Alles ist eins. Außer der 0.

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 96 Minuten

Regie: Klaus Maeck

Einfallsreicher Dokumentarfilm über die Geschichte des 1981 ins Leben gerufenen Chaos Computer Club und seines Mitgründers Wau Holland. Mit viel Witz, Schwung und Tempo erzählt er von subversiven Pionieren, die als digitale Bürgerrechtler die Vision einer demokratischen Netzwelt vertraten. Der Handlungsbogen spannt sich so unterhaltsam wie intelligent von den wilden 1980er-Jahren inklusive Punkbewegung und Neuer Deutscher Welle bis in die Gegenwart, prall gefüllt mit Zeitgeist, Informationen und Denkanstößen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Klaus Maeck · Tanja Schwerdorf
Buch
Klaus Maeck · Tanja Schwerdorf
Kamera
Hervé Dieu
Musik
Alexander Hacke
Schnitt
Andreas Grützner
Länge
96 Minuten
Kinostart
29.07.2021
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Einfallsreiche Doku über die Geschichte und Bedeutung des Hamburger Chaos Computer Clubs (CCC).

Diskussion

Am Anfang spricht Albert Einstein über Neugier und Wissenschaft, Wau Holland über die Grenzenlosigkeit der Information. Ein sinnig animierter Vorspann führt in die 1980er-Jahre, in die Zeit der Neuen Deutschen Welle und zu den Ursprüngen der Digitalisierung. 1981 wurde der „Chaos Computer Club“ (CCC) gegründet, von einer Handvoll sympathisch verrückter junger Männer. Sie selbst nannten sich „Komputerfrieks“. Wau Holland war einer von ihnen, ein Student mit Neigung zum unabhängigen Journalismus und großer Neugier für beinahe alles, schon immer ein Jäger und Sammler von Informationen. Doch „Alles ist Eins. Außer der Null“ ist keine Wau-Holland-Biografie; private Aspekte spielen in dem Film kaum eine Rolle. Es geht vorrangig um den CCC selbst, um Hollands Rolle und Bedeutung für den Club sowie um die Nachwirkungen seiner Arbeit bis heute.

Ein Bewusstsein für die neuen Möglichkeiten

Die erste Phase des CCC war vom Glauben an die demokratische Nutzung von Daten geprägt und einer Aufbruchstimmung, die sich eher mit den Idealen der Hippies als mit den Klischees über „Computer-Nerds“ vergleichen lässt. Wau Holland wurde zu einem der ersten digitalen Bürgerrechtler – die Hacker-Ethik des CCC mutet heute wie eine Reminiszenz an die Zeit der zivilgesellschaftlichen Werte an. Vieles aus den Anfängen erinnert an Schülerstreiche, etwa der Einbruch in andere Datennetze. Doch hinter den witzigen Ideen, mit denen CCC-ler scheinbar spielerisch und mit einfachsten Mitteln auch staatliche Systeme aushebelten, stand der Gedanke an die Gefahren der Digitalisierung und der Datensicherheit.

Die visionäre Kraft von Holland und seinen Weggefährten, ihr Humor und ihre Intelligenz sind so beeindruckend wie die Geschichte des CCC selbst. Zu ihrer überbordenden Motivation gehörte der Spaß an der Sache, die Leidenschaft für ihre Arbeit und ein prophetisches Bewusstsein für die Möglichkeiten, die das neue Medium in sich barg.

Mit der Erfahrung kam auch die Erkenntnis, welche Gefahren die Macht über Informationen mit sich brachte. Die Leichtigkeit und der Spaß der frühen Jahre waren irgendwann aufgebraucht. Aus dem anfänglichen Schabernack junger Hamburger wurde bitterer Ernst. Sie machten sich den Staat zum Feind, wurden Ziel von Spionageattacken; mindestens zwei ihrer Mitglieder starben unter mysteriösen Umständen. Bis heute halten sich Gerüchte, dass die beiden Hacker Karl Koch und „Tron“ Opfer von Verbrechen wurden, bei denen Geheimdienste ihre Hand im Spiel hatten.

Auch Wau Holland starb früh mit 49 Jahren, an den Folgen eines Schlaganfalls. Der rastlose Datenkünstler und Visionär betrieb offensiven Raubbau an seiner Gesundheit. Seine freidenkerischen Ansätze und eine radikale Auffassung von Freiheit und Demokratie vertrugen sich nicht mit einem vernünftig-braven Durchschnittsleben.

Der Zeitgeist der 1980er- und 1990er-Jahre

Die Filmemacher Klaus Maeck und Tanja Schwerdorf verzichten in ihrem Dokumentarfilm auf Kommentare und weitgehend auch auf Off-Erklärungen. Stattdessen lassen sie Holland und seine Weggefährten selbst sprechen, meistens in Originalbildern. In vielen kurzen Clips – Fernsehausschnitten, Werbung, frühen Videos und Super-8-Aufnahmen, teilweise aus Privatarchiven – lebt der Zeitgeist der 1980er- und 1990er-Jahre wieder auf. Nur selten gibt es aktuelle Interviews; die Regisseure geben lieber den Jungen das Wort; eine Entscheidung, die nicht nur die Dynamik des Films positiv beeinflusst, sondern den gesamten Erzählfluss.

Die Montage von „Alles ist eins. Außer der 0“ ist beeindruckend; es entsteht ein eigener Stil, eine energetische Kraft, mit der man in die Vergangenheit eintaucht wie in ein fast vergessenes Abenteuer. Rio Reiser, „Kraftwerk“ und „Die Toten Hosen“ liefern den passenden Soundtrack. Neben Holland sind es die heute noch lebenden Protagonisten, die eine eigenartige Stimmung heraufbeschwören, geprägt von sehr viel klugem Humor und von einem individuellen, aber vollkommen nostalgiefreien Blick auf die Vergangenheit. Etwa Peter Glaser; der Schriftsteller und Journalist war seinerzeit Chefredakteur von „Die Datenschleuder“, der bis heute unregelmäßig erscheinenden Zeitschrift des CCC und „das wissenschaftliche Fachblatt für Datenreisende“. Glaser ist Ehrenmitglied des CCC. Seine hochintelligenten Kommentare und sein ebenso treffender wie wortgewandter Witz lassen erahnen, wie das Gespräch mit einem gealterten Wau Holland ausgesehen haben könnte.

Der Kampf ist noch lange nicht vorbei

Steffen Wernéry, ebenfalls einer der „CCC-Komputerfrieks“ der ersten Stunde, bezeichnet sich heute selbst als Cyber-Veteran. Andy Müller-Maguhn ist noch immer aktiv. Er war viele Jahre Pressesprecher des CCC und ist inzwischen im Vorstand der Wau-Holland-Stiftung, die für informelle Selbstbestimmung kämpft und etwa die anwaltliche Vertretung von Julian Assange und Chelsea Manning finanziell unterstützt.

Was seinerzeit von Wau Holland und einigen wenigen anderen angekurbelt wurde, ist keineswegs ein abgeschlossenes Kapitel der digitalen Geschichte. Die Botschaft von „Alles ist eins. Außer der 0“ lautet deshalb: Es geht weiter. Der Kampf um die Demokratie im Netz ist noch lange nicht beendet. Im Gegenteil.

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