© Huanxi Media/Filmfestival San Sebastián (aus „Yi miao zhong“)

Ausblick: Das 69. Internationale Filmfestival in San Sebastián

Freitag, 17.09.2021

Ein Ausblick auf das 69. Internationale Filmfestival in San Sebastián vom 17. bis 25. September 2021

Diskussion

Am 17. September startet das 69. Internationale Filmfestival in San Sebastián. Besondere Aufmerksamkeit dürfte die internationale Premiere von Zhang Yimous „Yi miao zhong“ über die chinesische Kulturrevolution wecken, nachdem der Film Anfang 2019 unvermittelt aus dem „Berlinale“-Wettbewerb zurückgezogen worden war. Daneben stehen wie stets bei dem angesehenen Festival an der baskischen Küste spanische und lateinamerikanische Filme im Fokus.


San Sebastián an der baskischen Küste ist landschaftlich das schönste der europäischen A-Filmfestivals. Es wurde noch unter der Franco-Diktatur gegründet, entwickelte sich dann aber immer mehr zu einem Forum für internationalen Autorenfilm, mit einem Schwerpunkt auf Spanien und Lateinamerika. Seit zehn Jahren wird das Festival von José Luis Rebordinos geleitet.

Im vergangenen Jahr 2020 fand das Festival unter besonders strengen Hygiene-Bedingungen einer steigenden Corona-Inzidenz statt. Zwar muss eine medizinische Maske in diesem Jahr nicht mehr auf öffentlichen Plätzen getragen werden, doch die Zahl der Vorstellungen ist reduziert, jeder zweite Platz im Kino bleibt leer und Kinofans und Autogrammjägern ist der Zugang zum roten Teppich versperrt.


Franco-Diktatur und Kulturrevolution

Die Festivalfilme zu Beginn setzen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit der Vergangenheit, mit Krieg, Diktatur, Terror und der Verletzung elementarer Menschenrechte auseinander. In seinem sechsminütigen Kurzfilm „Rosa Rosae. La Guerra Civil“ zeigt Carlos Saura, der bald 90 Jahre alt wird, Bürgerkrieg und Diktatur aus der Perspektive eines Kindes. Die animierten Schwarz-weiß-Zeichnungen werden von dem Lied „Rosa Rosae“ des 2010 verstorbenen spanischen Liedermachers José Antonio Labordeta begleitet. Saura und Labordeta gehören der Generation an, die kurz vor dem Krieg geboren wurde und die schlimmste Zeit der Franco-Diktatur als Jugendliche und junge Erwachsene erleben musste.

Auch der chinesische Wettbewerbsbeitrag „Yi miao zhong“ („Eine Sekunde“) setzt sich mit der selbst erlebten Vergangenheit auseinander. Er führt zurück in die Jahre der chinesischen Kulturrevolution; Regisseur Zhang Yimou wurde selbst 1966 in ein Umerziehungslager eingewiesen. In seinem Film flüchtet ein Häftling aus einem Arbeitslager, um bei den Wanderkinos in der Wüste Gobi eine Propagandawochenschau zu finden, in der seine mittlerweile verstorbene Tochter zu sehen ist.

Zhang Yimous Blick zurück sollte bereits 2019 im Wettbewerb der „Berlinale“ laufen, wurde dann aber – offiziell aus „technischen Gründen“ – im letzten Moment zurückgezogen. Erst im November 2020 startete der Film dann in China; in San Sebastián erlebt er nun schließlich die internationale Premiere. Auch die Vorführung nach der Eröffnungsgala wird ungewöhnlich sein, denn weder der Regisseur noch ein anderes Teammitglied kommen nach San Sebastián.

"Maixabel" von Icain Bollíar (Festival San Sebastian)
"Maixabel" von Iciar Bollaín (© Film Festival San Sebastian)

Auch die für ebenso einfühlsame wie politische Geschichten bekannte spanische Regisseurin Iciar Bollaín setzt sich mit unbewältigter spanischer Vergangenheit auseinander: „Maixabel“ erzählt von der Begegnung der Witwe eines ETA-Opfers mit dem Mörder ihres Mannes und beruht auf einem authentischen Fall: Am 29. Juli 2000 wurde der sozialistische Politiker Juan María Jáuregui von der ETA ermordet. Elf Jahre danach erhält seine Witwe Maixabel Lasa ein ungewöhnliches Ansinnen: Einer der Mörder ihres Mannes möchte mit ihr sprechen, er habe seine Taten bereut und mit der Terrororganisation gebrochen. Gegen alle Kritiken und Anfeindungen sagt Maixabel Lasa zu.


Spanischsprachige Dominanz

Insgesamt 16 Filme stehen im Wettbewerb um die „concha de oro“, die Goldene Muschel. Neben „Maixabel“ stehen noch drei weitere spanische Beiträge im Wettbewerb, etwa „El buen patrón“, eine schwarze Komödie über das Unternehmertum alter Schule von Fernando León de Aranoa, der wegen seiner gesellschaftskritischen Filme oft als spanischer Ken Loach bezeichnet wird. In der Hauptrolle ist Javier Bardem in einer für ihn untypischen Rolle als ebenso verständnisvoller wie skrupelloser Firmenpatriarch zu sehen. Zwei Filme von Regisseurinnen aus Lateinamerika nehmen ebenfalls am Wettbewerb teil: die Argentinierin Inés Barrionuevo mit „Camila saldrá esta noche“ und die Peruanerin Claudia Llosa mit „Distancia de rescate“ (Fever Dream), beides, auf sehr unterschiedliche Weise, persönliche und sensible Geschichten über die Konflikte und das Miteinander der Generationen.

Die komplexe Analyse der neuralgischen Punkte und Schwachstellen der französischen Gesellschaft zeichnet das Werk von Laurent Cantet aus. In seinem jüngsten Film „Arthur Rambo“ widmet er sich dem Kulturbetrieb. Der fiktive junge, von den Medien hochgejubelte Schriftsteller Karim D erfährt darin von einem Alter Ego, das unter dem Pseudonym Arthur Rambo durch Hasskommentare in den sozialen Netzwerken von sich reden macht. Der britische Regisseur Terence Davies widmet sich dagegen in „Benediction“ dem realen Schriftsteller Siegfried Sassoon, der wie viele seiner Generation durch seine Erfahrungen im ersten Weltkrieg traumatisiert und vereinnahmt wurde und in der britischen Nachkriegsgesellschaft mit seiner Homosexualität hadert. Regisseur Michael Showalter erzählt in „The Eyes of Tammy Faye“ die Geschichte vom Aufstieg und Fall der religiösen Sängerin und Medienunternehmerin Tammy Faye Bakker, die gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem später wegen Betrugs verurteilten Fernsehprediger Jim Bakker, in den 1970er- und 1980er-Jahren ein evangelikales Medienimperium aufbaute.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne: "Atztak - Huellas" (Film Festival San Sebastian)
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne: "Aztarnak - Huellas" (© Film Festival San Sebastian)

Eine Bühne für den baskischen Film

In den letzten Jahren hat sich auch der baskische Film zu einem Schwerpunkt von San Sebastián entwickelt. In der Reihe „Zinemira“ sind dieses Jahr elf Spiel- und Dokumentarfilme zu sehen. Zur Eröffnung läuft „No somos nada“ von Javier Corcuera über die Abschiedstournee der baskischen Punk-Band „La polla record“ und zum Abschluss die Dokumentation „Aztarnak – Huellas“ (Spuren). Die Filmemacherin Maru Solores reflektiert darin über die sanfte Geburt und die ersten Momente im Leben, die uns alle prägen, auch wenn wir uns nicht mehr an sie erinnern.

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