© GMFilms (aus "Anmaßung")

Ein Bild von einem Mörder

Mittwoch, 21.07.2021

Interview mit Chris Wright und Stefan Kolbe zum Film „Anmaßung“

Diskussion

Seit 1997 macht das Regie-Duo Chris Wright und Stefan Kolbe höchst ungewöhnliche und eigenwillige Dokumentarfilme. In ihrer neusten Arbeit Anmaßung geht es um den Frauenmörder Stefan S., noch mehr aber darum, wie sich die Filmemacher, wie wir uns ein Bild von Straftätern machen. Dabei wird der verurteilte Mörder, der sein Gesicht im Film nicht zeigen will, teilweise von einer großen Puppe dargestellt. Im Interview erläutern die Filmemacher ihre dokumentarische Methode.


Wie kam es zu dem Projekt mit Stefan S.; einem Stalker und verurteiltem Mörder?

Chris Wright: Wir wollten eigentlich etwas über Therapie machen. Uns interessierten Menschen, die schwere Geschichten hören, den Leuten sehr nahekommen und damit auch als Privatpersonen leben müssen. Wir haben uns in ganz unterschiedliche Therapiegruppen begeben, aber da kann man nichts filmen. Auf einem Kongress hörten wir dann von Täterarbeit im Gefängnis. Das war damals relativ neu in Deutschland, und in Brandenburg hatte der damalige Leiter der sozialtherapeutischen Abteilung Steven Feelgood Methoden aus Kanada importiert. Er hat uns tatsächlich in eine seiner Therapiesitzungen reingelassen, nicht in die Kerntherapie, sondern in ein freiwilliges Zusatzmodul für die Männer.


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Sie haben Stefan S. in dieser Gruppe kennengelernt. Warum haben Sie ihn ausgewählt?

Chris Wright: Wir konnten diesen kleinen, unauffälligen, sehr höflichen und kindlichen Mann, der angeblich diese ganz schwere Tat begangen haben soll, nicht durchschauen. Und wenn wir auf etwas Ungelöstes stoßen, etwas, das wir nicht einordnen können, beginnt unser Interesse.

Stefan Kolbe: Besonders was ihn zu seiner Tat bewogen haben mochte, blieb uns ein Rätsel. Bei den Filmen, die wir davor gemacht haben, haben wir immer eine Antwort bekommen, aufgrund der Beziehungen, die sich mit den Protagonisten entwickelt haben. Wir arbeiten sehr spontan, ohne feste Drehpläne, und begleiten das Leben unserer Protagonisten. Das hat viel mit Vertrauensarbeit zu tun.


Chris Wright und Stefan Kolbe (© Harry Schnitger)
Chris Wright und Stefan Kolbe (© Harry Schnitger)

Hat es das Projekt erleichtert, dass Stefan S. nicht den Klischees des männlichen gewalttätigen Sexualverbrechers entsprach, oder war es ein Hindernis?

Stefan Kolbe: In dem Film geht es auch um Selbsttäuschung und um Selbstberuhigung. Wenn es um das Böse geht, wollen wir natürlich eine möglichst klare Geschichte haben. Da werden die Klischees ja sehr absichtsvoll bedient, weil das einen als Otto Normalverbraucher beruhigt. Diese Widersprüchlichkeit, oder dieses Nicht-Ergründbare bei Stefan, das hat natürlich auch mit dem Kontrast zu den allgemeinen Vorstellungen zu tun. Als wir in dieser Runde saßen, war es seltsam: Auch wenn man vorher nie mit solchen Straftätern zu tun hatte, hat man über die Medien und über die Literatur schon Bilder im Kopf und projiziert sie dann auf die Leute, von denen man weiß, dass sie Sexual- und Gewaltstraftäter sind. Aber bei Stefan, da war ich irritiert.

Chris Wright: Es ist kompliziert. Er ist ein Sexualstraftäter, er hatte aber nie Sex. Er ist kein Vergewaltiger. Er hat gemordet, und die Tat hat einen sexuellen Hintergrund. Aber er hat sich selbst nie als Sexualstraftäter betrachtet. Er sagt auch in dem Film: Ich hänge dann lieber mit den Mördern ab. Weil sie auf der gleichen Wellenlänge lägen. Was er damit meint, ist: Nein, um Sex geht es nicht. Aber natürlich: Grundlegend geht es um seine Sexualität. Das ist für mich auch die große offene Frage nach dem Film: Konnte die Therapie da wirklich weiterhelfen?

Als Stefan S. sagte, sein Gesicht dürfte im Film nicht gezeigt werden, war das eine Erleichterung für Ihre Arbeit?

Chris Wright: Für mich war das eine Erleichterung. Wir hatten vorher schon eine Szene, wo er tatsächlich seine Tat schildert aus seiner Perspektive, da war die Kamera die ganze Zeit auf seinem Gesicht. Das war sehr stark. Er schwieg dann auch sehr lange, aber man konnte trotzdem viel sehen in diesem Gesicht. Man meinte zumindest, da viel zu sehen. Trotzdem war das Drehen mit ihm zum größten Teil eine Qual, und wir hatten sowieso darüber nachgedacht, eine Puppe einzusetzen. Wir wollten zeigen, dass man nie wirklich wissen kann, was in ihm vorgeht; was wir zeigen, bleibt immer eine Darstellung von ihm und nicht die Wahrheit. Als er dann sagte, er möchte nicht zu erkennen sein im Film, haben wir das als Chance genutzt.


"Die Anmaßung" (© GMFilms)
"Anmaßung" (© GMFilms)

Stefan Kolbe: Es ist zum einen schon sehr komisch, wenn man das Gesicht aussparen soll. Es ist aber auch sehr schräg, wenn man die Puppe einfach einsetzt und genauso dreht, ihr mit so einem Handkamera-Duktus genauso begegnet, als hätte man einen Protagonisten vor sich. Es gibt den Spruch: Es kann nichts so tot sein wie eine Puppe, aber wenn sie dann lebt, ist das unheimlich.

Die beiden Puppenspielerinnen bringen die weibliche Perspektive mit hinein. War das von Anfang an geplant?

Stefan Kolbe: Die Idee ging noch weiter: Darzustellen, wie sich das Bild von Stefan in ihrem Kopf entwickelte, wenn sie die Puppe bespielen. Aber da waren wir ein bisschen naiv. Sie wussten immer, dass er ein Mörder war. Im Studio ging es dann ziemlich schnell darum, dass sie eigentlich nicht mehr bereit waren, darüber zu reflektieren. Uns wurde klar, dass wir eigentlich nicht zeigen können, wie sie darunter leiden, sich diese Geschichte anzueignen. Es gibt gedrehtes Material in diese Richtung, aber das findet dann im Film kaum noch statt. Aber klar, um die Frage kurz zu beantworten: das spielte natürlich eine Rolle.

Chris Wright: Es geht auf jeden Fall auch um die Darstellbarkeit von männlicher Sexualität, und die Debatte um „toxische Männlichkeit“ fließt auch mit hinein. Insofern war es uns wichtig, dass die jungen Frauen ihre Präsenz haben und dass man auch mitkriegt, dass es teilweise für sie schwer war. Am Ende des Films wollten sie diese Puppe auch nicht mehr anfassen und waren sehr froh, sie wieder wegpacken zu können.


"Die Anmaßung" (© GMFilms)
"Anmaßung" (© GMFilms)

Das ist eine sehr interessante Szene; sie wirkt wie eine rituelle Bestrafung nach der Bestrafung: Er wird jetzt endgültig eingepackt und archiviert, die Puppe kommt weg. War das so geplant oder wurde die Szene mit den beiden Frauen entwickelt?

Chris Wright: Spontan! Das ist eben Dokumentarfilm, und deswegen lieben wir es. Aber da spürt man, wie sich die Stimmung aufgeladen hatte. Stellvertretend für Stefan werden an dieser Puppe Hass oder Ekel und Emotionen entladen.

Wie kam es zu dem Titel „Anmaßung“?

Stefan Kolbe: Er kommt von einer der Puppenspielerinnen aus einem Testdreh. Wir hatten ihnen etwas Text aus den therapeutischen Sitzungen gegeben, und dann probten sie zwei, drei Stunden mit Testpuppen, die sie selber ausgewählt hatten. Da zündete dann eigentlich die Idee, dass das funktionieren könnte, dass es die zentrale formale Idee sein könnte, und da brach das aus Josefine, einer der Puppenspielerinnen, einfach so raus: Alles, was wir hier machen, ist eigentlich anmaßend.

Sie wollten ursprünglich einen Film über Therapie machen. Zu welchen Schlüssen sind sie gekommen?

Chris Wright: Es geht um Grundfragen des Menschseins: Ob wir hoffen wollen, dass es etwas Gutes im Menschen gibt? Oder ob wir uns eher darauf besinnen, dass es immer Rückfälle geben wird? Dass es in Zukunft von einem Prozentsatz dieser Männer weitere Opfer geben wird, nachdem sie entlassen worden sind. Unsere Gesellschaft hat gesagt: Wir wollen den Männern eine zweite Chance geben; und das sei, sagt Steven Feelgood, der Maßstab einer zivilisierten Gesellschaft, das auf sich zu nehmen.

Wie würden Sie Ihre Methode beschreiben, Ihren Ansatz Dokumentarfilme zu machen?

Chris Wright: (lacht) Mit diesem Film wollten wir eigentlich unsere bisherige Methode, ganz nah an den Protagonisten zu sein, hinterfragen. Es ist ein Beziehungsfilm, denn im Zentrum des Films steht unsere Beziehung zu diesem Mann, wie er sich entwickelt, und unsere Schwierigkeiten mit dieser Beziehung. Dokumentarfilm entwickelt sich für uns immer aus unserem Leben. Was man auf der Leinwand sieht, sind nicht nur vier, fünf Jahre des Lebens der Protagonisten, sondern auch unseres Lebens. Es geht um unsere Fragen an die Welt, die wir versuchen, in den Leben der andern zu spiegeln. Und hier in diesem Fall geht es wieder um Grundsatzfragen: Die Hoffnung auf und den Glauben an das Gute im Menschen. Kann man wirklich daran festhalten, angesichts so einer Tat zum Beispiel? Und es geht um diese Ohnmacht: Man kann nicht ändern, was Stefan S. gemacht hat, und auch er muss damit leben. Wie gehen wir mit ihm um? Verurteilen wir ihn dafür? Oder versuchen wir auch zu verstehen, wie er das erlebt hat? Für uns soll das eigentlich immer ein unbequemer Prozess sein, und dieses Unbequeme ist auch das Gefühl, das wir bei den Zuschauerinnen und Zuschauern wecken wollen.


"Die Anmaßung" (© GMFilms)
"Anmaßung" (© GMFilms)

Ist die Balance aus Nähe und Distanz beim Filmemacher also ähnlich wie beim Therapeuten?

Stefan Kolbe: Wir bedienen uns an real existierenden Menschen. Aber das Bild, das wir von ihnen zeichnen, ist natürlich hoch subjektiv, und das macht sich der Zuschauer leider nur zu selten bewusst. Aber wir haben nie gegen einen Protagonisten gedreht, das könnten wir, glaube ich, auch nicht. Ich würde auch sagen, selbst bei Stefan haben wir nicht gegen ihn gedreht. Das macht keinen Sinn.

Sie verzichten darauf, Ihren Protagonisten zu erklären.

Chris Wright: Das sagt auch der Therapeut im Gefängnis: Es gibt keine Wahrheit. Es gibt keine Sicherheit. Es ist immer eine Einschätzung. Und zu glauben, dass es so etwas wie eine Objektivität und eine Sicherheit in unserem Rechtssystem gibt, das ist eine Illusion. Aber die brauchen wir vielleicht, um uns sicher zu fühlen vor den Tätern.

Stefan Kolbe: Ich verspüre oft das Bedürfnis, mit der Kamera ein leeres Bild zu machen, nichts, wo sich der Zuschauer irgendwie dran festhalten kann, was Vorstellungen von Wahrheit und Objektivität auslöst. Mein Lieblingswort während des Drehs war „Ambiguitätstoleranz“. Und dieses Aushalten, das ist ja eigentlich auch etwas Schönes.

Chris Wright: Ja, es ist viel schöner, nicht auf festem Boden zu stehen, weil man immer gezwungen ist, sich zu bewegen. Auch mal einen Spagat zu machen zwischen zwei Stellen, die vielleicht unbequem sind. Aber so bleibt man halt wach und in Kontakt mit der Welt. Fest an einer Stelle stehen, das wäre dann der Tod.

Ist es heute noch möglich, solche Filme zu machen?

Stefan Kolbe: Produktionstechnisch war das wieder eine Katastrophe, der Film war gnadenlos unterfinanziert. Wir haben glücklicherweise Förderer, und eine Redaktion bei 3sat. Aber wir haben in all den Jahren noch niemals BKM-Förderung bekommen. Trotzdem: Wenn man aus dem Land rausguckt, kann man nur sagen, dass wir immer noch in einer extrem privilegierten Situation leben. Also so was muss man sich leisten können. Das muss sich die Gesellschaft leisten wollen!

Chris Wright: Dieser Spruch, „das wollen die Zuschauer nicht sehen“, stimmt nicht! Menschen wollen angeregt werden. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass jeder nur sehen will, was die eigenen Klischees und Sicherheiten bedient. Es gibt so viele Leute in diesem Land, die herausgefordert werden wollen! Und die öffentlich-rechtlichen Medien sind der Ort dafür!

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