© Jana Mila Lippitz/Schulkinowoche Berlin

Vision Kino: Kopf und Herz

Mittwoch, 23.06.2021

Ein Fazit zu "Vision Kino 21 – Kongress für Filmbildung"

Diskussion

Der im Herbst 2020 ausgefallene Kongress für Filmbildung der Initiative Vision Kino fand nun im Juni 2021 als digitale Veranstaltung statt. Auch in dieser Form standen die brennenden Fragen und Forderungen der letzten Jahre erneut im Fokus: Neben der Notwendigkeit kontinuierlicher Filmvermittlung vor allem Strategien zum Widerstand gegen Rechtspopulismus wie differenzierte und vorurteilsbrechende Filme. Ein Fazit.


Eigentlich sollte der Kongress für Filmbildung turnusgemäß bereits im November 2020 stattfinden, wurde dann aber auf den Juni 2021 verschoben, in der Hoffnung, ihn physisch als Treffpunkt vor Ort in Erfurt abhalten zu können. Die Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen machte dieses Vorhaben aber zunichte. Es ist Leopold Grün, dem neuen Leiter von Vision Kino, und seinem Team hoch anzurechnen, dass der Kongress nun wenigstens digital stattfand. Die dringend notwendige Verbindung von Kino und Filmbildung, auch außerhalb der Schule, konnte damit nur virtuell umgesetzt werden. Andererseits ließen sich vergleichsweise neue Formate der Kommunikation erproben, etwa über die Apps "Gather.Town" und "Wonder.me", mit denen Tischgespräche und „persönliche“ Begegnungen mit einem Avatar möglich wurden. Ein Wagnis, das echte Begegnungen nicht ersetzen konnte.

Diesmal digital: "Vision Kino" 2021 (© Tristan Vostry/Vision Kino)
Diesmal digital: "Vision Kino" 2021 (© Tristan Vostry/Vision Kino)

Zeichensetzung für die Zukunft der Filmbildung

Von der Politik kamen gleich zum Auftakt klare Signale für Kinokultur und Filmbildung. Das stimmt optimistisch. Monika Grütters, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, sicherte dem Netzwerk Vision Kino zusätzlich drei Millionen Euro für die Förderung insbesondere von Filmbildungsangeboten gegen Rassismus zu. Und Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Freistaats Thüringen, unterstrich den Stellenwert der Filmbildung als Verbindung zwischen Kopf und Herz und des Kinos als lebendigem Kulturort.


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Die bundesweite Realität sah in den letzten Monaten freilich komplett anders aus und daher plädierte Leopold Grün dafür, dass sich das Kino nach der Wiedereröffnung der Spielstätten auf die Suche nach dem (verschwundenen) Publikum machen müsse. Dazu bedürfe es einer mutigen Vielfalt der Filmbildung, die auch eine klare politische Haltung beziehe, sowie eines interkulturellen Ansatzes, um möglichst viele Menschen durch das Kino zu erreichen.

Damit waren die beiden Themenschwerpunkte des Kongresses umrissen: die Positionsfindung innerhalb der Filmbildung gegen Populismus und rechte Agitation sowie eine Filmbildung für alle, die interkulturell, selbstreflexiv und diversitätsorientiert ist und gängige Vorurteile und Klischees hinterfragt.

Leopold Grün und Lisa Haußmann eröffnen den Open Space des Kongresses
Leopold Grün und Lisa Haußmann eröffnen den Open Space des Kongresses (© Tristan Vostry/Vision Kino)

Schade nur, dass man sich vorab komplett für eines dieser zweitägigen Themen entscheiden musste und es bis auf eine knappe Zusammenfassung am Ende keine Überschneidung oder gar einen Austausch gab. Die Informationen für eine Gesamtbewertung des Kongresses mussten also von anderer Seite erfragt werden. Ein nicht ganz so vollgestopftes und besser aufeinander bezogenes Programm wäre sinnvoller gewesen, zumal beide Themen in der praktischen Filmarbeit eng zusammenhängen. Denn eine klare Haltung ohne selbstreflexive Sensibilität für andere Kulturen und Sichtweisen lässt sich im Sinne der Demokratiebildung nicht glaubwürdig vermitteln.


Die alte Frage nach der kontinuierlichen Filmvermittlung

Zu Beginn des Kongresses konnten alle Teilnehmenden in einem Open Space auf acht digitalen Pinnwänden formulieren, was ihnen auf den Nägeln brennt und was die Zukunft der Filmbildung benötigt. Die Padlets sind abrufbar auf der Website von Vision Kino. Hat die Pandemie die Filmbildung um etliche Jahre zurückgeworfen? Oder machen sich Versäumnisse der vergangenen Jahre erst dadurch überdeutlich bemerkbar?

Die überwiegende Mehrzahl der Fragen und Forderungen war nicht neu und unterscheidet sich von denen der letzten fünf, zehn oder gar 15 Jahre nur ansatzweise. Da war von kontinuierlicher Filmvermittlung die Rede nebst zur Verfügung gestellter Tools und Materialien, von Fortbildungen zum Filmlehrer und Weiterbildungen für Lehrkräfte, von weniger Filmanalyse und mehr Filmerleben, von der Stärkung des Kinofilms, von festen Stellen in Städten und Gemeinden, von mehr Inklusion und der Vermittlung von Filmgeschichte und Filmbildung auch außerhalb der Schule.

Zudem solle die reine „Arbeitsblätteritis“ aufgegeben werden zugunsten einer Arbeit mit Filmausschnitten, wobei es hier nach wie vor an rechtlichen Grundlagen mangelt. Insgesamt fehle es deutlich an Orientierung und Struktur. Und vor allem müsse der Film endlich als Kunst und Kultur anerkannt werden. Einig war man sich darin, dass die Digitalisierung große Vorteile mit sich gebracht habe und kontinuierliche Online-Angebote die Schulkinowochen ergänzen sollten, die in ihrer wichtigen Netzwerkfunktion bestätigt wurden.


Neue Herausforderungen durch den Rechtspopulismus

Zu den „alten“ Aufgaben kommen zwei neue Herausforderungen hinzu. Wie sehr der Rechtspopulismus zur Spaltung der Gesellschaft und zur politischen Vorteilsnahme der Rechten beiträgt, berichtete Laszlo Upor, der bis September 2020 an der ungarischen Universität für Theater und Filmkunst tätig war, in einem einführenden Video-Statement. Kritische Stimmen würden von der herrschenden Fidesz-Partei systematisch unterbunden, unabhängige Kulturschaffende verdrängt, regierungskonforme Aufsichtsposten auf Lebenszeit vergeben.

Oliver Gibtner-Weidlich beim Panel Populismus und rechte Agitation
Oliver Gibtner-Weidlich beim Panel Populismus und rechte Agitation (© Tristan Vostry/Vision Kino)

Zum Glück ist Deutschland weit entfernt von dieser Entwicklung, aber Oliver Gibtner-Weidlich, der Projektleiter der SchulKinoWochen Sachsen, berichtete davon, dass einigen Initiativen bereits der Geldhahn zugedreht und mit allen Mitteln versucht werde, bestimmte Filme wie etwa die über die NSU-Morde zu verhindern. Sinnvolle Gegenmaßnahmen könnten sein, öffentlich auf diese Einflussnahme hinzuweisen, sich mehr zu solidarisieren, und vor allem Filme anzubieten, die andere Geschichten erzählen, die ein positives Bild von Normalität vermitteln und Empathie ermöglichen oder einen persönlichen Zugang haben. Vorrangiges Ziel einer politischen Medienbildung sei die Stärkung des demokratischen Grundprinzips.

Dazu gehört auch, sich auf andere Themen und differenziert gezeichnete Figuren einzulassen, unterschiedliche Lebensformen als normal und nicht als Ausnahme wahrzunehmen und Stereotype immer wieder neu zu hinterfragen, sich also auf andere, ungewohnte Perspektiven einzulassen. Gerade bei jungen Menschen sei es im Rahmen der Filmbildung wichtig, die Wahrnehmung zu schulen und ihnen Identifikationsfiguren anzubieten, die der Diversität unserer multikulturellen Gesellschaft entsprechen. Schließlich gebe es kein homogenes „Wir“, sondern nur ein heterogenes, das zudem ständig im Wandel begriffen ist.

Der zweite große Workshop, der sich solchen Fragen widmete, bot viel Raum zur Selbsterfahrung und für Anregungen, wobei am Ende etwas die Zeit fehlte, die oft in Kleinstgruppen gesammelten Ergebnisse zu bündeln.


Die junge Zielgruppe kommt selbst zu Wort

Zu den besonders gelungenen Programmpunkten des Kongresses zählten Veranstaltungen, die von allen Teilnehmenden besucht werden konnten und in denen es ganz konkret um Filme für Kinder und Jugendliche, um diese selbst und um die Filmschaffenden ging. Schließlich hängen selbst die besten Konzepte der Filmbildung davon ab, was der Markt gerade zu bieten hat.

In Talkrunden mit den Filmschaffenden von Ilker Çataks Räuberhände und mehr noch mit den beiden Filmemacherinnen Joya Thome und Bettina Blümner sowie der Produzentin Jamila Wenske zu ihren persönlichen Erfahrungen mit Filmen für die Bildung und eigenen Projekten brillierte Leopold Grün als unaufdringlich präsenter und kompetenter Moderator ohne permanente Selbstinszenierung.

Filmgespräch zu RÄUBERHÄNDE mit Regisseur, Hauptdarstellern, Drehbuchautorin und Produzentin
Filmgespräch zu "Räuberhände" (© Tristan Vostry/Vision Kino)

Im Werkstattgespräch mit Caroline Link kam endlich auch einmal die junge Zielgruppe der Filmbildung zu Wort. Die „Oscar“-Preisträgerin befragte vier Mitglieder der Berliner FBW-Jugend-Filmjury und des „Kindertiger“-Jahrgangs 2020 nach ihren Erfahrungen und Wünschen an gute Drehbücher und Filme. Auch wenn diese vier jungen Menschen in ihrer Eloquenz und ihrer Filmkompetenz alles andere als repräsentativ für ihre Zielgruppe sein mögen: Sie bemängelten überzeugend, dass Erwachsene oft keine Ahnung davon haben, wie junge Menschen reden und wünschten sich die Aufhebung der strikten Grenzen zwischen Kinderfilm und Filmen für erwachsenes Publikum.

Vor allem aber möchten sie, dass Filme im Detail gut und einzigartig sind, dass ihnen nicht nur langweilige Stereotype präsentiert werden, sondern die Charaktere differenzierter angelegt sind. Auch schwierige oder anspruchsvolle Themen sollen auf ihrer Augenhöhe packend und unterhaltsam erzählt werden. Mammut-Aufgaben also für die Filmindustrie und auch für Vision Kino.

Mitglieder der FBW-Jugend Filmjury im Gespräch mit Oscarpreisträgerin Caroline Link, davor Frank Völkert und Leopold Grün
Mitglieder der FBW-Jugend Filmjury im Gespräch mit Caroline Link, davor Frank Völkert und Leopold Grün (© Tristan Vostry/Vision Kino)

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