© arte/Thomas Bresinsky (Khaled el-Masri)

Stefan Eberlein & "Der Fall el Masri"

Dienstag, 31.08.2021

Interview mit dem Filmemacher Stefan Eberlein, der sich seit 2007 für den Fall des Deutsch-Libanesen Khaled el-Masri interessierte und das Schicksal des unschuldig von der CIA entführten Mannes akribisch rekonstruiert hat

Diskussion

Arte zeigt im Rahmen eines Schwerpunktes über 20 Jahre „9/11“ den Dokumentarfilm „Der Fall el-Masri“ (22.10-23.45), in dem die Geschichte des Deutsch-Libanesen nachgezeichnet wird, der von der CIA von Mazedonien aus in ein Foltergefängnis nach Kabul entführt wurde. Regisseur Stefan Eberlein zeichnet darin akribisch das Schicksal eines Mannes nach, der unter die Räder geopolitischer Interessen geriet und nach dem Erweis seiner Unschuld um seine Würde kämpft.


Was ist die Genesis Ihres Films?

Stefan Eberlein: Meine Geschichte mit Khaled el-Masri begann im Jahr 2007. Da hatte er im Metro-Markt in Neu-Ulm Feuer gelegt. Das kam mir wie ein Hilferuf vor. Bis dahin hatte ich sein Schicksal nur in den Medien verfolgt. Ich nahm Kontakt mit seinem Anwalt Manfred Gnjidic auf, der mich auf den Stand der Dinge brachte. El-Masri hatte Stress mit dem Chef des Supermarkts und glaubte, dass Geheimagenten hinter ihm her seien, die ihn provozieren und in eine Falle locken wollten. Er war traumatisiert und ist immer in die Offensive gegangen, wenn er sich bedroht fühlte. Er hat sich nicht zurückgezogen, sondern zurückgeschlagen. Damals habe ich ihn in langen Gesprächen als einen sehr sensiblen Menschen kennengelernt und mit der Kamera auch zu einem Treffen mit internationalen Anwälten begleitet.

In Neu-Ulm verkehrte el-Masri im Multikulturhaus, in dem auch Terroristen ein- und ausgingen. Haben sie ihm vertraut?

Eberlein: Natürlich stellte sich die Frage, ob man ihm trauen kann oder nicht. Zu der Neu-Ulmer Islamistenszene gehörte ja auch Reda Seyam, ein guter Bekannter von el-Masri, der in einem Bombenhagel bei Mossul gestorben sein soll. Es gibt ein subjektives und ein objektives Wissen. Das subjektive Wissen bezieht sich darauf, wie ich ihn wahrnehme, ob ich ihn für glaubwürdig halte oder nicht. Ich empfand ihn als superauthentisch und superglaubwürdig. Auf der anderen Seite stehen die Vorgänge um das Multikulturhaus. Man fragt sich natürlich, warum ihn die CIA entführt hat, der wichtigste und einflussreichste Geheimdienst der Welt? Ist an den Vorwürfen und Anschuldigungen nicht vielleicht doch etwas Wahres dran?

Aber Sie haben die Unschuldsvermutung vertreten?

Eberlein: Ich habe die Journalisten, die schon lange in der Angelegenheit recherchierten, gefragt. Die beste Antwort hat mir Nicolas Richter gegeben. Da nichts Strafrelevantes gegen Khaled el-Masri vorliege, gelte die Unschuldsvermutung. Auf diese Aussage hin und auch gestützt auf mein eigenes Gefühl habe ich mich aufgemacht, den Film zu finanzieren. Dabei bin ich zunächst gescheitert, genau aus diesem Grund. Denn ich sollte Beweise vorlegen, die es nicht gab. 2009 erhielt ich dann grünes Licht vom WDR; ich dachte, dass ich bald mit den Dreharbeiten loslegen könnte. Kurz vor deren Start verprügelte el-Masri aber den Oberbürgermeister von Neu-Ulm und wurde wenige Monate später zu zwei Jahren Haft verurteilt. Damit war das Projekt für mich gestorben. Im Gefängnis verweigerte el-Masri jeglichen Kontakt zu mir. Und nach einem Angriff auf einen JVA-Bediensteten bekam er vier weitere Monate aufgebrummt.

Ein Foto von Khaled el-Masri aus dem Jahr 2004 (arte/Leykauf Film)
Ein Foto von Khaled el-Masri aus dem Jahr 2004 (© arte/Leykauf Film)

Wie ging es trotzdem weiter?

Eberlein: 2016 fiel mir ein geheimer CIA-Bericht in die Hände: „The Rendition And Detention Of German Citizen Khalid al Masri“. Darin gab die CIA zu, dass el-Masris Entführung ein großer Irrtum war, ein Desaster. Keiner von uns hätte so einen Dilettantismus bei der CIA erwartet. Da wusste ich, dass ich weitermachen werde. Jetzt erst recht. Allerdings musste ich el-Masri erst wiederfinden; der war wie vom Erdboden verschwunden. Als ich endlich seine Telefonnummer hatte, haben wir uns sofort getroffen. Es war eine sehr emotionale Situation. Doch die Dokumentarfilm-Redaktionen winkten ab. Ich habe das Projekt dann bei der Geschichtsredaktion von arte untergebracht.

Was war der wichtigste Impuls, nicht aufzugeben?

Eberlein: Das Gerechtigkeitsgefühl. 2015 brandeten die Diskussionen um Flüchtlinge auf, die allesamt Verbrecher, Vergewaltiger, Bombenleger seien. Diese Heuchelei hat mich auf die Palme gebracht. Das war die absolute Motivation, diesen Film zu realisieren.

Hatten Sie das Gefühl, in ein Wespennest zu stechen?

Eberlein: Ich fühlte mich wie David gegen Goliath. Das Konzept des Films hat sich aus sich selbst heraus entwickelt. Die Grundidee war, Khaled el-Masris Geschichte von Anfang an zusammenhängend zu erzählen. Mich interessierte keine investigative Geschichte, sondern seine persönliche Geschichte, die medial immer zu kurz gekommen war.

War Khaled el-Masri in irgendeiner Form an den Dreharbeiten beteiligt?

Eberlein: Es war klar, dass ich einen Film über ihn mache. Damit war er einverstanden. Wir haben ein dreistündiges Interview geführt. Er war über meine Recherchen informiert.

Sie hatten einen guten Draht zu el-Masris Anwalt Manfred Gnjidic und auch zu dem Kriminalpolizisten Hermann Utz, der damals mit dem Fall befasst war.

Eberlein: Beide waren eine große Unterstützung. Gnjidic von Anfang an, Utz erst später. Ihn kannte ich schon von meinem Dokumentarfilm „München – Stadt in Angst“ über die Panik nach dem Amoklauf im Juli 2016 am Olympiaeinkaufszentrum. Wir haben zusammen Akten durchwühlt, Zusammenhänge gesucht und versucht, Antworten auf viele Fragen zu finden. Er stellte mir auch die Polizeivideos der Durchsuchung des Multikulturhauses zur Verfügung und hat ein gutes Wort beim Staatsanwalt Martin Hofmann für mich eingelegt, der gegen die mutmaßlichen CIA-Agenten und Entführer von el-Masri ermittelte.

Es gab sogar Spekulationen über eine deutsche Beihilfe bei der Verschleppung von el-Masri. Bundesdeutsche Behörden und auch der Innenminister Otto Schily waren früh über den Fall informiert. Haben Sie in diese Richtung recherchiert?

Eberlein: Ich habe alle kontaktiert, die in den Fall involviert waren, also auch Otto Schily, Frank-Walter Steinmeier, Wolfgang Schäuble, Brigitte Zypries und Gerhard Schröder. Doch es hagelte Absagen. Am interessantesten war es mit Otto Schily. Er ist 87 und weder über E-Mail noch telefonisch zu erreichen. Deshalb habe ich ihm einen Brief geschrieben und zwei Tage prompt eine Antwort erhalten, dass er gerne ein Interview zu dem Fall geben würde, aber zuvor mit dem Innenministerium die rechtliche Seite abklären müsse. Danach habe ich nie mehr etwas von ihm gehört, obgleich ich ihm noch ein halbes Jahr lang Briefe geschrieben habe.

Khaled el-Masri und seine Frau Aycha (arte/Thomas Bresinsky)
Khaled el-Masri und seine Frau Aycha (© arte/Thomas Bresinsky)

Wie erklären Sie diese Haltung?

Eberlein: Die deutsche Regierung wollte die US-Amerikaner nicht vergrätzen, sondern die Angelegenheit abhaken oder unter den Tisch kehren. Wirtschaftsbeziehungen spielen ja immer eine Rolle. Khaled el-Masri wurde unschuldig entführt und unter furchtbaren Bedingungen in einem CIA-Gefängnis in Kabul festgehalten; sein Leben und das seiner Familie wurde zerstört. Bis auf die 60.000 Euro von der mazedonischen Regierung hat er nie eine Rekompensation erhalten. Und von der deutschen Regierung gab es nicht einmal ein Wort der Entschuldigung.

Interessant, dass keine Bundesregierung – ob rot-grün oder schwarz-rot – sich um ihn gekümmert hat.

Eberlein: Für jeden ist sichtbar, dass hier Unrecht geschehen ist. Im Film gibt es diesen deutschen Geheimagenten „Sam“, der mit el-Masri gesprochen hat und bei den Vernehmungen mit dabei war. El-Masri hat ihn auf einem Zeitungsfoto identifiziert. Der BKA-Mitarbeiter hat dies zurückgewiesen. Im Untersuchungsausschuss (2006-2009) hieß es, dass der Beamte damit nichts zu tun habe. Interessant ist die politische Konstellation. In der Zeit von el-Masris Verschleppung war die rot-grüne Regierung mit Schröder und Fischer am Ruder, 2005 dann die schwarz-rote Koalition. Obwohl die CDU/CSU in der Opposition auf Aufklärung gedrängt hatte, hörte man nun plötzlich nichts mehr. Und auch die spätere rot-grüne Opposition ließ die Finger von Thema, weil sie ja an der Regierung war, als alles passierte. Nur Hans-Christian Ströbele von Bündnis 90/Die Grünen und die FDP haben weiter versucht, die Vorgänge aufzuklären.

Konnten Sie im Ausland unbehelligt drehen?

Eberlein: Die hochgefährlichen Dreharbeiten in Afghanistan hat Jordan Bryon, eine in Kabul lebende australische Kollegin, übernommen. Das Gefängnis, in dem el-Masri gefoltert wurde, existiert noch. Keiner wollte darüber reden, alle duckten sich weg. In Mazedonien haben wir eigentlich nur verbotene Dinge gefilmt, etwa Grenzübergänge oder Botschaften. Skurril wurde es in dem Hotel in Skopje, in dem el-Masri gefangen gehalten wurde. Wir durften nicht sagen, warum wir ein bestimmtes Zimmer haben wollten, in dem wir Szenen dann nachstellten. El-Masri hatte von einem Kreuz gesprochen, das er aus dem Fenster gesehen hatte. Der schwierigste Teil des Projekts aber war die Recherche und das Zusammentragen der einzelnen Stränge, um aus den vielen kleinen Puzzleteilen ein Mosaik zusammenzusetzen.

Hat sich durch den Film Ihr Blick auf die deutsche Demokratie verändert?

Eberlein: Der Fall von Khaled el-Masri hat meinen Blick gewaltig verändert. Der Rechtsstaat reguliert unser Zusammenleben, aber ich habe auch gemerkt, dass es an den Rändern knirscht und ein schwarzes Loch gibt. Wenn es sein muss, wird auch zu Mitteln jenseits des Rechtsstaats gegriffen.

Könnte ein ähnlicher Fall von Entführung und Folter nochmal passieren?

Eberlein: Jederzeit, da bin ich ganz sicher. Wir leben in einer sehr gewalttätigen Zeit, die immer noch gewalttätiger wird. Wenn die US-Amerikaner angegriffen werden, reagieren sie nicht zimperlich. Cofer Black, der Koordinator der Anti-Terror-Aktivitäten beim State Department, vertrat die Ansicht, dass er lieber einige Menschen zu viel einfange und sie dann wieder freilasse, wenn nichts gegen sie vorliegt. Kollateralschäden werden in Kauf genommen. Einer wie Khaled el-Masri wird dann eben wieder ausgespuckt und bleibt liegen.

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