trotzdem zu spüren, dass der junge Dylan, der in seiner Zeit als Huck Finn über Mauern sprang, es auch als Buster Keaton hätte weit bringen können.

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In „Masked and Anonymous sind auch viele Dylan-Songs zu hören, bisweilen in spannenden oder bizarren Coverversionen oder vom Künstler selbst gesungen. Musikalisch hat Dylan große Spuren in der Filmgeschichte hinterlassen, selbst wenn er nicht in den Filmen auftauchte. Seine Lieder tauchen überall auf und vor allem (Öl auf den Ketten seiner Kritiker) in großen Hollywood- oder Netflix-Produktionen. Ja, auch die Dylan-Kuh wird bis zum letzten Tropfen gemolken.

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Für seinen Song „Things Have Changed“, den er für den Film „Die Wonder Boys von Curtis Hanson schrieb, gewann Dylan sogar einen Oscar“. Das dazugehörige Musikvideo ist auch in der Welt des Films angesiedelt, in der er mit der Figur von Michael Douglas Rollen tauscht.

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In Fragen des Pop-Musikvideos gehört Dylan sowieso zu den Vorreitern, denn der berühmte Auftakt zuDon’t Look Back“, in dem Dylan Textfetzen seines „Subterranean Homesick Blues passend zur Musik in die Kamera hält, während im Hintergrund Allen Ginsberg gestikuliert und seine Jacke auszieht, gilt bei manchen als erstes Musikvideo.

"Don't Look Back" von D.A. Pennebacker (imago/Everett Collection)
"Don't Look Back" von D.A. Pennebacker (© imago/Everett Collection)

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Cameron Crowe, der ein bemerkenswertes Interview mit Dylan drehte, verwendete in seinem „Jerry Maguire“ eine bis dato ungehörte Version von „Shelter from the Strom“.

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Dylans Lieder haben die Eigenschaft selbst Jahrzehnte, nach dem sie geschrieben wurden, so zu wirken, als wären sie für den Film komponiert worden. Beispiele dafür sind „He was a Friend of Mine“ in „Brokeback Mountain“, The Man in Me in „The Big Lebowski oder „The Times They Are A-Changin" in „Watchmen“.

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Nichts aber übertrifft die Verwendung des Themas aus „Pat Garret jagt Billy the Kid“ und vor allem von „Wigwam in Wes Andersons „The Royal Tenenbaums“. Da da dah da da. Dada da-da dah de dum. Da da-da dah da. La da dah dede.

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In Lars von Triers „Breaking the Waves wird bei der Hochzeit der Protagonisten eine Dudelsack-Version von „Blowin’ in the Wind zum Besten gegeben und in Olivier Assayas „L'eau froide - Kaltes Wasser tanzen die Protagonisten im nächtlichen Kokon ihrer jugendlichen Freiheit zu „Knockin’ on Heaven’s Door“.

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Manchmal könnte man fast meinen, dass Bob Dylan, spätestens mit seinem Motorradunfall, eine Figur aus dem Universum von Wes Anderson sei. Dann aber merkt man wieder, dass seine Texte viel tiefer gehen und es sowieso keinen Sinn hat, ihn festlegen zu wollen.

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Dazu passt auch, dass sein Sohn Jesse Dylan als Filmemacher arbeitet und Filme wie „American Pie – Jetzt wird geheiratet gedreht hat. Wie weit der Apfel(-kuchen) vom Stamm gefallen ist, muss jeder selbst beurteilen.

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Man kann festhalten, dass der performative Aspekt der Arbeit von Bob Dylan im Kino betont wird. Zwar hat er niemals die schauspielerischen Höhen eines David Bowies und nicht mal eines Elvis Presleys erreicht, aber dennoch wusste er auch in diesem Medium an seiner eigenen Starwerdung zu arbeiten. Ein wichtiger Teil seiner Imagepflege ist seine Unangepasstheit. So ist „Don’t Look Back“ über weite Teile ein komödiantisches Duell zwischen Dylan und Donovan, das in einem betrunkenen Wortgefecht und anschließender Musik endet.

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Als Pennebaker Dylan sagte, dass er seine Direct-Cinema-Dokumentation über dessen legendäre Tour in England 1965, die den viel diskutierten Übergang von akustischer zu elektronischer Musik markierte, schlicht „Dylan“ nennen wollte, entgegnete der Musiker: „Warum nennst du sie nicht Pennebaker?“.

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Dylan erinnert daran, dass das Kino nicht nur ein Medium des Lichts ist, sondern auch der Schatten. Er nutzt es auch für seine Arbeit am eigenen Verschwinden.

Viel Licht, viel Schatten: "Rolling Thunder Revue" (imago/Everett Collection)
Viel Licht, viel Schatten: "Rolling Thunder Revue" (© imago/Everett Collection)

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In jedem Bild hat man das Gefühl, dass man ein Geheimnis erfährt, aber die Wahrheit ist: man erfährt nichts.

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Spätestens mit „Eat the Document ist Bob Dylan zu einem wahrhaftigen Rimbaud, einem Blake geworden, der die Welt mit seinen eigenen Augen und Worten und Bewegungen verändert. Obwohl Dylan so wirkt, als könne er nicht schauspielern, spielt er die ganze Zeit. Er spielt einen Mythos, den er wird und dann wieder verlässt.

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Was sich hinter dem abspielt, ist immer auch ein Bild der sich transformierenden Welt. Dylan existiert jenseits und doch inmitten der Gesellschaft. Seine Themen spiegeln die unbenannten Ängste und Hoffnungen und Narben wider, und die Kameras nehmen auch das auf, selbst wenn sie sich nur für diesen Mann interessieren, der sich von ihnen abwendet.

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Zuletzt sollten noch jene erwähnt werden, die sich an Dylan oder Versionen von Dylan auf der Leinwand versucht haben. Ein schwieriges Unterfangen, weil Dylan leichter imitierbar als spielbar scheint.

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Ganz oben auf der Liste thront sicherlich Cate Blanchett mit ihrer Interpretation Dylans aus der „Don’t Look Back“-Phase in „I’m Not There. Allerdings grenzt ihre Darstellung tatsächlich an eine Karikatur, da sie - beeindruckend genug - vor allem die Oberfläche des unter Drogen stehenden Künstlers interpretiert. Außerdem profitiert sie von einer unfassbar guten Coverversion von „Ballad of a Thin Man“ durch Stephen Malkmus und The Million Dollar Bashers und einer hervorragend geschnittenen surrealistischen Sequenz.

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Auf ähnlich hohem Niveau und bezüglich des Gesangs zugleich unglaublich überzeugend und komisch bewegt sich John C. Reilly in „Walk Hard: Die Dewey Cox Story. An der Sequenz, in der sich der titelgebende Protagonist an Dylan abarbeitet, sticht vor allem hervor, dass sie das rund um Dylan so wichtige Thema der Doppelgänger und Identitäten aufgreift.

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Denn natürlich ist Bob Dylan selbst der beste Darsteller von Bob Dylan auf der Leinwand.

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„The Guardian“ stellte daher zum Start von „I’m Not There die schön ironische Frage: Was denkt Bob, wer er ist?

Was denkt Bob, wer er ist? Cate Blanchett als Bob Dylan in "I'm Not There" (Tobis)
Was denkt Bob, wer er ist? Cate Blanchett in "I'm Not There" (© Tobis)

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„„Don’t Look Back“ war…der Film eines anderen Menschen (…) Als ich den Film im Kino sah, war ich geschockt. Ich hatte nicht mitbekommen, dass die Kamera die ganze Zeit auf mich gerichtet war (…) Der Film zeigt nur eine Seite der Wahrheit.“

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Damit sind wir wieder beim Thema und spüren, dass selbst 71 Aspekte dieses Künstlers ihn nicht wirklich näherbringen. Vielleicht geht es einfach darum, zuzuhören, zuzusehen, wenn man möchte mitzusingen, vielleicht sogar zu tanzen, zu schreien, zu schweigen, zu weinen, weiterzumachen.

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Zu manchen vereinbarten Drehterminen seiner eigenen Filme ist Bob Dylan nicht erschienen. Das Bild eines Mannes, der zum Dreh seines eigenen Films nicht erscheint. Man hält es fest, aber es ist gar nicht da.

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I contain multitudes

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In der Phase nach seinem Motorradunfall 1966 begann Dylan mit dem Image des Outlaws aus Western zu arbeiten. Textliche Anspielungen auf Filme wie „Shane“ oder „Bronco Billy deuteten einmal mehr einen anderen Ton, einen anderen Dylan an.

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Heute scheint es Dylan gelungen, dem Lärm, den Bildern, dem Film und den Interviews größtenteils entkommen zu sein. Trotzdem produziert er weiter Texte und Musik.

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Und er weiß auch, dass er weiterlebt in den Bildern, die es bereits von ihm gibt.

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Mehrfach betonte Bob Dylan auch den Einfluss von Bertolt Brecht, einem Vorreiter seiner Kunst, nie ganz das zu sein, was alle glauben, und dabei auf vielen verschiedenen Hochzeiten immer den eigenen Walzer zu tanzen.

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Ein Zitat aus Brechts „Das Lied von der Moldau, dessen Einfluss auf Dylans „The Times They Are a-Changin“ ins Auge springt und das vieles zusammenfasst, was Dylan und sein Werk (ob filmisch festgehalten oder nicht) ausmacht:

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne

Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.

Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne

Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

80

Alles Gute, Bob Dylan.

Sie sind weit weg, aber wir hören Sie.

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