© imago/United Archives ("Die Unbefriedigten")

Filmklassiker: „Die Unbefriedigten“

Montag, 28.06.2021

Das verkannte Meisterwerk von Claude Chabrol aus dem Jahr 1959 ist jetzt in der gegenüber der damaligen Kinoversion wiederhergestellten Originallänge erstmals als DVD zugänglich

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Mit „Les Bonnes Femmes“ drehte Claude Chabrol Ende der 1950er-Jahre ein akribisches Drama über das Dasein von vier jungen Verkäuferinnen, deren Sehnsucht sich ganz auf den Feierabend konzentriert, der sie für die Eintönigkeit das Alltags entschädigen soll. Die Monotonie der Moderne mündet in diesem verkannten Meisterwerk in einem Schrei nach Liebe, die allerdings kälter ist als der Tod.


Die Unbefriedigten“ (1959) von Claude Chabrol erzählt von vier jungen Frauen aus Paris, die auf der Suche nach dem kleinen Glück der Alltagsroutine entkommen wollen. Dabei geraten sie jedoch immer wieder in die Fallstricke traditioneller Lebensmuster. Die Nachkriegszeit und der blutige Algerienkrieg spielen im vierten Spielfilm des Nouvelle-Vague-Regisseurs keine Rolle. Die nun erstmals auf DVD vorliegende vollständige Fassung von „Les Bonnes Femmes“ (so der Originaltitel) entpuppt sich vielmehr als eine Art feministischer Aufbruch in einer der patriarchalischen Weltsicht verhafteten Zeit.


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Das Drehbuch verfasste Paul Gégauff nach einer Idee von Chabrol. Kameramann Henri Decaë sorgte mit künstlich-realistischen Bildern und poetischen Nachtaufnahmen für eine spannungsgeladene Atmosphäre. Musikalische Akzente setzen die vielseitigen Filmkomponisten Paul Misraki undPierre Jansen, der damit seine lange Kooperation mit Chabrol startete. Dramaturgisch ist der Film wie eine musikalische Komposition angeordnet – mit Einführung, Themenvariation und Coda. Die Handlung umspannt ein Wochenende, von Freitagabend bis Sonntagnachmittag.

Auf der Suche nach Liebe: Bernadette Lafont, Clotilde Joano (r.; imago images/Ronald Grant)
Auf der Suche nach Liebe: Bernadette Lafont, Clotilde Joano (r. | © imago images/Ronald Grant)

Jane (Bernadette Lafont), Rita (Lucile Saint-Simon), Jacqueline (Clotilde Joano) und Ginette (Stéphane Audran) arbeiten als Verkäuferinnen in einem Elektrogeschäft mitten in Paris. Der unausgefüllte Tagesablauf verstärkt das Warten auf den Feierabend. Vor dem Nachtclub Grisbi lauern die beiden Frauenhelden Marcel und der untersetzte Albert dem Quartett auf. Jacqueline steigt mit der unternehmungslustigen Jane in Alberts protzigen Cadillac, wo die Männer ein anzügliches (in der deutschen Fassung fehlendes) Rätsel zum Besten geben. Im Restaurant flirtet Marcel mit Jane; Jacqueline bleibt gegenüber Albert reserviert, sie beobachtet einen geheimnisvollen Motorradfahrer. In Alberts Appartement wird Jane von den beiden Draufgängern begrapscht. Marcel übergeht den Hinweis auf ihre Periode, aus dem Bad hört man sie im Off „Nein“ rufen.


Der Mann mit dem Motorrad

Am ersten Arbeitstag redet der Chef Jacqueline, die sich verspätet hat, altväterlich ins Gewissen: Es sei „ein besonderer Tag für sie, der Eintritt ins Leben“, sie sei „von heute an eine Frau“. Beim Mittagessen wirkt Jacqueline wie eine entrückte Bresson-Figur, während Rita von ihrem Verlobten Henri einen Schnellkurs in Kunst und Essgewohnheiten erhält, damit sie bei seinen Eltern einen guten Eindruck hinterlässt. Beim anschließenden Zoobesuch folgt der Motorradfahrer den Frauen. Madame Louise, die ältere Kassiererin, zeigt ihren Talisman: ein mit dem Blut des 1939 in Versailles öffentlich guillotinierten deutschen Serienmörders Eugen Weidmann getränktes Taschentuch.

Als Ginette beim verheimlichten Cabaret-Auftritt unerwartet ihre Kolleginnen sieht, bekommt sie Angst vor der drohenden „Hölle von 9 bis 19 Uhr“. Doch die Kolleginnen sind begeistert. Als beim Schwimmbadbesuch Marcel und Albert die Frauen massiv bedrängen (verkürzt in deutscher Fassung) und untertauchen, kommt ihnen der Motorradfahrer zu Hilfe.

Wochenende-Vergnügen in Paris Ende der 1950er-Jahre: "Die Unbefriedigten" (imago/Everett Coll.)
Wochenende-Vergnügen in Paris Ende der 1950er-Jahre: "Die Unbefriedigten" (© imago/Everett Coll.)

Am Sonntagmittag fährt Jane mit Ernest, dem Fremden, aufs Land. Im Restaurant macht sie dem Automechaniker, den ihr schöner zarter Hals, ihre Grazie und Seriosität faszinieren, ein Liebesgeständnis. Beim Spaziergang am See sprechen sie über Verständnis und Vertrauen. Dann zieht Ernest die Handschuhe aus, legt Jacqueline seine Jacke um und erdrosselt sie, was in der Naheinstellung fast einer Vergewaltigung gleicht. Eine singende Schulklasse sieht im Wald das Motorrad des Mörders, bevor dieser den Tatort verlässt. Im Tanzlokal betrachtet ein Mann eine junge Frau und fordert sie zum Tanz auf, während sich die Leuchtspiegelkugel an der Decke wie das ewige Rad des Lebens weiterdreht.


Eine Tristesse voller entzauberter Illusionen

Diese Momentaufnahme entzauberter Illusionen und Tristesse in einem an Flair armen Paris enthält viele Topoi, die Chabrol zeitlebens zur Demaskierung des französischen (Klein-)Bürgertums nutzt. Die psychologische Spannung – vom rätselhaften Mörder bis zum romantischen Opfer – skizziert einen geschlossenen Kreis, ein Gefängnis, aus dem jeder Ausbruchsversuch bestraft wird. Nicht von ungefähr leitet ein Textinsert der Fontaine-Fabel „Die Fische und der Seerabe“ den Film ein.

Chabrol macht aus den Personen keine Karikaturen, sondern stellt sie als Individuen mit ihren Lebenssituationen und -entwürfen zur Diskussion. Er plädiert dabei für eine Stilisierung der „Wirklichkeit“. Sein Credo lautet: „Ich bin für den falschen Realismus, die Tricks und das Simulieren von Wirklichkeit. Man muss betrügen, um das Wesentliche zu erreichen. Das Filmen einer erdachten Geschichte kann wirklichkeitsgetreuer sein als das Drehen der Wirklichkeit selbst.“ Das liest sich wie ein Kommentar zum poetischen Realismus eines Jean Renoir, zum naturalistischen Ansatz des italienischen Neorealismus und dessen Neuinterpretation durch Pier Paolo Pasolini oder Michelangelo Antonioni.

Bernadette Lafont in "Die Unbefriedigten" (imago/United Archives)
Bernadette Lafont in "Die Unbefriedigten" (© imago/United Archives)

Im Jahr 1975 schrieb Rainer Werner Fassbinder: „Les Bonnes Femmes“ ist der einzige Film von Chabrol, in dem es fast nur Menschen gibt und nicht nur Schatten. Endlich hat Chabrol eine Spur von Zärtlichkeit für seine Figuren, eine Zärtlichkeit, die er später nur ganz selten und nur einzelnen Figuren entgegenbringen konnte. ,Les Bonnes Femmes‘ ist zudem ein revolutionärer Film, denn er provoziert wirklich Wut gegen ein System, das den Menschen so verkommen lässt. Es ist ein Film, der ganz klar macht, hier muss was passieren.“


Spuren eines emanzipatorischen Selbstbewusstseins

Chabrols Frauen zählen zur neuen Angestelltenschicht, die das französische Wirtschaftswunder mitgestalten, sich ihre Lebensentwürfe und ihre Freiheiten aber zumindest zeitweise mit der Akzeptanz traditioneller Geschlechterrollen „erkaufen“ (müssen). So hofft Ginette auf „künstlerische“, die umtriebige Jane auf erotische Kompensation. Rita spekuliert auf einen gesellschaftlichen Aufstieg, während die Tagträumerin Jacqueline auf ihren Märchenprinzen wartet.

Auf der Gegenseite reproduzieren die beiden Frauenhelden das Klischee vom französischen Verführer und Casanova. Janes Verlobter (gespielt von Claude Berri) leidet als Soldat ebenfalls unter Langeweile. Der Chef des Elektrogeschäfts, wie Henri ein typischer Vertreter des Kleinbürgertums, belästigt seine Angestellten, und der omnipräsente Motorradfahrer fungiert als Inkarnation des unberechenbaren Bösen.

Das Frauenbild in „Die Unbefriedigten“ könnte heute, sechs Jahrzehnte nach seiner Entstehung, nicht befremdlicher und aufschlussreicher sein. Doch im Privatleben und sozialen Kosmos der unverheirateten Frauen schlummern auch Ansätze zu einem emanzipatorischen Selbstbewusstsein. Die Monotonie der Moderne, die Krankheit der Gefühle (bei Antonioni), münden in einen Schrei nach Liebe, die kälter ist als der Tod.

Chabrols kleine Fluchten aus unterdrückten Leidenschaften lassen auch einen katholischen Impetus erkennen: in der weiblichen Opferrolle, in der schonungslosen Demaskierung der zynisch-gewalttätigen Männer-Gesellschaft. Beispielhaft kommt das menschlich-animalische Geschlechterverhalten beim Zoobesuch zum Ausdruck.


Ein verkanntes Meisterwerk

Die französisch-italienische Co-Produktion wurde nach dem Flop an der Kinokasse vom Produzenten von 104 auf 95 Minuten gekürzt. Kritik und Publikum reagierten seinerzeit verstört und ablehnend. Inzwischen gilt „Die Unbefriedigten“ aber als verkanntes frühes Meisterwerk Chabrols und der Nouvelle Vague. Die deutsche Kinoerstaufführung mit einer Länge von 90 Minuten fand am 3. Juni 1960 statt. Der Pidax Film- und Hörspielverlag hat den unterschätzten, kaum noch zugänglichen Schwarz-weiß-Film nun in der französischen Originalversion (98 Min., mit deutschen Untertiteln in den geschnittenen Passagen) und in deutscher Sprachfassung (86 Min.) auf DVD veröffentlicht. Bild- und Tonqualität der Edition sind ordentlich, das Bonusmaterial beschränkt sich allerdings auf das originale Heft der „Illustrierten Film-Bühne“.


Aktuelles DVD-Cover "Die Unbefriedigten" (Pidax)
Aktuelles DVD-Cover "Die Unbefriedigten" (© Pidax)


Die Unbefriedigten. Frankreich/Italien 1959. Regie: Claude Chabrol. Mit Bernadette Lafont, Stéphane Audran, Lucile Saint-Simon, Clotilde Joano, Mario David, Ave Ninchi, Jean-Louis Maury, Albert Dinan, Sacha Briquet, Claude Berri, Pierre Bertin. Schwarz-weiß. 98 Min. Dolby Digital 2.0. FSK: ab 16. DVD. Anbieter: Pidax. Bonus: Nachdruck des Originalhefts „Illustrierte Film-Bühne“. 11,90 EUR. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.

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