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Digitales Erwachen - Klaus Maeck und Tanja Schwerdorf

Freitag, 30.07.2021

Wie verfilmt man die Geschichte des Chaos Computer Club? Ein Gespräch mit Klaus Maeck und Tanja Schwerdorf über ihren Film „Alles ist eins. Außer der 0“

Diskussion

Mit „Alles ist eins. Außer der 0“ liefern Klaus Maeck und Tanja Schwerdorf einen einfallsreichen Dokumentarfilm über den vor 40 Jahren ins Leben gerufenen Chaos Computer Club und seinen Mitgründer Wau Holland. Im Interview erzählen sie unter anderem davon, welche Denkanstöße, die die digitalen Bürgerrechtler damals gaben, heute noch relevant sind.


Wie subversiv muss ein Dokumentarfilm sein, der sich mit dem Chaos Computer Club (CCC) und dessen Gründerfigur Wau Holland auseinandersetzt? Und wie unabhängig konnte er gleichzeitig von der Wau-Holland-Stiftung entstehen?

Klaus Maeck: Unser Dokumentarfilm konnte völlig unabhängig entstehen, weil wir beide weder im CCC Mitglieder sind noch uns bei der Wau-Holland-Stiftung engagieren. Natürlich war es wichtig für uns, dass wir Protagonisten aus der Frühzeit des CCC kennen, was bei mir der Fall war. Aber wir wollten keinesfalls eine Art Werbefilm für den CCC drehen. Dabei haben wir uns in unserem Konzept sehr schnell auf die faszinierende Figur Wau Holland konzentriert. Denn er war schließlich die Gründerseele des CCC. Subversiv ist unser Film allein schon durch seine Thematik und die Verbindung zu den frühen 1980ern. Damals hatte der CCC noch keineswegs den Status von heute und Wau Holland musste sich für viele seiner Gedanken erst einmal Gehör verschaffen.


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Wau Holland war schon zu Lebzeiten eine ebenso charismatische wie schillernde Figur: Im Grunde ein bacchantischer Typ im Waldschrat-Outfit, der die Öffentlichkeit aufklären wollte, aber auch anecken konnte. Im Rückblick klingen viele seiner Ideen aus der Gründungszeit des CCC, wie zum Beispiel dessen Grundsatz: „Information ist unbegrenzt“, immer noch visionär. Was hat Sie an ihm am meisten gereizt?

Klaus Maeck: Der Anlass, einen Film über Wau Holland zu machen, war ein Filmschnipsel, den ich zu Beginn der 1980er-Jahre für ein Kabelpilotprojekt gedreht hatte. Damals gab es noch keine Privatsender, aber es entstanden bereits erste Pilotprojekte. Das ist die Stelle im Film, in der es um sein selbst gebautes „Datenklo“ geht: Das war ein Akustikkoppler, den man damals benötigte, um eine Verbindung zwischen Telefon und Datennetz herzustellen. Ich durfte ihm bei einem Live-Hack quasi über die Schulter schauen, was ich sehr faszinierend fand. Diese tolle Szene hatte dann später auch Tanja bei mir gesehen. Ab dann stand für uns fest, dass wir darüber unbedingt einen Film machen wollen. Trotzdem war ich zuerst etwas ratlos: Denn woher sollten wir dafür unser Material bekommen? Und so sind wir dann recht schnell auf die Verantwortlichen des CCC und bei der Wau-Holland-Stiftung zugegangen.

Tanja Schwerdorf: Da mussten wir uns dann im Anschluss Monate lang hindurchwühlen. Das war vor allem VHS- und weniger Super-8-Material, das wir uns anschauten.


Tanja Schwerdorf (© Lisa Notzke)
Tanja Schwerdorf (© Lisa Notzke)

Klaus Maeck: Dieses Material war filmisch wenig attraktiv, weil darin vor allem Panels und Podien zu sehen sind. Und Menschen, die dort ständig über sehr viele intelligente Sachen reden, was aber in dieser Form weniger fürs Kino geeignet ist. Also mussten wir rasch eine Form finden, wie wir das mit anderem Material zusammenbringen können, damit das Ganze sehenswert ist. Bloße „Talking Heads“ wollten wir dabei von vornherein vermeiden, weil in diesen X-Terrabytes fast nur Männer zu sehen sind, die von früher erzählen...

Tanja Schwerdorf: Das wollten wir aber gar nicht! In unserem Film sollten die Zuschauer wirklich noch einmal in diese Zeit eintauchen können.

Ihren raffiniert verzahnten Dokumentarfilm haben Sie in weiten Teilen als Found-Footage-Film ohne Off-Kommentar und mit einer sehr gelungenen Musikauswahl, die von Abwärts’ „Computerstaat“ bis zu Kraftwerk reicht, konzipiert. Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie bei der Recherche zu kämpfen und wie sind Sie im Montageprozess dramaturgisch vorgegangen?

Klaus Maeck: Uns war es in der Montage wichtig, diesen speziellen Zeitgeist abzubilden. Das war schließlich die Zeit der Hacker, der „Neuen Deutschen Welle“ und des Kalten Kriegs. Daher haben wir in all dem Material nach vielen besonders authentischen Stellen gesucht. Schließlich ist das inzwischen schon eine Weile her. Deshalb wollten wir auch Brücken ins Jetzt schlagen, damit auch Zuschauer, die damals nicht dabei waren, ein Gefühl für diese Zeit bekommen können.


Wau Holland (Szenenbild aus "Alles ist eins. Außer der 0", © Neue Visionen)
Wau Holland (Szenenbild aus "Alles ist eins. Außer der 0", © Neue Visionen)

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre ProtagonistInnen ausgewählt? Darunter befindet sich beispielweise sehr prominent der österreichische Journalist und Schriftsteller Peter Glaser.

Tanja Schwerdorf: Klaus kannte Peter Glaser schon viel länger als ich. Er hatte als Redakteur der CCC-Zeitschrift „Die Datenschleuder“ begonnen und wurde später ihr Chefredakteur. Er hatte in seiner Rolle beim CCC immer etwas Beobachtendes, was ich sehr spannend fand, weil er nie deren Pressesprecher war, sondern stets nach vorne blickte. Natürlich kannte er auch Wau Holland. Gleichzeitig ist er Schriftsteller und kann dementsprechend gut mit Worten umgehen.

Klaus Maeck: Das war genau der wichtige Aspekt. Von den aktuellen CCC-Sprechern kam uns anfangs Skepsis entgegen, weil es schon mehrere Versuche gegeben hatte, einen Film über den CCC zu machen, was aber bisher keinem wirklich gelang. Die meinten vielmehr: Jetzt versucht ihr eben euer Glück.

Welche Reaktionen bekamen Sie nach der Fertigstellung Ihres Films vom CCC?

Klaus Maeck: Natürlich geht es manchmal um Details, aber insgesamt kam er dort wirklich gut an. Das hilft uns jetzt natürlich auch, wenn man den Film endlich ins Kino bringen und weitervermarkten will.

Schließlich ist er schon seit 2020 fertig...

Klaus Maeck: Diese Unterstützung hilft uns auf jeden Fall. Die anfängliche Skepsis beim CCC, der sehr dezentral organisiert ist, ist verflogen, was uns sehr freut. In seiner Dezentralität wollte er immer schon ein Gegenmodell zu sehr vielen zentral gesteuerten Social-Media-Konzernen sein. Die wollen schließlich eine Aufmerksamkeit schaffen, dass viele aufwachen! Wenn man bedenkt, wie diese Plattformen entstanden sind und wo sie heute an der Börse stehen: Facebook oder das ganze Internet ist zuerst einmal durch viel Neugierde entstanden. Damit hatte keiner etwas Böses im Sinn. Was ist da nicht alles schiefgelaufen?! Zu diesem Diskurs ums „digitale Aufwachen“ wollen wir mit unserem Film etwas beitragen.

In Wau Hollands Welt sollten private Daten geschützt bleiben, während öffentliche Daten unbedingt zugänglich sein müssen. Wie vorausschauend waren diese Konzepte für die Welt des 21. Jahrhunderts, in der in jeder Sekunde unzählige Datenmengen entstehen und auf politischer Ebene oft genug um geheimes Datenmaterial gestritten wird?

Klaus Maeck: Eine Enthüllungsplattform wie WikiLeaks ist in unserer Gegenwart im Grunde die Fortführung von Wau Hollands Gedanken, weshalb das auch in unserem Film vorkommt. Das ist nur konsequent, denn diese Informationen müssen frei sein und dürfen nicht gefiltert werden. Natürlich wird darüber öffentlich immer wieder gestritten werden, wie es sich in der Vergangenheit bereits bei mehreren WikiLeaks-Enthüllungen oder in der Debatte um ihren Gründer gezeigt hatte. Da wird es nie nur eine Meinung gegen, auch nicht beim CCC. Das hat sehr viel mit Meinungsfreiheit und freiem Journalismus zu tun. „Wir müssen Kommunikationssysteme schaffen, die unabhängig von Regierungen sind“, lautet ein anderes Statement von Wau Holland, das mir sehr wichtig ist. Das wird schließlich auch in Deutschland im Hinblick auf die jeweilige Situation im Ausland, wenn es um Datenzugänge oder Meinungsfreiheit geht, heiß diskutiert. Im Kampf um Informationsfreiheit soll unser Film deshalb etwas beitragen.


Klaus Maek (© Fritz Brinckmann)
Klaus Maeck (© Fritz Brinckmann)

Welches Publikum haben Sie mit diesem Film anvisiert? Und was möchten Sie mit ihm gesellschaftspolitisch erreichen?

Tanja Schwerdorf: Zuerst einmal ist das ein Film für jeden Zuschauer. Denn alle sollten sich Gedanken um die Freiheit ihrer persönlichen Daten im Internet machen und über diese Themenfelder diskutieren, weil sie in unserer heutigen Welt einfach so wichtig geworden sind. Wenn unser Film weitere Denkanstöße liefert, wären wir besonders glücklich. Schließlich kann man sich auch bewusst ausklinken und diverse Geräte einfach ausschalten. Andererseits würde es manchmal schon reichen, einfach mit ein paar Klicks auch für mehr Sicherheit zu sorgen. Darum geht es uns und dafür wollen wir mit unserem Film ein Bewusstsein schaffen.

Wann haben Sie generell mit der Arbeit an diesem Film begonnen und wie haben Sie die Aufgaben untereinander verteilt?

Tanja Schwerdorf: Wir haben mit der Recherche zu diesem Filmprojekt schon vor vier Jahren begonnen. Unser Konzept zum Film stand früh fest. Die Berge an Found-Footage-Material haben wir aber tatsächlich beide gesichtet. Danach hat sich jeder von uns auf einzelne Themenfelder konzentriert. Das Drehen selbst hat dann nur drei Tage gedauert, ehe wir mehrere Monate im Schnitt saßen.

Die Frage nach Persönlichkeitsrechten sowie die hohen Preise für Fernsehausschnitte, die man als Filmemacher verwenden möchte, rücken im Dokumentarfilm zunehmend in den Fokus. Wie fallen diesbezüglich Ihre Erfahrungen aus?

Klaus Maeck: Das war natürlich für unseren Film eine große Herausforderung, weshalb wir oft nur 15 Sekunden aus dem jeweiligen Archivstück verwendet haben. Die Sender beziehungsweise die Verkäufer lassen da im Grunde nicht wirklich mit sich reden, weshalb ich das bei einem nächsten Dokumentarfilm so gut wie möglich vermeiden möchte. Als Filmemacher fühlt man sich in dieser Situation oft wie auf einem Marktplatz, auf dem Ware teuer angepriesen wird. Manchmal konnte man durch Reden wenigstens erreichen, dass die Preise etwas heruntergingen, aber das war sicherlich mit das Anstrengendste bei diesem Filmprojekt. Bei der Musikauswahl ging das zum Glück deutlich einfacher, weil viele der Bands selbst in dieser Zeit groß wurden oder grundsätzlich eine starke Verbindung zu dieser Thematik hatten...

...wobei Ihnen Ralf Hütter von Kraftwerk wahrscheinlich nicht direkt geantwortet hat, oder?

Klaus Maeck: Nein, das hat in der Tat lange gedauert und ging auch nicht über ihn, sondern über deren Verlag. Wir haben dann in unserem Film auch nur eine Coverversion verwendet; immerhin zu einem bezahlbaren Preis. Insgesamt bin ich sehr froh, dass wir für den Film so gut mit Alexander Hacke zusammenarbeiten konnten.


Artwork zum Film (© Neue Visionen)
Artwork zum Film (© Neue Visionen)

Was haben Sie im Rückblick aus Ihrer intensiven Beschäftigung mit Wau Holland und dem beginnenden Computer-Zeitalter für sich gelernt? Wo stecken diese Visionäre heute? Bleiben Sie still aufgrund von Angst vor politischer Repression? Oder sind diese innovativen Macher längst in die freie Marktwirtschaft abgewandert?

Tanja Schwerdorf: Diese Typen wird es sicherlich immer geben. Sie arbeiten jeden Tag vor sich hin, nur dass wir das von außen nicht unbedingt gleich sehen und wahrnehmen. Ob die Menschen Wau Holland damals in den 1980ern überhaupt wirklich verstanden haben, bezweifle ich. Da hieß es sicherlich oft untereinander: Wovon redet der eigentlich? Und worauf weist uns der jetzt genau hin?

Klaus Maeck: Gerade diese Widersprüche machten es aber auch für uns so spannend und den Film so zeitgemäß. Kein Präsidentenwahlkampf kommt heute mehr ohne Social-Media-Kampagnen aus. Und jeder Industriekonzern weiß um die Sicherheitslücken in seinem Computersystem. Der Kampf um den Zugang zu freien Informationen ist längst entbrannt. Gleichzeitig muss jeder, der im Netz unterwegs ist, sehr vorsichtig sein. Dahingehend war Wau Holland in einigen Punkten schon sehr visionär. Er meinte zum Beispiel: „Schert euch nicht so sehr um die virtuellen Treffs, sondern trefft euch persönlich.“ Das war klug formuliert und hat bis heute Relevanz. Denn viele Dinge, die er vor vierzig Jahren mit auf den Weg brachte, beschäftigen uns im Grunde bis heute.

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