© Imago/Entertainment Pictures (aus "In the Mood for Love")

Begehren im Neonlicht: Wong Kar-wais Einfluss auf das Kino

Freitag, 25.06.2021

Eine Spurensuche nach Wong Kar-wais Einfluss auf das Kino anlässlich der Wiederaufführung von „In the Mood for Love“ im Juli 2021

Diskussion

„In the Mood for Love“, der bekannteste Film des Hongkong-Regisseurs Wong Kar-wai, wurde im Jahr 2000 mit der „Goldenen Palme“ in Cannes geehrt und kommt ab Anfang Juli als Wiederaufführung in die deutschen Kinos. Der von Fans in aller Welt geliebte und verehrte Film wie generell Wong Kar-wais Stil haben sich als außergewöhnlich einflussreich erwiesen; Spuren davon finden sich im Schaffen zahlreicher namhafter Filmschaffender.


I can hear the sound of violins, long before it begins…


In der Spiegelung eines von verwaschenem Neonlicht beleuchteten Fensters im strömenden Stadtregen vergeht die Zeit für einige Augenblicke nicht. Ein kurzes, hoffnungsvolles Blitzen aus den Augen wird verschluckt von der Melancholie eines emotionalen Ablaufdatums. War da eine kleine Geste der Liebe? Man zieht vielleicht noch einmal an der Zigarette, spaziert still davon und driftet, begleitet von einem Tango, in die Einsamkeit. Dass Wong Kar-wai seit 2013 keinen neuen Film mehr ins Kino brachte, hat seiner Popularität keinen Abbruch getan. Aus zahlreichen Umfragen, die am Ende der vergangenen Dekade erhoben wurden, ging sein „In the Mood for Love“ als bester Film des bisherigen Jahrhunderts hervor. Es vergehen nur wenige Tage, in denen man im Internet nicht mit einem der ikonischen Bilder aus seinen Arbeiten konfrontiert wird, und noch viel mehr haben sich seine Filme durch die Filme anderer im kollektiven Bewusstsein erhalten.


     Das könnte Sie auch interessieren


Ein Künstler mit weitreichendem Einfluss

Die Suche nach den hinterlassenen Fährten des in den 1980er-Jahren großgewordenen Ästheten aus der zweiten Welle des Hongkong-Kinos erweist sich als weltumspannend. Vom gefeierten südkoreanischen Kino um Park Chan-wook bis ins japanische Hollywood bei Sofia Coppola („Lost in Translation“) oder inmitten der US-amerikanischen Crack-Epidemie in „Moonlight“ von Barry Jenkins finden sich mehr als deutliche Anlehnungen an den Stil Wong Kar-wais. Warum ist das so? Warum gibt es Filmemacher, die andere derart stark und häufig beeinflussen?

Neben Michael Haneke, Lars von Trier und Quentin Tarantino thront der 1958 in Shanghai geborene Wong Kar-wai auf dem Gipfel derer, die von Filmschulen bis zu Großproduktionen imitiert werden. Die repetitive Verwendung von Musik, der Umgang mit Neonlicht, die generelle Farbbesessenheit, unterbeleuchtete Räume, Zeitrafferaufnahmen, Freeze Frames, abrupte Unterbrechungen der fragmentierten Plots hin in andere Zeitzonen… all das ist und war wahrlich nichts Neues, aber in der melancholisch-sinnlichen Zubereitung des seinerseits unter anderem vom Schriftstellern wie Manuel Puig oder Haruki Murakami und den Filmemachern der Nouvelle Vague inspirierten Filmemachers einmalig.

"Moonlight" (© DCM)
"Moonlight" (© DCM)

Sinnlichkeit ohne Zynismus

Aus Einflüssen wird gemeinhin zu viel gemacht. Sie sind weder Schlüssel zu irgendwelchen unter den Werken liegenden Geheimnissen noch sagen sie uns wirklich etwas über die Arbeitsweise der Künstler. Meist füllen sie einfach das über allem liegenden Blabla der Kulturwelt, sie sind ein Schlupfloch aus dem peinlichen Schweigen, das uns überfällt, wenn wir nicht wissen, was zu einem Film zu sagen wäre. Wahrscheinlich üben sie deshalb so eine große Faszination aus, weil es in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken oftmals um die Suche nach Gemeinsamkeiten und Vertrautheiten geht. Ein geteilter Geschmack hilft. Die Narrationen jener Filmemacher dagegen, die behaupten, sie seien vom Himmel gefallen, sind rar und unrealistisch.

Gleichzeitig hat die Art und Weise, in der sich Barry Jenkins oder auch Tom Ford für seinen „A Single Man“ bei Wong Kar-wai bedienten, schon fast etwas von Cover-Versionen. Womöglich liegt das auch daran, dass Filme wie „Happy Together“ oder „Days of Being Wild“ dem ausgetrockneten Hollywoodkino ein Modell lieferten, wie man Sinnlichkeit und körperliche Liebe ohne Zynismus inszenieren kann. Romantik ist nicht gerade im Trend, aber bei Wong Kar-wai spricht vor allem die Sehnsucht nach ihr aus den Filmen. Ähnliches lässt sich auch über „Carol“ von Todd Haynes sagen, einem weiteren Film, der sich von „In the Mood for Love“ und Co. beeinflusst zeigt.


"Carol" (© DCM)
"Carol" (© DCM)

Nähe im nur scheinbar Fremden

Im Fall von Wong Kar-wai fällt auch auf, dass sein Kino bereits stark von westlichen Einflüssen geprägt ist. Womöglich deutet diese Nähe im nur scheinbar Fremden auf einen weiteren Grund für die Imitierbarkeit des Filmemachers aus Hongkong. Wie andere asiatische Filmemacher vor ihm steht er in der Kritik, seine Arbeiten spezifisch auf den westlichen Geschmack auszurichten. Man muss nur an die Musik in seinen Filmen denken, etwa „California Dreamin’“ in „Chungking Express“, seinem neben „In the Mood for Love“ wahrscheinlich einflussreichsten Film. Wie die melodramatischen Plots seiner Filme bedienen sie westliche Allgemeinplätze, einfach zugängliche Emotionen, die den meisten Menschen bekannt sein dürften.

Er vermischt diese Erzählungen mit aufregenden Settings und historischen Wirklichkeiten. Die maßgeblich von Christopher Doyle beeinflusste Kameraarbeit verstärkt jedes Bild mit einer Überbetonung von Plastizität: unscharf und doch ganz gegenwärtig findet der ganze Schmutz, die ganze Gelebtheit menschlicher Sehnsucht ihren Platz in den Bildern, die sonst vor allem durch ihre dynamische Schönheit bestechen. Ideen, die bei Wong Kar-wai aufkamen, lassen sich übrigens auch im französischen Cinéma du look finden: Filmemacher wie Jean-Jacques Beineix und der deutlich vielseitigere Leos Carax betonten zur gleichen Zeit auch die aufregenden Oberflächen, um über die aus allen Bildern feuernden Leidenschaften zu sprechen.

Menschen zum Kino bekehren

Wie leicht diese Schönheit bei Wong Kar-wai in den weitaus weniger attraktiven Look von Champagner- oder tatsächlichen Autowerbungen driften kann, sieht man den wenigen Arbeiten an, die er im digitalen Zeitalter realisierte. Den Höhepunkt dieser glattgeschleckten Überstilisierung, die so aussieht, als hätte sich der Filmemacher von sich selbst inspirieren lassen, aber vergessen, wie man Bilder ausleuchtet, findet sich im Trailer zu seiner neuen Serie „Blossoms“.


"In the Mood for Love" (© Koch Films)
"In the Mood for Love" (© Koch Films)

Wong Kar-wai arbeitet visuell. Bei ihm treffen sich Pop und Kunst. Er gehört zu jenen Filmemachern, die dabei helfen, dass Menschen zum Kino bekehrt werden. Man könnte dieses Kino „Filmlover’s Mainstream“ nennen, also das, worauf sich die meisten, die das Kino lieben, einigen können. Es überrascht nicht, dass MUBI-Gründer Efe Cakarel die Filme Wong Kar-wais, die er online nicht finden konnte, als entscheidend nannte für seine Idee, einen Arthouse-Streamingdienst zu gründen. Ein wenig erinnert der Enthusiasmus um diese Filme an die Buchpreise, die jährlich von der Buchindustrie vergeben werden: Es ist einfach zu verlockend, wenn sich ein wenig Anspruch mit guter Unterhaltung verbinden lässt.

Neon-Virtuosen

Wong Kar-wais oftmals besprochene Subtilität kommt nicht wirklich subtil daher. Es ist Kunst und will als solche verstanden werden. Der große Kritiker Helmut Färber hat einmal die Unterscheidung zwischen der Filmkunst und dem Kinematographischen getroffen. Dabei ging es ihm auch darum, aufzuzeigen, dass das, was Filmemacher an Kunst ins Kino bringen, nicht gleichbedeutend mit dem ist, was dem Kino ganz eigen ist, dass was von der Welt in die Kamera strahlt. Wong Kar-wai hat nur wenig mit dem Kinematographischen am Hut, denn seine Welten sind durchkomponiert, die Kamera scheint zwar beständig etwas von der Welt mitzunehmen, aber eigentlich dient sie nur der Bebilderung einer vom Künstler erdachten Fiktion. Das ist natürlich legitim und kann deutlich schlechter gemacht werden als bei Wong Kar-wai. Da es die künstlerische Leistung so ins Zentrum stellt, inspiriert dieses Kino jedoch eine große Menge an jungen Filmschaffenden, die gerne auch mit dieser Schönheit, diesen Bildern identifiziert wären.

Nicolas Winding Refn ist ein anderer, wenn auch deutlich rustikalerer Neon-Virtuose, der die Farbimpulse dieser Beleuchtungstechnik in der letzten Dekade ausreizte. Etwas spricht aus dieser Künstlichkeit mit den Lebensrealitäten einer Generation, die mehr blinkende LED-Lampen gesehen hat als Kerzenschein. Im Neonlicht offenbaren sich die Konflikte der modernen Großstädter. In aller Künstlichkeit wirkt dieses Licht echter als die glänzenden Haaransätze des klassischen Hollywoods.

Wong Kar-wai hat dieses Licht eingesetzt, bevor es von blinkenden Bildschirmen ersetzt wurde, aber er hat dadurch genau jene Emotionen vorweggenommen, die auch heute noch pulsieren. Ähnliches lässt sich über die Fragmentierung der Plots sagen: die unfertigen Geschichten, die unvollendeten Begegnungen, die Postkarten, auf denen wir vergessen, wann unsere Freunde Geburtstag haben. All das bewegt bis heute, ist aber niemals so außergewöhnlich oder individuell, dass es nicht zu einem Trend werden könnte.

Eine Sehnsucht, die sich selbst genügt

Mit dem Licht in enger Verbindung steht auch das immer wieder auflebende Genre des Neo-Noirs. Arbeiten wie Bi Gans „Long Day’s Journey into Night”, „A Land Imagined” von Siew Hua Yeo oder Diao Yinans Feuerwerk am helllichten Tage“ oder „Der See der wilden Gänse“ sind Beispiele für Filme, die durchaus mit dem Wong-Kar-wai-Look arbeiten. Außerdem leben diese Filme vom Begehren, dass zwischen den kriminellen Aktivitäten flackert, ein Feld, das auch Wong Kar-wai immer wieder erforschte.


"See der wilden Gänse" (© eksystent)
"Der See der wilden Gänse" (© eksystent)

Die Filme Wong Kar-wais sind längst größer als sie selbst. Man trägt Erinnerungen an sie mit sich, selbst wenn man sie Jahre nicht gesehen hat. Das liegt auch daran, dass sie in anderen Filmen fortleben. Für die derzeit in der Filmkultur dominierende Generation derer, die in den 1970er-Jahren geboren wurden, sind diese Filme bereits Nostalgie, für eine jüngere Generation sind sie immer noch aufregend genug, um am Leben zu bleiben. Die der postillusionistischen Welt nach 1990 eigene, stets driftende dopaminreiche Sucht nach romantischem Begehren (man denke an Radiohead, Internetblogs, The Smiths, „Donnie Darko“, „Fight Club“, PJ Harvey, Interpol, The Beach) die gar nicht mehr nach der Erfüllung der Sehnsüchte fragt und sich somnambul im eigenen Verschwinden versteckt, hat sich inzwischen durch neue Technologien in eine zynischere Form des Umgangs mit Zwischenmenschlichkeit verwandelt.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Gefühle für etwas, das wir womöglich nicht bekommen können, mehr Dopaminausschüttung bewirken als die tatsächlich gelebte Liebe. In Zeiten der Covid-Pandemie hat diese sich selbst steigernde Sehnsucht Hochkonjunktur, und das nur in der Fantasie stattfindende Sexualleben einer ganzen Generation ist bereits ein großes Thema. In diesen sich immer wieder auflösenden und neu entstehenden Mustern aus Verlangen nach und Melancholie um das, was man nur zu träumen bevorzugt, bewegen sich die Filme Wong Kar-wais durch die Zeit. Es wird sich noch zeigen müssen, ob sein Kino tatsächlich weiter den jungen Charme versprüht, mit dem es einst in die Welt kam, oder ob es in einigen Jahren nur mehr ein Anschauungsbeispiel für das sein wird, was man zu einer bestimmten Zeit für die Liebe oder gar das Kino hielt.

Kommentar verfassen

Kommentieren