50 Jahre "Zur Sache, Schätzchen"

Am 4.1.1968 feierte May Spils Kult-Komödie Kinopremiere. Zum Leinwandjubiläum hier noch einmal die Kritik, die erstmals in FILMDIENST 4/1968 veröffentlicht wurde.

Diskussion

Man hat dem jungen deutschen Film - wohl nicht zu Unrecht - vorgeworfen, er habe keinen Humor. Und wo die jungen Filmemacher satirisch sind wie in "Wilder Reiter GmbH", "Alle Jahre wieder" und "Mit Eichenlaub und Feigenblatt", da wirkt vieles zu bemüht, zu gewollt, zu absichtsvoll, als daß die angestrebte Satire ins Schwarze trifft; nicht wenig geht daneben. Nicht danebengegangen, ja, man ist - da nicht verwöhnt - geneigt zu sagen: ein Volltreffer gelungen, ist jetzt einer jungen Frau, die dem Kino der Jungfilmer die erste Komödie bescherte. May Spils, 26 Jahre alt, drehte nach den beiden Kurzfilmen "Das Portrait" und "Manöver" ihren ersten Spielfilm und nahm dafür sogar eine Hypothek auf den väterlichen Bauernhof bei Bremen auf. Ihr Film "Zur Sache, Schätzchen" verrät die Filmbegeisterung der Autorin und Regisseurin, er verrät Intelligenz und Witz, ein Stück Alltag in erfrischend leichter (nicht leichtsinniger) Form in sehr rhythmische Bildfolgen umzusetzen (Kamera: Klaus König).

Die Geschichte, die May Spils erzählt, hat sie nach eigenen Aussagen der Wirklichkeit entnommen, der Wirklichkeit des Münchener Stadtviertels Schwabing im Sommer 1967, dieser kleinen Welt der Gammler, Trinker, Künstler und verkannten Genies. Sie hat zwei Freunde monatelang Tag für Tag beobachtet, fand heraus, daß die beiden typische Schwabinger sind und ließ sie sich selber spielen. Martin (Werner Enke) und Henry (Henry van Lyck) leben so recht in den Tag hinein, arbeiten gar nicht oder nur gelegentlich, ernähren sich vom Pump, basteln an einer Pseudophilosophie herum, halten die Polizei und ihre Mitmenschen zum Narren. Das Leben - es ist für die beiden "sauberen" Gammler eine Folge von sorglosen Abenteuern. So faßt Martin zunächst auch die Begegnung mit Barbara auf (Uschi Glas), einem netten Mädchen aus wohlhabendem bürgerlichen Haus. Die beiden finden Gefallen aneinander, mehr als das. In Martin bricht angesichts von Barbara so etwas wie Verlangen nach Geborgenheit durch. Denn er ist sich bewußt, daß dieses Leben, das er führt, nicht von Dauer sein wird. Die Angst vor dem Älterwerden, vor dem Altwerden ist stets präsent. Vor allem die Liebesszene der beiden beweist die Qualität des Films: wie hier hinter dem gar nicht zimperlichen Gammel-Jargon die Scheu der jungen Leute voreinander erkennbar wird, wie sie spüren, daß sie einander brauchen, den verständnisvollen Partner gefunden haben, das ist charmant und taktvoll ins Bild gesetzt und hat so gar nichts von der Direktheit und gelegentlich auch Peinlichkeit anderer junger Filme.

Der Film zeigt einen unverstellten Blick auf die Wirklichkeit, er propft ihr keine Bedeutungsschwere auf, er ist natürlich und naiv. In diesem Sinne hat sich auch May Spils geäußert, als sie sagte: "Ich habe, was meine eigene Arbeit angeht, auch keine revolutionär-ideologischen Vorstellungen im Sinne des Oberhausener Manifeste. Ich möchte nur kein verstaubtes Kino machen." Das ist ihr gelungen. Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einiger Schwabinger Typen - es macht Freude, diesen Film zu sehen, der die Realität ins Absurd-Komische hebt und hinter allem Ulk und Spaß einen ernsthaften und nachdenklich stimmenden Hintergrund hat. Die junge Frau aus dem schwerblütigen deutschen Norden war fasziniert von Schwabing. Aber ihr kritischer Blick ließ sie erkennen, was dahinter steckt: "Eine Welt, deren Charme so viele junge Leute erliegen, ohne recht zu begreifen, daß hinter der dünnen Oberfläche dieses Zaubers nichts oder allenfalls der große Spiegel steht, in dem man plötzlich nur sich selbst gegenüber steht." Ungleich überzeugender als Volker Schlöndorff in "Mord und Totschlag" ist es May Spils gelungen, ein Stück Wirklichkeit und etwas vom Lebensgefühl junger Menschen von heute einzufangen. lz

"Zur Sache, Schätzchen" ist auf DVD/BD beim Label Ascot Elite zu haben.


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