© Splendid/Neue Visionen/Rolf Konow

Komödie ist ein Überlebenselixier - Anders Thomas Jensen

Montag, 20.09.2021

Interview mit Anders Thomas Jensen zu „Helden der Wahrscheinlichkeit – Riders of Justice“

Diskussion

Als Drehbuchautor ist der Däne Anders Thomas Jensen für die Auseinandersetzung mit existenziellen Grenzsituationen wie auch für seinen schwarzen Humor bekannt. In dem von ihm auch selbst inszenierten Film Helden der Wahrscheinlichkeit (ab 23.9. im Kino) erzählt er von einem U-Bahn-Unglück, das die Familie eines Soldaten auseinanderreißt und einen exzentrischen Mathematiker und dessen Hacker-Freunde mit einer Verschwörungstheorie auf den Plan ruft. Ein Gespräch über Wahrscheinlichkeiten, Spiele mit Genre-Grenzen und den Wert von Humor.


Zufall oder Schicksal? An was glauben Sie?

Anders Thomas Jensen: An den Zufall, das macht Sinn. Ich habe bisher keinen Beweis für das Schicksal gefunden. Die Idee, dass da eventuell ein Gott die Fäden ziehen würde, versetzt mich in Angst. Es ist allerdings nicht einfach zu akzeptieren, dass sogar unsere eigene Existenz vom Zufall bestimmt ist.

Was war der Ursprung dieser doch sehr skurrilen Geschichte?

Jensen: Die von Mads Mikkelsen gespielte Figur des Markus. Ein Typ, der völlig fertig ist und nicht mehr weiß, was das Ganze soll, der seine Gefühle unter Verschluss hält und seinen Glauben verloren hat. In ihm konnte ich mich wiederfinden. Natürlich muss man abstrahieren: Ich war nie im Krieg und habe auch meine Frau nicht bei einem Zugunglück verloren. Ich habe für den Film alles dramatisiert. Aber wie alle Männer durchlebte ich eine Midlife-Krise mit vierzig, wo man sich fragt: Ist das alles? Manche geraten in eine tiefe Depression. Da versucht man, die Kräfte zu sammeln, das Gehirn wieder einzuschalten und seinen Weg zurück zu sich selbst zu finden.


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Was hat Ihnen geholfen?

Jensen: Das ganze Programm: Liebe, Familie, Freunde, Therapie, Medikamente. Der einzige Weg.

In der Corona-Zeit war es mit Kontakten schwierig. Wie haben Sie die Monate überstanden?

Jensen: In Dänemark waren zwar die Grundschulen geschlossen, aber wir hatten keinen richtig harten Lockdown. Ich habe viel gearbeitet und viel Zeit mit der Familie verbracht, lange Spaziergänge im Wald unternommen. Die Natur übt eine positive Wirkung auf mein Gemüt aus.

Anders Thomas Jensen (© Splendid/Neue Visionen)
Anders Thomas Jensen (© Splendid/Neue Visionen)

Kehren wir zu unseren Gewohnheiten zurück oder werden wir unser Leben ändern?

Jensen: Ich glaube, wir finden zu unserer Normalität zurück. Natürlich wird die ältere Dame, die früher im Supermarkt einkaufte und jetzt das Internet entdeckt hat, wohl kaum wieder den Laden aufsuchen. Netflix hat von der Pandemie profitiert und noch mehr Zuschauer gesammelt. Der Streamingdienst wird seine Position ausbauen, was dem Kino schadet. Aber wir werden alles nachholen. Als der Tsunami die thailändischen Küsten überrollte, schien entspannter Strandurlaub für die Zukunft tabu. Das juckt heute niemanden mehr; Teenager erinnern sich nicht, was der Tsunami angerichtet hat. Das Verdrängen und Vergessen des Negativen liegt in der menschlichen Natur. Ich habe vor Corona immer geschimpft über die vielen Reisen. Jetzt möchte ich nur noch reisen.

Viele Ihrer Kollegen arbeiten für Netflix. Reizt es Sie, beim Streaming-Giganten einzusteigen?

Jensen: Ich habe nichts gegen diese Plattform, da gibt es gute Projekte. Für einen Drehbuchautor ist es vielleicht schwieriger, sich davon fernzuhalten. Aber ich mag es, wenn die Leute ins Auto oder aufs Rad steigen oder zu Fuß ins Kino kommen, sich also aktiv entscheiden. Das ganze soziale Drumherum ist für mich wichtig, dass man etwas gemeinsam unternimmt, Gefühle teilt, statt sich auf dem Bett zu fläzen und Filme oder Serien reinzuziehen und zu konsumieren, weil es einfach ist.

Mads Mikkelsen steht zum fünften Mal für Sie vor der Kamera. Was macht ihn so besonders?

Jensen: Er ist einfach perfekt. Ein Blick von ihm, und man weiß, was Sache ist. Er ist toll in Dialogen und Gefühlen, in der Psychologie, in seiner Körperlichkeit. Ein Teamplayer, der sich für das ganze Projekt verantwortlich fühlt. Mads hat als internationaler Star immer noch seine Wurzeln in Dänemark, wo er gerne interessante Rollen übernimmt, weil es diese Art von Filmen in Hollywood eben nicht gibt.

Schon in Ihren Kurzfilmen und Ihrem ersten Spielfilm „Flickering Lights“ dominierten Männer mit Macken. Auch das Trüppchen von Nikolaj Lie Kaas, Lars Brygmann und Nicolas Bro ist durchgeknallt, aber Sie kompromittieren das Trio nicht.

Jensen: Das sind emotional benachteiligte Menschen, auf der Suche nach einem Sinn im Leben. Der Weg dahin kann sehr unterschiedlich sein, auch Rache ist eine Option. Sie schaffen sich einen kleinen Mikrokosmos und geben sich gegenseitig Halt. Hier handelt es sich um Personen, die immer auf der falschen Seite stehen, für mich aber normal sind. Wobei man fragen müsste: Was ist normal? Diese Kerle haben meine volle Sympathie und ich verteidige sie auch; ich erzähle in meinen Filmen lieber von ihnen als von diesen adretten Normalos, den angepassten Spießern oder den bürgerlich Braven. Man trifft auf diese Eigenbrötler im Bus oder am Bahnhof, immer allein, sie gehen allein nach Hause.

In „Helden der Wahrscheinlichkeit“ bildet sich eine skurrile Gemeinschaft heraus (© Splendid/Neue Visionen)
In „Helden der Wahrscheinlichkeit“ bildet sich eine skurrile Gemeinschaft heraus (© Neue Visionen/Rolf Konow)

Leben wir jeder in seiner Blase?

Jensen: Ich bemühe mich, über den Tellerrand zu schauen. Sie und ich, wir gehören zu einer privilegierten Minderheit und wissen nicht, was Hunger heißt, kein Dach über dem Kopf zu haben, keine Sicherheit. Wir betrachten diese Figuren als Exoten, das ist schlimm. Dabei sind Einsamkeit und Traurigkeit ja auch uns nicht fremd. In den USA habe ich oft mit Obdachlosen gesprochen und mir ihre teilweise schrecklichen Geschichten angehört. Nicht nur als Drehbuchautor, sondern aus Interesse an ihnen. Manche stehen trotz Gegenwind immer wieder auf. Vor diesen Menschen ziehe ich den Hut. Wir jammern auf hohem Niveau, das ist in Anbetracht des Elends und der Ungerechtigkeit lächerlich.

Sie waren einer der Drehbuchautoren der „Dogma“-Bewegung mit all den antibürgerlichen Idealen. Was fällt Ihnen heute beim Begriff „Dogma“ ein?

Jensen: Im „Dogma 95“-Manifest gab es schon sehr langweilige und strenge Regeln, aber auch einige sehr gute. Die Essenz lag darin, sich auf Charaktere und Geschichte zu fokussieren. Die Bewegung und ihre Ästhetik hat Spuren hinterlassen, nicht nur im Film, sondern auch in anderen Kunstbereichen. Irgendwann musste man aber auch mit diesen Regeln wieder brechen.

Bilden die einstigen „Dogma“-Regisseure immer noch eine Gemeinschaft?

Jensen: Die Produktionsfirma Zentropa fungiert als Sammelbecken für uns, eine Art Film-Community mit Lars von Trier, Thomas Vinterberg und einer ganzen Reihe von Regisseuren. Wir sind ja nicht so zahlreich, deshalb können wir uns leichter austauschen und gegenseitig helfen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Gemeinschaft macht die Stärke des dänischen Films aus.

Ein Herz für schräge Charaktere: Nikolaj Lie Kaas, Lars Brygmann und Nicolas Bro als Außenseiter-Trio (© Splendid/Neue Visionen)
Ein Herz für schräge Charaktere: Nikolaj Lie Kaas, Lars Brygmann und Nicolas Bro (© Neue Visionen/Rolf Konow)

Gibt es einen speziellen skandinavischen Humor?

Jensen: Das höre ich immer wieder. Aber wenn ich die Filme begleite, merke ich, dass die Zuschauer oft an denselben Stellen lachen, auch hier in Deutschland. Das hängt weniger vom Land als dem Einzelnen ab. Vielleicht sind wir auf dem Weg zu einem speziellen Humor.

Was meinen Sie damit?

Jensen: Wenn ich den Trend zur „Cancel Culture“ betrachte, entdecke ich einen freien Platz für den nicht politisch korrekten Humor. Eine Supersache! Ich registriere zunehmend eine starke Angst, übereinander zu lachen.

Nimmt die „Cancel Culture“ auch in Dänemark zu?

Jensen: Dem Himmel sei Dank, nein. Ich hoffe, dass dieser Trend bald vorbeigeht. Diese Verbotskultur ist ja nicht ganz neu. Natürlich sollte man über sich selbst und andere lachen dürfen. Wenn man sich über eine Gruppe von Menschen nicht lustig machen darf, halte ich das sogar für stigmatisierend. Nur über den einen frotzeln zu dürfen und nicht über den anderen, das bedeutet eine Form von Ausgrenzung. Es geht nicht um beleidigen. Wer will, kann sich jeden Tag beleidigt fühlen. Ich habe meine Kinder dazu erzogen, nicht sofort emotional zu reagieren, wenn sie mal glauben sollten, dass sie beleidigt wurden. Daran muss man arbeiten.

Sie sind nicht nur als Regisseur bekannt, sondern auch als Drehbuchautor für andere Filmemacher wie Susanne Bier, Lone Scherfig oder Nikolaj Arcel. Gibt es einen methodischen Unterschied, wenn Sie für den eigenen Film schreiben?

Jensen: Normalerweise entwickele ich eine Struktur und schreibe danach das Drehbuch. Bei meinen eigenen Filmen gehe ich anders vor, ich arbeite mehr aus dem Bauch heraus. Das war bei „Helden der Wahrscheinlichkeit“ besonders wichtig, mit den vielen Figuren, unterschiedlichen Themen und Ebenen, da sollte nichts zu vorgezeichnet oder zu schematisch wirken.

Bei allem Humor ist „Helden der Wahrscheinlichkeit“ auch eine Auseinandersetzung mit Strategien zur Trauerbewältigung (© Splendid/Neue Visionen)
Bei allem Humor ist „Helden der Wahrscheinlichkeit“ auch eine Auseinandersetzung mit Strategien zur Trauerbewältigung (© Neue Visionen/Rolf Konow)

Wie bringen Sie Gewalt, Humor und Slapstick zusammen?

Jensen: Ich habe versucht, drei Filme in einem zu machen: ein Action-Movie, ein Drama und eine überdrehte Komödie. Eine kniffelige Angelegenheit, die viel Zeit in Anspruch nahm, aber ich liebe schwarzen Humor. Trotz aller Peinlichkeit habe ich selten so gelacht wie auf Beerdigungen. Komödie ist ein Überlebens-Elixier, wenn alles um uns zusammenfällt. Man geht ein Stück zurück und gewinnt dadurch Distanz. Mit einem humorlosen Menschen möchte ich noch nicht einmal ein Bier trinken.

Was gefällt Ihnen so am Genre-Mix?

Jensen: Ein Genre programmatisch abarbeiten, halte ich für tödlich langweilig und von gestern. Genre-Einteilungen bedienen nur Erwartungen und fungieren deshalb auch als ein Verkaufsargument für Verleihfirmen. Viele wollen heute nicht mehr überrascht werden. Wenn man im Vorfeld festlegt, dass ein Film ein Drama, eine Komödie oder Horrorfilm ist, dann wäre das so, wie im Restaurant gezielt Sushi, Pizza oder Burger zu bestellen. Nichts anderes. Nur keine Experimente! Keine Neugier! Das Publikum weiß dann im Voraus: Ich lache, weine oder grusele mich. Wo bleibt da die Überraschung? Warum immer das Erwünschte servieren und alles in Schubladen stecken? Sich bequem zurücklehnen, ist nicht meine Sache. Filmemachen bedeutet für mich auch, Grenzen auszutesten. Ich ziehe das Spiel mit dem Zuschauer vor, das Spiel mit Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten. Ich lasse mich auch als Zuschauer gerne aufs Glatteis führen. Das ist Kino.

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