© Jeanpaul Goergen

Zum Tode des Filmhistorikers und -archivars Rudolf Freund

Freitag, 25.06.2021

Ein Nachruf auf den Filmhistoriker und -archivar Rudolf Freund (15.1.1938-9.6.2021)

Diskussion

Der Filmhistoriker Rudolf Freund, Mitarbeiter des Staatlichen Filmarchivs der DDR, gestaltete fast dreißig Jahre lang das Programm des legendären Ost-Berliner Archivfilmtheaters „Studio Camera“. Zugleich offerierte er den Filmclubs der DDR ein anspruchsvolles Verleihangebot an klassischen Filmen aus aller Welt. In Artikeln und Büchern gab er sein enzyklopädisches Wissen zur Geschichte des Kinos weiter. Jetzt ist er 83-jährig in Berlin verstorben.


Am 16. Juni 1962 erschien in der Ost-Berliner Tageszeitung „Tribüne“ ein Kommentar von Rudolf Freund, überschrieben mit der Aufforderung: „Die Schätze müssen gehoben werden“. Gemeint waren die Schätze des Staatlichen Filmarchivs der DDR, das als Haupterbe des Reichsfilmarchivs eine der größten Filmsammlungen der Welt besaß. Rudolf Freund war damals noch Student der Filmhochschule Babelsberg, wo er – nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität – eine zusätzliche Ausbildung als Produktionsleiter absolvierte. Doch in die laufende Produktion neuer Filme wollte er gar nicht einsteigen; ihn begeisterte die Filmgeschichte, und alle seine Wege führten geradewegs in jenes Archiv, das für ihn zur beruflichen Heimat werden sollte.

Sein Wunsch, Filmschätze an die Öffentlichkeit bringen zu können, erfüllte sich bereits Anfang 1963. Am 12. Januar begann des „Studio Camera“ nach dem Vorbild der Pariser Cinémathèque als erstes deutsches Archivfilmtheater überhaupt seinen Spielbetrieb. Als Spielort wurde das ehemalige Kino Aladin in der Friedrichstraße im Osten Berlins ausgewählt, gleich neben der einschlägig bekannten Pudel-Bar. Eröffnet wurde mit Georg Wilhelm Pabsts Dreigroschenoper (1931), inmitten einer Reihe anderer klassischer deutscher Produktionen. Rudolf Freund sollte von nun an die Geschicke dieses Hauses als Programmleiter fast dreißig Jahre lang maßgeblich mitbestimmen. Die „Camera“ brachte monatlich rund dreißig Titel in täglich zwei, drei Vorstellungen. Aus lizenzrechtlichen Gründen wurden sie zwar als „nichtöffentlich“ deklariert; tatsächlich aber konnte jeder, der die jährliche Besucherkarte zum Preis von einer Mark (!) erwarb, hier in die Filmgeschichte eintauchen. Das erste „Studio Camera“ hatte 251 Plätze; für den Erfolg des Unternehmens sprach, dass bereits in den ersten vier Wochen 10.000 Besucherkarten ausgegeben wurden.

Das „Camera“-Programm-Begleitheft 1/89 (© Archiv (Schenk))
Das „Camera“-Programm-Begleitheft 1/89 (© Archiv (Schenk))

Jenseits des „normalen“ Kinos

Geboten wurde nicht nur Geschichte. Dank der Tauschmöglichkeiten im Rahmen der Internationalen Föderation der Filmarchive liefen bald zahlreiche neuere Filme, die der DDR-Monopolvertrieb Progress nicht ins „normale“ Kino übernommen hatte; es gab Reihen zu Fellini, Antonioni, Bergman, Buñuel, Hitchcock, Godard oder Manoel de Oliveira, auch zum japanischen, spanischen oder indischen Kino, zum Free Cinema und zur Nouvelle Vague, zu Western und zum Musical. Immer wieder wurden deutsche Stumm- und frühe Tonfilme platziert, dazu sowjetische, polnische oder ungarische Klassiker. Das „Studio Camera“ präsentierte bis 1990 rund 2500 Filme aus aller Welt; gezählt wurden mehr als 2,5 Millionen Besucher.

Rudolf Freund war dabei nicht nur der Programmverantwortliche, er führte die Filme auch gern selbst ein. Am liebsten saß er hinten, in seiner Dolmetscherkabine, und ließ von dort über Lautsprecher seine warme, weiche Stimme erklingen. So begleitete er tausende Kinoabende; er war, wenn man so will, das lebende Inventar des „Studio Camera“. Hinzu kamen die Begleithefte, die er vierteljährlich zuverlässig redigierte und mit zahlreichen, sonst kaum zugänglichen Informationen versah. Konfliktfrei war das alles natürlich nicht; auch das „Camera“-Programm musste staatlich abgenommen werden, und da passierte es schon, dass Filme als unzeigbar abgelehnt wurden – so wie etwa David Wark Griffiths Birth of a Nation (1915). Solche Vorgänge kommentierte Freund mit sanftem Augenaufschlag: Man könne, so sagte er, die „Camera“ ja auch umbenennen, zum Beispiel in „Intoleranz“, nach dem Titel eines anderen Griffith-Films. In der Spätphase der DDR war Rudolf Freund dann manchmal der Einzige, der zu den geforderten staatlichen „Zulassungsvorführungen“ in der Hauptverwaltung Film überhaupt erschien. In diesen Momenten wusste er: Er hatte gewonnen.


Klassiker-Programm für alle Filmclubs der DDR

Vom Staatlichen Filmarchiv aus bestückte Freund auch „Camera“-Spielstätten in anderen größeren Städten der DDR: so das von Fred Gehler kuratierte „Casino“ in Leipzig oder Häuser in Rostock, Halle, Dresden und Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt). Innerhalb der Wissenschaftlichen Abteilung des Staatlichen Filmarchivs verantwortete er zudem den nichtkommerziellen Verleih von Archivfilmen an die über vierhundert DDR-Filmclubs, zu denen er gern als Vortragender unterwegs war. Speziell für sie stellte er ein Klassiker-Programm zusammen, das Hunderte von Arbeiten enthielt und für geringes Geld entliehen werden konnte.

Zu Piel Jutzis „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ brachte Rudolf Freund einen Dokumenten- und Protokollband heraus (© ZDF)
Zu Piel Jutzis „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ brachte Rudolf Freund einen Protokollband heraus (© ZDF)

Von Paul Wegeners frühen Stummfilmmärchen bis Eisensteins Iwan der Schreckliche und Schoedsacks King Kong war dort vieles vertreten, was die Herzen der Cineasten höherschlagen ließ. Zu jedem dieser Filme redigierte Rudolf Freund ein eigenes „Filmblatt“, das in den 1970er-Jahren auch zu einem Buch zusammengefasst wurde. Gemeinsam mit seinem langjährigen Kollegen und Freund, dem Filmhistoriker und -kritiker Michael Hanisch, brachte er 1976 einen Protokoll- und Dokumentenband zu Piel Jutzis Mutter Krausens Fahrt ins Glückheraus.

Als ein paar Jahre nach seiner Gründung das „Studio Camera“ aus der Friedrichstraße ausziehen musste, wechselte Rudolf Freund mit seinen Archivfilmen in die Oranienburger Straße – das spätere Kunsthaus Tacheles –, dann ins Babylon-Mitte. Sein großer Traum, ein Archivfilmtheater mit zwei Sälen, Café und Filmbuchhandlung, erfüllte sich freilich nie. Stattdessen wurde nach Währungsunion und deutscher Vereinigung 1990 der Spielbetrieb des „Studio Camera“ eingestellt; unter den neuen Bedingungen wären Lizenzen und Mieten nicht mehr bezahlbar gewesen. Auch dreißig Jahre nach der deutschen Einheit verfügt das jetzige Bundesarchiv-Filmarchiv, in welches das Staatliche Filmarchiv der DDR aufging, über kein vergleichbares öffentlichkeitswirksames eigenes Kino, wie es das „Studio Camera“ einst gewesen ist.

Nach langer Krankheit ist Rudolf Freund am 9. Juni 2021 in Berlin gestorben.

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