© Eventpress Radke (Florian David Fitz und Maren Eggert)

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Samstag, 02.10.2021

Die Deutsche Filmakademie hat bei der Vergabe der Deutschen Filmpreise 2021 Mut und Weitsicht bewiesen und einen überraschend starken Jahrgang durch differenzierte Entscheidungen gewürdigt

Diskussion

Die Deutsche Filmakademie hat bei der Vergabe der Deutschen Filmpreise 2021 Mut und Weitsicht bewiesen und einen überraschend starken Jahrgang durch differenzierte Entscheidungen gewürdigt. In die Herzlichkeit der Gala mischte sich gleichermaßen die Erinnerung an die Corona-Krise wie die Hoffnung, bald wieder unter „normalen“ Umständen miteinander umgehen zu können.


Da sind sie wieder. Leicht ungewohnt ist es noch immer, eine Menge von mehr als 1000 Menschen in einem Raum zu sehen, die miteinander einen festlichen Anlass begehen. Umso mehr, als es für die deutsche Filmbranche zweieinhalb Jahre her ist, seit sie zuletzt in diesem glanzvollen Rahmen im Berliner Palais am Funkturm die „Lola“-Preisverleihung durchführen konnte. 2020 fand die Vergabe zwar wie vorgesehen im April statt, angesichts des damaligen Lockdowns allerdings fast ohne Gäste in einer kargen Studiohalle, wo die Alleinunterhalter-Qualitäten des Moderators Edin Hasanovic die Gala ersetzen musste; die Nominierten und Preisträger waren nur per Videoschaltung mit dabei.

Das war trotz des improvisierten Charakters zwar ein bemerkenswert geglücktes Unterfangen, das sich 2021 aber keinesfalls wiederholen sollte, weswegen die Verleihung frühzeitig vom Frühjahr in den Herbst verlegt wurde. Eine eine Entscheidung, der man gerne eine Zukunft wünschen würde, da die „Lola“-Verleihung im April oder Mai schon immer reichlich losgelöst von den Filmpreisen anderer Nationen wirkte, die überwiegend erst zum Ende eines Kalenderjahres platziert sind.

Simon Verhoeven und das Team von "Nightlife" (Eventpress Radke)
Simon Verhoeven und das Team von "Nightlife" (Eventpress Radke)

Um die künftige Organisation der „Lolas“ und der Deutschen Filmakademie ging es bei der Gala am 1. Oktober allerdings nur am Rande; die Zukunft der Filmbranche und der Kinokultur im Allgemeinen standen dagegen deutlich im Zentrum. Der Wille der Organisatoren, nach vorne zu schauen, war zwar deutlich zu spüren; doch der Blick zurück auf die Ungewissheiten seit Beginn der Corona-Pandemie drängte sich dennoch immer wieder in das Programm hinein.


Gewandelte Ansprüche: „Nightlife“

So war die Vergabe des Publikumspreises an den zuschauerstärksten Film des vergangenen Jahres in früheren Zeiten oft ein Beleg für die Gräben zwischen dem Kunstanspruch der Branche und deutschen Zuschauer-Vorlieben gewesen. Auch der Preisträger 2021, Simon Verhoevens Buddy-Komödie „Nightlife“, spielte bei den offiziellen Nominierungen keine Rolle, doch der Film fügte sich diesmal nahtlos in den Verlauf des Abends ein. „Wir haben diesen Film gebraucht!“, ließ ihn der Kinobetreiber Ansgar Esch in seiner Laudatio hochleben. Esch erinnerte daran, dass der Erfolg von „Nightlife“ mit einem kurzen „normalen“ Kinoeinsatz vor dem Frühjahrslockdown, einem Neustart in den Autokinos und einer zweiten Kinoauswertung nach der Öffnung im Sommer unter extremen Bedingungen zustande gekommen war. Bei aller Feierstimmung war unübersehbar, dass die Erinnerung an die schwere Situation für Kinobesitzer wie für die Auswerter von Filmen in der Branche noch sehr lebendig ist.

So ganz klappte es deshalb nicht mit der Unbeschwertheit an diesem Abend, auch wenn die Herzlichkeit und die emotionalen Öffnungen der „Lola“-Gewinner so authentisch wirkten wie selten bei Preisverleihungen. Der Schauspieler Frederick Lau sprach mit dem Satz „Schön, euch alle mal wieder in den Arm zu nehmen“ sicher vielen aus dem Herzen. Mehrere Danksagungen betonten das Vertrauen durch Regisseure als Grundbedingung des kreativen Arbeitens, so der für die Kästner-Adaption „Fabian oder Der Gangvor die Hunde“ ausgezeichnete Kameramann Hanno Lentz über die langjährige Zusammenarbeit mit Regisseur Dominik Graf oder der Filmkomponist Lorenz Dangel, der mit dem Science-Fiction-Film „Tides“ das ideale Werk für seine abstrakten Klänge gefunden hatte und allgemein mehr Mut gegenüber der Arbeit der Filmgewerke empfahl.

Drei "Lolas" für "Tides": Lorenz Dangel, Denis Behnke, Julian R. Wanger (v.l.; Eventpress Radke)
Drei "Lolas" für "Tides": Lorenz Dangel, Denis Behnke, Julian R. Wanger (v.l.; Eventpress Radke)

Der Schauspieler Oliver Masucci beschwor als Laudator der nominierten Nebendarstellerinnen sowie in der eigenen Dankesrede nach seiner Hauptdarsteller-Auszeichnung für seine furiose Interpretation von Rainer Werner Fassbinder in Enfant Terrible“ die Kraft der Kinomagie, die ihn selbst in seinen Beruf geführt hatte. Und auch Filmakademie-Präsident Ulrich Matthes beließ es nicht bei der bloßen Werbung dafür, wieder ins Kino zu gehen: „Wir brauchen jetzt starke Filme mit einer Sogwirkung.“


Eine gelungene Streuung der Preise

Aufbauen konnten diese Appelle auf einem recht herausragenden deutschen Filmjahrgang, der sich schon in der Vorauswahl und den Nominierungen widergespiegelt hatte und an diesem Abend durch eine gelungene Streuung der Preise auf neun ausgezeichnete Filme bestätigte. In Abkehr von der Tradition früherer „Lola“-Verleihungen gab es nicht das eine Werk, das mit der Menge an Gewinnen alle anderen überstrahlte: Maria Schraders sanfte Liebeskomödie „Ich bin dein Mensch“ räumte zwar mit der „Goldenen Lola“ als bester Film, den Preisen für Regie und Drehbuch sowie mit der Auszeichnung für Hauptdarstellerin Maren Eggert vier der wichtigsten Trophäen ab, rückte aber erst nach der Hälfte der Veranstaltung zusehends in den Vordergrund. Zuvor hatte „Tides“ bereits vier technische Preise geholt und auch die Mitfavoriten „Fabian“, „Curveball“ und „Schachnovelle“ hatten sich mit Auszeichnungen in Stellung gebracht.

Mit der Ton-Ehrung für die Musikdokumentation „A Symphony of Noise“ erhielt außerdem ein sonst bei der „Lola“-Gala mitunter sehr stiefmütterlich behandelter Bereich zusätzlichen Raum. Dass die Filmakademie bemüht ist, den Dokumentarfilm innerhalb der Gala zu stärken, bewies auch die ausführliche Einleitung zu diesem Preis durch den türkischen Journalisten und Dokumentarfilmer Can Dündar, selbst wenn diese etwas sehr auf den „Wahrheitsgehalt“ und Aufklärungscharakter der filmischen Spielart abhob und die künstlerische Machart ausgeklammert blieb. Die hochverdiente Auszeichnung für Maria Speths Schul- und Lehrerporträt „Herr Bachmann und seine Klasse“ konnte dies aber nicht schmälern, zumal der charismatische Protagonist Dieter Bachmann auch in diesem Rahmen bei der Danksagung mit wenigen Worten den richtigen Ton fand.

Alle Grund zur Freude: Maria Speth mit ihrer "Lola" (Eventpress Radke)
Alle Grund zur Freude: Maria Speth mit ihrer "Lola" (Eventpress Radke)

Die ungewöhnlich einfühlsamen und darüber erfolgreichen pädagogischen Methoden, um die „Herr Bachmann und seine Klasse“ kreist, stießen vergleichsweise unaufdringlich die immer wieder aufflackernde Tendenz an, gesellschaftliche und (film-)politische Fragen an diesem Abend nicht zu vergessen. Das gelang auch anderen Preisträgern wie der gekürten Nebendarstellerin Lorna Ishema, die den Diskurs über Systemrassismus von ihrer Rolle im Film „Ivie wie Ivie“ mühelos mit dem Einblick in eigene Erfahrungen verknüpfen konnte, oder ihrem Kollegen Thorsten Merten, der nach der Auszeichnung für „Curveball“ auf die ausgebliebenen Konsequenzen für den Bundesnachrichtendienst nach dessen unrühmlichem Anteil am US-Krieg gegen den Irak 2003 anspielte.


Das Bedürfnis, endlich wieder untereinander zu sein

Fügten sich diese Momente stimmig in den Abend ein, wirkten die Vorstöße der Moderation ins Politische weit bemühter. Nachdem die Debatten um Repräsentation und Diversität zuletzt 2018 eine „Lola“-Verleihung geprägt hatten, wollten die Autoren der Verleihung und Moderator Daniel Donskoy offensichtlich daran anknüpfen. Für den Übergang von lockeren Tanz- und Gesangsnummern zur ernsten Benennung von Versäumnissen und Nachholbedarf erwies sich Donskoy aber nicht als beste Wahl: Da der Schauspieler sich in seinem Moderationsprogramm kaum auf die nominierten Filme bezog, wirkte es ohnehin, als ob sich Präsentation und Preisträger in unterschiedlichen Programmteilen bewegten. Sein Versuch, im Kleid schubladenhafte Geschlechterdarstellungen in Filmen anzuprangern, geriet sehr moralisierend, und auch ein Duett mit der Rapperin Eunique formulierte eher ungelenk die Forderung, Bekenntnissen der Branche zu mehr Vielfalt auch Taten folgen zu lassen.

Beste Nebendarstellerin: Lorna Ishema (Eventpress Radke)
Beste Nebendarstellerin: Lorna Ishema (Eventpress Radke)

In dem nicht immer glückenden Versuch, viele disparate Aspekte unter einen Hut bekommen zu wollen, war die Gala des 71. Deutschen Filmpreises wie manche ihrer Vorgängerinnen durchwachsen. Deutlich überzeugender als in früheren Jahren präsentierte sich allerdings die deutsche Filmbranche als tatsächliche Gemeinschaft. Die Erfahrung von anderthalb Corona-Jahren macht das Bedürfnis nach Harmonie und Selbstvergewisserung auf besondere Weise glaubhaft.

Dazu passt auch, dass die Gewinnerfilme sich auf ihre je eigene Art mit dem Menschsein und dem Zusammenleben mit anderen Menschen beschäftigen: „Fabian“ und „Schachnovelle“ tun dies, indem sie die Frage nach der Menschlichkeit im Kontext der 1930er-Jahre stellen, „Tides“ verlagert dieselbe Frage in eine dystopische Zukunft. Und „Ich bin dein Mensch“ untersucht zwar romantisch, aber vor allem sehr profund innere und äußere Voraussetzungen dafür, was das Menschsein eigentlich ausmacht. In Zeiten, in denen die Verletzlichkeit der Menschheit so unübersehbar ist wie lange nicht mehr, ist der Film von Maria Schrader ein so logischer wie würdiger „Lola“-Preisträger, getragen sicher auch von derselben Hoffnung, die den ganzen Abend prägte: nach einem Ende der existenziellen Bedrohung und nach Umständen, in denen Kontakte wieder so selbstverständlich werden wie zuvor.


Die Deutschen Filmpreise 2021


Bester Spielfilm

Ich bin dein Mensch


Bester Dokumentarfilm

Herr Bachmann und seine Klasse


Bester Kinderfilm

Die Adern der Welt


Bestes Drehbuch

Jan Schomburg, Maria Schrader für “Ich bin dein Mensch“


Beste Regie

Maria Schrader für „Ich bin dein Mensch“


Beste weibliche Hauptrolle

Maren Eggert in „Ich bin dein Mensch“


Beste männliche Hauptrolle

Oliver Masucci in „Enfant terrible“


Beste weibliche Nebenrolle

Lorna Ishema in „Ivie wie Ivie“


Beste männliche Nebenrolle

Thorsten Merten in „Curveball – Wir machen die Wahrheit“


Beste Kamera / Bildgestaltung

Hanno Lentz für „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“


Bester Schnitt

Claudia Wolscht in „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“


Bestes Szenenbild

Julian R. Wagner für „Tides“


Bestes Kostümbild

Tanja Hausner in „Schachnovelle“


Bestes Maskenbild

Sabine Schumann in „Tides“


Beste Filmmusik

Lorenz Dangel in „Tides“


Beste Tongestaltung

Pascal Capitolin, Richard Borowski in „A Symphony Of Noise“


Beste visuelle Effekte

Denis Behnke in „Tides“


Ehrenpreis für herausragende Verdienste

Senta Berger


Besucherstärkster Film

Nightlife von Simon Verhoeven


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