© "Sink and Swim"/Su Friedrich

Aus der ersten Person #13: „Sink and Swim“ (1990) von Su Friedrich

Donnerstag, 01.07.2021

Eine autobiografische Erinnerungserzählung von Su Friedrich, die gleichermaßen ihre Kindheit und Jugend sowie ein Porträt des Vaters abbildet

Diskussion

Su Friedrichs autobiografischer Film besteht aus Erinnerungserzählungen ihrer Kindheit und Jugend, die sich in Erzählform eines umgekehrten Alphabets aufrollt und in flackernden Schwarzweiß-Bildern mit dynamischer Texteinbindung ihren Weg von der Eizelle zur erwachsenen Frau dokumentiert. Ein Blogbeitrag von Esther Buss im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums.


Su Friedrich beginnt ihre Erinnerungserzählung an ihre Kindheit und Jugend, die zu gleichen Teilen ein Vaterporträt ist, weit vor ihrer Selbst-Werdung, mit Aufnahmen aus einem Wissenschaftsfilm: eine menschliche Eizelle, Sperma, das die Eizelle befruchtet, die Zygote, schließlich ein Embryo. Zu den grobkörnigen Schwarzweiß-Bildern erzählt die Stimme eines jungen Mädchens dann aber eine ganz andere Herkunftsgeschichte: die von Zeus’ Tochter Athena, Göttin des Krieges und der Gerechtigkeit, die als komplett ausgewachsene Frau in voller Rüstung aus dem Kopf des Vaters sprang. Die Figuren von Athena, Atalanta und Aphrodite tauchen in „Sink and Swim“ (1990) immer wieder auf, für die Erzählerin sind sie so etwas wie Gefährtinnen und Wegbereiterinnen. Ihre Präsenz im Film wird bald erklärt: Su Friedrich bekommt an ihrem siebten Geburtstag von ihrem Vater ein Buch über die griechische Mythologie geschenkt, sie liebt die Geschichten starker Frauen, weil sie ihr etwas vorleben, das in den Filmen im Fernsehen nicht vorkommt und in der Kleinfamilienhölle, die sich im Haus der Eltern zusammenbraut, schon gar nicht. Mit der nicht-biologischen Geburt – man sieht dazu die Bilder weiblicher Bodybuilderinnen – verbindet sich zudem ein Wunsch: Sich aus der Übertragungskette der Familie herauszulösen, nicht das Subjekt einer Fortsetzungsgeschichte zu sein.


Eine Kindheit in der dritten Person

„Sink and Swim“ ist eine Geschichte in sechsundzwanzig Kapiteln und, ähnlich wie Annie Ernauxs’ unpersönliche Autobiographie „Die Jahre“, durchgehend in der dritten Person verfasst. Statt „Ich“ heißt es „the girl“ und „she“, später „the woman“. Für mich liegt die Anziehung des Films vor allem in der Verbindung von Text und Stimme: der aufgeweckte Tonfall der Erzählerin erinnert ein wenig an den Jungen in Benjamin Brittens „The Young Person’s Guide to the Orchestra“ (in der berühmten Aufnahme von Leonard Bernstein). Die Stimme klingt irgendwie forsch, auch neugierig, sie drängt nach vorne – sie erzeugt einen bestimmten Körper. Noch bevor die Figur durch das Erzählen Kontur annimmt, stellt sich das Bild eines Mädchens her, das mit der bestehenden Ordnung absolut nicht einverstanden ist.

Die Erzählform des Films ist ein umgekehrtes Alphabet – auf „Zygote“ folgt „Y Chromosome“, „X Chromosome“, „Witness“, „Virgin“, „Utopia“, „Temptation“, „Seduction“ und so weiter – den Abschluss bildet das Namens-Trio „Athena/Atalanta/Aphrodite“. Der Begriff, der dem Film seinen Titel gibt und die so heroisch begonnene Lebensgeschichte auf den Boden der Tatsachen zerrt, ist „Realism“. In dem Kapitel berichtet die Erzählerin, wie das Mädchen schwimmen lernen wollte, worauf der Vater die Tochter mit zum Swimmingpool nahm, ihr die Technik erklärte und sie einfach ins Wasser warf – worauf sie Panik bekam, strampelte und nach Luft schnappte, bis es ihr endlich gelang, den Kopf über Wasser zu halten: „From that day on, she was a devoted swimmer“.

Peggy Ahwesh läuft durch den "Death Valley" in "Sink or Swim" © Su Friedrich
Peggy Ahwesh läuft durch den "Death Valley" in "Sink or Swim" (© Su Friedrich)


Ein ambivalentes Vaterporträt

Die Episode, die später in einem ungleich bedrückenderen Szenario eine Fortsetzung findet (der Vater bestraft seine beiden ungezogenen Töchter mit einer Art Waterboarding in der häuslichen Badewanne) ist symptomatisch für das ambivalente Verhältnis des Mädchens zum Vater: Er ist einerseits Fixpunkt (anders als die verlassene Mutter, die zu Schuberts „Gretchen am Spinnrade“ still vor sich hinleidet), führt „sie“ ein in die Welt der Mythen, des Schachspiels, der Lebenswirklichkeiten jenseits der öden amerikanischen Rituale (er ist Anthropologe und Linguist), andererseits aber auch die Verkörperung von Macht und Gewalt. Im Kino zwingt er sie hinzusehen, auch wenn ihr der Film Angst macht und sie ihn anfleht, gehen zu dürfen. Als er beim Schach das erste Mal gegen sie verliert, spielt er nie wieder mit ihr – „The victory tasted sweet until she realized that the price of it had been her favorite opponent“.

Nach der Scheidung nimmt er sie mit auf eine Reise nach Mexiko – und schickt sie alleine mit dem Flugzeug zurück nach Chicago, weil sie zum wiederholten Mal zu spät zum verabredeten Zeitpunkt erscheint. Viele Jahre später wiederholt sich ihre eigene Geschichte mit seiner Tochter aus dritter Ehe – „This was her childhood, being played out all over again by the young girl“. Sie beobachtet ihr eigenes Leben aus der Distanz, wie ein Stück, aus dem sie längst ausgestiegen ist.


Eine Kluft zwischen Bild und Text

Auf der Bildebene ist „Sink and Swim“ eine flackernde Schwarzweiß-Collage aus Home Movies, selbst gedrehten Aufnahmen und TV-Material. Bild und Text stehen in einem dynamischen Verhältnis, manchmal treffen sie sich punktuell, oft widersprechen und verfehlen sie sich – etwa wenn die längst demontierte Vaterfigur auf Rollenbilder trifft wie sie in amerikanischen Sitcoms beworben werden, die „Make Room for Daddy“ heißen oder „Father Knows Best“. Dabei ist es gerade die Kluft zwischen Bild und Text, in der sich nicht nur die gesellschaftliche Kritik formuliert, sondern auch die (queere) Subjektwerdung der Erzählerin, ihre Ablösung vom Vater. Und trotzdem: Noch als das Mädchen längst eine Frau ist, spürt sie beim Schwimmen den väterlichen Blick. Immerhin gelingt es ihr, umzukehren und ans Ufer zu schwimmen anstatt sich weiter über den See zu kämpfen wie der Vater es ihr unzählige Male vorgemacht hat. „On the way, she only stopped once to turn around and watch her father as he beat a slow and steady path away from her through the dark orange water“. Das Alphabet ist durch, etwas anderes kann beginnen.


Hinweis:

Derzeit sind die Su Friedrichs Filme "Sink and Swim", "Scar Tissue" und "Cool Hands, Warm Heart" als Video-on-Demand per Vimeo abrufbar.

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